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Es kann uns nicht wundern, daß die geplagten Stadtväter unter solchen Verhältnissen die Bayern in's Pfefferland wünschten und z. B. der Befehl des Kom­mandierenden, nach einer bei Hattenhof vom Muni­tionswagen des 2. Bat. des Kgl. Bayr. 4 Jnf.-Rgmts. Gumppenberg gestohlene Wagendeichsel zu fahnden, nicht befolgt wurde.

Eine sehr häßliche Begleiterscheinung jener Nottage waren zahlreiche Denunziationen, die beim Kurfürst!. Verwaltungsamte einliefen und bezweckten, die Besitzer von Heuvorräten der Behörde zu verraten. Zahlreiche Händler, die gehofft hatten, mit dem im Sommer eingekauften Heu hu Frühjahre ein gutes Geschäft zu machen, wurden durch die Beschlagnahme ihres Eigen­tums geschädigt, so Heinemann und Sichel, Herz Nußbaum, Jakob Stern, Viktor Wolf u. a. Dem Verfahren des Klosteramtmanns Lorenz, der durch Zwischenhändler größere Mengen Hafer und Heu zu Spekulationszwecken in Schlüchterns Umgebung auf­kaufen ließ, mußte der Bürgermeister im Hinblick auf die traurige Lage der andern wehren. Vergebens bemühte sich der letztere auch, die drohende Einquar­tierung beim Rückzug der Bundestruppen abzuwenden. Er stellte den Ruin der hiesigen Posthalter in Aussicht und weigerte sich schließlich unter Berufung auf Be­stimmungen des „Landfolgedienstes, neue Fahrgelegenheit zu requirieren". Die Aufstellung der Liquidation nach Beendigung der „Bequatierungszeit" war eine sehr schwere Arbeit, die dem Emil Hadermann übertragen wurde und die, als dieser erkrankte, stockte, was fort­während Erinnerungen eintrug. Am 6. August 1852 (!) war sie endlich fertig. Die hauptsächlichsten Zahlen aus der Rechnung sind schon oben genannt worden. Es ist nun hocherfreulich, zu sehen, wie sich auch nach diesem Unglück — denn das war die Einquartierung für unsere niemals reiche Gegend — Helfer fanden, die denen, welche am meisten gelitten, in ihrer Not beisprangen. In der „Frankfurter Oberpostamts-Zeitung" vom 7. Januar 1851 erließen edle Männer nachstehen­den, hier wörtlich wiedergegebenen

Aufruf:

Unter allen denen, welche durch die Vorgänge in Kurhessen hart betroffen worden sind, verdienen gewiß die Bewohner der ärmeren Theile des Kurfürstenthums, aus welche die Hauptlast der militärischen Besetzung des Landes gefallen ist, eine vorzügliche Berücksichtig­ung. Die fast unerschwinglichen Kosten der Einquar­tierung haben beim Anfänge des Winters ihre ohnedies geringen Hilfsmittel erschöpft. Mit der sich nahenden Kälte klopft die Noth in der bittersten Gestalt an ihre Thüre. Sollte, was wir Nichtwissen, ihnen eine jeden­falls unzulängliche Entschädigung zu Theil werden, so ist die Aussicht darauf eine entfernte, vielleicht täuschende. Diesen hart Bedrängten wünschten wir die allgemeine Mildthätigkeit zuzuwenden. Für die Glücklichen und Bemittelten ist es Pflicht des Nächsten, armen, von Kälte und Mangel bedrohten Familien hilfreich zur Seite zu stehen. Wir aber haben es uns zur heiligen Aufgabe gemacht, uns hierbei nicht nur selbst zu be- theiligen, sondern auch uns bereit zu erklären, die Bei­steuer anderer Mildthätigen anzunehmen und sie ihrer

Bestimmung zuzuwenden. — Möge dieser Aufruf die Aufmerksamkeit erregen, die der Gegenstand verdient! Beiträge an Geld nud sonstigen zweckdienlichen Gegen­ständen wolle man in die Behausung der Unterzeichneten abgeben. Ueber die empfangenen Beiträge wird öffent­liche Rechenschaft abgelegt. Bei der Verwendung wird das Comitee sich mit allenfalls in Hessen sich bildenden Vereinen zu gleichen Zwecken in Verbindung setzen, jedenfalls aber vor derselben durch persönliche Einsicht einzelner oder mehrerer seiner Mitglieder sich von der Art und Weise überzeugen, wie die Gelder und Gaben zweckmäßig zu vertheilen sind, wobei das Comite es sich zur besonderen Pflicht machen wird, daß bei dieser Vertheilung nur die wahre und wirkliche Noth Berück­sichtigung findet.

Frankfurt a. M., 3 Januar 1851.

Das Comitee.

Vom Ertrag der Sammlung entfielen auf die Stadt Schlüchtern 630 Gulden, wozu noch 300 Taler kamen, die zwei Kasseler Damen gestiftet hatten. Bei der Verteilung der Summen gings natürlich auch nicht ohne einen gelinden Krieg ab. Den edlen Helfern aber gingen voran Franz Bernus du Fay und Andreae-Schmidt in Frankfurt a. M. Es ziemt sich, daß auch die Enkel den Hut ziehen, wenn diese Namen genannt werden; denn ihre Träger haben unseren Groß- eltern geholfen, als sie litten!

Die Enkel aber haben, denke ich, alle Ursache, zufrieden zu sein mit ihrem Los, wenn sie's vergleichen mit dem ihrer Voreltern, obgleich die gebratenen Tauben heute noch nicht in der Luft umherfliegen. Steuern wurden auch damals schon bezahlt, die .Bequartierung" war ja nur ein „Zuschlag". G. Flemmig.

Ueber ehemalige Tracht und Kleidung der Bewohner des Kreises Schlüchtern.

(Von Lehrer Wolfgang Schmidt in Jossa).

Was die Kleidung und Tracht der ländlichen Be­völkerung unseres Kreises betrifft, so läßt sich auch hier, wie vielfach an anderen Orten, nur noch von Dahingeschiedenem berichten; von den ehemaligen Trachten ist nicht mehr viel Eigentümliches vorhanden, und auch diese letzten Reste „schwindender Tracht" werden mit ihren derzeitigen Trägern nach und nach zu Grabe getragen —

Vor 50—80 Jahren, als der alte Kernspruch: „Selbstgesponnen, Selbstgemacht, rein dabei ist Bauern­tracht", noch seine volle Gültigkeit hatte, war das freilich anders. Obwohl man damals wenig oder nichts von Maschinenspinnerei und -Weberei re. wußte und die mannigfachen Arbeiten, die zur Herstellung der Kleiderstoffe erforderlich, viel mühsamer und be­schwerlicher waren als heute, so ließ man sich dadurch nicht abhalten, sie wurden in jedem Bauernhause selbst­gemacht. Flachsbau, Schafzucht, Spinnen, Weben und Färben standen in hoher Blüte. Derartige handge- machte, sogenannte „Hausmacher"-Stoffe, hatten eine ganz andere Widerstandsfähigkeit und Dauerhaftigkeit,