Nummer 1
Sonntag, 8. Dezember 1914,
Wochenbeilage zu den Kasseler 9^’teften Nachrichten.
Gemrinssmes Leid.
•ffut licht frrin lyous im vru.ichru jftutö, Das nicht uaiu öäurf brr SchiriifaishanS Jn alle Schauer dieser Eril Anb Stürme wäre eingrrnht.
heul hl kein hau« (m beutlchrn Land, Das nicht ein Schwerk ins frlü gesanSt, In dem nicht einer Liebe Gebet Am Sieg und Lllieherfehen steht, Wilhelm Sebueaee.
füttlichen Pflug ab.
Kühne Fahrt.
KriezS-Skiz.z«, von Curt Kühnst
beleibter Herr mit luftigen Augen,' der Vor Postenkommandeur.
(Liv dichter Wald nahm si« jetzt auf; di« zahlreichen Wurzellnorren hinderten das Sorte kommen. Der Wald ging ,n eine öde Heid« über, die sich bald vollends lichieie. Man fuhr eben über den Rand einer Hohe, da tauchte ein« lange Kavalleriekolonn« vor ihnen auf, die im Schritt ihnen entgeg«t»kam. Halten, toenm ... unmöglich!“
.DurchI» rief Hellmut. .was das Zen« hält!* Der Wahrer setzt« äußersten Gasdruck, der Wagen schoß vorwärts.
Der jeindliche Führer macht« Halt und faden wttrdichnell heranfaufenden Wagen miß- trauisch und unentschlossen an. Da kam Hellmut ein Gedanke: Er grüßte und winkte mit der Hand: Beiseite! Das hatte etwas Zwingendes. Der feindliche Führer wurde getäuscht und winkle auch mit der Hand, die Kosaken drängten ihre Pferd« rechts herüber. Einen Augenblick sioben die Deutschen an der Kolonne dahin, di« Ko akeu hockten schläfrig, ihr« Pfeifen und Zt> 0a retten rauchend, in ihren Bocksärteln: dumm und gtvichgülttg stierten sie den Wagen an.
Wie «in Wirbelwind waren die Deutschen an der langen Marschkolonne vorüber. Fetzt «ach überstandener Gestehe fing ihnen doch das Her« an zu klopsen. Aber sie mußten lachen, wie si« den Feind genarrt.
Wieder überstiegen sie ein« Gelänbewelle, eine Ortschaft log vor ihnen: Das war Poker. ftiten, das Grenzdorf. Hell mut ertannte da» lange Dach der neuen Feldsteinscheune, da» ganz« benannte, liebe Dorfbild. Aber heut? Ranchwo-!ken fliegen auf, lodernde Flammen fdioffen aus Giebeln und Firsten. Da» Dorf brannte an allen Ecken.
Am rusf-ifchcn Zollhaus hielt eine klein« Abteilung Kosaken. Auch sie ließen den heran- sausenden Kraftwagen passieren. Sie erkannte« di« Insassen nicht vor Staub und in der sinken- den Dämmerung. Hellmnt erwartete eigentlich nichts anderes mehr.
Tie Dorsstraß« war unpassierbar, geftovft voll Fuhrwerk. Die Kosaken sckfleppten wie di« Sackrräger. hießen mitgehen, war nicht niet« un» nagelfest war. Alles Eßbare versetlangen i« aus der Stelle. Ueberall standen ihre Klepper angebunden. Einwohner sah man kaum, e» war ihnen wohl gelungen, zu enifliehen.
Hellmut kannte einen kleinen Wirtschaftsweg, der um den GntShof herumführte, an den Mieten vorüber und der Rückfront bei Herren- Hauses. Diesen schlug er ein. Hinter bet Scheune lag der alte Meier ... ersMagen.
Hellmut wähle die Fenster des Hauses entlang. aus dem trunkenes Gröhlen erscholl. Da log ein Kellerfenfter auf: .Hellmut!" Der Ans klang wie aus tiefer Todesangst erlöst. Hellmnt svrana vom Wagen wie ein Blitz.
Hellmut ließ hatten. Nachrichten einzuziehen. .Vom Feind nichts Neues/ lautete die Aut- wort.
„Bei Pojerstiten ist der Fest- gerne (bet.* kigie Hellunrt. .Geben Herr Major Patrouillen dorlh.n? Es sollen Deutsche in Gefahr sein.* »Bebau re, gehört nicht zu meinem Abschnitt * ertnüDcrte der Xtaiot.
Hell mut frcnrp'ite sich das Herz zusammen. Gab es denn kein Mittel, Hilfe zu erlangen und sofort, eh« es zu spät war?
Doch vorwärts! Sein Auftrag litt keine Verzögerung.
Wieder ging es dahin, mit saufenden Sä» bem; die Kirjchibäum« an den Straßengräben flogen förmlich vorbei. Friedlich und stell lagen bi« Felder, kein Men ch weit und breit
Ta tauchte auch bereits der Kirchturm von Ro>eningken aus; das kleine Grenzstädtchen lag in einem Wall hoher Bäume. Hellmut fuhr bis an die Scheunen, di« die Vorstadt bildeten. Hier ließ er di« Fahrt vermindern. Ein Ackerbürger, der Kornsäcke ans arten Wagen lud, rief ihm zu. es feien keine Feinde in der Stadt, aber alles in großer Angst und Aufregung. Hellmut fuhr durch das Tor, durch 6ie von ängstlichen und erschreckten Menschen wimmelnden Straßen. Ob denn kein Militär käme? klang eS von allen Säten. Die Rusten feien im Anmarsch.
