Nummer S
Sonntag, 4. Januar 1914.
4 Jahrgangs
Wochenbeilage zu den Casseler Neuesten Nachrichten.
Vor kalte ist Dir Luft erstarrt, Ls Kracht Drr Schurr von mrinrn Trittrn, Ls Dampft mein hauch, es Klirrt mein Dort, Stur fort, nur immer fortgeschritten!
öNinternacht.
Wie feierlich Die Gegend schweigt! Ser MonD bescheint Die alten fichten, Sie srhusuchtsoolt }um ToD geneigt, Sen Lmeig zurück zur LrDe richten.
--- B--...... "--
frost! friere nur ins her, binde, Tief in Das helhhewegte, mllör! Salz einmal Kuh' mag Drinnrn fein. Wie hier im nächtlichen Gefilde!
Nikolaus Lene«,
Kollege Doktor.
BMines Morgens ging der Kanzlcichcf mit Sa einem schwarzbärtigen Herrn von Tisch W zu Tisch und stellte ihn mit den Wor- M len vor: „Herr Peter Klnge, unser neuer Kollege."
Die Kollegen legten die Feder nieder, erhoben sich von ihren Platzen, und tauschten, ihre Namen murmelnd, einen Händedruck mit dem Ankömmling, der sich ernst und wvllos verneigte. Schließlich teilte ihn der Kanzleiches Herrn Blum zu, einem zwanzigjährigen, netten Gecken, mit der Weisung, ihn in die Mysterien der Bureauarbeiten einzuweihen. Herr-Blum entledigte sich seiner Ausgabe mit großer Lebhaftigkeit und im erhebenden Bewußtsein seiner Routine. Er ordnete den Schreibtisch des Herrn Kluge und übergab ihm dann mit kaufmännischer Trockenheit einen Bries zum Abschreiben. Herr Kluge verrichtete getreulich seine Arbeit unb erhielt von Herrn Blum, der vorerst einige kritische Bemerkungen fallen ließ, einen zweiten Bries zum Abschreiben.
Wenn ein neuer Mann in ein Bureau ein« tritt, ist immer ein erhöhter Pflichteifer bemerkbar. Vom ersten Korrespondenten bis zum letzten Praktikanten tragen alle ein erhöhtes Sian« desbewußisein zur Schau, als wollten sie dem neuen Manne ihre Wichtigkeit beweisen und zeigen, wie wenig andere ihnen zu befehlen haben.
Der neue Kollege ist in den ersten Tagen gewöhnlich sehr still, nur langsam siihlt er sich heimischer, spricht er lauter, bis auch sein Arbeitseifer nachläßt, er den Mut gewinnt, vom Diener ein Glas Wasser zu verlangen und sich mit seinem Nachbar in ein Privatgespräch ein- zulassen. Herrn Kluge erging es ebenso, nur mit dem Unterschied, daß seine Kollegen ihm gegenüber zurückhaltender waren. Er imponiert« ihnen. Er war schon ein Dreißiger, überaus distinguiert, hatte einen ungewöhnlich ernsten Gesichtsausdruck, und fein ganzes Wesen wies auf eine vornehme Vergangenheit. Was Herr Kluge war, bevor er hier cintrat, putzte man nicht. Auf eine diesbezügliche Frage d«s Herrn Blum antwortete er mit einem höflichen, aber kurzen „Nichts".
Trotzdem war Herr Kluge nicht stolz, im Gegenteil! Einen freundlicheren, zuvorkommenderen Herrn konnte man sich gar nicht denken. Seine Pflichten erfüllte er getreulich; er lüstete vor jedermann seinen Hut, hatte stets Zigaretten bei sich, und es siel ihm nie ein, jemand seine Meinung auszudrängen. Er war oizenbar ein Freund des Direktors, der ihn dikzte, während Herr Kluge offiziell stets „Herr Direktor» sagte.
lieber feine Vergangenheit sprach er nur "’rnig. Bloß einmal erzählte er, daß er seinen früheren Beruf satt bekommen habe und sich Hu, ftiDcn> mechanischen Bureauarbeit viel Wohler fühle.
Novelle von Thomas Kobov.
Einmal verriet er sich aber doch. Es war eine kannibalische Hitze, und der Diener, der den ganzen Vormittag auf den Füßen war, stürzte nachmittags, als er eben ins Bureau trat, ohnmächtig zusammen. Allgemeine Aufregung! Man überschüttete den Ohnmächtigen mit kaltem Wasser, bis Herr Kluge an ihn herantrat, ihn fachkundig untersuchte und rasch ein Rezept schrieb, das er auch gleich in die Apotheke schickte. Das Rezept war „Dr. Klttge" unterschrieben.
Das Bureau war höchst überrascht.
„Sie sind Arzt?" fragte Herr Blum.
In dem Gesicht Kiugcs begann es zu zinken, seine Stirn umdüsterte sich. Er preßte die Zähne zusammen und stieß hervor: .
„Lassen Sie mich, lassen Sie mich!"
Seither blieb er düster, mürrisch. Er sprach mit niemand, und die Kollegen molestierte« ihn nicht weiter. Der Diener war in zwei Tagen gesund, Kluge sah ihn aber nicht mehr an. So verflossen zwei Monate, bis der Dircstor mitteilte, Kluge hätte gekündigt.
