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Samstag» 25. Januar 1913.
Die Politik der Woche.
In dieser Woche hat sich im deutschen Reichstag ein Streikpostengefecht abgespielt, das ganz wie ein Vorpostengefecht zu ernsteren Kämpfen aussieht. Tw Volksvertretung hat mit der überraschend großen Mehrheit von 282 gegen nur 52 Stimmen die von konservativer Seite eingebrachte Resolution betreffend das Verbot des Streikpostenstehens abgelohnt, nachdem sich auch der Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück vorher gegen diese Forderung ausgesprochen hatte. In der Presse der konservativen Partei herrscht ob dieser Niederstimmung starke Entrüstung, die sich auch gegen die Regierung, vor allem aber gegen den Staatssekretär Dr. Delbrück richtet. Wenn aus diesem Anlaß bereits allerlei Krisen gerüchte umgehen, so beruht das nicht zuletzt auf den gleichzeitig an das parlamentarische Tageslicht gekommenen Unstimmigkeiten zwischen dem Staatssekretär de§ Innern und dem preußischen Minister des Innern. Ter erstere hat in der Budgetkommission des Reichstags erklärt, ^daß, wenn . die preußische Regierung nicht bis zum Herbst d. I. einen Wohnungsgesetzentwurf vorlege, er sich dafür einsetzen werde, daß das Reich einen solchen Gesetzentwurf vorbereite. Herr Delbrück hat zwar diese Aufsehen erregende Erklärung nachher durch die Versicherung abzuschwächeu versucht, daß Preußen eine den Anforderungen in der Wohnungsfrage genügende Gesetzgebung einleiten werde, aber der Eindruck blieb doch bestehen, daß cs hier wieder einmal zwischen Preußen und dem Reich hapert, wie ja auch anscheinend zwischen dem R e ich s s ch a tz a m t und dem preußischen K r i e g s m i n i st e r erhebliche Differenzen in bezug auf die kommenden militärischen Forderungen bestehen. Nach mannigfachen und abwechslungsreichen Meldungen von mehr oder minder „gut unterrichteter:" Stellen hat jetzt die „Nordd. Mg. Z-tg." offiziös erklären müssen, daß „für die M a r i n e lediglich eine Nachtragsforderunq für Luftzwecke in Frage kommt". Was dabei für das L a n d h e e r in Frage kommt, wird nicht verraten, aber offenbar hat der Reichsschatzsekretär die Forderungen der Militärverwaltung ganz erheblich beschnitten, wenn es auch nicht als unwahrscheinlich gelten' kann, daß der jetzt zu erwartenden „kleinen" Militärvorlage in nicht allzu ferner Zeit, wenn daä Reich erst die Besihsteuer cingeheimst haben wird, eine wesentlich stattlichere folgen wird. Bis dahin wird freilich der Finanzreform dritte Auflage deni Reichskanzler noch manche Nuß zu knacken geben.
Auch seinen französischen Kollegen Briand, der ja sein Kabinett nicht bloß für die letzten vier Wochen von Fallidres' Amtszeit gebildet hat, sondern der auch unter seinem bisberiaen Herrn und Meister, dem vorn
Morgen - Ausgabe.
Ministerpräsidenten zum Präsidenten der Republik avancierten Poincarö, die Geschäfte fortzuführen gedenkt. erwartet ein schweres Stück Arbeit. Haben doch die heftigen Kämpfe, die der Präsidentenwahl vorangingen, einen Keil in die Republikaner getrieben, und die Versöhnung der Radikalen, die zu Briands Programm gehört, wird ihm um so schwerer fallen,< da der Kampf um die Wahlresorm die Klrrft zwischen den Gemäßigten und Radikalen noch erweitern muß. Mrt ganz besonderem Interesse aber wird man abtvarten müssen, wie sich das Verhältnis zwischen Poincarö, der bisher seine eigene Politik machte, rmd Briand. der sie sicherlich in Zukunft zu machen gedenkt, gestalten
wird.
