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und machten sich's bequem. Viele, was rechte Diebs- banden waren, quartierten sich im Dorfe ein, wo sie große Feuer anmachten, die aber doch, Gott sei's gedankt, nicht um sich griffen. Der General stieg beim Pfarrer ab. Er ließ den Schultheis kommen und frug ihn, ob er seinen Leuten das Nötige zu liefern im stande wäre. Der, in der Meinung, so Kerle würden gar nicht satt zu machen sein, schüttelte mit dem Kopf. Da tat der General seiner Gesellschaft die Hand auf und die griffen zu, ganz barbarisch. Wer noch keine Kosacken gesehen hat, kann sich den Greuel nicht vorstellen. Dos warn wille Bajasse! Was sie an Brot, Milch, Mehl, Frucht kriegen konnten, schleppten sie in's Lager und noch mehr Heu und Stroh dazu. Auch Kleidungsstücke raubten sie, brachen ein, kurz sie nahmen, was sie erwischen konnten. Dabei machten sich au i unsere Ortsdiebe, die Spitzbuben, die Gelegenheit zu nutze und stahlen, was Zeug hielt. Auch schienen diese auf einmal russisch sprechen gelernt zu haben, denn sie trieben sich im Lager herum, unterhielten sich mit ihren neuen Freunden, tranken mit ihnen, kauften ihnen auch manches von dem schon im fälschen Land Gestohlenen ab: rote Motzen, lederne Hosen mit seidener Naht, Tafeltücher rc. Glücklicherweise ward nichts aus dem Rasttag. Die bald zur Ueberlast gewordenen Gäste mußten Tags darauf des Nachmittags plötzlich aufbrechen. Sie machten über Gundhelm, Vollmerz, Marjoß, immer neben den Franzosen hin, die auf der Hauptstraße einherzogen. Als die Kosacken aufbrachen, flog bei Neuhof ein französ. Pulverwagen aus. Wir hörten den Knall, und den Dampf sahen wir hinter dem Lindenberg aufsteigen, daß wir glaubten, ganz Neuhos, ja das ganze fölsche Land, ging in Rauch auf. Nach dem Abzug der Kosacken besuchten wir ihre Lagerstätte.
Da fand ein Oberkalbacher einen Beutel mit 50 Gulden. Nun glaubte jeder, auch so etwas finden zu können. Alles ward durchstöbert, das Heu, das Stroh, das Korn, das Mehl, die Kartoffeln, denn von dem allen lagen noch ganze Haufen in schrecklicher Verwüstung umher. Aber auch ein so großer Gestank war da verbreitet, daß wir glaubten, die ganze Gegend müßte davon verpestet werden, und daß er uns jetzt noch gleich jenem Pulverdampf vorschwebt, sobald wir an den Kosacken denken. - "
Doch zurück zu den Ereignissen in Schlüchtern in jenen denkwürdigen Tagen. Den 28. Oktober von morgens an passierte das Gros der französ. Armee unsere Stadt in guter Ordnung. Gegen Mittag sprengten einige Offiziere vor das Kloster, verkündeten dem Rektor Hasselmann die Ankunft Napoleons und forderten ihn auf, für Reinigung seiner Wohnräume Sorge' zu tragen, da der Kaiser im Kloster Quartier nehmen wolle. Gegen 1 Uhr nach meinem Gewährs- mann, nach anderer Ueberlieferung war es etwas später gegen 3 Uhr, stieg Napoleon im Kloster ab, nachdem zuvor die Wache aus verschiedenen Bestand- teilen der Garde den Klosterhof besetzt hatte. Gleich nach der Ankunft verlangte ein Kaiserlicher Adjutant jemanden, der ihn zu einem Metzger führe, damit ein Ochs geliefert werde. Man^ brächte ihn zu Mich.
Dehnhard, der anfangs bedauerte, dein Verlangen nicht entsprechen zu können, nach Drohung aber einen Ochsen aus einem Nebenstall herausholte. Die Stadt zahlte später diese Lieferung. Nachmittags 4 Uhr speiste Napoleon. Er war bald damit fertig. Was ich nun weiter von Napoleons Aufenthalt in unserem Kloster mitteile, beruht aus der Schilderung des Ludwig Vey, des späteren „Wirts" im Stern, vom Volksmund der Student genannt, weil er sich kurze Zeit studierenshalber in Marburg aufgehalten. Leute, die den Sternwirt Ludwig Vey gekannt, haben behauptet, daß er seine Jugenderlebnisse sehr auszu- schmücken pflegte. Aber im großen ganzen wird seine Schilderung doch der Wirklichkeit entsprechen. Jedenfalls läßt der Herolzer Dr. Lotich, der seine Quellen scharf zu prüfen pflegte und auch noch in der Lage war,. durch Erkundigungen bei Zeitgenossen Irrtümer aufzuklären, die Vey'sche Schilderung von Napoleons Aufenthalt im Kloster ohne Fragezeichen passieren. Vey war am 27. Oktober zusammen mit dem Rektor Hasselmann, bei dein er wohnte, nach Ramholz geflüchtet; am Morgen des 28. Okt. waren beide von Ramholz nach Schlüchtern zurückgekehrt. Einem der französ. Offiziere, die im Kloster Wache standen, erzählte Vey, daß er unterwegs bei Vollmerz Kasacken und preußische Ulanen gesehen habe. Der Offizier meldete es weiter. Da wurde Vey vor Napoleon gerufen. Bei seinem Eintritt sah er Napoleon mit den Generälen Berthier und Coulaincourt um den Tisch stehen, auf welchem eine große Karte ausgebreitet war. Coulaincourt machte den Dolmetscher. Vey mußte schnell sagen, was er gesehen. Da, während er noch redete, wurde dem Kaiser die Ankunft eines Kouriers von Mainz gemeldet. Dieser mußte auf der Stelle vortreten. Napoleon erfuhr von ihm, daß der Paß von Wirtheim noch unbesetzt sei. Da wandle er sich zu Berthier mit dem Worte: nous passerons le Bhin. Er deute mit dem Finger auf auf einen Punkt auf der Karte und befahl, daß das 12. Kürassierregiment denselben besetzen solle. Hierauf ward der Rektor Hasselmann citiert. Napoleon war sehr freundlich gegen ihn. Er frug ihn, ob sie mit der früheren Regierung zufriedener als mit der jetzigen gewesen seien. Dann wurde der Postmeister Zipf gerufen. Diesen frug Napoleon, wenn die letzten Kuriere passiert seien, über wie viele Pferde er noch bis Morgen verfügen könne.
Am andern Morgen, schon mit Tagesanbruch brach das Hauptquartier auf, Napoleon selbst gegen 8 Uhr. Er schien wie tags zuvor gut gelaunt zu sein. Welche Gedanken mögen ihm wohl durch den Kopf gegangen sein in jener Nacht, die er in unserem Kloster verbrachte?
Vor ihrem Aufbruch hatten die französ. Offiziere dem Rektor Hasselmann den Rat gegeben, seine Wertgegenstände gut zu verstecken, weil bei der Arriere- garde die Ordnung nicht so gehalten werden könnte. Hasselmann, den wir schon als einen etwas ängstlichen Mann kennen lernten, begab sich noch denselben Vormittag nach Ramholz, wo er sich sicherer wähnte als in Schlüchtern. Aber er kam aus dem Regen in die