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Nummer s.

Souutag, 'S. Januar 1913.

s. SahrganM

Wochenbeilage zu den Kasseler Neuesten Nachrichten.

Jahreswechsel.

And heult schliesst sich nun der tifenring.

Lin neuro Glied der kette rooU'n wir schmieden. Menn ro vollendet ist m Jahresfrist, Bb heim und Vaterland wohl dann im frieden?

gm Strom der Leit schwand wiederum ein Jahr, Lin furchtbar wilde» Jahr voll kampfgrschrei, Lin Jahr de» Leide», wie noch keine» war.

Wie sehnten wir sein Lnde heiss herbei!

LAir wissen'» nicht. Verschlossen ist da» Tor, Sahintrr sich da» Schicksal neu entfaltet.

Bur rinea'wisskn mir; Wlir meistern e». So hart und schwer auch immer sich'» gestaltet!

Gertrud G»Ue-Kess>eL

zeu Binde trug, niederbückte und den kleine» Gegenstand aushob? Und war es nicht ebenso selbstverständlich, dass ihre Hände gar sehr zih Irrten, als sie in dem besagten kleinen Gegen­stand den schönsten Ehrenschmnck des deutsche» Soldaten erkannte: Das Eiserne kreuz, da» da eben als köstliches Silvestergeschenk eingr- trofsen war? 1

Hanns Hollken lächelte gan, glücklich, und er schämte sich gar nicht, als er fühlte, daß jetzt auch über seine tiefgebräunteii Züge eine leichte Röte glitt. Dann sagte er leise, aber bestimmt:9imt müssen Sie mir aber auch schon das Band durch das Knopfloch ziehen! Hoffent­lich wissen Sie auch, durch welches!" Und dann stellte er sich ganz korrekt vor und wußte schon nach wenigen Minnten alle augenblicklicheit Hei» neu Röte seiner Gefährtin, die ihrerseits, wäh­rend fit beide langsam die Kaiserallee hinauf­schritten, all sein ausführlicheresWas" und Wie" undWozu" heiter in Ersabrung brachte.

Und da schoß auf einmal jener (bedank« durch ihr blondes Köpfchen, dessen Kühnheit sie später noch lange nicht begreifen konnte: Daß sie nämlich Hanns bat, für den Silvesterabend Gast bei ihren Eltern zu sein; er solle sie nur reden lassen, wenn sie seinen Besuch einfach damit begründe, daß er sie aus einer großen Gefahr errettet habe; was ihm jetzt als Geheimnis erscheinen müsse, solle ihm später schon al- bt» natürlichste Sache von der Welt osfenbart wer­den. Hauns Hollken hätte gewiß auch unter noch schwereren Bedingungen nicht nein gesagt. Er überließ die ganze Regie seinesAustritts" den zierlichen Hände» seines kleinen Rcnjahrs- engels, wie er Hilde im innersten Herzen iinme, wieder nannte, gab sich restlos dem erhebenden Zauber einer intimen deutschen Silvesterfeie» hin, empfand eigentlich zum ersten Male in sei­nem Leben die beglückende Bedeutung bei WortesFamilie", und kümmerte sich, ebcns» wenig wie Hilde, nicht im geringsten um die immer mehr zunehmend« einsilbige Knurrigkeit des Herrn Emil Schultze-Rcuendorf, dem auch Bater Bormann, so ganz gegen seinen ur­sprünglichen Willen, allmählich zu sekundieren aufhörte und aufmerksam der lebendigen Schlachtenschlderung des so plötzlich hereinge- schneiten vastes zuhörte. Der seine Tochter, wie sie immer wieder versicherte, ja doch vo« einer großen Gefahr bewahrt hatte! Ein« Tat, die man doch eigentlich nicht nut mit Krapfen und Mutter BormanuS noch in keinem Jahr» so vortresflich geratenem Punsch wieder gut» uiache» konnte! Hilde würde ja morgen früh Kon die näheren Einzelheiten zu erzählen wii-

i. Gewiß! ...

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Wozu es gut war.

Sylvester Skizze- von Berthold Karst.

erbetenen Besuch freuen würden. Hanns Hollken hatte inzwischen aber einsehen müssen, daß die­ser Gedanke doch nicht ganz so gut gewesen war; denn besagtes junges Ehepaar war am 29. De­zember durch ein Telegramm zu dem plötzlich schwer erkrankten Schwiegervater nach Thürin­gen abgerufen worden, so daß sich der sonst mit lautem Jubel aufgenommene Gast mit dieser traurigen Mitteilung des Dienstmädchens hatte abspeisen lassen müssen sanstatt mit Punsch und duftenden Krapfen!), und nun hier im Ge­dränge des Postamtes stand, um etwaige post­lagernd nachgesandt« Briefschaften in Empfang zu nehmen. Aber wer sollte wohl ausgerechnet in dieser Zeit das Bedürfnis haben, ihm, dem einsamen Junggesellen, zu schreiben! Höchstens ein Kriegskamerad, höchstens ein Lieferant, der sich die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr mit dem Ausschreiben von Rechnungen Vertrieb.

