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Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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Dienstag, 7. Januar 1913. klbeNd-KUSgLtbe. Nr. 10 . - 61. Jahrgang.

Der mm Herr im auswärtigen Kmi.

Vsrlinsr Erwartungen.

O Berlin, 6. Januar.

Verde Kandidaten für die Nachfolge Kiderlens, Unterstaatssekretär Zimmermann und der Botschafter v. Jagow, hatten mit Rücksicht auf ihren Gesund­heit s z u st a n d zunächst getreten, von ihnen abzu- sehen. Beide hatten zugleich geltend gemacht, daß ihnen der p a r I a m e n t a r i f ch e B o d e n fremd fei und daß sie somit auch von dieser Seite her Bedenken trügen, sich der neuen, ihnen gestellten Aufgabe zu unterziehen. Wie schon kürzlich angedeutet, kam, was Zunmermann betrifft, noch hinzu, daß es schwierig ge- wejen wäre, für ihn in seiner bisherigen Stellung als Unterstaatssekretär einen vollwertigen Ersatz zu finden. Dieser Gesichtspunkt scheint zuletzt ausschlaggebend ge­wesen zu sein. Indem Herr v. Jagow seine Bedenken uberwand, handelte er aus einem Pflichtgefühl heraus, das an maßgebenden Stellen nach Gebühr gewürdigt wird. Denn seine Gesundheit ist wirklich nicht die beste, und es erwarten ihn ungewöhnlich schwere Aufgaben. Obwohl es nicht herkömmlich ist, die Stellungnahme eines Untergebenen zu einer solchen Personalsrage festzustellen, kann in diesem besonderen Fall doch darauf hingewiesen werden, daß der Unter­staatssekretär Zimmermann die Jnaussichtnahme des Herrn v. Jagow mit Genugtuung ausgenommen hat. Ein reibungsloses Zusammenarbeiten von Staats­sekretär und Unterstaatssekretär ist eine der wichtigsten Vorbedingungen erfolgreicher Tätigkeit im Auswärti­gen Aint. Tie Herren v. Kiderlen und Zimmermann waren ausgezeichnet aufeinander abgestimmt, Herr Zimmermann hat in dem verstorbenen Staatssekretär einen persönlichen Freund verloren. Es wird nunmehr zu erwarten sein, daß auch Jagow und der Unterstaats- iekretär die wünschenswerte enge Fühlungnahme ge- Winnen werden. Für die Beurteilung des neuen Staatssekretärs spricht es wesentlich mit, daß man ihn in Rom äußerst ungern scheiden sieht. Der bisherige Botschafter beim Ouirinal hat einen erheblichen Anteil an der Erneuerung des Dreibundes gehabt, er hat sich vorher^ der besonders schwierigen Lage, die durch den t u r k i s ch - i t a I r e n i s ch e n Krieg entstanden war, Mit taktvoller Klugheit und Gewandt­heit gewachsen gezeigt, seine Berufung an die Stütze des Auswärtigen Amts bedeutet, daß der Dreibund eine neue wichtige Klammer des herzlichen Vertrauens erhalt. Herr v. Jagow gilt in politischen Kreisen als einer der Diplomaten, die für ein gutes Verhältnis zu England eintreten, und seine Ernennung kann auch von dieser Seite her mit Befriedigung begrüßt werden, zumal dieser sein Standpunkt übereinstimmi mit den Tendenzen, von denen ans der Reichskanzler die Be­ziehungen zu Großbritannien geregelt und befestigt sehen möchte. Für die breite Öffentlichkeit ist Herr von <^agow ein unbeschriebenes Blatt. Jedoch erweckt alles, was man jetzt über ihn hört, Vertrauen, und seiner zu- künftigen Tätigkeit wird mit deutlich bekundeter Zu-

Berliner Theater- und Kunstdriest

Anna Pawlowa.

Wer Anna Pawlowa nur im Traditians-Gaze-Röckchen »er Prima-Ballerina sah, kennt sie nur halb. Zwar ist sic auch hier, auf Spitzen schwebend, als Papillon gaukelnd, als Schwan ratkörpert gleitend, zum Entzücken gar. Eine Grazienschule tfPS; ein Lächeln fliegt von den Lippen ins Publikum, und man denkt bei dieser Tänzerin voll Kunst und Natur zwischen den verstaubten Kulissen papierner Landschaften ohne Kunst und ohne Natur an Figurinen-Pastelle des Desgaz.