Allgemeine Ueberraschung! Alle hatte«: den ernsten, zuvorkommenden Mann, der niemand im Wege stand und die Ambition der anderen durch keinen Uebereiser schädigte, liebgewonnen.
Kluge kam und setzte sich ruhig auf seinen Platz. Sofort wurde er mit Fragen bestürmt.
„Ist es wahr? ... Sie gehen? ... Warum? Wohin?"
Dann verlegte man sich aufs Bitten:
„Bleiben Sie, wir haben Sie ja so lieb gewonnen. Gott weiß, wer an Ihre Stelle kommt. Oder ergreifen Sie wieder Ihren ärztlichen Beruf?"
Sein Gesicht bekam einen sanfteren Ausdruck Er reichte den Kollegen die Hand und schüttelte traurig lächelnd den Kops
„Nein, ich kann nicht bleiben. "Ich bekomme vielleicht keine Stellung mehr, aber ich muß doch gehen. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, heute meinem Abschicdssouper beizuwohnen? Ich werde Ihnen alles erzählen."
An jenem Tage funktionierte das Bureau wie eine verdorbene Maschine. Nichts ging in Ordnung. Jeder schoß Böcke. Herr Blum bekam vom Direktor eine gewaltige Nase, weil man auf den ersten Blick merken mußte, daß er sich um zehntausend Mark geirrt hatte.
Aus dem Abschiedssouper war ein Bankett geworden, das das Bureau dem scheidenden Kollegen zu Ehren gab. Der Kanzleichef hielt eine ergreifende Abschiedsrede, die Herr Kluge gerührt beantwortete.
„Ich muß gehen." sagte er, „weil ihr erfahren habt, daß ich Arzt bin. Meinem Berufe mußte ich untreu werden, da ich mir sonst eine Kugel durch den Kopf gejagt hätte. Tie Kranken, die Rezepte, die Titulatur „Doktor", der Apothekengeruch machten mich wahnsinnig. Ich
nahm einen Posten an, um davon nichts mehr zu sehen, zu hören, zu riechen ... und es gelang auch. Ich vergaß mich und schrieb ein Rezept. Seither erscheint mir dies Bmeau mit Apothelengeruch gefüllt. Jedes Formular staunt und starrt mich an: „Du bist Arzt". Ich konnte nicht mehr mit euch sprechen, denn ihr hattet mich erkannt. Und das beunruhigte mich wieder. Alte Erinnerungen, die ich gewaltsam vergrub, um reicht verrückt zu werden, wurden wieder wach.
Aber davon versteht ihr ja nicksts und haltet mich vielleicht für einen Wahnsinnigen. Wartet damit noch ein bißchen. Laßt mich erst erzählen:
Drei Jahre sind es her, daß ich heiratet«. Ich hatte ein kränkliches Mädchen behandelt und mich in dasselbe verliebt. Sie war nicht reich, nicht schön, nur ein eigenartiger Liebreiz fesselte mich an sie. Ueberdies war sie auch unheilbar. Ich selbst hatte es ihren Eltern gesagt: „Nie darf sie heiraten, denn das wäre ihr Tod!" ..."
Ich heiratete sie trotzdem. Ich konnte nicht widerstehen ... ich liebte sie. Ich sagt« mir: mich als Arzt darf sie zum Gatten nehmen. Ich werde auf sie achten, werd« ihr Bruder, nicht ihr Gatte sein. Nur beisammen bleiben will ich mit ihr, ihre süße, traurige Stimme bören, ihre feine, magere Hand in der meinigen halten, ste Pflegen, wenn sie krank ist, und das gebrechliche, erlöschende, welke Leben hüten Tag und Nacht.
Ein Jahr dauerte diese Ehe. Ick war glücklich, glücklicher wie jemand, der ein« gesund« Frau in seine Arme schließen kann. Ich war ihr Bruder, ihr Krankenpfleger und ihr verlieb, ter Troubadour.
Welche Seligkeit barg das Auflodern meines Leidenschaft, der verzweifelte Kampf, in dem ich mich besiegte! Aber dann folgt« auch die Qual. Jener Kampf, den ich gegen ihr« erwachende Liebe führen mußt«, war die Hölle. Bald darauf durfte sie das Bett nicht mehr verlassen und starb.
Ich verreiste. Ueberall verfolgte mich ihr Bild, wie sie auf der Bahre lag. Ich kam zurück. Wenn man mich zu einem Kranken rief, sah ich nur sie, die meinetwegen starb. Und ich haßte jeden Kranken, dem ich helfen konnte. Warum konnte ich diesen heilen und warum nicht sie? Ick haßte mein Wissen. Warum wußte ich so viel und nur das Ein« nicht, von dem ihr Leben abhing?
Damals faßte ich den Entschluß, meinem verfluchten Beruf zu entsagen. Euer Direktor war mein guter Freund, er gab mir dies» Stelle. Die Schreckbilder wichen, ich könnt« ruhig leben. Aber dann ereignete sich jene« Fall, und seither verfolgen sie mich wieder. Ich muß gehen, ich muß gehen."
Bitter schluchzend verbarg et sein Antlitz,