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Crrlin« Ldteiinng dr» äBie»bai)catt Saabiots*: Berlin SW’. 4ö, Fürst Llrmacüstratze 2. Fr.usprech«; Am! Hau?« 1371- 1373.
Sonntag, 7. November 1920.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 523. ♦ 68. Jahrgang.
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Gedanken zum Wiederaufbau.
Bon Dr. Richard Bahr.
Das Buch von Keynes, das seit einem halben Jahr in einer musterhaften Übersetzung vorliegt, hat eine mächtig aufrüttelnde Wirkung gehabt. Es hat in den Ententeländern die Leidenschastlichen aufgepeitscht und die Bedächtigen nachdenklich geinacht. Und es ist uns Deutschen, schon weil es die erste Stimme war. die nicht Frieden und Freundschaft, sondern Vernunft und rech- uenden Verstand predigte, ein Hofsnungsstern gewor- den, ein über stürmische Meere aujflimmerndes Leuchtfeuer. Die moderne Barbarei, zu Reklamezwecken aus dem Zusammenhang gerissene Kapitel zunächst in die Lffenlllchkeit zu werfen, hat auch dieses Buch geschädigt. Man hielt sich an das just Aktuellste und schuf daraus Sensationen. Die tiefsten und feinsten Stellen der Arbeit fielen dabei unter den Tisch: die nämlich, die von der resignierten Rückkehr eines Enttäuschten zur klassischen Nationalökonomie erzählten. Indem Keynes die Hölle malt, in der die im Kriege Besiegten (aber nicht nur sie) zu leben verdammt sind, stellt er. nicht um zu entschuldigen — er tadelt genug an uns — zwischendurch doch die Frage auf, ob wir nicht vielleicht dadurch, daß mir den Pessimismus von Adam Smith und Malthus in ei,re feuchtfröhliche Hoffnungsseligkeir wandelten, das Unheil selber entfesseln halfen. Ein halbes Jahrhundert lang hatte dos Gesetz vom abnehmenden Naturertrag alle ernsthaften wissenschaftlichen Denker mit tiefer Schwermut erfüllt. Dann traten wir in eine Epoche der technischen Neuerungen und Erfindungen, die die Erzeugnisse der ganzen Welt vor unseren Frist?« ausschütteten. Es gab, schon weil die Transportkosten so gering waren, im Grunde keine Entfernungen mehr. Aus dem tropischen Afrika strömten tlfr: chte auf unseren Markt und aus Südamerika Getreide. Und selbst nationalökonomische Forscher von Gewicht waren geneigt, das mit den Naturtatsachen eng verwebte Ubervclkerungsprinzip des Malthus, etwa wie das eherne Lobngefetz und andere sogenannte Gesetze der volkswirtschaftlichen Theorie, überlegen beiseitezuschieben. Gelegentlich erinnerte wohl der eine oder andere daran, daß auch der Konsum der ilberschust- kiefernden künftighin wachsen könnte. Aber man tröstete sich bald: das Schicksal, das eben erst so wunderbar geholfen, würde wieder helfen. Wozu sich über späte Zlikünfte das Hirn zergrübeln: neue Erfindungen des Menschengeistes würden sich zu rechten Zeit schon einstellen.
Aus solcher Überschätzung der technischen Leistungen und ihrer angeblich unbegrenzten Möglichkeiten erwuchs jener Optimismus, der charakteristisch war für das Zeitalter Wilhelms kl. Die deutsche Wirtschaft hatte einen Aufschwung erlebt wie kaum je eine andere vor ibr. In wenigen Jahren war Deutschland das beinahe erste Industriegebiet der Erde geworden. Ein un- geabnter Reichtum, an dem auch die Arbeiterschaft ihr Teil gewann, drang in das Land und mit dem Erfolg stiegen Kroftkwfühl und Selbstbewußtsein. stieg leider auch die unbekümmerte Sorglosigkeit. Wir vergasten, indes wir früh uich spät uns selber berühmten, nur eines: hast dieses industrielle und industrialp'erte
Deutsche Reich ein Kunstbau war, der sich üb-r einer ungemein schmächtigen. Basis erhob. Keynes findet für das. was sich in den Jahren des Aufstiegs nur wenige rerstoll'n einzug-stehen wagten. die scharfsinnige Formulierung: „Aus einem Agrarland, das sich im wesentlichen selbst versorgte, war Deutschland zu einer ungeheuren, zusammengesetzten Industriemaschine geworden, deren Arbeit von dem Gleichgewicht vi-ler Faktoren außerhalb wie innerhalb des Landes abbing. Nur wenn diese Maschine ständig mit Volldampf arbeitete. kennte Deutschland daheim Beschäftigung für feine wachsende Bevölkerung und die Mittel für die Beschaffung ibre? Unterhalts aus dem Ausland finden Die deutsche Maschine glich einem Kreisel, der sich immer schneller und schneller drehen must, um sein Gleichgewicht zu erhalten."
