Nummer 82.
Sonntag, 29. Rsoernber 1914.
4. Jahrgangs
Wochenbeilaqe zu den Kasseler Neuesten Nachrichten.
Arbkr hahlr, fat)le IjtigH
Streicht örr Bämmrrung hütjltr flfißel; rrftarrtt Träumt,
Stehn im Tat entlaubt öte Säumt.
Lpäthrrbst...!
Tirtr ßtillt, liefe» Xauldjrn; firmt Ötitllt horst öu rauichrn, firmt Stimme hörst hu hliniun, Sir hrs Leben» Grusi iu bring:u.
pur als stammt» ßitö brr iBnaDf,
Äste aas Lolg.ttha um Kfaöt,
Siehst hu hort an» firtui geichlagr», Lurch ölt -lacht Örn SienimS ragen.
Ferdieend vcn Saat.
Der Batterieschelm.
Skizze aus dem Felde, von Sorwald.
Eines Tages tvar er in der Batterie als Relrut, etwas außer dem reguläre» Einstet- lungstermin, weil er als Hecreöunjichercr irgendwo ausgegriffen uno, seiner gewichtigen Person nach, zu den Bombenjchmeißern cin- getan worden war.
Das Mißgeschick trug er mit so viel Würde, als ihm eben möglich war. Las heißt mit sehr geringer, denn wenn er so dastano und sich vor einem Vorgesetzten krampfhaft zusammennahm, dabei den breiten Mund grinsend verzog und mit den Augen lustig zwinkerte, machte er wahrhaftig nicht einen soldatiich- würdcvollcn Eindruck.
Aber man konnte ihm auch nicht gram sein, zumal er ein Schelm erster C üte war. Bon Kindesbeinen an war er bei fahrendem Volk gewesen, hatte viele Länder gesehen, viel Er- fabrunaen gemacht und so manches gelernt, was ihm beim Kommiß aanz gut zu statten kam. In der Mannschaftsstube sowohl, als auch bei Märschen stets beiter und zu Scherzen sowie lustigen Streichen aufgelegt, war er alsbald bei allen wohlgelitten, und selbst der Korporalschaftsführer und Stubenälteste hatten ihn gerne, da er sonst dienstwillig und eifrig tvar und sich nichts zu Schulden kommen ließ.
Nur eines fehlte ihm: .Der leidige Mammon, der beim Soldatenleben über so manches hinweghilft, was im allgemeinen als nicht sonderlich angenehm empfunden wird.
Kein Geld und noch dazu keine menschlick»e Seele, die etwas für ihn fühlte, sich um ihn sorgte. Wenn die Anderen regelmäßig ober nur ab und zu gelegentlich von zu fraufe Liebesgaben in Naturalien und Geldspenden erhielten. blieb Maxe, so wurde et allgemein (i'fi’nitt, der llnb-bechteste. Wer l'ä'«e dn der seine Eltern nickst gekannt und stets unter fr-mden Leuten sich dnrchv'-cken mußte, auch mit Spenden bedenken sollen?
^en Kummer hierüber W'^te er Vw-r tapfer runter und teilte sich mit feiner knappen Löhnung ein so gut oder so schlecht es eben ging Trockene^ Kannst dhr-» war a%rr doch nicht alle Tage für ihn beffmnxt, denn von den beffergestellten Stubenoenossen eab doch mancher an Fett und Wurst einen Teil an Mare ab denn gar so schlecht sollte es ihm doch nicht gehen.
Die Finanzen von Maze bewerten sich, als er Bursche eines blutfungen Leutnants wurde, wodurch er monatlich fünf Mark und sonstige Benefizien erhielt, ab und zu auch ein Trinkgeld für ihn absiel.
Diese Wohltat vergalt Mare mit einer Treue und Fürsorge für seinen Leutnant, die wahrhaft rührend war. Maxe bemutterte diesen sozusagen und tat, was er nur irgend konnte, sich seinem £>errn gefällig zu erzeigen
und für sein Wohlergehen in dem kleinen Heim zu sorgen.
In das Idyll von Maxe schlug die Mobil- ; machung wie eine Bombe. Er, vcr nichts Z» verlieren hatte und keine Angehörigen besaß, strahlte förtnlich in dem Bcwußtseiu, sich nun auch im Felde betätigen zu können. Und wenn er als ein vorher Unsteter den Begriff Vaterland und Patriotismus seinem vollen Inhalte nach nicht ganz in sich ausgenommen hatte, jetzt fühlte er die ihm als Soldat obliegende Pflicht so gnt als irgend einer seiner Kameraden.
Seine Lustigkeit verdoppelte sich bei allen den militärischen Vorbereitungen, die dem Ausrücken vorhergingen. Und als es endlich soweit war. daß sich sein Regiment mit den Mörsern in den Eisenbahnwagen zur Fahrt nach Frankreich befand, war er unerschöpflich in seinen lustigen Einfällen, die Kameraden zu erheitern und ihren Mut xu entflammen, sofern das überhaupt noch möglich war. Seine Kreidezeicknunaen und Verse an den Wagen mußten zum Lachen reizen und taten dies auch, wo nur irgendwo ein Halt gemacht wurde.
