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Seite 2.

Kasseler Neueste Nachrichten.

Nummer 3i.

Maul hat er noch immer, der Hungerleider, öl der sonst nix. Ta siehst' es, an was für ein Großmaul du dich gehängt hast."

Und im Wirtshaus am Sonntag hat er den Mund verzogen, wenn vom Pitter geredet wor­den ist, und zwischen den Zähnen herauSgr- auetscht:Der! En halber Kerl und andert­halb Prahlmaul! Schweigt mir nur still von dem!"

Dann sind iveder Briefe noch Karten mehr gekommen. Zwei Wochen lang, drei, vier! Die Agnes ist mit verweinten Augen im Haus um- hergcgangen, ganz füll ganz ist f>c geworden und blaß. Und der Alte bat nickt einmal mehr gemurrt, aber manchmal hat er tief geatmet und gedacht, daß nun wohlum den den Hunger!--nee, den P'tter

Busch kein Skandal mehr sein wird, und daß nun die Agnes doch seinen Willen tun wlrd.

Dann ist's ein Sonntagabend gewesen. Das Wirtshaus gerappelt voll alter Manner, di« heftig dischkerieren vom Krieg. Und der OrtS- vorsteher oben am Tisch, in ^"^..^uchwolke und jn allerhand Gedanken. Da ist die Agnes hereingekommen. Hat einen Brief Mr den Vater gebracht, .Eingeschrieben" und .Gleich zu bestellen." Der Briefträger sitzt daheim und mattet und ruht sich in der Zeit aus.

Der Ortsvorsteher hatte seine Brille daheim gelassen, darum reichte er das Schreiben dem neben ihm sitzenden Rechner zum Vorlesen. Der setzt sich in Positur, schaut bmein, stutzt, schaut wieder hinein, ungeduldig stoßt ihn der Orts- Vorsteher an: .Ra, mach doch! S wird ja kein Schinestsch sein." ...

awwer der is doch an dich.

^a, Wenn schon! LeS vor."

Daraufhin erhebt der Rechner seine Stun- (te. Liest laut und mit Betonung:

.Sehr geehrter Herr!

Int Auftrage des Herrn Unteroffiziers Pe­ter Busch, Welcher seit vier Wochen schwer ver- tvuudet hier im Lazarett liegt, habe ich Ihnen rnttzuteilen, daß Genannter das Eiserne Kreuz vo, einigen Tagen bekommen hat. Aber er läßt Ihnen sagen, daß er leider kein ganzer Kerl mehr ist, »veil ihm der linke Fuß abgc- nommen werden mußte, und daß er «un also wohl darauf verzichten muß, Sie alS Schwie­gervater zu bekommen, welches ich ,chnen also nunmehr auf Wunsch meines Kameraden ge­schrieben habe. Mit fcotfrWuna

Lorenz Matthias, Elisabeth-Lazarett in Trier.

Nachschrift. Der Busch hat zwei Schüsse im rechten Arm, aber bloß im Fleisch und euren Kopfschuß, aber auch bloß Streif, und der Fuß ist freilich schlimm, aber soll wieder ganz heil werden, und ist bet ganz guter Hoffnung, aber nur in großenr Kummer wegen seiner Braut, >rnd muß ich Ihnen sagen, daß er eine große Heldentat begangen hat, und überhaupt ein forscher Kerl und sehr beliebt ist im Lazarett, und daß er auch ohne linken Fuß inmrer nock mehr wert ist als mancher andere mit zwei Füßen, Worauf ich mit Hochachtung verbleib«.

Der Obige."

ES ist ganz still in der Stube, dann tu« di« Agnes «inen lauten Schrei und fällt UM. Rack um! Die Weber kreischen. «S gibt einen Auf­stand, einer spritzt ihr Wasser ins Gesicht. Der Schul, ist aufgesprungen und starrt auf den Brief, als ob da noch wer weiß was rauszu- lesen wäre. Die AgneS kommt langsam zu sich, richte« sich auf, guckt um sich, schaut auf ihren Vater Die ganze Stube schaut auf den Alten.

Der räuspert sich, spuckt au8, bann richtetet sich zusammen

.Ra ja, du brauchst net die Obren voll ze kreischen. Agnes, da werd« mer denn morgen früh emol off Trier fahre."

Sonnlag-Hedanken.

DaS fünfte Gebot.

