auf der Schenk hatten. Dem Jahrtag der Bäcker, der auf den 6. Januar, Heilige drei König, fiel, folgte immer nach altem Herkommen ein Ball, auf dem nur Meisterinnen und Meisterstöchter tanzen durften. So war es auch 1843. Was sollte nun werden?Die hübschen Mädchen — Fräulein gab es erst seit 1848,— wollten tanzen aber ihre Bursche guckten hinter den schweren Traljen am „Häuschen" hervor. Verschiedene Anläufe seitens der Jungfrauen, für den Abend Dispens für die Gefangenen zu erlangen, scheiterte an der Starrköpfigkeit, vielleicht auch am Pflichtgefühl des alten Gerichts- dieuers und Gefangenenwärters Romeiser. Er wies die Mädchen streng ab. „Spart eure Müh'; sie bleiwe denn; sie komme niet raus!" schnauzte er sie ab. Diese so unschuldig dreinschauenden Mädchen ersannen aber ein teuflisches Werk und führten es mit einem Raffinement und einer Verschlagenheit aus, die dem alten Romeiser hart an's Leben ging. Am Spätnachmittag des Heiligen Dreikönigstages, die Stadtuhr zeigte eben i/sß, gingen bei bitterer Kälte vier prächtige Bürger- und Bäckerstöchter mit großen gefüllten Henkelkörben kichernd und schäkernd die Obergasse hinauf nach dem „Häuschen" zu. „Wird er's uns abnehmen?" fragte das blonde Kathrinche. Er nimmt's, wann er uns sieht und den Braten riecht", antwortete die dralle dunkeläugige Bette. Im Häuschen war's zu beiden Seiten noch dunkel. Laut dröhnte der Klopfer an der Türe durch das Haus, „Wer is da?" rief es aus dem geöffneten Fenster zwischen den Traljen durch. „Mir, Herr Romeiser, mir wolle ihm e Nachtesse breng." „So. no wart, ich mach auf." Die Schlösser fielen und knarrend öffnete sich die schwere eichene Haustüre. Vor Romeiser standen die 4 Evastöchter mit ihren Henkelkörben und den unschuldigsten Gesichtern von der Welt. „Was wollt ihr?" Ach, er is so gut mit onsere Leut, da wolle mir'm e Nochtesse bring', er würd uns doch erlawe, daß onsere Bursch' dann nach ebbes krieche?" Romeiser zog die Nase in die Höhe, er schnupperte den Beatenduft. „Kommt hrei, ich mach Licht!" Sie deckten den Tisch und kramten ihre Körbe aus. Was kam da hervor! Ein prächtig gebräunter Kalbsbraten mit bitterer Sauce, eine Schüssel mit gerösteten Kartoffeln, eine Platte mit Güldenschnitten (Weckschnitten), dick mit Zucker und Zimmet bestreut, eine Schüssel mit ausgestoßenen Borsdorfern und zum Schluß: „Do hon mer aach e Boutell' Bettern, er trinkt cn joa gern!" Das war Romeisers Leibschnaps und schlug bem Faß den Boden ans. „Ihr Mäderche, woas seid er so brav, daß ihr oa mich denkt. Eure Bursch könnt'r soviel gebreng, bie'r wollt, nur hraus derfe sie niet." — „Joa, Romeiser, etz eß und trenk' er, doas Geschirr hole mer murje." Der alte Lecker hatte keine Ahnung, in welche Falle er ging. Die Mädchen sagten: „Gute Nacht!" und zogen kichernd ab Romeiser machte sich an die Arbeit. Himmel, hieb der ein! Er verzog lächelnd den Mund, zwinkerte mit den Augen, liebäugelte mit der Flasche und kaute aus beiden Backen. Kalbsbraten, Kartoffeln samt Sauce, Schnitten und Obst verschwanden nach und nach, dazwischen sprach er fleißig dem Bittern zu. „Brrr, dammich! is better, aber er is echt und gesond. Eigentlich e wenk vill, aber es fchoadt nix, mir hon's niet alle Toag so." Armer Kerl, hättest dn eine Ahnung gehabt, du hättest die Herrlichkeiten nicht angerührt. Die bittere Sauce war mit Sennes- blältern gemacht, die Borsdorfer waren mit Sennesblättern gekocht, und der schlitzöhrige Apotheker, der gelegentlich einer Schlittenfahrt sich mit einem großen Plakat am Schlitten als „Doktor- Eisenbart" präsentierte, hatte mit den Mädchen im Bunde eine Flasche stark mit Aloe versetzt hergerichtet, ein Getränk, das angenehm bitter von Geschmack, aber geradezu entsetzlich in seiner Wirkung war. Die Schüsseln waren geleert. „Ich wäß niet, ich hon e wenk zu vill gesse, ich spür e wenk Leibweh, schoad't nix, muß noch in Schnaps trenk, dann gilt sichs." Und damit setzte er Bittern auf Bittern, bis die Flasche leer war. Sennesblätter und Aloe fingen langsam aber entschieden an zu wirken. Romeiser stand auf; er ging in der kleinen Stube hin und her; er stellte sich ans Fenster und trommelte an den Scheiben. Es wurde ärger, der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn. „Dammich, doas läßt niet noach". Schneiden und Reihen nehmen zn. Romeiser sank auf einen Stuhl, schlug beide Arme über dem Leib zusammen, er krümmte sich, stöhnte und fing endlich an, vor Schmerzen laut zu brüllen. Der Boländer — er ging später nach Amerika — guckte verschmitzt zur Türe herein. „Romeiser, boas is dah?" „Ich hall's niet aus! Ich sterb!" „Ich hol der Doktor, Ihr hoat die Cholera!" Und damit nahm Boländer die Schlüssel und fort Da die Türe nunmehr offen stand und Romeiser bei seinen furchtbaren Schmerzen Gefangene
