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Nummer 2. Sonntag, 13. Dezember 1914« 5. Jahrgang.

MMmliMtt

Wochenbeilage zu den Kasseler Neuesten Nachrichten.

Das Loldstenkind.

Äuth kniet im Lrttchen vier Jahre ist sie alt, Im weihen Hemdchen, die kleine Gestalt,

Zum Leten gefaltet die Hände fromm, Soll beten, dah Vater bald wiederkomm'!

Mutti," sagt Kuth,ich glaube, heut,' heut hat der liebe Gott keine Leit!"

And mit froh-lSchelnder Luoerstcht Sir kleine Sotdatrntochter spricht:

Ucber die Dächer des kleinen Städtchens im Harzer Bergtal fegte der Wind: kein laues Sommerlürftchen wie noch vor kurzem, nein der Herbst hatte eingesetzt und mit ihm began­nen die Stürme zu sausen und zu brausen, daß die alten Bäume im Schloßpark sich fast zur Erde bogen, die Fensterscheiben in den Häu­sern klirrtet! und der Kalk an den Wänden, der Ruß in den Kämmen polternd zu Boden fiel.Horch'," sagte die alte Generalin und hob lauschend den Kopf,ich mein' so schlimm wie' heuer wär's noch nie gewesen." .Ihre Hände, welche den grauwollenen Soldaten- strumpf hielten, ruhten sekundenlang müßig im Schoß. Die Radeln blitzten im Lampen­licht, ihr Klirren und das feine Ticken der altmodischen Schreibtischuhr im Erker waren bisher das einzige Geräusch im behaglich er­wärmten Zimmer gewesen, erst jetzt chei ihren halblauten Worten kam wie als Antwort ein leises Brummen aus der fernen Ofenecke, wo Männe" sein Körbchen hatte.Patsch, patsch, patsch kam er mit schlaftrunkenen Beinchen, un­sicher aus den, glatten Boden gleitend, näher und als seine Herrin, die ihn doch geweckt hatte, sich nicht um ihn kümmerte, klopfte er mit dem langen braunen Teckelschwanz ener­gisch ein Paar mal auf die Erde. Das war sonst ein selten nötiges Mittel, um Beachtung zu erringen, aber jetzt ... was jetzt in seine alte Herrin gefahren war, das konnke sich Mänues kleines Gemüt nicht erklären. Daß es etwas besonderes sein mußte und nicht bloß der Sturm, der doch alle Jahre tobte, den er eben noch als angenehmes Schlummerlied empfunden batte, fühlte er wohl und wartete darum geduldig, nur als es ihm zu lange währte, schob er sein schwarzes, kaltes Schnäuzchen in die müde im Schoß gefalteten Hände der alten Frau.Ach Männe!" sagte diese erstaunt und strich mit leisem Lächeln dem treuen Tier über fein glattes Fell, lieber dies Nleiche Fell hatten schon ihre drei Jungens ge­streichelt. als sie noch kleine, unnütze wilde Bu­ben tvaren: mit dem Männe waren sie um bie Wette gerannt, je toller le bester, er war ihr Spielkamerad gewesen durch Tick und Dünn und wußte sicher noch von manchem Puff und Knuff, den er von ihnen erduldet, ihm galt ihre erste Frage, toeim sie nach längeren Zei­ten auf Urlaub zur Mutter kamen und ...

Ein trockenes Schluchzen stieg in die Kehle der alten Frau: sie zwang es nieder, ihr Blick flog drüben zu den Bildern ihrer Lieben. Da stand ihr Mann ... im Schtnuck der Orden ... ein stolzer General ... ihn deckte schon eine Stellte von Jahren die kühle Erde, ... aber dort die Drei, ... schlanke junge Gestalten... leine, ihre Söhne und der Mutter Auge wurde veller. 5km goldenen Rabmen. das war der

Ser liebe Gott ist heut' nicht $u haus, Ser ist mit unseren Soldaten aus!

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Sturm.

Von. Sophie Freiin Stjerua.

Aelteste, der war jetzt Hauptntann bei der Gar­de und jener rechts im schlichten blauen Rock mit dem kleinen goldenen Dolch an der Seite, das war der Kapitanleutnant S. M. Schiff, einige Jahre jünger als der Gardist nird doch schon im gleichen Range wie er, und links, un« term einfachen Glas, das war ihr Jüngster, ... ihr Antlitz verklärte sich ... ihr Lieblinzs­sohn.Mutters Männchen," wie die Brüder neckend sagten. Er war aber auch ihr Sorgen­kind von jeher gewesen ... freilich jetzt ... in dieser Zeit ... sorgte und bangte sie wohl um alle Drei zugleich. So wie draußen der Sturm tobte mit solch' plötzlich erwachter Heftigkeit, so war nach langer ruhiger Friedenszeit auch über das deutsche Vaterland der Sturm gekom­men: Feinde hatten es an allen Ecken bedroht und da war die Kriegsfackel aufgeloht und flackerte und leuchtete jetzt purpurn im Osten und int Westen, im Norden und im Süden...