Jedenfalls dürfte es der ehrgeizige Pomcarck, der im Verlaus des Balkankonflikts mit besonderem Erfer die Rolle des ehrlichen Maklers spielte, mit auf sein Konto zu setzen suchen, daß die Türkei, nachdem sie durch die jüngste Niederlage, die ihr die griechische Flotte bewrachte, die Hoffnung auf Sieg verloren hatte, sich dem Rat der Großmächte fugen wollte, die mit einer sehr erstaunlichen Schwenkung sich zum Schluß ganz auf die Seite des siegreichen Balkan- vierbundes schlugen. Aber die Hoffnungen, dm man überall auf den Entschluß des Kabinetts Kiamil, Adrianopel zu räumen, setzte, sind durch den jung türkischen Putsch vom Donnerstag jäh zerschellt! Durch ihn hat sich das ganze Bild der Lage im, Orient wie mit einem Ruck im Kaleidoskop auf einmal vollständig verschoben. Es ist alles wieder in Frage gestellt. Vielleicht haben schon sin den nächsten Tagen "die Kanonen an der Tschataldschalinie wieder das Wort. Wer weiß — wenn auch an dem Zusammen- bruch der europäischen Türkenherrschaft nicht mehr zu zweifeln ist — wie sich etzt die Dinge gestalten werden. Nur eins steht fest — das erneute „glänzende" Fiasko der großmächtlichen Diplomatie. Es sieht einstweilen nicht so aus, als ob die Entspannung im naben Osten, die sich, überall mrt größter Genugtuung begrüßt, in der von Österreich teilweise eingeleiteten Demobilisierung anzukündigen schien, wirklich sobald zur Tatsache werden würde, toie das im Interesse des Wirtschaftslebens auch bei uns so dringend zu wünschen ist.
Auch rm fernen Osten, wo dem Reich der Mitte die Rolle der Türkei zugedacht ist, scheint sich die Lage eher zu verschärfen als zu verbessern, denn dre Ablehnung der an die Mongolei gerichteten chinesischen Forderungen und das Bündnis zwischen der Mongolei und Tibet machen ganz den Eindruck, als ob auch int neuen Orient bereits der Kampf um die Erbschaft des „kranken Mannes" beginnen soll. Freilich nicht osfr- ziell, und die sechs Mächte verhandeln sogar seit Monaten über eine Anleihe zur Unterstützung Chinas.
Nr. 41. *61. Jahrgang.
Aber gerade die Bereitwilligkeit der Mächte, der Pforte, der sie ihren europäischen Lebensfaden, abschmtten, finanziell unter die Arme zu greifen, zeigt, daß dav Wort nicht immer recht hat: Pump mir Moos und sei mein Freund!
Deutsches Reich.
* Zum Regierungsjubrlämn des Kaisers hat der Magistrat von Bunzlau die Stiftung einer Kolonie von Avbeiterwohn- Häusern beschlossen, für die das zwischen dem Bober und dem Fariaraben gelegene städtische Gelände unentgeltlich zur Verfügung gestellt und ein Betrag bis zu 78 000 M. bewilligt werden soll. — Der Rat der Stadt Dresden beschloß aus demselben Anlaß, den im Haushaltsplan für Unterstützung von S'negS* Veteranen vorgeschenen Betrag von 20 000 M. aus 30 000 M. zu erhöhen.
* Oldenburg und dis Besitzsteuerfrage. Zur Besitzsteuer, frage äußerte sich der old-niburgische Fiüanzmintster Ruhstrat l einem Mitarbeiter der „Tagt. Rundschau" gegenüber: Die oldenburgische Regierung vertritt den Standpunkt, daß die direkten Steuern den Bundesstaaten verbleiben müssen. Wir haben daher erhebliche Bedenken gegen das Übergreifcn des Reichs in das Steuergebiet der Bundesstaaten. Unser Standpunkt zur Besitzsteuerfrage ist der, daß das Reich bestehende indirekte Steuerquellen weiter ausbauen soll und demgemäß sind wir für eine iveitere Ausgestaltung der Erbschaftssteuer (Erban- sallsteuer oder Erbzuwachssteuer) eingetreten. Wir verkennen nicht die Bedenken, die angesichts der parlamentarischen Verhall- nisse und der ablehnenden Haltung eines großen Teils der bürgerlichen Parteien gegen den weiteren Ausbau der Srb.chasts- steuer sprechen. Trotzdem haben wir einer Verrnogenszuwachs- fteüer nicht zustimmen können, behalten uns allerdings unsere endgültige Stellungnahme noch vor, bis wir den Entwurf des Reichsschatzamtes kennen. Für uns und wahrscheinlich auch für andere Buudesftaateu wird die Entscheidung davon a-bhängen, ob sich nicht die Notwendigkeit ergibt, dem Reiche zu n a t i o u aler. Zwecken neue Einnahmequellen zu erschließen und in diesem Falle muffe jedes Bedenken hinter die Sicherheit des genreiu» samen Vaterlandes zurücktreten.