Wie mit granitner Wucht und eherner Energie schallt es vom Berge Sinai her durch die Lstichrhuuderte kurz und scharf: .Du sollst ' un* wi/ btutbey Utar»

sen Messern will dies fünfte Gebot unser Herz durchbohren, wenn ivir daran gedenken, wie cs noch nie so grausam übertreten worden ist als in diesem männer- und völkermordcnden Weltkrieg, in dem jeder Tag neue Riesenwellen von MentschenÄlUt und Todes opfern heran- schwemmt. Die alttestametliche Forderung dieses Gebotes stellt uns vor ähnliche Gewis­senskonflikte, wie die neutestamcntliche der all­umfassenden, alles vergebenden, haßlosen Liebe. Und wenn wir uns selbst nichts vor­täuschen wollen, müssen wir zugeftehen: ES gibt sittliche Forderungen, die bisher von dem Geschlecht der Menschen noch nie in vol­lem Umfang erfüllt werden konnten, und die Wohl auch, so lange die Erde steht, nicht ganz erfüllt werden. Freilich sollen wir uns auch dafür hüten, bestimmte Forderungen solcher Art moralisch zu überspannen. So erscheint uns unzweifetihast, daß bei der AujstMmg des fünften Gebotes zunächst nur an den ge- memen, aus niedrigsten Instinkt en umernom-- menen Einzelmotd gedacht war, das scheuß­lichste Verbrechen, das, nm irgend einen er« bärmtichen irdischen Vorteil zu erlangen, zur Vernichtung des ahitungslosen Rebenmenschen anreizt.

Wir brauchen nur die Erinnerung an das, was man unter .Mord" im bürgerlichen Sin­ne versteht, zu streifen, um sofort den Riesen­abstand zu ermessen, der uns von dem erschüt­ternd blutigen Treiben der Millionen trennt, die jetzt im Weltkrieg einander gegen überstehen. Aber mehr noch: Wir würden tatsächlich ver­kennen, wenn wir das, lvas der Krieger im Felde zu tun hat, ohne weiteres unter den Begriff des Mordens zufammenfassen wall- ten. Wenn irgendwo, so mutz hier die Ge­sinnung, das innere Motiv der Hand- lungsioeise, in Betracht gezogen werden. Dem ehrlichen Soldaten im Felde fehlt jedes Ve- wutzssein eines niedrigen Beginnens, eines verbrecherischen Anschlags, wenn er die tod- dringende Waffe auf den, oft sogar unsichtba­ren Feind richtet. Int Gegenteil, wir haben tausend und abertausend Zengn-isse des Be­wußtseins eines treuen, ja heldenhaften Ver­dienstes, das die Krieger haben, wenn die Schlacht vorangeht und die Feinde zerschmet­tert werden. Und das wird auch sehr bald verständlich, wenn wir daran denken, daß der Soldat im Felde die kostbarsten Güter seines Volkes und seiner Heimat, ideelle wie mate- rtette, zu schützen und vor dem Untergänge zu behüten gewillt und selbst das Leben daran zu fetzen bereit ist. Richt das Töten anderer ist hier höchstes Prinzip, sondern das eigene Opfer, also der Ausdruck vollendeter Liebe, wie sie nicht leuchtender aus de» Forderungen wahren Christentums herausstrahlen tarnt.

Richt, um Leben zu vernichten, sondern um Millionen Leben zu retten, tut der Soldat im Felde seine Pflicht. Es liegt etwas ergreifend Wahres in den Zeilen eines Gedichtes, das unlängst ein bekanntes illustriertes Berliner Matt brachte. Auf die Frag« des Dichters an einen ideal gesinnten deutschen Soldaten, ob er denn töten will, bejaht er es, indem er schließlich antwortet:

Rur rasche Tat, daß in der 26dle De» Todes dieser Krieg versinkt!

Nur rascher Sieg, weil mir schon winkt Die Mutter an der Heimat Schwelle!"

So wird, so lange es Kriege gibt lund kein Geringerer al» Jesus selbst ha« sie bis ans Ende dieser Tage mit sich immer steigernder Grausamkeit varausgesagt) da» fünfte Gebot in seiner Ausschließlichkeit nie auf den ein­zelnen Krieger Anwendung finden können. Und dock» wird es mit seiner granitnen Wucht: .Du sollst nickt töten!" für alle Zeiten bestehen bleiben, und wir wollen Gott danken, daß es versteht, weil es, auf den Krieg angewandt, immerdar die Gewissen der Völker und ihrer Regierungen zu schärfen und sich der ungeheu­ren Verantwortung ihre» Beginnen» bewußt zu werden bmrfen ist! F- K-

Kriegs-Sorgen.

Wir und unsere Kinder.

