'.'hUHiiicr 45.
«otleicr Neueste Nachrichten.
Lene 3.
Der weiße Streifen der Düne wurde schmäler, bis ihn die blau« See ganz verdeckte. Aber sie standen'und sahen zurück, so lange noch ein Schimmer sichtbar war von ihrem billigen Land.
Und in ihnen allen war der Glaube, daß sic es nicht das letzte Mal «sehen hatten nnd die Hofsmchg auf ein neues Glück.
Feldpostbriefe.
WaS sollen wir Frauen schreiben?
Frau Anni saß in ihrem traulichen Wohn- zimmcr am Schreibtisch. Sie hatte einen leeren Briefbogen vor sich liege,» und wollte nun schreiben. An ihren Mann, der schon seit sieben Wochen im Felde stand. Sieben lange Wochen hatte sie ihn nicht gesehen und nur wenig von ihm gehört. Wo mochte er jetzt sein? Wie mochte es ihm gehen? Ob er gesund oder krank war, oder ob vielleicht gar eine tückische Kugel sein Leben schon geendet? Sie wagte es nicht, diese Möglichkeit auszudenkcn. Und sic nun allein daheim. O, wie verlassen kam sie sich vor! Sie, die er vor jedem Windhauch des Lebens so ängstlich gehütet, sie, die keine Un- annehnilichkeiten und Sorgen, keine Ausregunzen und Kümmernisse gekannt hatte, sie, der das Leben wie ein einziger sonniger Sommcr- tag dahingeflogen. O, wie ganz anders war das jetzt! Und nun kamen ihr die Tränen, wie schon so ost in den langen Wochen des Alleinseins.
Aber sie wollte ja schreiben. Sie nahm sich also zusamnien und sing an. Doch was sollte sie schreiben? Sic dachte nach. Und dann schrieb sie: Daß sie sich nach ihm in Sehnsucht verzehre, daß sie es nicht mehr aushalle, ohne ihn zu feilt, daß sic fast krank fei vor Aufregun- ßen, daß.die Köchin und das Dienstmädchen sic ärgerten, und daß Bubi und Puppe, ihre süßen Kinderchen, recht ungezogen seien, daß sie sich Uber den Kohlenhändler habe aufregen müssen und daß sie mit den Lieferanten gar nicht fertig werden könne. Kurz und gut, daß es schrecklich sei ohne ihn, der ihr stets alle Sorgen aus dem Wege geräumt.
Indem klopfte es,, und auf ihr Herein! trat ihre beste einzige Freundin Else zu ihr ins Zimmer. Frau Anni sprang auf: „O Else, diese Ueberraschung!"
Nach herzlicher Begrüßung kamen die zwei schnell ins Gespräch und Frau Else merkte gar bald, daß. die Freundin, die sie längere Zeit nicht gesehen, ganz das seelische Gleichgewicht verloren hatte. Was mochte nur vorgefallen sein? „Es geht deinem Mann doch gut?" fragte sie.
„Ja, dem letzten Brief nach ist er wohlauf. Aber wer weiß, wie es heute ist? Und tu dieser Aufregung der viele Aerger im Hause, p, Else, es ist ganz entsetzlich! Wenn nur Fritz hier wäre! Ich habe eben an ihn geschrieben!*
„Liebes Kind! Du tust mir sicher leid. Aber »s geht uns allen jetzt gleich. Wir alle haben «nsere Lieben hingcben müssen. Aber wir dürfen nicht gleich allen Mut verlieren, wenn einmal ein paar Tage die Nachrichten ans dem Felde ausbleiben oder uns daheim etwas in die Quere kommt. Doch davon hast du deinem Mann hoffentlich nichts geschrieben?"
„Ja, gerade, Fritz hat mir sonst immer alle Sorgen »bgencmmcn, und irgend jemand muß ich doch ntdtt Herz ausschütten. Ist er nicht der Nächste dazu?"
„In liefern Fall nicht, Anni, da bist du ans lalschem Wege. Ucberleyc dir die Sache einmal! Dein Mann braucht frohen Mut, Kraft >md die Konzentrierung aller seiner Gedanken ans die Ausgaben, die er für das Vaterland zu trfiUlen- rot. Das alles kann et nicht haben, rociut P ' .'i.H fortgesetzt mit Jammerbriefen beunruhigst und in Sorge bringst, denn ich ver Mute, nun, daß dies nicht der erste Klagebrief ist. Lei eine tapfere kleine Frau! Und'wenn dir auch einmal eine Sache schief geht nnd die Mädchen oder deine Kinder dich ärgern und dir Sorgen machen, kämpfe alles durch und Ichreibcäknn nur!zufriedene und heitere Briese-; dadurch loirst du ihm fein Los, das doch un- »leich schwerer ist als das deine, viel ertrag sicher machen. Gewiß, dein Mann bat dich versöhnt. aber trotzdem: Kopf bock,! Also ver
brenne diesem Klagcbries und schreibe einen bessere»!