* Kopfarbeiter und SvziBreform. Staatssekretär Delbrück hat in Übereinstimmung mit dem Reichstag den traurigen Zustand gegeißelt, daß bei uns der Wert der Kopfarbeit im Vergleich mit dem der Handarbeit viel zu niedrig eingc- schätzt wird. In der Tat ist eS unerhört, wenn Leute mit abgeschlossener akademischer Bildung Gehälter beziehen, die dem Lohn von GelegoirheitSarbestern entsprechen. Die „Soziale Praxis" knüpft an die Erwähnung des Zustandes, in dem dir Kopfarbeiter sich vielfach befinden, die Frage: „Wie soll ihnen ohne zünftige Bindung der geistigen Berufe geholfen werden?" Dieses Problem gründlich zu untersuchen, ist unseres Erachtens eine Aufgabe der sozialen Reform, durch deren Lösung die Gesellschaft für soziale Reform sich ein großes Verdienst erwerben würde.
* Eine zweite Entlassung im SÄrrrevier. Fetzt wurde aus Inspektion 2 Saarbrücken auch dem Knappschaftsälresten Becker^ Heims aus Püttlingen, der dem sozialdemokratischen Berg
TagebuchblAier Sultan Abd ul Hamids H.
Ein Dokument von höchstem zeitgeschichtlichem Jntercsse veröffentlicht in dem demnächst erscheinenden Februarheft von „Nord und Süd" der Herausgeber Pros. Dr. Ludwig Stein: Tagebuchblätter mit „Gedanken und Erinnerungen" von Sultan Abd ul Hamid II., die einen denkwürdigen Kommentar zu den Ereignissen liefern, die gerade in diesen Tagen zum tragischen Abschluß gelangen. Als Herausgeber zeichnet Ali Vahli BeY, und Profeffor Stein bemerkt dazu: „Diese
Memoiren sind von mir von durchaus vertrauenswürdiger Seite zugegangen, welche die Verantwortung für deren Authentizität übernimmt. Mögen sie uns Europäer noch so sonderbar anmuten, so bilden sie doch einen bemerkenswerten Beitrag zur Psychologie dieses trotz seiner Einseitigkeit, und vielleicht gerade wegen ihrer, bemerkenswerten Selbstherrschers." Mit Recht hebt der Herausgeber dieser Blätter, die er einigen, dem Herrscher einst nahestehenden Männern verdankt, hervor, daß sie erkennen lassen, wie Abd ul Hamid mit beispiellosem Geschick sich Jahrzehnte hindurch gegen daö Sturmlaufen der Mächte verteidigt und der inneren Zersetzung seines Staates mit Zähigkeit entgegengekämpst hat. Er hofft, daß ie Tagebuchblättcr allenthalben Gehör finden, insbesondere bei allen Osmanen, daß diese Nutz und Lehre daraus ziehen für die Zukunft, für die Wiedergeburt des Osmanenreiches. Wir wählen aus diesen Aufzeichnungen Abd ul Hamids, die uns der Herausgeber von „Nord und Süd" freundlichst zum Vorabdrucks zur Verfügung gestellt hat. einige heraus, die zu den Ereignissen unserer Tage in engster Beziehung stehen.
Deutsche Politik im Orient.
Man behauptet imnrer, daß Bismarck nicht wie andere Diplomaten seine Gedanken hinter seinen Worten verberge, sondern stets alles aussprechc. was er denke. Möglich — aber sein Ausspruch von den Knochen des ponrmerschen Grena, drrrs, welche für den Orient, zu schade seien, kann uumüglrch
seine wahre Meinung gewesen sein. Ich müßte ihn sonst für einen kurzsichtigen Staatsmann halten. Vielleicht hielt er damals den Zeitpunkt noch nicht für gekommen, seine Augen vor aller Welt auf den Orient zu richten. Hätte er rechtzeitig erkannt, daß es für Deutschland geradezu eine Lebensfrage ist, die Türkei stark zu erhalten, so wäre das für beide Teile bester gewesen. Es ist schade, daß uüs Bismarck nicht in die Triple-Alliance aufnehmen wollte. Damals wäre es möglich gewesen! Auch Kaiser Wilhelm hätte es ruhig wagen sollen, uns dem Dreibund einzuverleiben. Anstatt seine überschüssige Kraft in der ganzen Welt zu zer, splittern und Kolonien zu erwerben, von denen niemals Früchte geerntet werden, hätte Deutschland seinen Einfluß zielbewußt bis zum Persischen Meerbusen vorschie. ben sollen. Die Deutschen hätten dabei gewonnen, aber auch wir!
