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„Tagdlatt-Hans" Nr. 8650-53.
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Mittwoch. 26. Jebtuor 1913 . Morgen - Ausgabe. Nr. YF. . 61. Jahrgang.
Wehrvorlage und Deckung.
Die Balkanrechnung schwillt allgemach zu einer unheimlichen Länge an, denn zu den unmittelbaren Kosten der am Kriege selbst, beziehungsweise an den dadurch bedingten Mobilmachungen Beteiligten gesellen sich die mittelbaren Kosten für die anderen Großmächte in Gestalt einer Steigerung der Kriegsrüstungen. Nicht nur weil die internationale Spannung durch die Austragung des Balkankonfliktes eine erhebliche Verschärfung erfahren hat, sondern weil das Schicksal der Türkei eine Mahnung für alle Staaten in exponierter Stellung .darstellt, empfindliche Lücken in der Rüstung anszubessern, bevor
es zu spät ist. „ '
Die dimch den Balkankrieg nicht etwa hervorgerufene, aber gesteigerte Spannung hat in Frankreich beredten Ansdruck gefunden in der phrasenreichen Antrittsbotschaft des Präsidenten Poincarch der die „grau- sanren Prüfungen von 1870" wieder aufleben ließ, und in der Rede des Kriegsministers Etienne, der zur Opferwilligkeit gegenüber den neuen Militärforderungen mit dem vielversprechenden Hinweis ^ darauf malmte, daß „die Besiegten von gestern die Zieger v o n m o r g e n sein könnten". Diese Hoffnungen und diese Revancheträume gründlich zu zerstören, das ist der Zweck der erneuten militärischen Rüstungen, welche das ^deutsche Volk ans sich' nehmen soll.^ Und in einer Beziehung ist Deutschland hier den Franzosen jedenfalls weit überlegen. Diese sind zwar noch imstande durch allerlei kleine Mittel und das große einer Verlängerung der Dienstzeit die Friedensstärke zu erhöhen, aber einer Vermehrung der Kriegsstarke stellt sich der durch den Stillstand in der Bevölkerungsbewegung bedingte und schon jetzt sehr fühlbare Rekrutenmangel entgegen. Ein solcher Mangel kommt für uns trotz der stark übertriebenen Klagen über den Geburtenrückgang für absehbare Zeiten« nicht in Frage, und so • handelt es sich für uns auch bei der neuen Militärvorlage nur um eine Geldfrage. .
Aber auch das ist eine Frage, denn zum Krieg- führen gehören nach einem bekannten Worte vor allem drei Tinge nämlich Geld, Geld uiid nochmals Geld. Gewisse militärische Kreise in Tentscklland m deren Zierat ück> einige Zeitungen gestellt haben, die sich den Anstrich des Offiziösentums geben, suchten freilich diese Tatsache m verschleiern, indem sie die Losung ausgaben: Erst Rüstung dann Deckung! So verkündete der Chorführe, m diesem Konzert der Scheinoffiziösen, der Serf Lok -Anz "' „Mag der Reichstag hinterher darüber beraten, welchen Weg er einschlägt. um die großen Mittel auszubringen: in erster' Lime muß die Heeres- vorlage unter Dach und Mch fern. Aber dm „Nordd. Allg. Ztq." hat darauf vronipt erwidert, dag an allen maßgebenden Stellen Übereinstimmung dahin besteht, daß die Militärvoriage und die Vorlage über dm
Deckung der neuen Forderungen gleichzeitig dem Reichstag zugehen sollen".
Das muß in der Tat nicht bloß als die Vorbedin- gung eines gesunden Finanzgebarens bezeichnet werden. sondern die Mehrheit nicht nur dieses, sondern wohl auch jedes anderen Reichstags wäre für eine andere Taktik schwerlich zu haben. Ist doch heute, die Rechnung der letzten Militärvorlage noch nicht völlig beglichen, selbst dann nicht, wenn die vom Reichstag beschlossene Ermäßigung der Zucker steuer wieder, wie es aller. Wahrscheinlichkeit nach der Fall sein wird, rückgängig gemacht werden soll. Auch in diesem Fall wären vo>i der letzten Militärvorlage noch rund 25 Millionen Mark zu decken, und zwar nach Maßgabe des Reichstagsbeschlusses vom 21: Mai 1912: „Die im Artikel 5 des Gesetzes, be
treffend die Änderungen im Finanzwesen, vom 15. Juli 1909 vorgesehene Ermäßigung der Zucker- steuer tritt sechs Monats nach der Einführung eines Gesetzes, welches eine allgemeine, den verschiedenen Besitzformen gerecht werdende Best tz st e u e r vorschreibt, spätestens am 1. Oktober 1916 in Kraft. Ter Gesetzentwurf ist dem Reichstag bis zum 30. April 1913 vorzulegen."