Doch aus der artifiziellen Desgaz-Sphäre schwingt sie sich Poll Innerlichkeit auch in ein Maeterlincksches Reich. Und nun wirb das Bild «in ganz anderes.

Sie trägt nun Schleierkleid und Flügel und flattert als verwunschene Elfe mit ihren sechs Schwestern, den Töchtern des Geisterkünigs, durch einen magischen Palast voll grüngoldener Dämmerungen und lila die Wände überrankender Wunder­blumen.

Michael Fokin, der schöpferische Ballettmeister des Kaiser­lichen Theaters in Petersburg, hat nach dem Lermontowschen Märchen von den drei Palmen diese Szenen ins Leben ge­rufen. Die Ensembleszene des ersten Bildes, in der die sechs Schwestern sündiger, verbotener Liebe zu den eindringenheu Menschensöhnen verfallen und zur Strafe vom Feuer verzehrt werden, ist nur der Auftakt. Das Hauptstück wird das getanzte Monodrama der einsam Zurückgebliebenen, der Siebenten, der Kauschen.

Verwandelt hat sich der Hintergrund. Er gleicht jetzt in LMem Goldgelbtou mit grauen und rotwallenden Wolken-

versicht entgegengesehen. Es nimmt für ihn ein. daß er eine bemerkenswert schnelle Karriere gemacht hat und daß ihm im Mai 1969 der überraschendeSprung vom Gesandtenposten in dem kleinen Luxemburg auf den _ römischen Botschafterposten durch einen so scharf­sichtigen Staatsmann wie Fürst Bülow ermöglicht wer­den konnte, zumal er damals erst 45 Jahre alt war. Wenn dieKölnische Zeitung" davor warnt, dem neuen Staatssekretär gewissermaßen Vorschußlorbeeren zu widmen, so dürfte der Staatssekretär selber der erste sein, der solche Warnung und die entsprechende Bitte an die Öffentlichkeit richten möchte. Es macht einen guten Eindruck, daß die Personen, die ihn näher ken­nen, in seiner Charakteristik übereinstimmen und ihn als einen Mann von ebensoviel Gradheit wie ausgeglichener Höflichkeit, von persönlicher Vertrauenswürdigkeit und vornehmster Liebenswürdigkeit rühmen. Sv wird es denn tvohl zutrefsen, wenn Herr v. Jagow wie eine Art Gegenpol zu seinem Vorgänger bezeichnet wird. War Herr v. Kiderlen auf Robustheit eingestellt, so ist offenbar die bestimmende Note bei Herrn v. Jagow die Feinheit und seine Zurückhaltung, die nicht verletzt, weil, sie nicht aus Verstecktheit geübt wird, sondern sich als der natürliche Ausdruck einer kultivierten Persön­lichkeit ergibt.

*

Soweit unser Berliner Vertreter. Gottlieb Eugen Günter v. Jagow wurde wir teilen in Ergänzung der gestrigen Angaben noch einmal die Personal- daten ganz eingehend mit am 22. Juni 1863 zu Berlin als sechstes Kind des Rittmeisters a. D. und Erbjägermeisters v. Jagow geboren. Nach Absol­vierung des Gymnasiums bezog er im Jahre 1883 die Universität Bonn, wo er dem Feudalkorps der Borussen beitrat, dem auch der Kaiser alsalter Herr" angehört. 1886 bestand er düs Reserendar- examon und trat dann zur Verwaltung über. 1889 wurde er Regierungsreferendar in Oppeln und 1892 Assessor bei der Potsdamer Regierung. Dann in den diplo­matischen Dienst übernommen, wurde er 1895 als Attache der Botschaft in Rom und 1896 der preußischen Gesandtschaft in München zugeteilt. Im Oktober des­selben Jahres wurde er Sekretär der preußischen Ge­sandtschaft in Hamburg und ging 1897 wieder nach Rom, wo er 1899 zum Legationsrat aufrückte und, noch ein­jähriger Tätigkeit im Haag, 1901 erster Sekretär der Botschaft wurde. 1906 wurde er als Wirklicher Lega- tiousrat und Vortragender Rat in das Auswärtige Amt berufen und erhielt ein Jahr später den Charakter eines außerordentlichen Gesandten . und bevollmächtigten Ministers. Anr 2. Dezember 1997 ivurde ex als Ge­sandter in Luxemburg beglaubigt, und am 12. Mai 1909 wurde er eine Beförderung, die damals außer­ordentliches Aufsehen erregte zum Botschafter in Rom ernannt. Herr v. Jagow, der unverheiratet ist und dessen Haushalt seine Schwester führt, ist äußerlich das gerade Gegenteil von Herrn v. Kiderlen-Wächter; er ist eine nur mittelgroße, sehr schlanke, jugendlich wirkende Erscheinung und zeichnet sich durch jene Liebenswürdigkeit und Geschmeidigkeit des Geistes aus, welche die einen als einen Vorzug und andere als einen Fehler der Diplomaten ansehen.