Deutschland, die Türkei und Nnatolien.
Es ist wirklich höchste Zeit, daß wir den deutschen Einfluß endlich wieder zurückdrängen. Dem „Grandseigneur" (Botschafter Marschall von Bieberstein) müssen wir zeigen, daß wir gegen ihn und die deutsche Politik Mißtrauen hegen. Der Plan des deutschen Kaisers, so berichtet mir mein Botschafter aus Berlin, soll dahin gehen, eine deutsche Einflußsphäre in Kleinasien zu schaffen. Nun, gegen eine wirtschaftliche Belebung Anatoliens durch die Deutschen habe ich gewiß nichts einzuwenden, deutsche Zeitungen sedoch verlangen eine deutsche' Kolonisation längs der Bagdadbahn. Was denken sich diese Zeitungsschreiber? Glauben sie, daß wir die von unseren Vätern mit schweren Opfern erkauften anatolischen Gaue deutschen Ansiedlern preisgeben werden? Von jeher haben wir leider versäumt, uns fremde Elemente vom Halse zu halten — daher kommt unser ganzes Unglück. In Anatolien wollen und muffen wir allein bleiben. Allah sei Dank, daß uns wenigstens dieser letzte Zufluchtsort für unsere von allen Seiten bedrängten Volks- und Glaubensgenossen geblieben i)t-
Tie Balkanliindrr und die- Türkei.
Mein alter Gärtner im Mdiz hatte recht, als er mir über die politischer: Wirrnisse des Balkans seine Meinung
folgendermaßen offenbarte: Ein Apfelbaum, ein Birnbaum, ein Pflaumenbaum, eine Eiche und eine Pinie standen nebeneinander, so daß ihre Zweige sich fast berührten. Hoch überragte die Eiche die andern Bäume, dennoch nahmen diese den unteren Ästen des Baumriesen Luft und Licht, so daß dieselben morsch wurden und abfielen. Und es begab sich, daß diese Bäume, alle um ihren Platz an der Sonne ringend, in Streit gerieten; das Gezänk und Gezeter ward so groß, daß es schließlich Allah im Himmel hörte. Da erschien er unter ihnen und sprach: „Weshalb streitet ihr? Ihr habt alle Daseinsberechtigung, kein Baum ist besser als der andere, jeder ist groß an seinem Platze!" — So ist es auch auf dem Balkan. Der Apfelbaum sei Rumänien, der P f l a u m e n b a u m Serbien, die Pinie Griechenland und der Bi r n b a u m B u l g a r i e u. unsere Türkei aber ist die Eiche, welcher manche morsche Ast bereits abgesallen ist — wie ich glaube, nicht zum Schaden deS Stammes; denn diese hohlen, morschen Äste, die wir verloreir haben, bildeten eine Gefahr für die Gesundheit unseres Stammes.
Kreuzzug gegen die Türken
Der Kreuzzug gegen uns hat noch niemals ganz aufgehört! Gladstone, dieser alte Heißsporn und Schwätzer, wandelt in den Fußstapfen des Papstes Pius II. Trotzdem ist das den Christen so verhaßte Reich der Osmanen schon im Mittel- alter, als im Abendlande die grausamsten Religionsverfolgungen in Szene gesetzt wurden, das Asyl aller um ihres Glaubens willen Verfolgten gewesen. Als in Spanien die heilige Inquisition waltete, welche die Juden verbrannte oder ins Exil trieb, da haben wir ihnen Hilfe gewährt und sic ausgenommen. Der Halbmond hat zu allen Zeiten den ihrer Religion und ihrer politischen Ansichten wegen Verbannten eine sichere Zufluchtsstätte geöffnet. Wer aber im Abendlands kennt unsere Geschichte? Wer gibt sich überhaupt dort die Mühe, sie kennen zu lernen? Was versteht beispielsweise der ..Franc! old man Gladstone" von orientalischen Dingen? Wenn ich seine Auslassungen richtig charakterisieren will, seine Angriffe auf meine Regierung, „die sich nicht auf Gesetze, sondern aus Gewalttätigkeiten stützen soll", so kann ich
