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Sonntag, 4. Oktober 1814.

». sayrgang^

Stummer 44.

Wochenbeilage zu den Kasseler Neuesten Nachrichten.

69ir falten nnf'rr Hände Jm erftrii JHorgrnlidjt And flehen: Herr Gott, wende Lu uns dein pngeflcht. Senn nur drin Segen hindert Len Sieg von pacht und peiü, pur deine Güte lindert Les Krieges Last und Leid.

Kriegs-Sitte.

Wir falten unf're Hände Leim Mittagsglockenlilang: fin Leichen, Herr Gott, sende Durch diesen öÄaffengang, Satz alte, deutsche Treue And deutschrs Gottvrrtrau'.i Jm Glauben sich erneue. Weit fest auf dich wir bau'«!

SAir falten uus're Hände Jm letzten Abendrot And bitten: Herr Sott, sende Sem Sruder nicht den Tod! And mutz sein ßlut doch färben Ser wrlschen Erde Grund, Sa preise noch im Sterben Sich, Herr, sein bleicher Mund!

Besser als von deiner Kugel!

Die Wachtelubr im Nebenzimmer schlag drei. Gleichzeitig rasselte der Wecker. Nun war er also doch noch eingeschlafen. Eine unruhige Nacht war vorüber. Bis hart an ein Uhr hatte er drüben aief dem Schreibtisch alles in Ord­nung gebracht. Der Bursche brauchte, wenn er von der Waldwiese Hinterm Auer, einem ein­samen Försterhaus in der Heide, nicht mehr Heimkehren würve, nur die Befehle auszu- führen, die er ihm klar aus dem üblichen Tages­zettel ausgeschrieben hatte: Vor allein die Ab- :m,iedslb:ie,e avsenoen an die Mutter und die Schwester. Das andere war schon Nebensache. Was hat ein junger Leutnant viel in seinem letzten Willen zu bestimmen! Auster den beiden, der Mutter und der Schwester, liebte er nur noch seinen Beruf. «

Nun mußte er, wenn das Schicksal gegen ihn war, auf olle drei verzichten. Dann hatte er aber wenigstens das Letzte, seine Ehre, ge­rettet. Und .zugleich die seiner Schwester. Denn um ihretwillen ging es in einer Stunde drau­ßen im Walde auf Leben und Tod. Wenn er sich's noch einmal, wohl schon zum hundertsten Male, überlegte, wie es gekommen war, und vb es anders hätte sein können, wenn er im Kasino dem Oberleutnant Grisenius vorgestern abend nicht daS Wort »Unwürdiger!" an den Kohs geworfen hätte, so kam er doch immer wieder zu dem Endresultat: Du mußtest so handeln! Sonst wäre dec Name von Prohlis, den sein Vater als Mitkämpfer von 1870 in hohen Ehren getragen halte, bis zmn Tode nicht mehr unbefleckt gelvesen. Er erinnerte sich noch klar aller Einzelheiten des Vorganges, sah die Runde der Kameraden um die Pfirsich- bowle geschart, hörte den Rittmeister erzählen, daß es .verdammt sengerich" stehe mit dem Frieden; des Deutschen Reiches Schicksals- stuiide sei vielleicht näher, als man glaube. Da hatte eine unbändig« Freude die vom Reiter­geist beseelt« Runde ergriffen; man stand ja hier in der Rheinprovinz in vorgeschobener Position, gewissermaßen das ganze Jahr hin­durch auf Vorposten gegen den Feind. Und dann lvar auf einmal am anderen Ende der Tafel der Name seiner Schwester gefallen, dort, wo Oberleutnant Grisenius saß, der als zu­künftiger Verlobter seiner Schwester galt. Er hatte ausgehorcht; man sprach da unten von allem Lieben, was man im Kriege zu Hause lassen müsse. Und dem jüngsten der Leutnants hatte Grisenius gerade zur Antwort gegeben: »Da werden wir um die Nottrauung wohl nicht bcrumtommeit." Da wirbelten Kurt von Proh­lis die Sinn«. Nottrauung? Das Wort hatte «r noch nie aebört: aber keinen Sinn abnte er.

Krlegsnovelle, von Georg Müller.

Das .wäre ja... Seine Schwester sollte... Ah! Und Grisenius entblödete sich nicht, im Kreise der Kameraden davon auszuplaudern! Hier ging's um alles. Und als von da unten jetzt Lachen erscholl, da war er aufgesprungen, hatte Grisenius herausgebeten und, noch ehe es jein Freund, der Oberleutnant Frobbing. hindern konnte, ihn einen Unwürdigen genannt. Der Vorgang hatte sich so schnell abgespielt, daß eine Aufklärung gar nicht mehr möglich war.