Seine irrenden Augen blieben mit einem Male wie gebannt an einem feinen, etwas her- den Mädchenprofil hängen, das sich, wie unter dem Gefühl seines cheißeren Blickes, jetzt jäh umwandte und es nicht verhindern konnte, daß über das etwas bleiche Gesicht eine leichte Pur- purwclle lief.

Wie schön!" dachte HannS Hollken im tief­sten Herzen, und eine warme Sehnsucht flutete in ihm auf, seine ihm nie so trostlos zum Be­wußtsein gekommene Einsamkeit mit einem so wundervollen Menschenkind« teilen zu dürfen, für immer teilen zu dürfen.

Bitte, wollen Sie nicht ..." kam er in die­sem Augenblick nicht ganz liebenswürdig von einem älteren Herrn an fein Ohr, der anschei­nend nicht ganz soviel Zeit zu warten hatte, wie er. Hanns drehte sich ein wenig unwillig um und bemerkte, daß er bereits am Sebalter an der Reihe war, so daß er nickt umhin konnte, die sauber behandschuhte Rechte an die feldgraue Mütze zu legen und ein kurzesEnt­schuldigung!" zu stammeln. Dann nannte er dem Beamten verwirrt seinen Namen und hielt gleich darauf einen kleinen, aber dicken Brief in der Hand, in dem sich eine Schachtel zu befinde» schien. Neugierig riß et de» Um­schlag auf.

Hilde Botmann, die inzwischen am Rebeu- schauer ihre Jnvalidenmarken empfangen hatte und nun, ebenfalls verwirrt unter dem Blick des hübschen Ofsiziers, damit beschäftigt war, dieselbe» zusammenzufalten und sie vorsichtig tn ihre Handtasche zu tun, sah plötzlich, wie jenem Unbekannten aus dem Brief« heraus etwas Klitzerildes zu Boden klirrte. War es nicht etwas Selbstverständliches, daß sie sich da für Ihn. der den linken Arm noch in der schwar-

Diese Marotte sah dem Batet mal wieder so reckt ähnlich, daß er, der reiche Kaufmann Hermann Bormann, der sicherlich ohne diesen gräßlichen Krieg längst schon Kominerzienrat geworden wäre, sie, seine einzige Tochter Hilde, ausgerechnet nock am Silvesterabend zum Post­amt schicken mußte, um sür bi« Köchin und bas ander« Mädchen Jnvalidenmarken zu kau­fen, als ob das nicht auch noch bis zur nächsten Woche Zeit gehabt hätte! Aber das eine Gute hatte dieser väterlich« Auftrag doch für Hilde, daß sie nun erst einige Minuten später die ibr so gar nicht angenehme Anwesenheit eines Herrn Emil Schultze-Neuendorf genießen würde, den ibr die Elter» leider längst zum zukünftigen Ehegatten bestimmt hatten, und dem immerhin der Silvesterpunsch. auf dessen delikate Zubereitung sich Mutter Bormann über jeden Tadel hinaus verstand, die sonst so schüch­terne Zunge lösen konnte. Diesem Landsturrn- niann ohne Masse! Der sie das letzte Mal schon mit seinem ewige»Wenn" undman kann nie wissen" fast rasend gemacht hatte. Hin­ter jedem seiner Sätze hatte so ein ganz klei­nes Zipfelchen Furcht hervorgeblickt. Und i einem solche»Manne" ... die Gänsefüßchen, die sie diesem Worte in Gedanken verlieh, hatte I er sich ebenfalls so ehrlich verdient, wie ein anderer vielleicht das Eiserne Kreuz! ..., einem solchen sollte sie nun für Zeit und Ewigkeit sich zu eigen geben! Rein, und abermals nein! Da war es doch im Augenblick wirklich noch angenehmer, für andere Leute Jnvalidenmar­ken kaufen zu gehen.

Auf dem kleinen Wilmersdorfer Postamt herrschte trotz des schnell genug heraufgedärn- mrrten Silvesterabends ein ziemliches Ge- vränge. Im Gegensatz zu allen anderen Men­schen, die «s heute sehr eilig hatten und sich in Ungeduld an den nächsten Schalter heranzu- auetschen suchten, empfand es der Leutnant der Reserve und Rittergutsbesitzer Hanns Hollken als äußerst kurzweilig, nicht so schnell abgefer­tigt zu werden: denn er hatte, wie man so zu mgen pflegt, absolut feine Zeit zu verlieren. Und diese Seltsamkeit war also gekommen: Ein mcht allzu schlimmer Armschitß, den er sich bei WIozlawsk geholt, hatte ihn Ende November

Genesenden wieder zur heimatlichen -Klitsche" ^urückgeschickt. Die Einsamkeit, die er £UC wu ? "iehnt hatte, war ihm jedoch in ven Weibnacktstagen so drückend geworden, daß " surz entschlossen seinem Berwaltcr mitteilte, " bierde Silvester in der Reichshauptstadt bei 8. . Zreuuhen verbringen, bi« er ohne vor- verige Anmeldung überraschen wolle, da sie sich nanu sicherlich dovvelt über seinen io berrlick