Gefangene sein ließ, so verließ die ganze Gesellschaft das Loch. Der Boländer wußte wohl, wo der Dokwr, es war der ehrwürdige Dr. Zinkhan, zu finden war, bei Johannes Schäfer in der Schmiedsgasse. Hier war den ganzen Tag Gesellschaft; hier wurden all die losen Streiche ausgeheckt, auch die Pasquille verfaßt- D^. Zinkhan hatte als freiwilliger Jäger den Feld- zug gegen Frankreich mitgemacht. Auf einer prächtigen schlanken Gestalt saß ein geistreicher Kopf mit kurz gehaltenem Schnurr- bart. Das Haar fiel in langen Locken auf die Schultern. Ertrug einen langen, grünen Rock; sein steter Begleiter war die lange Pfeife. Bei der Bürgerschaft stand er in hohem Ansehen, zumal er alle seine Patienten umsonst behandelte. Der Boländer stürmte ins Zimmer. „Herr Dokter, komme Se gleich mit; der Romeiser im „Häusche" hat die Cholera!" „Was? die Cholera?" rief Dr. Zinkhan und ging sofort mit. Unterwegs erzählte ber Boländer: „Herr Dokter, der Romeiser hat 4 Pond Kalbsbroate, e Schüssel mit geröste Kadoffel, Gölleschnitte, Burschtäbbel gesse onne Botel! Schnaps dazu getronke. Etz hoat er die Cholera? „So", sagte Dr. Zinkhan, „das ist ja arg". Von weitem schon hörten sie Romeiser schreien. .Ach Herr Dokter! hon ich die Cholera? Muß ich sterb? Ach, du großer Gott, ich hall's niet aus". Dr. Zinkhan untersuchte ihn, sah lächelnd und mit Staunen die leeren Schüsseln und die Schnapsflasche, beroch diese, nickte mit dem Kopf und sagte: „Wo hat Er denn das Essen und den Schnaps her?" „Ja, Herr Dokter, doas hommer die Mäderche zum Roachtesse gebroacht." „So", sagte Zinkhan, „wir wollen sehen, ob Er noch zu retten ist. Ich verschreibe ihm etwas, davon nimmt er alle Stunden einen Eßlöffel voll. Es schmeckt nicht gut; aber es muß genommen werden, sonst ist er verloren." Er schrieb ein Rezept: Oleum rieini, das 6 er Boländer sogleich in die Apotheke trug. „Herr Doktor muß ich niet sterb? Ich dünn ja alles." „Wenn Er folgt, reißen wir ihn noch einmal heraus. Der Boländer bleibt die Nacht bei Jbm. Morgen früh sehe ich nach.- Und damit ging er. Der Boländer besorgte das Rezept und gab, um schn-ller davon zu kommen, nicht alle Stunden, sondern alle halbe Stunden einen Eßlöffel voll. „Es wirkt besser," meinte er; daran war ihm eigentlich weniger gelegen, aber er wollte zum Tanz, wenn er auch seines rechen Beines wegen kein beliebter Tänzer war. Romeiser schüttelte sich und verzog den Mund; aber der Boländer hielt ihm die Nase zu und es half alles nichts, er mußte dran. Um 10 Uhr uahm Romeiser den letzten Löffel Oleum rieini; ber Boländer zog ab und erstattete Bericht auf der Schenk. Während sich die Paare in Reigen drehten und lachend und scherzend sich des gelungenen Streiches freuten, verbrachte Romeiser unter Aechzen und Stöhnen eine furchtbare Nacht. Manchmal fing er vor Schmerzen an zu toben, sodaß der Nachtwächter hereinkam. „Romeiser, boas is Euch dah?" „Ach, Hannadam, ich hoan die Cholera, du wirscht fern, ich muß sterb. Murje früh kömmt de Doktor wieder. Dammich, Dammich! boas das schneidt. Es brengt mich öm!" Es brächte ihn aber nicht um; er starb nicht; erkämpfte sich die Nacht durch und gegen Morgen fühlte er eine kleine Erleichterung. Die Gefangenen stellten sich rechtzeitig ein, und als um 9 Uhr Dr. Zinkhan kam, fand er Romeiser bleich und sehr angegriffen auf einem Stuhl sitzend. „Na, Romeiser, wie gebts?" „Ach, Herr Dokter, ich sein gar zu elend, mir is goar zu schlecht!" Schadt nichts, Er ist gerettet; Er bekommt jetzt 2 Tassen starken Kamillentee. Romeiser schüttelte sich „Hilft nichts, er muß genommen werden, heute mittag und heute abend eine leichte Schleimsuppe. Nur keine Dummheiten gemacht, sonst ist alles umsonst. Kriegt er einen Rückfall, dann ist Er verloren!" „Ach Herr Dokter, ich dnnn joa alles, bann nur die Schmerze niet wieder komme". — Am Vormittag schon war die Mär in ganz Schlächtern verbreitet.' Alles lachte und freute sich des gelungenen Streiches. Nach 2 Tagen war Romeiser wieder hergestellt; er schwur Stein und Bein, er hätte die Cholera gehabt und Dr. Zinkhan habe ihm das Leben gerettet.
Das war die Cholera in Schlächtern am Heiligen Dreikönigstagstag anno 1843.
Frankfurt a. Mai, 12. März 1910. Ph ilipp Lotz.
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Als Manuskript gedruckt. Verlag des Heimatbundes. Für die Schriftleitung: Lehrer Flemmig in Schlächtern. Druck von C. Hohmeister in Schlächtern.