'ügen, die sich zu Gestatten ballen und wieder verfließen, üddhistisch-chinesischen Heiligenbildern, und vor diesem mysti chen Prospekt spielt nun zu einer süchtigen Musik von Spendiaröw die Pawlowa im Rhythmus ihrer Glieder die Leiden der armen Seele: Verlassenheit, verzweifeltes Irren durch weite Räume, traimnwandeludes Tasten, Schöpsen und Langen, zum Himmel sich Recken, in die Tiefe Versinken, ekstatische Sehnsucht; und schließlich gleitend, stürzend, kauert sie sich zusammen in ihren Flügelschwingen und erlischt wie eine stille Kerze. Felix Poppenberg.

Aus Kunst und Leben.

* Aus den Frankfurter Theatern. Korfiz Holms Lustspiel Marys großes Herz", dessen Uraufführung eigentlich München gebührte, ist aus ähnlichen Gründen zuerst nach Frankfurt gekommen, wie seinerzeit RößlerSFünf Frank­furter" nach Wien. Der Dreiakter hat eine kleine, beinahe pikante Vorgeschichte. In der bayerischen Hauptstadt geht näm­lich die Sage, Marys großes Herz gehöre einer bekannten Münchener Dame und die übrigen Figuren seien gleichfalls unverkennbaren Münchener Gepräges. Bei der ersten Auffüh­rung im Neuen Theater am Sonntag fiel dieser lokale Reiz fort, ohne daß dadurch der Erfolg geschmälert worden wäre. Marys großes Herz" entpuppte sich als ein heiteres Kon­versationsstück noblen Genres, das ebenso gut in Wiesbaden wie in Münchenhandeln" kann. Der Dialog gibt sich im ungezwungensten Plaudertün. er ist geistreich, prickelnd.und unterhaltsam. Der Inhalt läßt sich in zwei Sätzen erzählen: Mary ist eine schöne stilvolle Frau, die partout nicht altern

Herr v. Jagow übernimmt bas Erbe Kiderlen- Wächters in einer besonders schwierigen und krinschen Zeit, und er hat schon deshalb, weil er es g e g e n seine persönlichen Wünsche getan hat, Anspruch auf Anerkennung seitens der öffentlichen Meinung, obwohl er diese, wie sein Vorgänger, bisher nicht sonderlich zu respektieren pflegte. Als beim Ausbruch des Tripolis­krieges die Presse aller Parteischattierungen in Deutschland den Vorwurf gegen die Italiener erhob, daß sie durch diesen vom Zaun gebrochenen Krieg Den Dreibund im allgemeinen und Deutschlands Inter­essen in der Türkei im besonderen schwer schädigten, be­mühte sich Herr v. Jagow, in der Besorgnis, daß anderenfalls die franzosenfreundliche Strö­mung in Italien überhand nehmen könnte, die öffent­liche Meinung in Deutschland alsbelanglo s" hin­zustellen. Vielleicht wird der neue Staatssekretär dar­auf verweisen, daß er durch seine Taktik die Er­neuerung des Dreibundes herbeigeführt habe, aber man wird dem wohl entgegenhalten dürfen, daß die geschäfts- klugen italienischen Politiker die Dreibundpolitik nicht auf Grund diplomatischer Künste, sondern chrer eigenen, sehr materiellen Interessen wegen prolongiert haben. Und im übrigen ist ja der italienische Tripolisstreich die U r- 1 ache der noch ungelösten Balkankrisis, unter der heute ganz Europa leidet.

