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MtL DdsHrchten.

6. Die verrückte Dorfuhr.

(Nachdruck verboten).

Zu der Zeit — es war vor etwa 70 Jahren — lehrte in Bellings, malerisch am Fuße der stolzen' Kuppe des Bellinger Berges, eine halbe Stunde vom Kinzigtal aufwärts, am nördlichen Abhänge des Spessarls gelegen, Heinrich Döringer. Unter Mittel­größe, schmal, etwas engbrünstig, mit einer großen Nase begabt, war er, was man einen Vocativus nennt, der es faustdick hinter den Ohren hatte. Da er der Eigenschaften, welche weiland Kurfürst Friedrich Wilhelm von Hessen von seinen. Soldaten forderte, er­mangelte, so wurde er militärfrei, kam nach Absolvierung des Seminars nach Bellings und unterrichtete allda die Jugend in den notwendigen und nützlichen Kenntnissen, als da sind: das Vater unser, die heiligen 10 Gebote unv der christliche Glaube, Lesen, Schreiben und Rechnen. Auf höhere Schnurrpfeifereien, als da sind Regula detri, Regula quinque oder gar Regula falsi und Knallefallität, Wissenschaften, die ihm selbst Schwierig­keiten bereiteten, ließ er sich prinzipiell nicht ein. Er galt für den gelehrtesten Mann des Dorfes, und er war es auch; denn der Pfarrer wohnte in Hohenzell und das Dorfoberhaupt machte 3 Kreuze. Als Junggeselle wurde er nach damaligem Brauch von den Bauern reiheum gehalten. Es war an einem herrlichen Maitage, alles stand in üppiger Pracht, und um das rote in einem großen Garten gelegene Bellings fächelten laue Lüfte den Duft der in zartem Rote prangenden Acpfelblüte. Heinrich Döringer stand am offenen Fenster und gab sich ganz der Wonne des deutschen Frühlings hin. Er hatte heute bei dem reichsten Bauer gut und reichlich gespeist — Sauer­kraut mit Erbsenbrei und Dörrfleisch, darauf ein zarter Hirsebrei in Milch gekocht — mit einer prächtigen Haut — die Schule für den Nachmittag ausgesetzt — wer fragte darnach, und der Schul- inspektor Stamm kam heute gewiß nicht. Jetzt schmauchte er mit Wohlbehagen seinen Bauermeister, blies die lichtblauen Ringel das Tal hinunter und dachte mit glücklichem Lächeln an seine Braut, das rothaarige Molchen. Da, es war kurz vor 2 Uhr, be­wegten sich 2 lange Beine und eine lange spitze Nase in einem erhitzten Gesich'e, überhaupt ein langer, langer Mann, der Schul- inspektor Seminardirektor Stamm, das Tal herauf. Heinrich Döringer fiel vor Schrecken fast in Ohnmacht. Es war wirklich Direktor Stamm. Was nun anfangen? Aber Döringer war ein Mann, der auch in den kritischsten Stunden, das hat er später in seiner Ehe wiederholt bewiesen, die Geistesgegenwart nicht verlor. Der Nachmittagsunterricht fing um 1 Uhr an und war um 3 Uhr zu Ende. Rasch entschlossen lief er hinauf und ließ die Dorfuhr drei schlagen. Stamm kam an, Döringer ging ihm entgegen und begrüßte ihn mit gehorsamster Hochachtung. Es entspann sich folgender Dialog: „Guten Tag, Herr Lehrer". Stamm sprach immer in hohem Tenor. „Guten Tag, Herr Direktor." „Ich wollte Sie einmal in Ihrer Schule besuchen, und nun sehe ich zu meinem Schrecken, Sie haben schon 3 Uhr". — „Ja, Herr Direktor, wir haben drei Uhr. Geht die Uhr nicht recht? Jst's nicht so viel?" — „Nein, Ihre Uhr muß verrückt sein, sie geht gerade 1 Stunde vor. Es ist jetzt erst 2 Uhr". — „Ich danke dem Herrn Direktor, verzeihen Sie, dann will ich sie gleich zurechtrücken". — Damit lief Henrich hinauf und ließ die Uhr wieder 2 schlagen Dann enschuldigte er sich und bedauerte, daß die Schule schon aus sei. Stamm erwiderte: „Was können Sie dafür, wenn die Dorfnhr verrückt ist. Kommen Sie mit, wir wollen Herrn Willmann in Niederzell einen Besuch machen". — Willmann war höchlich überrascht und fand keine Erklärung für die ihm gewordene Ehre. Beide begleiteten den Direktor nach Schlächtern. Auf dem Rückwege erzählte Döringer mit einem Spitzbubengesicht sein Erlebnis mit Stamm. Willmann wollte bersten vor Lachen und sagte: „Heinrich, du bist ein ver­fluchter Kerl; wenn aber Stamm jemals erfährt, was du ihm heute für einen Streich gespielt hast, so ist's um Dich geschehen!"

