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biener die gefundenen Waffen, einen ganzen und einen zerbrochenen Säbel ohne Scheide, erklärte, daß bereits am Nachmittage eine strenge Untersuchung des Vorfalls stattfinden werde und bat, zu derselben zwei des Deutschen kundige Offiziere abordnen zu wollen. Da die Ansammlung der Bürger eine durchaus drohende Haltung annahm, sogar einige Schüsse fielen, auch dem Major- selbst an einer Vertuschung der Sache gelegen war, so willigte er ein und zog mit seinen Polen ab. Die am Nachmittag in Gegenwart der Offiziere geführte Untersuchung ergab, daß die Polen der allein schuldige Teil und die Ursache des Kampfes waren. — So endete der Polenkampf am „Kalten Markt" 1808; weitere Folgen hatte er nicht; es war ein Glück, daß es wohl blutige Köpfe, aber keine Toten gab - ein längst vergessener, aber für die Bürger der Stadt Schlüchtcrn ein ehrenvoller Tag. —
Frankfurt a. M., 14. November 1909
Philipp Lotz.
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Der beste Orden.
Gar manches Knopfloch ist geschmückt, weil mancyem dies und das geglückt mit Klingen und mit Kielen. Jedweder Leistung Ehr und Preis! Der beste Orden, den ich weiß, ist eine Hand voll Schwielen.
F. W. Weber.
Verlassen.
Die alte Krügern ist eine Witwe von 72 Jahren, das kleine Häuschen am Dorfende ihr Eigentum. Es steht dicht am Friedhof. Vom Fenster der „oberen Stube" kann sie die Gräber der drei Menschen sehen, die einst ihre Hütte mit lautem Leben gefüllt und die Tagelöhnerin zum reichsten Menschenkind auf weit und breit gemacht haben. Das ist aber lange her. Es war schnell geschehen. Mitten im Winter kam das Unglück in Krügers Haus wie Blitz und Schlag, und als die Frühlingssonne aus den Büschen an der Friedhofsmauer frisches Leben lockte, hatten sie ihr Glück unter dem grünenden Gezweig eingegraben. Sie wird noch nach 30 Jabren unruhig, wenn sie der Tage gedenkt. Sie redet nicht gerne davon. Wozu auch? Ihr Haustein bleibt doch kalt und leer. Sie hat all' die Jahre hindurch fleißig gearbeitet, obgleich sie nicht recht gewußt, für wen. Das Schaffen war ihr Bundesgenosse im Kampf mit den Gedanken, und die Erben für die paar Groschen finden sich schon, wenn sich die Sippe um den Sarg sammelt. Lachender Erben Liebe keimt erst an Grä ern. So ging ein Jahr nach dem anderen „herum'. - Als dann das Alter, der Erbfeind der Armut, die fleißige Hand lähmte, hat sie die Hälfte des Häusleins an eine kleine Arbeiterfamilie vermietet. Der Mann arbeitet im Steinbruch, die Frau bei den Bauern im Tagelohn. Beider Kind, ein Mädchen von 41/2 Jahren, teilt der Alten Einsamkeit, und diese ist seine Hüterin, so gut sie's vermag. Still geht ihr Lebensabend zur Neige. Ihr Sein ist eigentlich nur ein Warten auf den letzten Tag. Sie hofft, daß wieder alles schön werde, wenn die Sonne ganz sinkt . . .
Heute ist der Tag gekommen. Dw Strahlen der Jnlisonne lasten glühend auf der Dorfflur. Die Blumen in den Hausgärten lassen die Köpfe hängen. Was irgend kann, sucht den Schatten. Tiefe Stille herrscht im Dorfe. Die Bauern hat das Gewölk, das sich überm „Berg" zusammenballt, trotz der Mittagsglut in's Feld gejagt, das Heu zu bergen. In der dumpfen Stube in ihrem Häuschen am! Friedhof rüstet sich die alte Krügern zur Abreise ins ferne, aber nicht fremde Land. Es ist doch schwer, in den Stunden allein zu sein. Die kleine Grete, ihre Hausgenossin, schaut vor der Haustreppe im Schatten der alten Kastanie einem Völkchen kleiner Hühner zu. Die Stimme der Alten reicht nicht so weit. Die Fliegen, die scharenweise um die Milchschale auf dem unsauber» Tisch Gelage halten, quälen und schrecken sie von Zeit zu Zeit auf. Die Frau des Abmieters ist heute morgen wieder zur Arbeit gegangen, nachdem sie zwei Tage ausgesetzt. Die Bauern „haben heut notwendig", nnd man weiß ja auch nicht, wie lange die Krügern „noch macht".
Die Alte friert bisweilen trotz Sommerglut und Stickluft; ein leichtes Fieber zehrt schnell den Rest der Lebenskraft auf. Die
Als Manuskript gedruckt. Verlag des Heimatbundes.
