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Wiesbadener Tagblstt.

,.T«Mair.HauS". iDOwttultd) K-ASÖtt» 12 CTUSQVWWU H««S" «r. 6650-53.

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Tagdlatt-Hrus" Nr. 8650-53.

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Dienstag, 14. Januar 1913.

Morgen - Kusgabe.

Nr. 21. »61. Jahrgang.

vie MiMSrvorlage.

Mit der neuen Milktärvorlage zarter besaitete Gemüter bezeichnen sie mit dem milderen Ausdruck Nachtragsetat wird zurzeit die Methode beliebt, die jener gutmütige Mann seinem Mops gegenüber an­wandte, indem er ihm den Schwanz stückiveise abschnitt, damit er. es weniger merken solle. Zuerst war ledig­lich von einen! Nachtvagsetat zwecks Ergänzung unserer Luftflotte die Rede, die, wie allgemein anerkannt wird, angesichts der Überlegenheit der französischen Luftflotte einer solchen Verstärkung dringend bedarf. Im An­schluß daran sickerte durch, daß bei dieser Gelegenheit auch einige sonstige militärische Lücken ausgefüllt wer­ben sollen. Und solche Lücken gibt es immer, es gibt sie auch jetzt. So herrscht Einstimmigkeit darüber, daß die Bespannung unserer Artillerie einer Verstärkung bedarf, und es ist ein als berechtigt anzuerkennender Wunsch unserer militärischen Kreise, daß die zum 1. Oktober d. I. zu bildenden Maschinen- ge w e h r k a m p a g n i e n früher, und zwar so bald als möglich, formiert werden sollen.

Man war also darauf gefaßt, daß der angekündigte Nachtragsetat sich nicht mit den Mehrforderungen für die Luftflotte begnügen, sondern noch einige weitere tn bescheidenem Rahmen gehaltene Mehrausgaben für das Heer bringen werde. In den letzten Wochen sickerten nun aber immer rnehr Nachrichten durch, die auf eine steigende Erweiterung diesesbescheidenen Rahmens" hinauskamen, bis dann jetzt diePost" mit einem gan­zen Arsenal von Mehrforderungen aufwartete. Der zu einer umfassenden Militärvorlage angeschwollene Nach- tragsetat sollte danach die Mittel anfordern zu einer bedeutenden Verstärkung der Kompagnien im Frieden, zur Ergänzung der noch fehlenden dritten Bataillone, zu einer Aufstellung der Kaval­lerie-Divisionen, zur Bildung eines neuen Armeekorps aus den bei einigen Armeekorps vor­handenen, die normale Zahl überschreitenden Brigaden und Regimentern und zu einer umfassenden Ausbildung der Ersatzreserve mit der Waffe.

Ter Meldung derPost" sind alsbald mehrere Dementis, darunter auch ein solches aus dem Kriegs­ministerium gefolgt, und in der Tat liegt es auf der Hand, daß jene Ankündigung schon formell den Tat­sachen gar nicht entsprechen kann, weil über den Nach- tragsetat noch kein endgültiger Beschluß gefaßt worden ist und die Verhandlungen zwischen dem Kriegsministc- rium. Las immer mehr zu verlangen pflegt, als ihm bewilligt wird, und dem Reichsschatzamt, das den Daumen auf den Beutel hält, noch hin- und hergehen. Aber auch sachlich darf es wohl als a u s g e- schloffen gelten, daß die Verbündeten Regierungen sich zu einer so umfassenden Militärvorlage, der dritten in drei Jahren, entschließen werden, nachdem das Gesetz vom 14. Juni 1912 eine so erhebliche Erweiterung und Verstärkung unserer militärischen Organisation gebracht hat, deren organische Einfügung zurzeit noch gar nicht beendet ist.

Als sicher kann, wie gesagt, gelten, daß der Nach­tragsetat außer den Forderungen für die Luftflotte eine

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Bilder aus der NeichshauptstM.

Die Strampler.

Impressionen vom Sechs-Tage-Rennen.

Berlin, im Januar.