Allzu viel Zeit haben die Verbündeten Regierungen also, nicht mehr, und wenn auch, wie schon betont, der Beschluß einer Ermäßigung der Zuckersteuer rückgängig gemacht werden dürfte, so bleibt doch von der alten Militärvorlage noch immer ein Rest von etwa 25 Millionen Mark, zu denen noch die mehr als 160 Millionen — wird doch sogar von Beträgen bis zu 150 Millionen gesprochen — der neuen Militärvorlage treten. Wie die Deckung hierfür beschafft werden soll, darüber sind bis jetzt nur Vemutungen laut geworden, aber das ist jedenfalls klar, daß auch eine Besitz- st e u e r in dem Rahmen, wie sie bisher gedacht wurde, dafür nicht a u s r e i ch e n dürfte. Gegen die am nächsten liegende Reichsvermögenssteuer sträubten sich bisher die Einzelstaaten, gegen die Erbanfallsteuer wehren sich Konservative und Zentrum; die Vermögenszuwachssteuer ist von seiten der preußischen Regierung abgelehnt worden, und der Plan, dem Reiche die Stempelsteuern und den Einzelstaaten dafür die direkten Steuern zu überlassen, ist auf allgemeine Ablehnung gestoßen. Die Lage ist also gegen das Vorjahr um nichts klarer, sondern vielmehr durch die oppositionelle Haltung des Z e n t r n m s noch viel prekärer geworden, so daß es, ob auch verfrüht, so doch begreiflich ist. tvenn sich die Gerüchte über eine angeblich in Aussicht genommene Auslösung des Reichstags verstärken und die Parteien in bezug auf ihre Organisation dieselbe Taktik befolgen, die für das Deutsche Reich angesichts der Weltlage und der Haltung seiner Nachbarn eine zwar bittere, aber unabweisliche Notwendigkeit ist, nämlich: die Rüstungen zu verstärken!
Kriegsberichterstatter
n
Von Peregrkims.
Der Kriegsberichterstatter ist keine Gesellschaftsklasse hat reinen sozialen Typus, sondern ist durch und burch ^ndchi- dualität. Ich spreche nicht von lenen Leuten, du. einmal in ihrem Leben auf einem Kriegsschauplätze austauchen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden, um den Rest ihre.. Lebenden Stammtisch mit den Berichten ihrer Heldentaten zu unterhalten — diese Leut-, meist Offiziere a. D„ haben stets an einem Feldzuge mehr als genug. Sw tun es aus Sport, aus Eitelkeit, aber nicht aus Beruf. Mit ganz seltenen Ausnahmen bleibt einer bei der Stange - es ist eben einer d r Berufenen und Aüserwählten. Je mnger man beginnt desto besser denn mit 60 Jahren hat man noch 'mmer nicht angelernt. Wie heißt es doch m Kiplings „Das Licht er-
*1 Lm Anlckluk an diese interessanten Mitteilungen sei ordene ReichSste-be^ Veranlassung de/ WüsLdener
bf di- A u f skä n d e au^Balkan und de^Mttankr.^ :r einstge züZLe ^A--ichÜrstattm Deutschwuds^^und 'rickter^lter^des ^Wiener ^Fremdenblattes" die kretenstsche
;fortc” § tofc fl 'feine | l2 iürllschen Dienstes wilrde ihm g^egeiit- des svanisckramerikanischen Krieges uiid der Nemen- ufstände ^eiÜvMg Urlaub zur Teilnahme an lenem Feld- m erwilt Von da au ist fein Leben ein umnnender Roman, einen Mira keine Revolution, keine Forschungsreise hat. er 'rfftmr,t «w iKorträae des Herrn v. Krmglstern über seine
ssseülden Aegssahrten haben weit üb-er die. Grenzen oes Deutschtums Aufmerksamkeit erreg..
losch" vom Kriegskorrespondenten: „. . ... diesem kommt
wenn der Bruder würdig ist, nach entsprechender Zeit hinzu die Macht fließender Rede, der weder Weib noch Mann zu widerstehen vermag, wenn es sich um ein Bett oder ein Mahl handelt, das Auge eines Roßtäuschers, die Fertigkeit eines Koches, die Konstitution eines Büffels, die Verdauung eines Straußes und eine unendliche Anpassungsfähigkeit an die verschiedensten Umstände. Aber viele sterben, ehe sie diesen Grad erreichen, und die ersten Meister der Zunft erscheinen meistens im Gesellschaftsanzug, weshalb ihr Ruhm der Menge verborgen bleibt."
