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Mitrrooch» 8. Januar 1913.

Morgen - Ausgabe.

Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 11. * öl. Jahrgang.

Oer Nachwuchs der deutschen Krmee.

Tic fpeßen veröffentlichten statistischen Nachweise »der die Ergebnisse des Heeresergänzungsgeschästs im Jahre 1911 nnd über die Schulbildung der Rekruten sind deshalb von besonderem Interesse, weil sie mit einiger Sicherheit Ausschluß geben über die körperliche und geistige Verfassung der Heranwachsenden männ­lichen Jiigcnd in einen: der wichtigsten Lebensabschnitte. Allerdings ist nicht zu übersehen, daß die Statistik über die Schulbildung der Rekruten nur ein sehr oberfläch­liches Bild von iqn Stande der Volksbildung in Deutsch­st .nd gibt,' da sie nur die gröbsten Fälle mangelnder Schulbildung aufführt. Als Mannschaftenohne Schulbildung" werden diejenigen betrachtet, die in keiner Sprache genügend lesen oder ihren Vor- und Familiennamen nicht leserlich schreiben können. Aus den erwähnten statistischen Nachweisungen geht hervor, daß die in der deutschen Armee ohnehin schon sehr niedrige Zahl der Analphabeten noch immer im Rück­gang begriffen ist, daß aber die körperliche Verfassung der dienstpflichtigen jungen Männer sehr viel zu wün­sche u übrig läßt. Es scheint, als ob die Sozialpolitik n:t der zunehmenden Industrialisierung Deutschlands dock: nicht in dem Maße Schritt gehalten hat, daß die nachteiligen Einwirkungen der Fabrikarbeit auf die Volksgesnndheit mit vollem Erfolge bekämpft werden könnten. In den Jahren 1903 bis >1911 entwickelten sich die Ergebnisse des Heeresergänzungsgeschäfts fol­gendermaßen: cs waren von je 100 endgültig Abge-

fertigten:

tauglich

künftig

tauglich

minder

tauglich

untauglich

1903

. . . 57,1

14,7

19,5

8,5

1904

. . . 56,4 . . . 56.3

15,6

20,9

6,9

1905

14,7

22,0

6,8

1906

. . . 55,9

14,7

22.7

6,6

1907

. . . 54,9

15,1

23,1

6,7

1908

. . . 54,5

15,2

23,8

6,3

1909

. . . 53.6

14,9

25,0

6,3

1910

. . . 53,0

14,8

25 9

6,1

1911

. . . 53,4

15,1

25,1

16,3

Wenn

im Vergleich zum Jahre

1903 die

Quote der

absolnt Untauglichen um 2,2 Prozent gefallen ist, so darf diese Tatsache als Symptom für eine Besserung der Vclksges'.indheit nicht überschätzt werden, da in diese Kategorie hauptsächlich Krüppel, Blinde, unheilbar Kranke usw. gehören. Bedenklich erscheint die Zunahme der Mindertaugliwen, d. h. der Schwächlinge und Unterernährten, um 5,6 1 Prozent. Tie Prozentziffer der Militärtauglichen ist seit dem Jahre 1903 um 3,7 Prozent gefallen. Die Ergebnisse des Hecresergänzungs» geschäfts haben sich bis ?.inn Jahre 1910 fortgesetzt ver­schlechtert. Erst das Jahr 1911 brachte eine geringe Besserung. Tb sie Inhalten wird, erscheint angesichts der herrschenden' Teuerung und der damit notwendig

«>>r«a »erbvre».

Gestrandet.

Von Ludwig Stein.

Sehen Sie dort den fixen Kerl, der sein Mundwerk nicht stillstehen läßt und dabei immerzu einen Brillantring cim Tisch herumreicht?"

Mit diesen Worten inachte der alte Herr Sturmhövel seine Tafelrunde im Grand-Cafe auf einen Nachbartisch aufmerksam, von dem nur gelegentlich einzelne Satzfetzen herüberschallten, wieUnter Brüdern 200 Mark wert" Das ist wie geschenkt"Rur an Privatleute"Seltene Okkasiön" und Ähnliches.

Herrgott", rief plötzlich Sturmhövels Freund Müllauer aus,das' ist ja derselbe Mensch, der neulich hier so ein­gehend mit einem Kellner wegen eines Verlognes unter­handelte, und zwar ans der Toilette!"