Wie unsere Kriegswirtschaft auf den Sieg und nur aus ibn eingestellt war war auch die Friedenswirtschaft, die ihr norausging. auf die Annahme gegründet gewesen. dast dem deutschen Glückstag nie ein Abend dämmern könnte. Niemand aber batte sich getraut, daran zu denken, dast. sobald sich nur ein Glied in dem komplizierten Räderwerk löste, die Maschine in Verwirrung gerot-'n müstte. Nun bat die gesellschaftliche und wirtschaftliche Organisation, die dieses Sysiem trug, die internationale wie die innerdeutsche, der Krieg zerstört und es ist zweifelhaft, ob sie sich je wieder von neuem schaffen lassen wird. In den ersten Monaten noch dem Zusammenbruch schien es. als ob solche Erkenntnis auch bei uns sich au--zubreiten begönne und man gewisse unausweisbare Folgerungen aus ihr zu ziehen bereit wäre. Schon seit geraumer Frist indes
hat man den Eindruck, als ob derlei Anwandlungen nicht mehr zu uns zu Gaste kämen. Das macht alle diese Erörterungen über den Wiederaufbau, die Erörterungen wie die Beteuerungen, so unfruchtbar und aus die Dauer nahezu trostlos. Was will man denn nun wiederauf- bauen? Das alte (versteht sich, nur in wirtschaftlicher Beziehung) Wilhelminische Deutschland, für das bei uns wie in der Welt da draußen die Voraussetzungen fehlen und sich vielleicht nie wieder Herstellen lassen? Lder ein neues, mit unendlich beschränkteren und bescheideneren Existenzbedingungen? Mit einem Schlagwort von ehedem ausgedrückt: Sollen wir in Zukunft Waren exportieren (können wir es überhaupt noch) oder Menschen?
Es scheint, als ob ein Wiederaufbau, der mehr ist als Deklamation und Phrase, erst anheben können wird, wenn sich bei uns ein umfassender Sinneswande! vollzogen hat. Wenn aus der brodelnden Unklarheit dieser aufgelösten Gesellschaft, die den einen zu dumpf trotzigem Beharren, den anderen zu geistlos sellmzer- sleischendem Fanatismus ausartete, sch neuer Lebenswille entband mit der Kraft. Gemeinsamkeiten aufzuspüren, die über das Heute und Morgen hinausreichen, und sie festzuhalten trotz den Nöten des Tages und ihren Zwiespältigkeiten. Wege zu solchem Hochziel müht s ch die kleine Schrift zu weisen, die vor ein paar Monaten I. I. Ruedorffer (Die drei Krisen, eine Untersuchung über den gegenwärtigen politischen Weltzustand) hat ersch-'inen lassen. Ein schmächtiger, aber ein ungemein anziehender und gedankenreicher Band. Die Arbeit eines Mannes (hinter dem Pseudonym birgt sich der Gesandte Riezler). der den Dingen im Kriege und vor und nach ihm hinlänglich nahestand, um mehr geben zu können als Schreibtischgespinste und abgeleitete Lehrsätze. Ein Buch, das die induktive Methode (die einzige, die hier in Wahrheit möglich ist) auf die Politik anwendet und aus der staatsmännischen Praxis die melanchc lische Einsicht schöpft, dast die Organisation der Welt in Bände und Eegenbünde, die den einzelnen Staat unfrei machte, uns (und die anderen nicht minder) außenpolitisch in die Krise hineintrieb. Die Um- rankung des Staats und der Staatsvernunft durch Zwischenformen und eine Dereinsmaschinerie. die den Staatsbürger als Interessenten organisierte und eine innerpolitischs ihr zur Seite setzte. Beide wirkten dann zu der dritten Krise zusammen, die wir unter dem Namen Bolschewismus zn begreifen pflegen. Das Buch, von einem Europäer geschrieben, richtet sich wie das des Engländers an die ganze Welt und zeigt, daß Deutschlands Leid Europas Leid wurde und bleib"« must. Aber es entfielt daneben Mabnungen. die. wennschon sie auch von denen draußen p-bört werden sollen, doch in erster Reibe für deutsche Leser bestimmt zu sein scheinen. „Ehe Europa gesunden kann", beißt es an einer Stelle, „ehe versucht werden kann, seine beillose Desorganisation durch einen haltbaren politischen Bau zu ersetzen, müssen die einzelnen Länder ihre inneren Dinge dergestalt ordnen, dast ifre Reoi-rungen zu sachlich freier Arbeit auf lange Sicht befähigt werden. Sonst erlahmt der beste Wille und die größt" Begabung, tausendfoch umstrickt, in dem allerorten glüchen Verhängnis." Gewiß. auch anderswo ist die Straße beute mächtig und die D"r->insmaschinerie. die keine Kötter duldet neben sich Nirgends aber mehr als in dem zerklüft-'ten und zerrüttet»« Deutschland. Wie sollen wir wiederauk- bauen und was, wenn die zum Vau Ber'if»nen täglich und stündlich durch die ibre Initiative lähmende Tatsache ihrer möglichen Abberufung bedroht werden?