Frau Martha toaute wieder einmal reckt trübe und mißgestimmt drein. Sie hatte es, 1 so wollte ste's bedünken, auch gar zu schwer; J das Leben meinte es nun einmal recht schlecht s mit ihr. Der Mann im Felde und fünf Kin-z der daheim, von zwei bis zwölf Jahren, die Un- arg viel Kopfschmerzen und Sorgen machen.nnd daneben einen ganzen Sack voll sonstiger Kum- ; mentisse. Wo sollte man wohl Lebenswillen, nnd Lebensmut hernehnteti, wenn einem das Herz so gramerfüllt, der Kopf so sorgenbe-Z schwort war. Ja, wenn ihr wenigstens noch jemand bei der Erziehung der Kinder beiftän- - de. Gar zu sehr vermißte sie die ansnumtern- den, klugen und frohen Worte ihres Fritz. We viel hatte er sich um die Kinder bekümmert. j Und nun waren sie ja wohl rein aus dem Häus-I eben. Stille sitzen und artig fein und lieb, das : konnten sie überhaupt nicht. Entweder sie tob- - ten durch die Wohnung, daß sie sich entsetzt die Ohre» zuhielt, zerissen und beschmutzten ihre Kleider und zerbrachen ihr Spielzeug, oder sie weinten und jammerten, daß es gar so laug- , weilia sei. da der Vater fehle; kurz sie Waren unausstehlich. Tabei fingen die großen Fe-Z rien on.

Frau Martha seufzte tief auf, als sie daran dachte; nun waren die drei ältesten auch noch , den ganzen Tag daheim und machten ihr das j Leben schwer; eine Serienreife konnte sie mit ihnen nicht machen, und die Kinder allein re>- j sen lassen, auch nur die ältesten, das wollte sich gleichfalls nicht machen lassen.

Da kam Befttch, lieber Besuch; Frau Mar- - thas alte Freundin Grete stellte sich ein. und schnell fanden sich die zwei zu einem kurzen Plauderstündchen. Frau Martha schüttete der ' allzeit Hilfsbereiten ihr übervollesHers aus und Frau Grete hörte teilnahmsvoll zu, bis endlich der Strom der Klagen versiegt war.

Dann fragte sie mit einem kleinen seinen Lächeln: .Und ist das Alles?" .

Frau Martha schaute erstaunt auf:Alles? Ist das etwa noch nicht genug?"

.Rock nickt genug? Rein zu wenig, mente Liebe. Dein Mann ist gesund und munter, tmb es geht ihm gut; er ist nicht einmal in augen­blicklicher ständiger Gefahr wie Hundertauseu- de anderer Ehemänner und Väter. Du und Deine Kinder, ihr seid auch gesund, rmd materi- \ elle Sorgen habt ihr nur verschwindend wenig, wenn Du Dir «imnat beispielsweise vorstellst, was eine Witwe mit mehreren Kindern, die keine Kriegsunterstützung bekommt und keine Hinterbliebenenrente, weil ihr Mann nickt die­sem Kriege znn> Opfer gefallen ist, Zn sorgen und z» kämpfe» hat. Und derartige Fälle gibt 5 wirklich genug." , , j

Das weiß ich wohl. Ick wollte la auch zufriedener sein, wenn mir die Kinder besser täten. Aber es ist gar kein Auskommen mit ihnen." ,|

Stein Wunder, Martha. Aber fei nickt böse, wenn ick dir vielleicht ein paar bittere Wahrhei­ten sagen muß. Du gibst ihnen ein zu schlechtes Beispiel, denn du bist wirklich eine ganz lau­nenhafte Heine Frau geworden Wie kannst Du von den Kindern verlangen, daß sie sich ruhig, artig und gesittet bewegen sollen, wenn Du di« Unruhe, die Aufregung, die Lamtenhaftigkect selbst bist? Wir Mutter haben jetzt, da itnferc Männer nicht am Erziehungswerke mithclsen können, eine besonders schwere und verantwor­tungsvolle Ausgabe. Wir sollen die Kinder, im Sinne ihrer Väter, zn Mut und Entschlossen beit, Fleiß und Opserwilligikeit, Selbstlosigkeit und Hingabe erziehen, die großen n«d aum schon die kleinen. Den Willen dazu hast Du wahrscheinlich wie viele andere Mütter, aber Du sängst Deine Erziehungsarbeit verkehrt an, denn alles das. was Du gern in deinen Ktndern wecken und pflegen möchtest, das ist in dir selbst noch zn wenig lebendig, Du glaubst vielleicht. Deine Kinder merken das nicht, aber achte nur einmal genau auf, Du wirst erftaimt fcm- ,u* sie Dick beobachten und sich nack Tir richten Allo denke daran und nimm Dich Knut