Frau Anni ließ sich überzeugen, nnd halte die Freude, im Antwortbrief ihres Mannes die Worte zu lesen: „Kind, welches Wunder ist denn mit Dir vorgcgangen? .Soviel Mut und Tapferkeit hätte ich Dir nicht zugetrant. Ich bin ordentlich stolz aus meine ntutigc, kleine Frau. Welche Freude Du mir mit Deiucm Brief gemacht hast, kann ich Dir gar nicht sagen!"
.Seitdem schreibt Frau Anni niemals mehr Klagcbriefe. ' M. M.
Lehrzeit im Kriege.
Die Beschäftigung unserer Jugendlichen.
Ucberall macht sich der Krieg fühlbar; am -Schluß des letzten Semesters haben wieder zahlreiche unserer Söhne und Töchter die Schule verlassen, um etwas zu lernen. Es wird für viele von ihnen nicht leicht sein, eine Lehrstelle zu finken, und mit ihnen mehrt sich dann die Zahl der Arbeitslosen und Notleidenden. Dazu kommt, daß Jugend wohl alles leichter trägt, aber auch viel eher den ungünstigen Einflüssen zugänglich ist, die durch Untätigkeit und schlechte Ernährung hcrvorgerufen werden. Diesem Uebelstand abzuhelfen, ist wieder eine Aufgabe der Zurückgebliebenen. Es wäre wünschenswert, daß man den Schulentlaffenen für die Kriegsdauer eine Beschäftigung zu- wiese, später könnten sie, wenn nach Beendigung des Krieges Handel und Gewerbe neu aufblühen, Wohl leicht eine Lehrstelle finden; aber vorläufig sollte man ihnen nach Möglichkeit Arbeit und Lohn geben und sie nicht sich selbst übcrlaffen.
Auch vielen Söhnen und Töchtern mit höherer Schulbildung wird es jetzt versagt fein, sich einem Lieblingsstudium zu widmen. Wenn sic dafür ihre Zeit zu nützlicher Hülfe im Haushalt oder Bureau benutzen, können sie sich für das Leben praktische Werte schaffen, die nicht unterschätzt werden sollten. Hausarbeit ist Frauenarbeit, auch die Studentin und Künstlerin sollte sie verstehen. Und eine Mutter, die im Augenblick ihrer Tochter die versprochene Ausbildung nicht gewähren kann, tut ein gutes Werk, wenn sie ihr Kind täglich zur Hausarbeit heranzieht. Das hält frisch für die Lebensaufgabe, die der Kampf ums Dasein in Friedenszetten mit sich bringt. Unsere Jugend hat in den letzten Jahren etttett so würdigen Ernst in ihren Bestrebungen gezeigt, daß wir mit Recht annehmen können, sie wird auch den großen Ansprüchen, die in Kriegszeiten an sie gestellt werden, gerecht werden. Und das Wichtigste ist heute, daß wir uns nützlich machen, wo es not tut Das gilt auch für die schulentlassene Jugend! S. Brnidt.
Gegensätze.
Was der Krieg gebracht hat.
Die schneidenden Gegensätze, an denen das menschliche Leben so reich ist, sind wohl kaum je so schars hervorgetrctcn, wie in diesen Tagen. Die ostpreußischen Flüchtlinge, die, all ihrer Habe beraubt, mit den von schrecklichsten Eindrücken noch ersüllten Deelen nach der Reichshauptstadt kamen und sie im prangenden Schmuck der Fahnen sahen, die Verwundeten nicht minder, die vom Grauen des Schlachtfeldes in den Frieden der Städte und Dörfer zurückkehrten, haben diesen Gegensatz am schroffsten empfunden und sich auch mit vollem Rechte darüber geäußert. Allein das find nicht die cinzigcn Kontraste, denen man begegnet. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der sinket sic überall, int Kleinen wie int Großen, in- Haus und Oesscutlichkeit. Die bunt- seidenen S ch l i tz r ö ck e und grellen Hutfedcrn sind ja endlich etwas verschwunden, wenn man ihnen auch noch immer vereinzelt begegnet. Es soll ja sogar vorgekommcii sein, haß eine junge Dante beim Einsammeln von Liebesgaben für das Rote Kreuz in solchem bvpcrmodcrncn Fähnchen einhergcwandclt ist, bis ihr ein Herr sagte: „Ja. mein Fräulein, ich gebe gern etwas für das Rote Kreuz, aber nickt an Damen, die io undeutfck gekleidet
gehen!" Auch in anderen Fällen wirken die „modernen" Fraucuklcidcr cigeitartig. Wie' viele Frauen und Mädchen fing jetzt genötigt, ihre Mahlzeiten in einer- der billigen Volks» spciseaustalten ciuzuuehmeu ober von dort zu holen. Wie viele Frauen müssen ihre Kinder morgens in die Hörle schassen, abends abholcn.