Die Aufnahme Denischlands in de« Völkerbund.
mz. Amsterdam, (i. Nov. Der Brüsscl-i- m-e-icki'^statter dos ..Delcigraak" erfährt von einer Persönlichkeit die in enger Fniblinimg »u dem Völkerturds-at ste>t, es werde erwartet, derst Ena tan d. Italien und die l i> d a m e r j 7 a n i- scheu Staaten nicht «egen die Aufnahme Deutchstauds klslerrrr<^o „sch Vvwirns in de-- PMe>-»k>""!d Viert. < f s ei rrwlrst'kin'ich hast sich o.'-ch die Re all« len für die Ausnahme dar MiltetmLchte aussprochen würden.
Eine e'o'illde Note über via W»ed ra„?n»achn- .
mz. Paris. 6. Nov. tDrabtbericht. Havas.) Lord Derby ist gestern abend von London zuruckaekehrt. Der .Matin" führt aus. Iw« der englische Botschafter sich nach 'einerRückkehr nach dem Quai d'O'sao begab, wo er Pbiliove B e r t e l o t eine Note der englilck>en Regierung, betr. die Wiedergutmachung, überreichte. Heute nachmittag wird er eine diesbeziigliche Zrllammenkunst mit dem Ministervräsidenten L e v g u e s haben. Diele Note stellt einen äusserst befriedigenden Fortschritt in dem Einvernehmen der beiden Negierungen über das Wiedergut- machungsversadrrn dar.
Danzig und Pole«.
mz. Paris, 6. Nov. (Drahtbericbl.) Der Botschafter, r a t fiat sich gestern in seiner Sitzung erneut mii der Frage des zwilchen Danzi- und Po'en abzrllchlirsscnden Vertrages be chostigt. Der ..Petit Parisien" meint, man bolle, bestimmt zu einer Lösung zu gelangen, die sowohl Polen als ck-knzia anzunehmen in der Lage sind.
Die Vsrfaffungsbsratung in der Landes- Versammlung.
mz. Berlin, 5. November.
Die vreubssche Landesversammluns letzte beute die zweite Beratung der Brrsajsung bei Kavitel Selbstverwaltung kort. Nach längerer lebbafier Ausiorache wurde ein Antrag der Demokraten angenomm«». nach dein dre Ausübung des lK-emeindewabtrechts von einer bestimmten Aufentkaltsdauer in der Gomcinde abhängig gemacht werden kann. Im übrigen bleibt es bei den KoinmiNonL- beichlüsien.
Nach einer längeren Debatte über Religion und Sch u l e wurde um 7 Uhr die zweite Lesung der Verfassung beendet. .Im neVnlIl-che.n wurden dir Bestimmungen der Vc-rta^ung entlorestend den Beschlüssen der verschiedenen Aus chüüe angenommen.
Nächste Sitzung Montag, den 15. November. Tagesordnung: Hausbatt. - __
Der 9. November.
mz. Berlin. 6. Nov. Auf einen Antrag beschloß das Kabinett, dag der 9. November in dev Reiwsbstrieben und bei den Reichsbehörden nicht geleiert wird.
mz. Berlin. 5. Nov. In einem Aufruf des Verirksver- bandes Berlin der sozialdemokratischen Partei Deutschlands zur Feier des 9. November bciht cs. dah der 9. November nicht durch die Kirchhofsrube des Eeneralstreiks gefeiert werden chlle. Es solle dafür geborgt werden, dag lebenswichtige Betriebe und der Verkehr nicht stillgelegt, iondern dost in ihnen Sonntagsdienst durchgefnbrt werde.
mz. München, 15. Nov. Zu der in München gevlaaten Revolutionsfeier am 7. November melden die ..N. N. dag de> Gedanke, das Verbot des gesch'ostenen Rückmarsches mit allgemiiner Arbeits-ube am 9. November zv beartworten. mit Rücksscht au? die allgemeinen Verhältnisse abgelebnt worden sei. Es sei beschlossen worden, die Feier in ter A u s st e l l u n gs - A r e n a abzuhalten mit der Abände« lung. dass die Deilnebmer in swanglossn Gruppen sich dorthin begeben fallen.
