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darüber freuen, wenn das vorn Hundsgraben oder der sauren Platte herschleichende hühnermordende Fuchsge- sindel oder der für das Geflügel so gefährliche Habicht weggeschossen und vertilgt werden? Dem praktisch rech­nenden und für gefühlvolle Anwandlungen nicht zu­gänglichen Landwirt kann man einen derartigen Wunsch durchaus nicht verdenken, aber zu weit geht der Landbewohner, wenn er bei Ausgängen über Feld seine Kinder dazu anhält, jede über den Weg kriechende Schnecke zu zertreten und jede Eidechse oder Blind­schleiche tot zu schlagen, ganz abgesehen von dem moralischen Schaden, den er durch solche Maßnahmen dem jugendlichen Gemüt verursacht. Mit Recht klagt man nicht erst in der letzten Zeit, sondern schon seit mindestens 30 Jahren über die Tatsache, daß gerade diejenigen Vögel, welche bei den alten Deutschen in besonderem Ansehen standen, wie zum Beispiel Schwarz- specht, Uhu, Kolkrabe, Tannenhäher und Wiedehopf aus den meisten Gegenden Deutschlands verschwunden sind. Nicht nur aus idealen, sondern auch aus prak­tischen Erwägungen bedauert man die Abnahme nütz­licher Singvögel infolge des AbholzenS der Wälder und des Ausrodens der Hecken und Sträucher auf unsren Feldern, Fluren und Wiesen. Es steht außer Zweifel, daß im Lauf der Zeiten eine Aenderung des Bestandes der Tierwelt auch im oberen Kinzig- tal und den angrenzenden Gebieten stattgesnnden hat. Tiere, die dem Menschen direkt gefährlich werden können, gibt es außer der selten vorkommenden Kreuz­otter glücklicherweise nicht in unserer Heimat. In dem Teufelsloch bei Steinau wurden Gerippe einer noch nicht sehr lange ausgestorbenen Wolfsart gefunden. In der Reformationszeit noch hausten im Kreis Schlüchtern Wölfe. So berichtet Ulrich von Hütten, daß er sich als Knabe aus der Steckelburg vor dem Geheul der Wölfe gefürchtet habe. Einige Jahrhunderte früher hausten in unsren Wäldern auch Bären, Elche und Auerochsen. Wenn der römische Geschichtsschreiber Tacitus eine Heilquelle erwähnt (unser Salmünster-Soden), um deren Besitz sich die Hermunduren mit den Chatten als ihren Grenz- nachbarn stritten, so erinnert diese Nachricht an Berichte eines andren Geschichtschreibers, des römischen Feldherrn C. I. Cäsar und die ergötzlichen Schilde­rungen, die dieser uns über den Wildbestand des mitten durch Germanien ziehenden herepnischen Waldes überliefert hat. Der sonst so kluge Cäsar hat sich von den witzigen Germanen etwas ausbinden lassen, das an das schönste Jägerlatein erinnert. In seinem sechsten Buch de bello Gallico schildert er nicht nur den Auerochsen, sondern uuo) das Renntier und den Elch. Von den Elchen erzählt er, sie hätten in den Knöcheln keine Gelenke und könnten deshalb nicht mehr selbst anfstehen, wenn sie. einmal am Boden lägen. Sie ruhten Nachts an Bäume gelehnt und würden von den Jägern dadurch erbeutet, daß letztere die Bäume, an denen die Elche stehend schliefen, vor­her an der Wurzel untergrüben. Die Auerochsen, erzählte er, ständen an Größe den Elefanten nur wenig nach, schonten in ihrer Wildheit weder Mensch noch Tier, und es gelte bei den Chatten als eine hohe Ehre, ein solches Untier erlegt zu haben.

Man könnte noch weiter in die vorgeschichtliche Zeit, von welcher nur unsre Steinbrüche und Kalk­bergwerke reden, zurückgreifen und schildern, welche drachenartigen Ungeheuer unsre Heimat während der Tei tiärperiode beherbergte und welch' herrliche Palmen- wälder in dem Elm-Huttener Braunkohlenbergwerk oder zwischen Schlüchtern und Hohenzell begraben sind, aber die bisher erwähnten Tatsachen genügen zum Beweis, wie sehr der Bestand unsrer Tierwelt sich im Laufe der Zeiten geändert hat.Vergebens spähst du in diesem Revier nach dem Löwen, dem Wüsten- sohne; es ist zu bedeuten, wir leben allhier in sehr gemäßigter Zone." Im mittleren Deutschland ist der Wolf durch die fortschreitende Kultur ausgerottet, nur an der Westgrenze verirren sich vom Ardennen- wald aus und an der Ostgrenze von Rußland aus Wölfe in das Deutsche Reich. Ueber die Ausrottung des Wolfes wird niemand trauern, wenn schon dieses Raubtier dem altdeutschen Gott Donar geheiligt war. Hirsche und Wildschweine verirren sich selten vom Spessart her in unsre Gegend. Anno 1903 wurde ein Edelhirsch im Kohlwald bei Elm erlegt. Dagegen fehlt es nicht an Rehen und Hasen, von welch' letzteren die Rhönhasen als besonders groß und kräftig gelten. Ueber die Frage, ob es ratsam sei, Fuchs und Dachs auszurotten, sind die Fachleute der Forstwissen­schaft selbst verschiedener Meinung. Selbst dem mord- lustigen Edelmarder sprechen nicht alle Jäger mehr die Existenzberechtigung ab, seitdem man das Eich­hörnchen, dessen Todfeind der Marder ist, als einen schädlichen Vogelnestplünderer kennen gelernt hat. Man will beobachtet haben, daß der Hasenbestand in seiner Güte leidet und von seuchenartigen Krankheiten heimgesucht wird, wo Füchse und Raubvögel ganz getilgt werden In der Regel fallen dem Fuchs nur minderwertige Hasen und Fasanen oder Rebhühner, die sich infolge irgend welcher Fehler nicht selbst schützen können, zum Opfer. Bleiben diese schwächlichen Tiere am Leben, so wird auch deren Nachkommenschaft schwach und mit Krankheit behaftet sein. Es schadet also nicht viel, wenn der Rotrock einmal solch ein minderwertiges Stück Wild erwischt, dessen Vernichtung im Interesse der Erhaltung einer tüchtigen Gattung sogar wünschenswert ist Außerdem nützt der Fuchs sehr durch Vertilgung von Wald- und Feldmäusen, die doch seine Hauptnahrung bilden. Die Natur schafft immer einen Ausgleich, und wo der Mensch mit Gewalt das Gleichgewicht stört, geschieht es nicht zum Besten des Naturlebens. Hat man doch auch beob­achtet, daß zur Zeit arger Raupenploge sich die Zahl der Raupen vertilgenden Vögel auffallend vermehrte, In dem milden Februar dieses Jahres konnte man überall, wo die Blattlaus an den Obstbäumen voriges Jahr massenweis Schaden anrichtete, die so nützlichen Marienkäferchen an Fenstern und in Zimmern herum­kriechen und fliegen sehen. Diese niedlichen Käferchen finden sich um so häufiger, je zahlreicher die Blatt­laus vorkommt. Aehnlich geht es mit dem Wild im Wald Der deutsche Wald würde aber auch einen Teil seiner Poesie verlieren, wenn man an den lau­schigen Hängen keine Rehe mehr grasen sähe (droben einsam Rehe grasen") oder keine schlau angelegten