Druck von $. H » hm
abgemagertert Hände wischen unruhig über die schwere Federdecke hin und her; der Kopf mit dem weißen Haar unb fahlen Gesicht liegt wie angenagelt auf dem karierten Kissen. Sie hat kaum noch die Kraft, sich beit Schweiß zu wischen oder sich nach der Wand zu drehen, wenn die Sonnenstrahlen durch's schlecht verhängte Fenster ihr in die Augen brennen. Ungestört peinigen sie die Fliegen . . . Jetzt tastet die Hand nach dem Glas mit dem bade- warmen Wasser auf dem Stuhl neben dem Lager. Es fällt und zerschellt, und ein leises Stöhnen bringt über die trockenen Lippen. Dann fangen die Gedanken wieder an zu wandern. Es ist doch schwer, allein zu sein „bis zuletzt" . . Als ihre Mutter den Heimweg antrat, ist sie mitgegangen, soweit Menschen das können — bis an die Grenze. Dann hat sie auch noch bei manchem gesessen in seiner letzten Not sie muß allein sein. Es ist eben keine. linde Hand frei, die sie labt oder einmal umbettet Die Arbeit ist schuld daran, die viele Arbeit. Der Rücken ist wund — aber ^hne Pflege. In der Kreisstadt, ja da braucht keins mehr allein zu sein in Krankheitstagen und Angststunden. Da eilen, weun's not tut, zwei Schwestern von Bett zu Bett. Die alte Richtern, die Sonntagnachmittags immer zu ihr „spille" ging, wird sich Borwürfe machen, wenn sie's hört, wie's ihr heute gegangen ist. Aber die ist heute daheim auch nötig bei dem Häuflein Kinder, da alles im Feld ist.
Stunden sind vergangen. Schatten lagern sich im Zimmer. Immer näher kommt das Grollen eines Gewitters. Ein Windstoß schlägt draußen in der Stube, einen Fensterflügel auf. Da eilt die kleine Grete in die Kammer, Schutz suchend vor dem drohendem Wetter bei der sterbenden Greisin. Und sie findet ihn; denn Kinderfurcht und Kindertrost sind billige Ware. Als das Gewitter losbricht, beginnt das Kind zu weinen, was die Alte einige Worte lallen läßt. Gewiß sind's noch Trostworte.
Wieder ist eine Stunde vergangen. Die Dämmerung hat die Schatten des Unwetters abgelöst. In der Kammer herrscht tiefe Stille. Der offene Fensterflügel klappt leise, und ab und zu fallen noch schwere Tropfen auf das Fensterbrett. Gesättigt mit erquickendem Naß erwachen Feld und Flur zu neuem Leben. Auf dem nahen Friedhof gehen die Vögel heute auch später zur Ruhe. Schon wird's drunten im Dorfwirtshaus lebendig, und die Jugend rottet.sich auf der Dorfbrücke zusammen. Müde vom vollbrachten Tagewerk kehrt Klein-Grete's Mutter heim. Sie findet ihr schlafendes Kind gelehnt an die tote Greisin. Die hat sich heimlich fortgeschlichen aus aller Verlassenheit.
An einem trüben Sonntagnachmittag wurde die alte Krügern „umgebettet". Die ganze Verwandtschaft war da, lauter „weitläufige". Vor dem Hause stand eine Menge schwarz gekleideter Menschen; alle meinten, daß der Alten nun wohl sei. Sie hatten recht. Deshalb bimmelte das Schulglöckchen auch so fröhlich, als der Zug den Kirchhofsberg hinaufging. Die Schulkinder sangen trotzige Lieder wider den Tod, und der Pfarrer sprach von der Treue, die gekrönt wird. Etliche aber waren unter der Schar, die das Grab umstand, die freuten sich, als der Pfarrherr aus der Muttergemeinde in die Grabrede etwas einfließen ließ von einer wunderlichen Welt, die die Lebenden „zu allerletzt" allein läßt, aber die, welche alles abgeschüttelt haben, was drückt und quält, mit ihrer Fürsorge und Teilnahme umgibt. Sie nahmen's hin als ein Aufmerken aller auf eine übersehene Not und als ein Zeichen nahender Hülfe. Flg.
Zum 29. Januar 1910.
Worte Ernst Moritz Arndts
(gestorben am 29. Januar 1860.)
Deutsche Freiheit, deutscher ^ott Deutscher Glaube ob»- Deutsches Herz p. .1111 "ahl Sind vier Hell stützu"
Bor Menschen ein Adler, vor Gott ein Wurm: So stehst Du fest im Lebenssturm.
Die Freiheit und das Himmelreich ge' ihm keine Halben
Habt ihr nichts als , wisset, durch bloße Fäuste v . xje Wett nicht befreit!
Der Gott, der Eisen too^m ließ, Der wollte keine Kue^
Für die Schriftleitung: Lehrer Flemmig in Schlächtern, ist er in Schlüchtern.