Na. das will ich schon glauben", erwiderte Sturmhövel, .denn ich will meinen Kcpf dafür lassen, daß das ein ge­werbsmäßiger Schleichhändler ist einer jener modernen Inbustrieritter, die von der Dummheit ihrer geschätzten.Mit­menschen leben, und zwar sehr gut leben. Solche Herren doch gibt cs auch Damen von dieser Sorte genug!besorgen sich durch irgendwelche unterirdische Kanäle Edelsteins, Uhren, Schmuckgegenstände, meist sehr minderwertiges Zeug, um es dann zu Apothekerpreisen unter Aufgebot der un, glaublichsten Künste an die abznsetzen, die nicht alle werden. Wenn die Kanker hinterher ihren Schaden besehen, sind die Gents" über alle Berge oder aber sie wissen sich so elegant herauszuschwindeln, daß sie mit unseren,etwas umständlichen Strafparagraphen gar nicht zu fassen sind. Ich kenne diese Sorte von Kippern und Wippern! Ich habe sie in ihrer ge­fährlichen Tätigkeit jetzt schon überall beobachtet in Zigarrengeschäften, in Restaurants, auf Rennplätzen, ebenso

verbundenen Unterernährung weiter Volkskreise sehr zweifelhaft. Am ungünstigsten haben natürlich im Jahre 1911 wieder die vorwiegend industriellen Laa- desteilc abgeschnitten. Von je 100 endgültig Ab ge­fertigten waren tauglich in der Provinz Brandenburg 42,3, im Großherzogtum Hessen 46,6, in: Königreich Sachsen 48,6 und in Schlesien 48,9. Tie höchsten Taug­lichkeitsziffern weisen auf Elsaß mit 66,9, Ostpreußen mit 68,0 und Westpreußen mit 60,7 Prozent. Von 271499 irrt Jahre 1911 eingestellten Mannschaften be­saßen 271 438 eine Schulbildung in deutscher Sprache und 27 in fremder Sprache, während 34 ohne jede Schulbildung waren. Der Prozentsatz der Analphabeten im deutschen Heere stellt sich also auf 0,01 v. H. gegen 0,05 v. H. im Jahre 1901.

Zur Berufung ö§§ Herrn v. Jagow.

Unser römischer Korrespondent schreibt uns:

Die italienischen Blätter widmen dem neuen deutschen Außenminister kurze sympathische Betrachtungen. Bon Herzen kommen sie nicht. Achtung zollt man dem kurzen Wirken des Mannes in Italien, der nun berufen ist, das Deutsche Reich nach außen aus verantwortungsvollem Posten zu vertreten. Aber über achtungsvolleNachrufe" hinaus langt cs nicht. Herr v. Jagow ist den Italienern ein Fremder geblieben, bei­nahe so fremd wie Herr v. K i d e r l e n - W ä ch t e r, den so­gar einflußreiche Politiker, die der Consulta nicht fernstehen, gegenüber Pressevertretern il Turco tedesco zu nennen be­liebten. Darum waren auch die Nachrufe, die die Regierungs- organe «dem Verstorbenen zu widmen die offiziöse Verpflich­tung hatten, gar so lauwarm ausgefallen. Brachte es doch . dieTribuna", das Mundstück der Consulta, fertig, nach einem flüchtigen Überblick über Herrn v. Kiderlen-Wächters Lebens­lauf ihr Urteil über fein Wirken in fünf knappen Zeilen zu» sammenzüdrängcn! Zwar freut man sich jetzt, daß wieder ein­mal ein Vertreter des deutschen Kaisers beim Quirinal zu einem der höchsten Ministerposten empovgehüben wurde. Wer man gibt dieser Freude sehr reservierten Ausdruck. Für den Durchschnittsitaliener ist nun einmal der F ü r st B ü l o w eine Art Abgott geworden, für den -man rückhaltslos schwärmt. Be­zeichnend ist für -das Verhältnis des italienischen Volkes zum Fürsten Bülow folgender Vorgang: dieStampa" hatte vor einiger Zeit das Gerücht verzeichnet, an Stelle des amtsmüde gewordenen Herrn v. Bethmann-Hollweg würde wieder Fürst Bülow nach Berlin gehen. Gab das einen ephemeren Jubel!...