Daneben sorgte sich Maxe auch unentwegt um seinen Leutnant, soweit es sich nur ermöglichen ließ.
In F-indesland war Mare aerabeyt nn Juwel. Nicht nur. daß er in allen Handfertigkeiten bewandert war. die im Felde besonders wertvoll sind, er verstand sich auch auf die Künste der Kücke und variierte außerdem, wie die meisten seines früheren Standes, ganz passabel französisch, so daß er mit den Bewohnern in deren Sprache verbandel» konnte. Dieser Umstand, seine ihm aus den Augen leuchtende Gnlmiitigleit und fein Humor brachten es zuwege, daß oftmals noch EßbareS herbei« kam, wo sonst alle sonstige Einwirkung vergebens war.
Maxe wurde denn auch nach Gebühr geschätzt. Und wie freute er sich helfen. So für olle sich nutzbar zu mackstn, frühere Gefälligkeiten jetzt vergelten zu können; das tat ihm wohl.
Rur wenn die Feldpost ankam und fast ein Jeder Karten. Briese und Pakete von zu Hause erhielt, nur er nicht, das stimmte ihn doch traurig. Wer hätte ihm auch schreiben sollen, ihm, dem femifimfofen Unseßhaften. Wenn er sah, wie sie alle den Inhalt der Briefe verschlangen und immer und, immer wieder lasen, machte er sich stille auf die Seite, schluckte die aufkommende Wehmut tapfer hinunter und suchte sich für die Kameraden und seinen aeliebten Leutnant nützlich zu machen, wofür sich ja stete Gelegenheit bot.
Soldatisch regte sich sein Stolz so gut wie der eines jeden der ganzen Batterie, wenn es galt, die Mörser in Stellung zu bringen und
darauf kos zu bollern, daß es eine Art halt«.! Das Ericheincn der schwere» Artillerie de- Feldheeres war ja jedesmal eine Erleichte- rung, ja oft eine Erlö,uug der secylenoeu Fuß- lruppcit, denn wenn die Mörser in die feindlichen Stellungen psefserten, gab es Luft, und wenn vorher die Situation noch so kritisch war.
An einem Abend war der sicher erwartet« Munilronsersay auögs' -b-n. und es galt daher d.e rückwärtige Lt»«Uronskolonne auszn- juchen und an Crt und Stelle zu leilcn. Ein« klein« Abteilung unter Führung des Leutnants, dessen Bursche Maxe war, wurde für die Ausgabe bestimmt. Maxe selbst, obgleich nach angestrengtem Dienst der Ruche bedürftig, ließ es sich nicht nehmen, mit von der Partie zu »ein, die nicht ungefährlich war, da gerade in dem zu durchmessenden Gebärde Franktireurs beobachtet worden und Ueberfälle vorgelommen waten. , .
Man war daher vorsichtig und uiiterlite keine der gebotenen Sicherheitsmaßregeln.
Und doch war es den Wegelagerern vor einem Walde in der Nähe eines Ortes möglich, bie Gruppe zu beschießen und dann zu überfallen. Alan verteidigte sich mit übermenschlichen Kräften und zog sich dann zurück.
Aber den Leutnant hatte eut Geschoß an einem Bein getroffen, er konnte nicht mehr »mt mib blieb in der ersten Verwirrung am Waldrande liegen. Erft einige ?>eit danach wurde er vermißt unb nun war es Mare, der sich foiort auf di« Such« macht«, während die anderen in Deckung bliebe». .
Er fand auch den geliebte» Offizier, packt« rhn unb trug di« Bürd.-, eilte Strecke weit, ui» wiederum Schüsse aus dem Hinterhalt fielen und alsbald auch Maxe mit dem Leutnant da- hingestreckt war. _ <Y1 .
Maxe hatte einen Brustzchnß. Der Wunde entströmte unaufhörlich der rote Ledeu-iguell, *:n der Leutnant vergeblich z» hemmen ver- ii'chte.
Al« die Anderen herbe ilamen. war auch für sie nichts mehr zu tun. Der treue Kamerad, der liebe Balterieickeim. lag mit gebrochenen Augen da. die Hand de« Leutnants in der Je neu. selig in dem Bewußt-sem. seinen lieben Leutnant den bestialischen Händen der peige« MeucheSmörder enlrissen zu haben.
Mit den ersten Strahlen der ausgehenden Sonne entschlummerte Mare sanft vom Leben ztmt Tode. Er wurde von der Batterie am Waldesrand bestattet. Ein Kren,lein zeigt bit Stelle und besagt In kurzen Worte», daß da ein lieber, getreuer Kamerad von den Gefährten zur letzten Ruhe bestattet wurde.
Die kleine Ortschaft aber traf die gerecht« Strafe dafür, daß aus ihrer männlichen Bewohnerschaft ein Teil de» UcberfaH vollfüdrtT