Da gibt es ein seltsam befremdliches Bild, wenn sic in den bunten, engen Röckchen, in grellfarbigen oder weißgestickten Blusen int Kreise der Bedürftigen sitzen, als Bittende kommen. Wer in den als Ausflugsorten be- iuchtcn Vororten Berlins wohnt, konnte in den schönen Tpäksömmcrtagen noch andere Gegensätze sehen. Man merkte wahrhaftig nicht, daß Krieg ist. Viele Taufende und Aberlaufende von Ausflüglern, im schönsten Staat, namentlich halbwüchsige Pärchen, und die Restaurants am Scc gerammelt voll. Die jetzt viel spärlicher gehenden Dampfer kaum imstande, den Andrang zu bewältigen. Und in den Gärten Kuchenberg« und Kaffeekannen ganz wie sonst! Aber ... jetzt kommt der Gegensatz: Wer (tote die Verfasserin auch) für das Rote Kreuz um Spenden bat bei diesen Kuchenschlemmern und Biertrinkern, der bekam es in zehn Fällen neun mal zu hören: „Och, der rote Kreuz? Wir haben allccne nischt!" Es gehörte eine große Portion Selbstüberwindung dazu, nickt spöttisch auszu- rusen: „Solange ihr noch soviel Kuchen essen könnt, habt ihr wohl noch „etwas"!" Und da ich gerade vom Kuihenessen- sprach, so muß ich an die Antwort einer Bäckersfrau denken, als ich staunend fragte: „Aber, soviel Kuchen haben Sie backen lafsen, werden Die denn den los?" Sie sagte: „Wir merken noch nicht, daß Krieg ist!" Und diese Antwort geschah in einem Ja- dustrieort mit unbemittelter Bevölkerung! Es ist ja freilich schwer, sehr schwer, die' Lebensansprüche, die in allen Kreisen saft ins Unge- mesfene gewachsen waren, in der Geschwindigkeit auf etwa die Hälfte herabzuschrauben!
Die Lehrmcifterin Rot; die schon so viel Gutes und Großes in diesen Tagen an der Volksseele getan, wird weiter erziehlich wirken, bis die Gegensätze zwischen Wollen und Sollen sich ausgeglichen haben. Einen Gegensatz freilich hat sie neu hcrvorgcrufcn, der erfreulich wirkt, wenn er auch den Anstrich eines leisen Humors kaum entbehrt: Tas ist das Bild der „modernen Frau", mehr noch der „modernen Heranwachsenden Tochter" mir dem Strick- strumpf in der Hand! Einem Strickstrumpf oft fo grobwollenen und unästhetischen Charakters, daß er fast „geschmacklos" (also nach noch kürzlich herrschender Anschauung verdammcnswert wäre) wenn er nicht geradezu rührend wirkte. Diese grobe Strickerei in den ungeübten, ..der eifrigen Fingern unserer jüngst noch flaniercn- dcn und flirtenden oder studierenden weiblichen Jugend bedeutet eben soviel wie flatternde Siegesfahnen, verlangt nicht weniger Selbstüberwindung und Opfermut, wie die Pflege von Verwundeten! Tiefe Art von Gegeniatz zwischen gestern und heute lasse ich mir w bl gefallen! Ein Gegeitsatz aber ist, bei deut wir Menschen machtlos sind: Das ist der zwischen dem Frieden der spätherbstlichen Natur draußen und der schrecklichen Wirklichkeit des völker- mordcndcn Krieges! Der ist fast so schmerzvoll' und schneidend, wie jener zwischen d>'m noch vor Kurzem so geschwellten Stolz auf bi’ Errungenschaften moderner Kultur und .<?•<'” -ni» tät, und all den Lcbcnsäußerungen der Bestie im Menschen, die schon der Beginn des Krieges zeitigte, zwischen den jahrelang gcpflc.z'cn v c- strcbungen für den allgemeinen Weltfrieden, dio sich nun als leere, unfruchtbare H-rngeipinstc erwiesen haben, und der Allgewalt des h.-reiu- gebrochcnen Weltkrieges! F. Gebhardt.
Die weiblichen Sttaßenbahnschaffner.
Enttänschtc Hoffnungen der Frauenwelt.
Als in den ersten Wochen nach Ausbruch des Krieges an Stelle der zu den Fahnen geeilten Straßcnbahnfchaffttcr deren Frauen oder Töchter in den Stkaßenbahnwa- aen vieler Großstädte erschienen, um einen Dienst zu verrichten, der bei uns in Deutjch- land bisher nur von Männern ausgcübt wurde alaubte man in Fraucnkrcisen die größten