In Berlin gibt es Gottseidcmk immer etwas, bei demman" dabei sein mutz. Bald ist cs eine künstlerische Sensation, bald ein gesellschaftliches Ereignis, bald ein sport­licher Nervenkitzel, zu dem sich alles drängt, was irgendwie Anspruch darauf erhebt, für voller genommen zu lvcrdcn. Der ungemein betriebsame, rührige Eifer der ' jungen Weltstadt, der sie manchmal in das Bereich der Unkultur treibt, ist stets auf der Jagd nach neuen Sensationen. Der Amerikanismus, der in unserem geschäftlichen Leben immer mehr Platz greift, gewinnt auch auf allen anderen Gebieten stets wachsenden Einfluß. Und als ein smarter Unternehmer vor kaum drei Jahren znm erstenmal das Wagnis unternahm, die ameri- kanische Sensation eines 5-Tage-Rennens nach Berlin zu verpflanzen, ward ihm ein Erfolg zuteil, der die kühnsten Erwartungen übertraf. Kein Wunder, datz dieser glorreiche Sportgenutz sozusagen zur dauernden Einrichtung wurde, Auch jetzt hat das neue Jahr uns wieder ein neues Rennen gebracht, das diesmal an der Stätte der ersten Erfolge, in den Ausstellungshallen am Zoo, arrangiert ist, soweit sie nicht durch das T. G. B. (Theater Groß-Berlin oder Tot Geborenes Babh) besetzt sind. Die Zeit der Veranstal­tung ist klug gewählt. Nach der gewaltigen geschäftlichen Anspannung der Weihnachtswochen gönnt sich das Publikum mit besonderem Vergnügen die Anregung dieser sportliche Sensation. Und nach den nächsten Ballnächten wird es ein-

Verstärkung der Artilleriebespannung und eine frühere Formierung der Maschinengewehrkompagnien bringen wird. Weiter geht ein sehr lebhafter Wunsch der Mili­tärverwaltung nach einer Erhöhung der Friedensstärke der Kompagnien, wobei man sich auf die jüngsten Mobilisierungen (offiziell spricht inan bekanntlich nur von Vorbereitungen) in Rußland und Österreich beruft, Während diese im Zarenreiche, wo die Kompagnien eine größere Friedensstärke aufweisen, glatt und geräusch­los vor sich gingen, bereiteten sie in der Donaumonarchie infolge der geringeren Friedensstärke erhebliche Schwie­rigkeiten. Es kann deshalb wohl mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß auch eine hierauf bezügliche For­derung noch in den Nachtragsetat gesteckt werden wird. Dagegen dürfte bei dem weiteren Programm der Post" wohl lediglich der Wunsch gewisser militäri­scher und sonstiger Kreise der Vater des Gedankens sein. Zwar ist es möglich, ja sogar wahrscheinlich, datz früher oder später die Bildung eines neuen Armee­korps im Anschluß an die Auffüllung der kleinen Regi­menter verlangt werden wird, aber datz diese sowie andere Forderungen noch in diesem Jahre dem Reichs­tag unterbreitet werden sollen, wird man kaum als wahrscheinlich ansehen können.

Auch die Verbündeten Regierungen werden sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß neben den mehr oder minder umstrittenen militärischen Lücken auch die f i n a n z ie l l e n L ü ck e n in Betracht kommen. Daß die vielerörterte B e s i tz st e u e r, die ja bisher noch in der Luft schwebt und deren Schicksal noch ganz ungewiß ist, für so umfassende Forderungen nicht aus­reichen würde, um so mehr, da ja hiervon auch die Aus­fälle infolge der spätestens am 1. Oktober 1916 in Kraft tretenden Ermäßigung der Zuckersteuer gedeckt werden müssen, liegt auf der Hand. Daß aber die Reichs- regiemng Neigung hätte, der zweiten Reichsfinanz­reform von 1909 eine dritte, nahezu ebenso um­fassende von 1913 folgen zu lassen, wird man kaum als wahrscheinlich ansehen, schon deshalb, weil die M e h r- h eits v e r h ä l tni sse im Reichstag und die zur­zeit wenig bewilligungsfreudige Stimmung im Zen­trum eine derartige Politik als einen Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt er­scheinen lassen. Es ist also wohl darauf zu reckm-m. daß bei dem zur Militärvorlage avancierten Nachirags- etat die vom Res s o rtst and p un kt aus begreif­lichen militärischen Wünsche ein Kompromiß mit der Politik schließen werden, die bekanntlich die K u n st des Möglichen ist.

Diplomatischer Zrontwechsel.

O Berlin, 12. Januar.