Wer Kipling zu seinen Figuren Modell gestanden hat, weiß ich nicht, es mag B u r l e i g h gewesen sein, der Mann, der seit Plewna alles mitgemacht hat, . oder Seppings W r i g h t, der auch wieder da ist, oder der brave alte M.Y g i n d — alles Herren in den sechziger Jahren, die heute in Tripolis, morgen in Albanien und übermorgen in Tscha- taldscha zu treffen sind, denn es ist der gesündeste Beruf, den Gott und die Presse in ihrem unerforschlichen Ratschlüsse geschaffen haben, und jeder sieht um zehn Jahre jünger aus, als sein Geburtsschein es meldet.
Was ist ihr Beruf? Auch hier gibt uns der famose Kip-, ling Auskunft, indem er den grimmigen Torpenhow, die Jdoalgestalt eines Kriegsberichterstatters, seinen Kameraden das Herz ausschütten läßt: „Unser Beruf — die heilige
Sendung, für die wir bezahlt werden, ist — unsinnige und unmögliche Dinge zu tun — gewöhnlich aus gar keinem anderen Grunde, als uni das Publikum zu unterhalten . . ."
So war es noch vor dreißig Jahren. Seither hat der Beruf eine große Wandlung durchgemacht und wenig zünftige Journalisten gehören ihm an. Heute ist es der form- und sprachengewandte Gentleman, meist auS den besten Familien des Landes, der dem ehrenvollen Ruse zur Berichterstattung in den Feldlagern folgt und dort seinem Namen und Auftreten entsprechend eine politisch bedeutungsvolle Mission zu erfüllen hat. Ob der Korporal Schnitze, der Tschausch Mehmed oder Sergeant Monnier Heldentaten ver»
Deutsches Reich.
= Sic deutschen Sparkassen haben auch im letzten über, sichtsjahr eine derartige Entwicklung genommen, daß man aus ihnen ein unaufhaltsames Wachsen des Gesamtwohlstandes ersehen kann. Das ist besonders um «deswillen erfreulich, weil es der k l e i n e Mann ist, der die Sparkasse in erster Linie benutzt. Es geht auch daraus mit Klarheit hervor, daß es der sparsame Hauswirt, der sein Hauswesen noch auf der alten, schlichten Einfachheit gründet, in Deutschland vorwärtsbringt, wi: in keinem anderen der führenden Staaten. Im Jahre 1900 belief sich das deutsche Sparguthaben auf 8840 Millionen Mark. In fünf Jahren hob es sich auf 12 675 Millionen, und in der weiteren inzwischen verflossenen Zeit hat es sich in noch größerem Durchschnitt vermehrt als in jenem Jahrfünft. Das sind erfreuliche Ergebnisse. Sie zeigen zweierlei mit voller Klarheit. Einmal, daß die Behauptung keinerlei Grund in den Tatsachen, hat, unseres Volkes kleinerer,. geringerer Stand verarme immer mehr. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Wo nicht Krankheit und besondere Schicksalsschläge einen ordentlichen Mann heimsuchen, da kommt er heute um viÄes besser vorwärts als früher. Und sodann die sehr erfreuliche Beobachtung: unser
Volk verbummelt nicht. Es ist in seinem gefunden, großen Ganzen noch immer ein strebsames, vorwärtsdrängendes, fleißiges Volk. Der Trieb, wirtschaftlich voranzukommen, es weiterzubringen, das Vatererbe zu wahren und zu mehren, beherrscht die «bei weitem größere Hälfte unseres Volkes. Dieses rastlose Vorwärtsströben aber ist ein guter Ausblick in dir Zukunft.
— JnteriiMonaleS Übereinkommen über den Arbeiterschlitz.