Neben der Liquidation dieses heiklen Problems wird zu den Ausgaben des neuen Staatssekretärs vor allem worauf schon oben in den Bemerkungen unseres Berliner Vertreters zur Ernennung v. Jagows hingewiesen wurde die weitere Förderung der deutsch - englischen Berständigungs» a k t i o n gehören. Man weiß, daß Herr v. Jagow ein ganz besonders eifriger Freund dieser Bemühungen und darin mit dem Reichskanzler. Herrn v. Bethmanu- Hollwsg durchaus eines Sinnes ist. Wir wünschen ihm, daß ihm hierbei neben der ihm eigenen Liebenswürdig­keit und diplomatischen Schmiegsamkeit im erforder­lichen Fall auch die nötige Entschiedenheit W Gebote stehen möge. Mit besonderem Interesse wird man auch abwarten, ob Herr v. Jagow der Mann sein wird, die so oft versprochene Reform des diplo- m a t i s ch e n Dienstes ins Werk zu setzen. Aber wenn dies Herrn v. Kiderlen-Wächter, dem energischen Sohn des süddeutschen Bankdirektors, nicht gelang oder nicht lag, dann wird man von dem ausgepräg­ten Aristokraten, der jenem Bonner Korps an­gehört, welches eine so unverhältnismäßig hohe Rekru­tierungsziffer für unsere hohen und höchsten Beamten­stellen ausweist, kaum erwarten dürfen, daß er dem Gardeprinzip" in unserer Diplomatie ein Ende macht. Doch wird Herr v. Jagow auf alle Fälle beanspruchen können, daß man seine Taten abwartet, und daß, wenn man ihm schon ein Vorurteil entgegenbringt, dieses ein günstiges sei. *

DieDynastie" der Jagows.

Das Geschlecht der Jagows auf Rühstädt, Dallmin und Quitzöbl gehört mit zum ältesten Adel der Ucker­mark, und durch Amt, Tradition und Verwandtschaft steht ihr Haus in engster Fühlung mit vielen anderen

will und die ihre Liebesabenteuerlaufbahn erst dann beschließt, als sie sich von ihrem neuesten Schwarm mit der Freundin betrogen sieht. Punktum. Die Aufführung -war gut und der Beifall nachhaltig. Der anwesende Autor durfte sich nach dem zweiten und dritten Akt wiederholt bedanken. Zu rühmen rst die brillante Inszenierung und das mondäne Spiel der Titel- Heldin, die in Fräulein Olly eine geschmackvolle Vertreterin fand, wie sie sich der Dichter nicht -besser wünschen konnte. 6.

* Von der deutschen Spitzbergenexpebition. Ein bei der Telegraphendircktion in Christiania aus Spitzbergen cin- getroffcnes Funkentelegramm berichtet, daß am 2. Januar Bei der Telegraphenstation Spitzbergen zwei Männer aus der Advent-Bai mit der Nachricht eingetroffen sind, daß am 27. Dez. ein Teilnehmer der deutschen Spitzbergenexpedition mit Namen R: t ich er in' der Advent-Bai angelangt sei und erzählt habe, daß die Expedition, die sich an der Nordküste von Spitzbergen aufhält, nur noch für einen Monat Proviant habe. Einzelne Teilnehmer seien äm Skorbut erkrankt. Er selber habe der Ab­teilung angehört, die von der Wijde-Bucht nach der Advent-Bai zu gelange:: suchte, um Hilfe zu holen. Seine Begleiter, der Arzt der Expedition und zwei Norweger, habe er in der Wijde- Bucht zurücklassen müssen, da sie erschöpft waren; jetzt seien sie wahrscheinlich ohne Nahrungsmittel. Er selber habe am Weih­nachtsabend Kap Tjerdsen erreicht und dort sein letztes Stück T a l g I i ch t verzehrt, dann habe er den Marsch über das Fjord fortgesetzt. Zweimal sei er eingcbrochen, aber von seinem Hunde gerettet worden. Aus Mangel an Kräften mußte er seine Schnee­schuhe und seinen Revolver schließlich zurücklassen. In der Advent-Bai mußte man ihm, so erzählte er, die Kleider vom Leibe schneiden, so sehr hatten seine Berne vom Frost gelitten. Sechs andere Mitglieder der Expedition waren nach nördlicher Richtung weitergegangen, um die zweite deutsche Expedition auf.