Keine Amnestie für poM'sch« Vevqehsn ln Bayern
mz. München, ö. Nov. lDrabtbericht.) Im Derfassungs» ausschuh des baverischen Landtags wurde der von der U. S. P. D. beantragte Geietzentwurf. betr. Amnestie für ovlitische Vergeben, mit den Stimmen der bürgerlichen gegen die Stimmen der sozialistlichen Parteien abgelebnt.
Strafanzeige gegen Erzbcrger wegen Steuerhiuter, ziehung.
mz. Brrkin. 6. Nov. Wie eine Berliner Korrespondenz meldet, ist gegen den früheren Reichsfinanzminister Erz- bergcr nunmehr bei der Staatsanwaltichakt Strafan* z.e i ge erstattet worden wegen des dringenden Verdachts der Lleuerbinte'ziehung. Begründet wich die Anzeige damit, dag nach der Zurückziehung des Strafantrages Erzberger gegen den Redakteur Dr. Dülck und nach feiner Erklärung, dag er sich auf den Weg der privaten Klage nicht locken lasserr würde, eine gerichtliche Klärung der Steuerangelegenbeii E zbcrger auf anderem Wege nicht möglich »ei. Weller ersuch»; die A-zeige die Staatsanwaltschaft, ihre Ermittlurgen au« auf die a u r l ä n d i i ch e n Konten auszudebnen.
Gras Bcrnstorsf über unser künftiges Verhältnis zu Amerika.
Br. Frankfurt a. M.. 6. Nov. (Eig. Drabtbericht.) Bor etwa 2000 Hörern sprach Freitagabend im grossen Saale des Saalbaues aus Einladung des Frantfurter Bürgerausickusses Graf Bernstorff über unser künftiges Verhältnis zu Amerika. 3ior dem Kriegs wurde von uns allzu »ehr darin gesündigt, dass die deutsch-amerikanischen Wechselbeziehungen nicht in genüget der Wer e gepflegt wurden. Auch der deut^ icken Presse gelang es nicht, die beiden Völker einander so nohe zu bringen, dass ein auf gegenseitiger eingehender Kenntnis beruhendes Verhältnis hätte entstehen können. Ü as muss aber nir die Zukunft unser dringendstes Bestreben iein. Dabei muss beachtet.werden, dass sich gute Beziehungen nur auf der Grundlage gegenteiligen Nutzens gestalten können. In politiicher Hinsicht freilich dürfen wir von den Be einigten Staaten nicht allzu viel erwarten. Der Amcri- taner bat sich von jeher nur für wirtschaftliche und humanitäre Zustände und Vorgänge in Europa interessiert. Immerhin lässt das Wablorogramm des nunmehr gewählten Präsidenten Harbins den Schluss zu, dass sich Amerika in Zukunft den internationalen Solidaritätsfragen nicht völlig feinbalter wird. Ha-ding verwirft zwar den Völkerduuö in feiner heutigen Form: dafür aber empfiehlt er ein Zurück- gietien aut das Haager Schiedsgericht und stellt eine Beteiligung der Vereinigten Staaten daran in Aussicht. Die Sympathien, die grobe Teile des deutschen Volkes beute kur Russland empfinden, werden von Amerika geteilt. Es iw kein Zweitel, dass sich amerikanisches Kanital in Russland wieder betätigen wird, sobald dort eine Erholung vou den Folgen des Bolschewismus eingetreten ist. Dann aber wird man in Russland auch Llrme und Hände brauchen zur Arbeit. Da jedoch der Amerikaner höchst ungern auswandert, so durfte Deut ckland das Land sein, das die erforderlichen Lrute liefert So körnte sich in absehbarer Zeit aus russl- »chem Gebiet ein deutsch-amerikani ches Zusammenarbeiten ergeben, das der Forderung der wechVlieitigen Beziebungeu nur dienlich »ein könne. Euren amerikanisch-java- Ji!rlb ? bciring als Schreckgespenst an die
■i. . halt der Redner keineswegs für sehr
wahrscheinlich. Wohl aber ist die Möglichkeit nicht von der btz.. dass der imvelialistische Panamerikanismus gelegentlich wieder hochkommt und die mcrikanische Frage von neuem autrollt. Wie sich diese Dinge aber auch gestalten ^ EvuIsche bleibe in erster Linie erforderlich die Wrederanbahnung und lorasamste Pflege guter Beziebmr- h itii ,,. cn ^reinigten Staaten und zusilcich der einheitliche Wille zur gründlichen Reform des Völkerbundes, der in durchaus gelauterter Form allein geeignet sein werde, die notwendige internationale Solidarität herzustellen und da- dUJch auch Deutschland von seinem ichzv«llast«t-en Eirvd allmählich iu bd« «neu