Die Einladung des schweizerischen Bundesrats zu einer im September d. I. anzuberaumenden Konferenz behufs Vorbereitung ein»? neuen internationalen Übereinkommens über den Arbeiterschutz findet, wie aus Bern mitgeteilt wird, bei den beteiligten europäischen Staaten freundliche Aufnahme, so daß das Zustandekommen der Konferenz als gesichert gilt. Es wird sich da«bei im wesentlichen um die Prüfung der Vorschläge der letzten Tagung der internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz handeln, die sich auf Einführung des Zehnstundenarbeits- tages für Jugendliche bis zuni vollendeten 18. Lebensjahr und Frauen und auf das Verbot der Nachtarbeit für Jugendliche erstrecken. Der internationalen Vereinigung gehören in 19 LandeS- abteilungen die hervorragendsten Sozialpolitiker Europas an.
* Ein liberales Wahlbündnis für Mühlhausen-Langensalza. In Mühlhausen und Langensalza schlossen die Freisinnigen und die Nationalliberalen ein Wahlkartell, wonach die National-liberalen zur Landtagswahl die beiden Kandidaten, die Freisinnigen dagegen zur Reichstagswahl den Kandidaten stellen mit gegenseitiger Unterstützung.
* Deutsche Schulprüfungcn im Ausland. Im verflossenen
Jahr haben an zahlreichen deutschen Auslandsschulen wiederum Einjährigen- und Reifeprüfungen ftattgefunden und zu günstigen Ergebnissen geführt. Es bestanden die Einjährigenprüfung an den militär'berechtigten deutschen «Schulen in Anüverpen 22, Barcelona 8, Brüssel 11, Buenos Aires 3, Bukarest 29, Davos 11, Konstantinopel 18, Madrid 1, Mailand 4 und Rom 7, insgesamt 120 «Schüler. Außerdem haben an den deutschen Schulen in Belgrano bei Buenos Aires (1), Bexhill (3), Jerusalem (8), Kairo (3), Mexiko (4), Riga (4) und Rio de Janeiro (1) zu demselben Zwecke Schlutzprüfungen mit dem Ziele der Anwendung -ü—wi-1-:-...LU
richten, interessiert das große Publikum nicht mehr. Zu ängstlich starrt jedermann, welcher Nation er auch angehören mag, auf die Landkarte und deren Veränderungen, welche ihm in wirtschaftlicher Hinsicht am eigenen Leibe bald fühlbar werden sollen. Somit obliegt dem Kriegsberichterstatter der neuen Zeit die heilige Pflicht, ohne Übertreibungen und mit möglichster Hintansetzung der eigenen Persönlichkeit über die Vorgänge rein objektiv und schonungslos vom Gesichtspunkte der Weltpolitik aus zu berichten. Und dazu gehört strenge Schulung und eine vorzügliche Selbstdisziplin. Wer diese nicht besitzt oder erwirbt, wird in diesem Berufe schon im ersten Feldzuge Fiasko ma«Hen. In Deuifchland gibt es nur verschwindend wenige professionelle Kriegsberichterstatter. Einer der besten. Dt. Genthe, wurde seinerzeit in Marokko erschossen, Legationsrat Bumiller starb erst vor wenigen Wochen in Tschataldscha an der Chölera, und der mandschurische Feldzug Hai dem Bruder des bekannten Baron Krieglstein in Charbin das Leben gekostet, als er zum ersten- male einen Krieg mitmachte und nachdem er aus sämtlichen Schlachten mit heiler Haut davon gekommen war.
Die ältesten noch lebenden Kriegsberichterstatter Deutschlands sind Herr Eduard M h g i n d, der im Jahre 1882 in Ägypten seine Feuertaufe empfangen und seither im Berufe unermüdlich tätig ist. obgleich er schon über sechzig Jahre zählt, Herr K u t s ch b a ch, der in den Befreiungskriegen der Balkanslawen und Rumänen schon im Jahre 1878 mitkämpfte, und E. Reichsfreiherr von Binder-Kricgl» stein, der allerdings verhältnismäßig noch jung an Fahren den Rekord aller in- unö ausländischen Kriegsberichterstatter mit siebzehn Feldzügen, Revolutionen und Expeditionen in sechzehn Jahren gebrochen hat. Zur jungen Garde zählt Kurt Frhr. v. R e i tz e n st c i n, der den Boxer, krieg als Artillerieoffizier mitmachte und aus treuer Freundschaft für Krieglstein, den er in China kennen lernte, in den Dienst der Kriegskorrespondenz eingctreten ist.
Bon den Ausländern ist wohl Sir Ashmead Bartlett der bekannteste, der als sechzehnjähriger Junge mit umgesthnall-