Hellmut stieg vor dem Postamt ab, alle Behörden waren noch in Tätigkeit, unb er berichtete durch den Fernsprecher ans Hauptquartier. Weiter! Kur, hinter dem Städtchen war oi« (Mrenge. Einige Landstunnmänuer standen hier. Ien,«its, auf russischer Seite, war der Schlag» bamn niedergelassen.
.Es sind leine Grenzwächter da.* sagt« einer der Landsturmleute. .auch keine Kosaken.*
Hellmut fuhr bis an die Schranke, da» Zoll, bans stand verlassen. Ter Beifahrer mußte ven Lchtogbaum öffnen, und hinein ging's in Fein» bestaub! Eigentümliches Gefühl!
Die Lairdstraß« hörte auf; ein breiter ßanb> weg. bei dem trockenen Wetter aber ausgezeichnet fahrbar, trat an ihre S.elle.
Hellmnt ließ mit mäßiger Geschwindigkeit ahrcn. Rechts zweigte ein Weg ab, er mußte der Karte nach noch Pojerstiten führen. Hellmut warf r.nen scharfen Blick darauf, er schien fahr, bar zu sein. Mit gesteigerter Geschwindigkeit ging es weiter. Am Weg lug eine D-ienke mit verfallenem Rohrdach, über das der Scknvengel des Ziehbrunnens sah. Hellmut richtet« da« vlewebr. das Im Wagen auf einem drehbaren
Ter Stabschef erhob sich. .Herr 9e”«nim Tambach, sagte er, nehmen Sie eine Erkun» düng vor . . ? den jungen Offizier durchzuckte es „und stellen Sie di« Lage bei Rose, mngfen fest.*
Ter junge Offizier wurde wieder blaß und schlug gewohnheitSgemäß die Hacken zusam» n»-n. „^o.eitirWer-* s >hr btr St b—» »'N der strategische Punkt, von dem aus allein unser Aufmarich gestört und beeinflußt werden d^weWng bei Pojerstiten ist neben» Urchlich.^ Rehmen S.e den großen lechzigpfer» .-i'fpt. ^roztwagen.* Wieder schlug der junae vFfr.tter bi« Hacken zusammen und eilte die <El*x*1* d nab. Im nächsten Ausblick ttug ihn «»s Aut-o, auf dessen Vordersitz neben dem »ramer noch c:n Svldat Platz genommen, durch da» Gewimmel von Gepäck- und Lebensmittel- Wonnen, das den Markt erfüllt«, vorbei an einem marschiere irden Bataillon Infanterie und ,um Tore h nauS. Kurz dahinter gabelten sich bi« Straßen; bte eine führte nach Rosenrn-ken. de arche:« nach Pojerstiten.. Wenn er über r!”?'*™ b-ier durch russisches Gebiet nach !.T-E"lngken führe? dachte Hellmut. Das war g-rtvagt, es war fraglich, ob er durchdrrügen tonrbe, aber er hatte Gewißheit ft-bet das Schick» über h^ben?r°E Gr mu6tt Gewißheit bar»
*>c* dem Gedanken, sie unter den ’V" r°6rt Kosaken zu wissen. Vielleicht mV0? »UE! ... Rein! Weit wies er krn;^V,cü t>on l-cd. Erst di« Pflicht! Po» lersuten wurden seine Kameraden schützen.
^brer sah sich vor der Weateilun" toie» ^, -^"adeauS ... Roseninglen!* der lunae Offizier ibn an.
der Wagen dahin, eine | GesteÄ angebracht war, darauf, doch kein Musch forw Staubwolte hinter sich zurucNassenü». Die ließ sich blicken. Auf dem Hof schirrt« eben ei« iwrte vor uch, in le.tten Mantel gehüllt, saß I Liaun einen alten Kieper von einem vorsiul- Hellmut >mb ,ruhte in die flache Landschasl. «™— 1
Ein Heine§• Kavalleriebiwak tauchte vor ihm ans; an der Straße stand neben seinem Braunen
Im Rathaus eines kleinen Städtchens an der Ostgrenze war das Hauptquartier aufge- schlaaen. Auf dem großen, grünen Tisch, der fast die ganze Länge deS Sitzungssaales einnahm, lag die mit Nadeln und Fähnchen de»
und Fahrpläne aufgeschichtet. Der Stabslef, t.JL;L?. V “?,?öl'
ein stattlicher Herr mit scharf gezeichneten Zügen, saß vor der Karte, ganz in feine Arbeit versunken; Offiziere gingen ab und zu: dran- ßen klang der Marschtritt eben einruckender Stegimenter und vom Bahnhof her das Pfeifen der in ununterbrochener Folge aiuommen- den Militärzüge.
. Krufter lehnte ein junger, schlan
ker Offizier. Ein kurz geschnittener Schnurr- bart deckte feine Oberlippe; der Ausdruck sei- ner großen, klugen Augen, das nervöse Spiel seiner Hände zeigte eine sichtliche Erregung.
war oben d e chie-duna <-eroirn»r- «e>
i«ftiten seien größere Massen Kosaken über gedrungen. Pojerstiten war der Besitz seines Schwiegewaters. die Heimat seiner Braut . . . waS für Szenen mochten sich ereignet haben! Er flog vor Erregung am ganzen Körper.