Erst gestern vom Ehrengericht war sie er­folgt. Da hatte er seinen Irrtum einsehen müssen, daß der Ausdruck Rottrauung sür Kriegstrauung gebraucht worden war, wie sie während der Mobilisierung von vielen Braut­paaren vorgenommen wurde. Wohl hatte der junge Leutnant von Kölpln angegeben, daß auch er unter dem Ausdruck eine Indiskretion des Oberleutnants Grisenius verstanden hätte; aber das Ehrengericht konnte nicht nachweisen, daß die Bezeichnung gang und gäbe sei. Stand also noch die schtvere Beleidigung: »Unwür­diger!" zur Verhandlung, vor vielen Zeugen ausgesprochen. Damit war die Forderung auf Pistolen begründet, der Duellfall nach dem Ehrenkodex gegeben. Mildere Bedingungen brachte das Gericht zustande.

Nun ging's also hinaus in den herrlichen Iulimorgen, vielleicht den letzten. In einer halben Stunde würde Frobbing Vorfahren. Er war gerüstet. Noch fügte er dem Abschiedsbries an seine Schwester, die natürlich ohne jede Kenntnis über den Vorfall geblieben war, ein paar liebe Zeilen hinzu, wie sie ihm die gerade­zu sonntägliche Ruhe dieses Morgens eingab. da vernahm fein Ohr durch die offenen Fenster das Klirren von Sporen und Säbelgerassel aus der Straße. Was sollte das? Jetzt schon? Und zu Fuß? Nun schellte es auch. Er sprang zur Tür. Da stand Frobbing vor ihm, sah ihm starr ins Auge und drückte ihm die Hand, als sollte er sie nimmer lassen.

»Was ...was ist... ?*

Der andere drückte die Tür hinter sich ins Schloß, legte beide Hände dem Erstaunten auf die Schultern und sagte nur «in Wort: Krieg!" ...

Daun fasten sie am Schreibtisch, und Frob­bing erzählte alles. Man sei gestern abend im Kasino gewesen, plötzlich habe der Komman­deur unter ihnen gestanden mit einer Depesche: Deutschland im Kriegszustand! Da sei ein Jubel losgebrochen, den der Kommandeur kaum hätte dämpfen können. Es sei noch keine Kriegserklärung, keine Mobilisierung, aber ein bedeutsames Sturmzeichen. Lang« habe man beraten, bis von Kölvin mit einem Male los­

geplatzt sei:Was wird denn bloß mit Prohlis und Grisenius?" Da habe man sich ratlos an­gesehen. bis der Kommandeur jeden ZweisÄ beseitigt habe: »Es gibt keine Differenzen mehr, meine Herren! Es gilt nur dem äußeren Feind! Die Herren Sekundanten haben den Zweikampf unbedingt zu verhindern. Ich mach« Sie verantwortlich dafür!"

Die Ehrenrichter seien noch in dieser Rächt in Kenntnis gesetzt worden. Und nun habe e« sich seines Auftrages zu entledigen, dem Herrn Oberleutnant von Prohlis unverzüglich nach der Kaserne zu bitten."

Einhalb fünf Uhr, zur selben Zeit, da draußen am Auer die Schüsse fallen sollten, reichten sich im Bibliothetsziinmer des Kasinos zwei Offiziere vor Zeugen die Hand mit mann­haftem Druck....

Drei Wochen später. Eine Fernpatrouille, geführt von den Oberleutnants von Prohlis und Grisenius ... sie hatten sich beide frei­willig erboten ... streift durch morgenfrischen Wald in Feindesland. Vor dem Ausritt haben sie noch gemeinsam eine Feldpostkarte geschrie­ben, die die Adresse trug:Frau Grisenius, geb. von Prohlis!" Denn am Anfang voriger Woche hatte der Garnisongeistliche die Kriegs- trauung vollzogen.

Doch nicht die Gedanken rückwärts gelenktI Alle Sinne jetzt aus den Feind. Richtig! Hinter der Lisiere z'ur Linken die ersten Reiter. Da ftejtxr, der Gegner. Run nnbeinerkt zurück! Da fallen Schütze, halbrechts aus dem Busch. Sie sind entdeckt! In Karriere rückwärts! Zwei Pferde sind gestürzt. Run fallen di« beiden anderen Ulanen. Gurt an Gurt galop­pieren die beiden Offizier-Pferde über bi« Felder, hinunter in die Talniedernng. Da ... ein heller Knall ... Shirt faßte nach dem Hals. Blut ... schon schwankte er Grisenius greis* ihm in den Zügel, will die Pferde parieren.

Nein, nein, laß ... reit zu, daß wenigstens einer..." Da sinkt er schon.

Soldatenpslicht ist hart. Es gilt, die Mel- düng hineinzubringen, um jeden Preis. Dir Bäume schützen. Im Rn ist Grisenius hernnte, vom Pferde, bettet den Schwager am Baches, rand. drückt dem Sterbenden einen Kuß ans die Stirn.

»Grüß' sie ... besser als Von deiner Kugel." Das ist das Letzte, was die Lippen sprechen. Dann sprengt ein einzelner Reiter in bei Deckung des Waldes das Tal hinunter...

Dem Oberkommando meldet zwei Stunde» danach der Feldtelegraph:Fernpatrouille frrt Feind bei Forst La Roche sestgestellh"