Von Herrn v. Jagow wußte. man bisher, in Rom nicht mehr, als daß er Junggeselle, Günstling des Kaisers und Freund mehrerer hocharistokratischer italienischer Familien ist. Um seine Politik kümmerte man sich ebenso wenig wie um die seines österreichischen Amis-genossen, des Botschafters de Mereh, der ebenfalls Junggeselle und Intimus diverser Adels- geschlechter ist. Es gab keine Berührungspunkte zwischen dem Volk und den beiden Vertretern des Italien verbündeten Ber­liner und Wiener Hofs. Anders verhielt -es sich bei dem Bot­schafter Barre re, der die Republik Frankreich vertritt. Über J dessen Treiben weiß jedermann aus dem Volk mehr oder weni­ger interessante Züge zu erzählen. Man weiß, daß Monsieur

wie in der Gesellschaft, wo sie sich unter dem Deckmantel ge­fälliger Umgangsformen vorübergehend einzunisten wissen. Selbst in den Wartezimmern der Ärzte und Rechtsanwälte verstehen die Gewandtesten der Zunft das Dummwild zu beschleichen."

Ja", wagte ein Dritter aus der Tafelrunde schüchtern einzuwerfen,können das nicht aber auch ganz harmlose Ge­schäfte sein, die sie betreiben?"

Nun brauste der alte Sturmhövel auf, daß ihm die Zornröte ins Gesicht stieg und die Stirnader über den vuschigen weißen Augenbrauen anschwoll.

Harmlos?! Na, haben Sie eine Ahnung! Betrüger sind die Herren samt und sonders, Marodeurs und Frank­tireurs des Geschäftslebens, die man vom Fleck weg ver­haften sollte, um ihnen das saubere Handwerk für immer zu legen. Das spekuliert nur darauf, daß heute alles mit Ju­welen behängt gehen möchte, namentlich unsere lieben Frauen, und sich einbildet, durch Gelegenheitskäuse, durch Okkasiön" so'n bißchen Französisch, zieht immer! am besten zu fahren. Das dicke Ende kommt dann hinter nach."

Stnrmhövel war allmählich ruhiger und nachdenklicher geworden, tat einen tiefen Zug aus seinem Pilsener und Hub dann, sich über den mächtigen Schnauzbart fahrend, wieder an:

Na, laßt Euch 'mal eine Geschichte erzählen. Ich spreche nicht gerne davon, aber dieser vermaledeite Windhund da drüben hat das alles wieder in mir aufgerührt. Dann werdet Ihr auch begreifen, jvarnm ich so schlecht auf diese dunklen Ehrenmänner zu sprechen bin.

Also ich war 'mal Vormund von einem prachtvollen Jungen, der sich als einer blutarmen Witwe Kind zu einem tüchtigen Menschen emporgearbeitet hatte. Er hatte in Tilsit konditioniert und sich dabei ein paar Kröten zu­sammengespart trotz der rührenden Unterstützung, mit der er seiner alten Mutter unter die Arme griff. Er war ja

Barrere seine ganze freie Zeit dem Verkehr mit den römischen Redakteuren, so weit sic politischen und -gesellschaftlichen Ein­fluß besitzen, widmet, baß er in der Deputierten-kammer und im Senat ständiger Gast ist, auch wenn beide Häuser ihre Ferien haben, daß er es nicht unterläßt, einem Abgeordneten, auch wenn dieser ein Dornröschendasein führt, die Visitenkarte ins Haus zu schicken, daß er jedem, der seine politischen Talente als Vereinsrddner zu entfalten sucht, eine Artigkeit zu sagen versteht, daß -er, obwohl er bei Hofe als höchst unangenehm wirkende -Erscheinung empfunden wird, sich doch die führende Rolle nie -entreißen läßt, so oft ihn Beruf und gesellschaftliche Verpflichtung in den Quirinal treibt.

Mit einem Wort: von Herrn Barrere weiß man alles am Tiber, von Herrn v. Jagow nichts. Der letztere geht, wie er gekommen ist, er hinterläßt keine klaffende Lücke im gesell­schaftlichen und im HoflÄien. Die Schuld an diesem Manko ist nicht Herrn v. Jagow zu-znschreiben. Man wähle zu seinem Nachfolger einen Diplomaten, -der die tief eingewurzelte alte römische Schaulust zu befriedigen versteht, man wähle einen Botschafter, der durch ferne Gattin denen näher kommt, die sehen und gesehen werden wollen. Herr v. Jagow pflegte wohl das eine- oder das anideremal sein Erstaunen über die seltsam -befremdliche Art auszüdrückon, mit der man i-hur entgegentrat. Die Barrereschen Manieren wollte er ans keinen Fall nach­machen. Das hat er gar deutlich jedem, der es wissen wollte, zu fühlen -gegeben. Ep zeigte sich als Feind demokrati­schen Tuns und liebte nicht die krummen Wege. . . .

