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Einquartierung der fremden Truppen aufkommen müsse, wurde anerkannt, aber woher sollte der Staat das Geld nehmen?
So kam das Jahr 1812 und mit ihm neue Not über unsere Heimat. Napoleon rüstete gegen Rußland. Die Truppendurchzüge und die Kriegscontributionen mehrten sich. Ob nun auch Schlüchteraner den Feldzug gegen Rußland in dem großherzoglichen Truppen- contingent mitgemacht haben, konnte ich nicht ermitteln. Wir wissen, welch klägliches Ende der russische Feldzug genommen. Napoleons Stern sank, nicht auf einmal, allmählich. Bei der Kunde von dem unglücklichen Ausgang des russ. Feldzugs soll Fürstprimas Dalberg die Fürsten des Rheinbundes zum Abfall von Frankreich aufgefordert haben. Als sein Vorschlag abgelehnt wurde, hielt er treu an der Seite Frankreichs aus und verknüpfte sein Geschick mit dem des Kaisers. Preußen erhebt sich. Es kommt die Zeit der Freiheitskriege. Im Frühling 1813 zieht eine starke in Frankreich gebildete Armee durch's Kinzigtal, um Napoleons Heereskörper in Preußen und Sachsen 'zu verstärken. Nun werden meine Quellen, die bis dahin nur spärlich flossen, reicher. Was nun kam, was das Jahr 1813 brächte, das hat sich dem Gedächtnis unsrer Vorfahren unauslöschlich eingeprägt, davon haben sie noch lange erzählt. Am 10. Mai 1813 kamen die ersten preuß. Gefangenen nach Schlüchtern. Es waren vier preuß. braune Husaren, die bei einer Affäre vor der Schlacht bei Lützen (2. Mai) in französ. Hände geraten waren. Einige Tage später traf ein Transport reitender Jäger von Lützow's Freischaren ein, die während des eingetretenen Waffenstillstandes von Franzosen und Württembergern unter General Normann überfallen und gefangen worden waren. Die Gefangenen wurden im Auditorium und in der Kirche des Klosters untergebracht. Auch in der Schlüchterner Bürgerschaft regte sich jetzt die allenthalben aufflammende patriotische Begeisterung. Man suchte durch allerlei List den Gefangenen zur Flucht zu verhelfen. 23ei einigen gelang es, obgleich franz. Posten außerhalb und innerhalb der Kirche sich befanden. Von den 4 preuß. braunen Husaren konnten 2 entfliehen. Man brächte sie zu dem Schulmeister Wissenbach nach Gundhelm, wo sie andere Kleider und Pässe erhielten.
Vom 17.—19. Okt. wurde die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen. Der Erfolg der Allierten wurde von der einzigen offiziellen politischen Zeitung des Großherzogtums, der in Frankfurt seit dem 1. Januar 1811 erscheinenden gazette de grand-duche de Frankfort vertuscht. Die Gazette hatte zunächst einen großen franz. Krieg ausposaunt, dann ihre Leser von den Türkenbund Serben unterhalten, von den Ausgrabungen in Pompeji und der Newyorker Pelzwaren- kompagnie. Aber schon am 23. Oktober war in Frankfurt die Meldung des Fuldaer Präfekten eingegangen, daß feindliche Truppen in der Gegend von Meiningen und Eisenach' aufgetaucht seien. Auf diese Meldung hin wurden die aktiven großherzoglichen Soldaten auf Urlaub entlassen. Gleichzeitig kamen schon Scharen von flüchtenden Franzosen. Infanteristen ohne Gepäck, vielfach ohne Schuhe und Kopf
bekleidung, die Füße mit Lumpen und Stroh umwickelt, Kavalleristen ohne Pferde, Tausende von Kranken und Verwundeten suchten auf der großen Heeresstraße den Rhein zu erreichen — Beweis genug für die Niederlage der französ. Armee, die von der Zeitung verschwiegen wurde Die durch Schlüchtern in den Tagen vom 23.—25. Oktober ziehenden Franzosen hatten es so eilig, daß sie, wenn sie etwas kauften und mit einem größeren Geldstück bezahlten, gar nicht auf die Herausgabe des Geldes warteten. Nur weiter! Sie wupten, daß ihnen die feindliche Kavallerie auf den Fersen war. Am 27. Oktober passierte die Avantgarde des französ. Heeres Schlüchtern und lagerte sich (ca. 15000 Mann) zwischen Schlüchtern und Niederzell. Am Abend desselben Tages trafen frisch blessierte Franzosen ein mit der Nachricht, daß sie von Kosaken in der Nähe des Distelrasens überfallen worden wären. Bereits am 27. Oktober vormittags waren die Kosaken (1500 Mann Kosaken und preußische Ulanen) tatsächlich in Fulda eingerückt, hatten die großherzoglichen Kassen beschlagnahmt, die Magazine geplündert, hatten sich dann aber wieder vor der französischen Hauptarmee zurückgezogen, die Hauvtstraße geräumt, auf Nebenwegen vordringend. In der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober geriet ganz Schlüchtern in gewaltige Erregung. „Die Kosaken sind vor dem Obertor, der General Tschernytschew lagert mit seinem Korps auf dem Reith und verlangt Lebensrnittel" so ging's von Mund zu Mund. Da flüchteten die Franzosen, der Commandant, der Kriegskommissar, alles in Hast. Einzelne wurden von ansprengenden Kosaken gefangen, andere erstochen. Man glaubte allgemein in Schlüchtern, die französische Hauptarmee habe sich über Lauterbach nach Gießen gewandt. Da ließ in der Frühe des 28. Okt. Tschernytschew den Maire auffordern, durch Bürger die Bäume an der Hauptstraße abhauen zu lassen. Die auf den Weg gelegten Hindernisse sollten die Franzosen aufhalten. Während man dabei war, rückten über den Distelrasen die Kolonnen der französ. Hauptarmee. Die Kosaken stieben nach rechts und links auseinander in die seitwärts der Straße gelegenen Wälder und Dörfer, und wo sie hinkamen, da hat man noch lange von dem Rauben und Plündern dieser wilden Gesellen erzählt. Wie sie nach Oberkalbach gekommen sind, darüber hat eine Oberkalbacher Frau (die alte Bürgern) dem Herolzer Lotich folgendes berichtet: „Die Kosaken kommen, die Kosaken kommen!" erscholl es im Dorf. Sie kamen. Dos warn aber schöne Jonge! Daß Gott erbarm! Wenn man die ansah, konnte man gar nicht begreifen, wie man je auf den Einfall geraten mochte, sich auf sie zu freuen. Es war an einem Vormittag Von Büchemich her, von Dellwig, Ried, Rönhauje kamen sie. Vor alters ging da eine Straße, und das wußten sie. Sobald sie aus dem Wald heraus waren, machten sie statt links und rechts den Weg herab, stracks durch das Feld, mitten durch alles hindurch of ihre kleine Gäulerje. Dies war uns ein Zeichen, was wir von ihnen zu erwarten hatten. Ueber dem Dorf nach Eichenried zu schlugen sie ihr Lager auf. Sie machten Hütten von Stroh, schlugen Pfähle, woran sie ihre Gäule banden,