Der Wirrwarr in den Balkanfragen kann uich, größer sein, als er ist, und war jedenfalls auch beim Beginn des Krieges, so verwickelt damals die Verhältnisse lagen, nicht größer, als er jetzt ist. Die deutsche Öffentlichkeit steht ohne zureichendes Verständnis einem Wechsel unserer P o l i ti k gegenüber, den wir als Tatsache hinzunehmen haben, der uns aber nicht erklärt wird- Kein Zweifel, die Pforte mutz sich als preisgegcben betrachten, und die Wilhelmstraße geht ebenso scharf gegen sie vor, nimmt ebenso einseitig für

ach höchster Schick sein, in den Bretterlogen der weiten Halb m Zoo mit perlendem Sekt den Morgen zu begrüßen.

»

Ein allzu warmer Januartag. Nachmittags 6 Uhr. Um Mitternacht soll der Pistolenschuß des Startes die 6-Tagc- Leute auf ihre lange Reise entlasten. Aber jetzt schon herrscht vor der Halle reges Leben. Ein feuchter Nebel umhüllt die Bogenlampen. Doch die Gestalten, die der Wedding, der Gesundbrunnen, die Ackerstraße und das Tcmpelhofcr Feld ausgcspieen und für 6 Tage an den Westen gegeben haben, können schlimmeres Wetter ertragen. Besonders wenn ihr sportlicher Eifer in Frage kommt. Irr kleinen Grüppchen stehen sie uinher, die Hände in den Hosentaschen, den steifen Hut trotzig ins Genick zurückgcschooben, eine duftende Ha. vanna schief im Mundwinkel und erörtern fachmännisch die Aussichten der einzelnen Fahrer. Besonders beschäftigt sie die Frage, wer jetzt Sieger werden wird, nachdem Rütt aus den Reihen der Kämpfer geschieden ist. Um das gewaltige eiserne Tor aber, das den Eingang noch verschließt, drängen sie sich, zu einem dichten Hausen geballt, als sei es die Pforte zum Paradies.

Um 7 Uhr eudbich gehen die Flügel auseinander. Der Menschenstrom, der seit 2, 3 Stunden immer mehr ange- fchwollen ist, bricht sich breit auseinapderflutend Bahn. Was Schranken, was Kontrolleure! Die Bestie ist hungrig ge­worden vom Warten und reißt nieder, was ihr in den Weg kommt. Aber an den Kaffen ebbt die Flut mit einem mäch- tigen Ruck zurück. Der Veranstalter hat die Preise zu einer Höhe cmporgeschraubt, die selbst auf die Sportbxgeisterung dieser Horten abkühlend wirkt. Freilich, die weite Wüste der