So blieb ihm denn in seinerUnzugänglichkeit" gegen» über demokratischen Einflüssen vieles in dem italienischen Volks- und Wirtschaftsleben fremd, was ihm sonst von gro­ßem Nutzen -gewesen wäre für die Verfolgung seiner politischen Ziele. Die Regierung des Herrn Giolitti verfügt nun einmal über eine große Zahl demokratischer Faktoren, mit denen auch die Vertreter der beiden verbündeten Monarchien zu rechnen haben. Nimmt doch auch der König von Italien selber die ge­bührende Rücksicht auf diese Zusammensetzung, denn er würde sich auch heute nicht besinnen, einem Biann der Sozialdemo­kratie ein Ministerportefeuille anzubieten, obwohl der König von demokratischen Empfindungen nicht gerade gepeitscht wird.

Herr v. Jagow war ein treuer Pfleger der Beziehungen zwischen Berlin und Rom. Er tat das Menschenmöglichste, als bei Ausbruch des italienisch-türkischen Kriegs und im Verlauf der weiteren fünf Monate diese Beziehungen durch die Haltung -der deutschen öffentlichen Meinung eine vorübergehende Trübung erfuhren. Herr v. Jagow ist überzeugtester Anhänger der Dreibundidee. Er kennt den Wert des neuen Italiens zu gut, als daß er leichisertigerweise für eine andere Mächte- kombination zu haben wäre. Aber er kennt-auch die Schwächen und Ränke der italienischen Politik aus eigener Anschauung zu gut, als daß er sich blindlings auf welsche Versprechungen verlassen würde. Er kennt vor allem den Wankelmut de-s italienischen Volkes, das in krisenvollen Zeiten wenig verläß­lich ist.

Herr v. Jagow ist ein überaus fleißiger Arbeiter und kenntnisreicher Mann. Vielbelesen, von leichter Auffassungs­gabe, er läßt sich belehren auch dann, wenn man ihm Wider­spruch entgegensetzen muß. Ob die römische Schule die rechte Vorschule für sein Berliner Ministerleben gewesen ist, wird erst später zu sehen sein. Von südländischer Routiniertheit

ein so lieber, anständiger Kerl nur immer etwas leichte gläubig, etwas kindlich und weich! Als die Alte starb, dachte er ans Heiraten. Er war mittlerweile 23 Jahre ge­worden und glaubte in seiner Martha, einem hübschen Blondkopf, einen Kameraden for ever gefunden zu haben. Aber erst wollte er nach Berlin gehen, um sich den Wind des Lebens ein bißchen um die Rase wehen zu lassen und um schneller vorwärts zu kommen. Ich selbst ermunterte ihn dazu um so mehr, als ich ja damals in Berlin noch mein Geschäft hatte und ihm deshalb mit Rat und Tat zur Seite stehen konnte. Er kam also hin, war riesig stolz auf seine 400 Mark und hoffte, in absehbarer Zeit daraus 4000 machen zu können. Na, dann hätte es schon zu einem soliden Haus­halt gelangt!

Wie er nun kaum achtundvierzig Stunden in Berlin ist, sitzt er Abends in einer Kneipe in der Schönhauser Allee und hört neben sich zwei Herren eine immer lebhafter werdende Unterhaltung führen. So viel wird ihm allmählich klar, daß der eine dem anderen einen Pfandschein zum Kauf anbietet.Ja", sagt der zweite,ich möchte Ihnen den Pfandschein sehr gerne abkaufen. Das ist ja gar kein Geld! Aber Donnerwetter! ich habe die fünfzehn Mark gerade nicht bei mir. Wenn Sie noch ein paar Minuten hier bleiben wollen, werde ich mir das Geld inzwischen besorgen."

Damit verschwand der Sprecher, ohne wiederzukommen, und bald darauf wendet sich nun der Zurückbleibende an meinen Franz:Möchten Sie nicht, mein Herr, das Ge­

schäft machen? Ich habe hier 'ne wunderbare Sache! Einen Pfandschein auf eine goldene Remontoiruhr, die mit 70 Mark belieben ist, deren Taxwert aber hier, bitte, lesen Sie!, 120 Mark beträgt, will ich für bloß 15 Mark verkaufen. Ich kann nicht daran denken, die Uhr einzulösen, und brauche die fünfzehn Mark wie die Luft zum Atmen. Sie tun also ein gutes Werk und machen dabei noch ein glänzendes Geschäft."

*

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