Ein tiefer Seufzer hob ihre Brust. Stolz und Sorge um ihre Drei im Felde hatten ihn entfacht, zwar war sie nickt umsonst Soldaten- kind ... Frau und Mutter und wußte, was sich für eine solche ziemt, gab auch gern ihrem Kaiser ihre Söhne und dock ... das alte Herz konnte das Bangen nicht lassen. Wenn nur der Sturm nicht wäre, der da so schrecklich heulte! Fetzt klatschte auch noch der Regen an die Scheiben, und auf dem Rücken des kleinen Teckels, der in ihrem Schoß sanft schlummerte, falteten sich die alten gichtigen Hände int hei­ßen Gebet:Gott erhalte sie mir. beschütz' mir die Drei auch im Sturm." ... Feinsilbern schlug die Heine Uhr, mahnend, es fei Zeit, zur Ruhe zu gehen, dock dazu konnte sich die alte Frau beute noch nickt entschließen, ihr war so seltsam wach zu Mut und int Dunkeln kamen nur von Neuem die Sorgen. ... SBieber klap­perten und flirrten für eine Weile die blanken Nadeln. Der Strumpf war gleich fertig. Ihn würde der Aelteste tragen, der hatte solch' lan­gen schmalen Fuß ... und weiter spannen die Gedanken und woben Wunsch auf Wunsch in die Maschen. ... Horch!? ... Was war das? ... War das nickt ein Signal? Tarätatä, tarä- tatä ... noch mal. schneller mzd wieder schnel­ler ... zum Angreifen. Sturmangriff. LlnkS schwenkt Marsch! Marsch, Marsch, Hurra! ... War daS nicht... der dort mit den Gardelitzen, dem blanken Degen? ... Sein Vater hatte 1R7O schon den gleichen gezogen, im Sturm die Hö­ben genommen, wie jetzt der Sohn. Aber wankte jener nicht? Sank nicht die Hand mit dem Säbel? mein Gott ...

Der Strumpf war beendet. Sorgsam legte ibn die alte Dame zu dem ersten, zwang ihre Gedanken in andere Bahnen; nicht immer das Schlimmste ausmalen, befahl sie sich selbst. Dort lasen noch ein Paar Pulswärmer ange­

fangen: die konnte der Hansel gut brauchen, wenn der Sturm die Wellen peitschen würde, und die Mutter strickte und strickte und Stunde um Stunde enteilte. ...

Auf der Kommandobrücke der Sohn. Er wankt und weicht nicht, spürt weder Regen noch Sturm. Die Uebermacht ist groß ... deutlich zeigt ihm fein Glas das englische Ge­schwader ... aber sich ergeben kennt kein deut­scher Soldat. Einen englischen Kreuzer haben sie zum Sinken gebracht, so werden sie. wenn es sein muß und als Sieger untergehen. ...

Die Pulswärmer hätten eigentlich noch Zeit, er mußte ja jetzt ihren Feldpostbrief mit dem Wollhemd haben, vielleicht war er noch gar nicht auf Dee. aber der Jüngste, der Albrecht, dem kehlte sicher alles und er hatte doch von den Dreien als Fliegerofsizier den schwersten Beruf. Sicher hatte er, als die Mobilmachuns kam, keine Zeit mehr gesunden, an sich und sei ne persönlichen Bedürfnisse zu denken und ab der Bursche es getan, ... es geht zwar nichts über treue Leutnantsburschen, aber in diesem Fall ... Und er hatte ja schon so wie so nur immer Gedanken für feine Mafchiue, wenn die nur alles hatte, er ... HahlMuttchen, Un­kraut vergeht nicht," hatte er ihr noch beim letzten Urlaub gesagt, als sie bei feinen Er­zählungen sorgende Fragen gehabt. Ein Glück, daß er ihr fest versprochen hatte, bei solchem Sturm nie aufzusteigen. ... das Was- fer batte schon keine Balken, nun erst «ar die Lust! Wohl tarnen ihr jetzt Bedenken, ob et dies Berspieckie» würde halten können, an Krieg hatten sie damals nicht gedacht ... und dock klammerte sie sich an diese einzige Hoff­nung mit aller Kraft. Ihre Hände suchten die Wollknäuel. Die Kappe ftirn Kopf mußte das Beste für den Jungen sein. Im vorigen Monat war er 23 Jahre alt geworden, und wieder murmelten die welken Lippen:Gott, er ist dir,ja am nächsten, behüte ibn mir ... auch im Sturm." ... Die feine Stimme der alten Uhr tat einen Schlag, aber die alte Frau hörte es nicht mehr, der Schlaf hatte ihr bie Augen zufallen lassen. ...

Fern auf dem improvisierten -Flugplatz nahe der französischen Grenze raffelte zur «lei- cken Stunde der Wecker. Rasch war der junge Offizier auf den Beinen: er hatte nicht ge­schlafen. der Sturm draußen und der in seinem Innern hatten ihm keine Ruhe gelassen. Alle- war fertig; fein kleines graues vorschriftsmä­ßiges Kosferchen barg feine Paar Habseligkei­ten, auch einen letzten Brief an feine Mutter, fogar fein kleines Testament. Kam er morgen früh, richtiger heute früh nicht wieder, so wür­de man ihr alles übersenden ... feinem Mut« tetchen ... und noch ein letzter liebevoller Blick glitt über den kleinen Koffer,grüß mir bi(