die bulgarischen Forderungen Partei, wie es die Kabinette de: Tripelentente tun. Allerdings bewegen sich die Entschlüsse und die Taten Österreich-Ungarns und Italiens in derselben Richtung, aber das Rätsel, daS sich mit dieser ungewöhnlichen Einigkeit der sechs Großmächte darbietet, wird darum nicht gelöst. Mit dieser Einigkeit hat es zugleich eine merkwürdige Bewandtnis, da sie im selben Atemzuge, in welchem sie behauptet und durch die bevorstehende Überreichung einer Kollektivnote in Konstantinopel bestätigt wird, auch wieder in Frage gestellt er­scheint. Denn nur auf den guten Ratschlag, Adrianopel abzu­treten, bezieht sich das Einverständnis der sechs Großmächte, während es sich hinsichtlich der Frage nach dem Schicksal der Ägäischen Inseln bisher nicht hat erzielen lassen. Das wird aber wohl nicht der einzige Punkt sein, bei dem die Richtungslinien der beiden Mächtegruppen auseinandergehen; cs wird von den anderen Meinungsverschiedenheiten einstweilen nur noch nicht ge­sprochen, vorhanden sind sie ganz gewiß, wie man denn nur auf die Probleme des a s i a t i,s ch e n B e s i tz st a n d c s der Türkei zu blicken braucht, um sich zu sagen, daß mehr als eine be­drohliche Frage im Hintergrund verborgen ist, um eines Tages, vielleicht bald, in den Vordergrund zu rücken. Diese Besorgnis muß sich steigern, wenn man nach den bestimmenden Gründen fragt, aus denen auch die Dreibundmächtc neuerdings so scharf gegen die Pforte Vorgehen. Es könnte ganz gut sein, daß der entscheidende Beweggrund die Erkenntnis von der Unmöglichkeit für die Türkei ist, den Krieg gegen die Balkanstaaten mit Aus­sicht auf Erfolg fortzusetzen. Es könnte sein, daß man sich in Berlin, in Wien und Rom sagt, ein nutzloser Kampf würde nur dahin führen, daß die Pforte a u ch i n A s i c n in eine Lebensgefahr geriete, vor welchem Schicksal sie denn also durch gutgemeinte Einwirkungen bewahrt bleiben soll. In der Tat iit es verräterisch genug, wenn immer wieder an die Möglichkeit eines Aufflammens des armenischen Pulverfasses erinncr: wird. Man wird in den Hauptstädten des Dreibundes wohl Kenntnis davon haben, daß von dieser'Seite her Gefahren für die Türkei drohen, daß Rußland nur darauf wartet, einen Vorwand zum Einmarsch in Armenien zu finden, und daß es bei solchem Vorgehen keine Schwierigkeiten von seiten seiner Ententcgenossen zu befürchten hätte. Die Pforte ist anscheinend wirklich außerstande, sich noch zu regen und zu rühren, wie cs ein normales Staatswesen auch im Falle einer schweren Niederlage auf dem Schlachtfclde könnte und müßte. In den europäischen Staatskanzleien ist man über die Verhältnisse in Konstantinopel jedenfalls bester unterrichtet, als es die ferner stehenden Beobachter sein können. Gelegentlich ent­hüllt ein schnelles Wort die schlimme Sachlage, und so haben auch wir das WortChao s" an beachtenswerter politischer Stelle aussprcchen hören. Nach alledem bekommt man allerdings den Eindruck, als werde der Pforte ein Dienst erwiesen, lvenn man sie zu einer entschlossenen Amputation in Europa zu bewegen ver­suche. Verliert sie ein weiteres Glied, so bleibt der Körper viel­leicht lebensfähig. Wenn dies die Gründe sind, von denen man sich in den Dreibundkabinetten leiten läßt, so würde sich manches, was jetzt sonderbar und widerspruchsvoll erscheint, immerhin leichter erklären lassen, und man hätte z, B. auch den Schlüssel zu der Weigerung der Dreibundmächte, die Frage der Ägäi.chen Inseln ebenso wie die von Adrianopel zu behandeln. Unterstützt die Tripelentente die griechische Forderung nach Abtretung sämt­licher Inseln, so schädigt sie den asiatischen - Besitzstand der Pforte aufs empfindlichste. Treten die Dreibundmächtc dafür ein, datz die Inseln bei der Türkei verbleiben, so erhalten sie das Reich in seiner späteren Begrenzung eher lebensfähig. Es kommt ferner wohl in Betracht, daß ein Bulgarien, dem Ädrianopel zu­fiele, entgegenkommender gegen die rumänischen Entschä­digungsansprüche sein würde, als ein um den HäuptpreiS seiner Mühen gebrachtes Bulgarien. Man weiß, daß zwischen Rumänien und Österreich-Ungarn, mittelbar auch zwischen

Halle ist doch in wenigen Viertelstunden in ein brandendes Meer verwandelt. Kopf an Kopf drängt sich die Menge. Hier die verdächtigen Burschen von draußen, dort elegante Sportsmenschen mit Monokel und Zylinder, hier Verkäufe­rinnen im Sonntagsstaat, dort die Damen der großen Welt im wehenden Federhut und pelzverbrämtcn Abendmänteln. Ein Summen und Surren fieberhafter Erregung fliegt durch den Räum.

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In ba§ unruhige Plätschern der murmelnden Stimmen schallt plötzlich ein heller Schrei hinein, der die Atmosphäre wie ein Peitschenhieb durchschneidct und die Ausdünstungen all der Tausende mit einem Ruck bei Seite schiebt. In der lichten Öffnung wird der Direktor der ganzen Sache sichte bar mit einem schlanken, blonden' Schauspieler, Hans Was;, mann, sonst der beste Komiker des Deutschen Theaters, heute sozusagen Konfercncier, Einführer des diplomatischen wollt' sagen: radelnden Korps. Er stellt dem Publikum die einzelnen Fahrer vor. Man merkt auch alsbald, wer die Kanonen" sind, der hurtige Australier Clark, der kleine Holländer Stol, das deutsche Paar Lorenz-Saldow.

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Das Strampeln ist des Radlers Lust,

Das Strampeln.

Ilm 10 Uhr abends geht es los. Ein Pistolenschuß ver­kündet den Beginn des Rennens. Ein Dutzend Fahrer etwa gleiten über die Bahn hin, ein Dutzend Menschen in bunten Sweatern, nein, ein Dutzend Maschinen. In gleichmäßigem Trott geht es dahin. Jetzt versucht einer, dem Felde davon zu laufen, aber schon sind die anderen wieder hinterher. Ein leichter Knall, ein Reifen ist geplatzt, ein bunter Haufen