Stamm erfuhr nichts. Döringer ließ si ’’ später nach Praun- heim versetzen. Hier hat er dem Verfasser die Geschichte erzählt, er ist längst versammelt zu seinen Vätern ; seine Gebeine ruhen auf dem Friedhofe zu Prannheim. —

Frankfurt a. M. Philipp Lotz.

Has alte Haus.

Hakt ein Häuschen an der Mauer, Schiefgegiebelt, zeitgebückt, Siech von seiner Jahre Dauer Steht's aus Nachbarhaus gedrückt.

Sein Gesicht zeigt manche Falte, Die das Leben ihm gebracht, Doch mich dünkt es eine Alte, Die sich stolz ins Fäustchen lacht. •

„Seit so vielen grauen Jahren Harr' ich an der Mauer aus, Habe Glück und Leid erfahren, Und bin nun ein altes Haus.

Bin vom jungen Volk verachtet Und es sieht mich nicht mehr gern; Wer mit Liebe mich betrachtet, Der ist heute unmodern.

Und doch kannt' ich Eure Väter, Nasemveises Junggezicht, Und ich lebe noch, wenn später Längst von Euch kein Mensch mehr spricht!"

Doch da hat das Häuser-Altchen Zu vermessen sich verträumt, Denn ein ganz modernes Feuer Hat es jüngstens weggeräumt.

Helene Brehm.

Heimatpost.

Die 2. Generalversammlung fand am 27. Februar statt. Viele mußten umkehren, weil der Saal ü6 erfüllt war. Herr Landrat Valentiner sprach über: „Unsere Jugend und unsere Heimat", Herr Pater Pastor Fuchs aus Salmünster über „Ein Besuch in Salmünster 1710"; Herr Pfarrer Seyb trug Gedichte in Wetteraucr Mundart vor, der Seminarchor Volks­lieder. Ein prächtig gelungene Veranstaltung, hoffnnngsfrohe Säelcute und gute Saat! Ihre Vorträge hoffe ich in „Unsere Heimat" bringen zu sönnen Im verflossenen Winter fanden zwei Theaterabende des Rhein-Mainischen Verbandstheaters statt.

Unser Bund wächst langsam aber stetig.

Als erste Sondergabe erhalten die Mitglieder nächstens eine wertvolle Arbeit des Herrn Dr. Sauer, als zweite den gedruckten Vortrag des Herrn Landrats. Der Schl. Ztg. werden diese Sondergaben nicht beigelegt.

Neu traten von außerhalb des Kreises wohnenden Freunden bei:

105 Herr Lehrer Weitzel in Mäckelsdorf.

106 „ Ferd. Jung in Frankfurt a. M.

107 Frl. Josephine Grau in Fulda.

108 Herr Geh Regierungsrat Dr. Heußner in Kassel.

109 „ Staatsanwalt Heußner in Cassel.

110 „ Schulrat Lotz in Dillenburg.

111 „ Oberleutnant Graf v. Brandenstein-Zeppelin in Ulm.

112 Frl. Sophie Wagner in Jena.

113 Herr Candidat Hattendorff in Fulda.

114 „ Kaufmann Habig in Frankfurt a. M.

115 „ Sattler Heinrich Pauli in Barmen.

116 „ Landesbibliothek-Sekretär Jacobi in Kassel.

Unsere Heimatbund-Sammlung konnte gelegentlich der Kreis- hauseinweihung zum erstenmal gezeigt werden. Die Stadt Schlüchtern hat ihre Sammlung uns überlassen. Herrn Bürger­meister Albrecht fei herzlich dafür gedankt! Wer hilft weiter?

Flg.

Als Manuskript gedruckt. Verlag des Heimatbundes. Für die Schriftleitung: Lehrer Flemmig in Schlüchtern. Druck von C. Ho h Meister in Schlüchtern.