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zreitag, 3. Januar ,4,5. UfOt 0C lt » H USQClbg. Nr. 3. . bl. Jahrgang.
Träume und Wirklichkeit.
Es ist noch nicht allzulange her, seit man in alldeutschen Blättern Angriffe auf unsere vermeintlich viel zu zaghafte und bedauerlich kurzsichtige Rcichs- keitung lesen konnte, weil sie es blicht fcrtiggebracht habe, die Pforte in den Dreibund aufzunehmen. Die Rechnung war, daß die Ausdehnung des Dreibundes auf die Türkei zu gleichen Rechten und Pflichten sowohl England wie Frankreich und nebenbei auch Rußland für immer vor unübersteigliche Schranken eines weltgebietenden Machtquantunis stellen müßte. Heute wird inan in jenen Blättern selbverständlich vergeblich nach solchen Torheiten suchen. Die Wirklichkeit hat grausam genug mit diesen Träumen aufgeräumt. Aber, da Bücher eine längere Lebensdauer haben, so mag es' den Alldeutschen unangenehin genug sein, daß einer der Ihrigen, General Bernhardi, in seinem Buch „Unsere Zukunft" die Türkei als notwendige Ergänzung des Dreibundes wertet und ihr Heer init der vollen Ziffer von 700 000 Mann zu einer Zeit eingestellt hat, !vo die Schlacht bei Kirk-Kilisse bereits geschlagen tvar. Geschrieben hatte er das Buch wohl vorher, erschienen aber ist es erst, als die Türkei unter den wuchtigen Schlägen der Balkanstaaten bereits am Boden lag. Wo sind diese 700 000 Mann? Wer kann heute noch wagen, wenn er sich nicht lächerlich machen will, die Erweiterung des Dreibundes durch die Pforte als wünschenswert für unsere Interessen zu bezeichuen? Tie Türken können das ersehnen, wir nicht, tvvbei wir diesmal auch die Alldeutschen nicht ausnehmen wollen. Denn sie sind wenigstens nach dieser Seite hin durch Erfahrungen belehrt und gestraft worden.
Dafür aber wuchert die Phrase auf anderem Boden fort, wie sie denn am kräftigsten in den Gefühlsregungen blüht, mit denen eine schwer durchsichtige, slawisch orientierte Belveddre-Politik die Trännierei vou einem vergrößerten Donaureich ansspinnt. Immerhin ist die Auffassung zu berichtigen, als ob die deutsche Politik für Pläne zu haben wäre, an die vielleicht schon Fürst Bismarck mit Sorge gedacht hat, als er in seinen „Gedanken und Erinerungen" schrieb, „daß die Eindrücke und Kräfte, uirter denen die Zukunst der Melier Politik sich zu gestalten haben wird, komplizierter sind als in Deutschland wegen der Mannigfaltigkeit der Nationalitäten,^ der Divergenz ihrer Bestrebungen,.-er klerikalen Einflüsse und der in den Breiten des Balkans und des Schwarzen Meeres für die Tvnauländer liegenden Versuchungen." In einem vortrefflichen Aufsatz von Karl Peuthner (Wien), den das Januarheft der „Neuen Rundschau" soeben veröffentlicht, wird den „deutschen Politikern" vorgeworfen, daß sie sich unbesehen vor den
Kölnische Wintertage.
Von Kurt Bauer (Rom).
„Sie sind eilt Nordländer und können das bißchen Kälte nicht vertragen", rief mir neulich ein siziltanischer Nachbar zu, als er in mein Zimmer trat. Ich saß näinlich mit denr Wintermantel an meinem Schreibtisch, hielt die Feder mühsam in der behandschuhten Hand, hatte die Beine mit einem Tuch umhüllt, während mein Atem dichte Wolken um den Kopf bließ, tvie Weihrauch um einen indischen Buddha, aber weniger behaglich und wärmend. Die Zimmer, temperatur war bis aus 6 Grad gesunken, über mir prasselte der Regen auf das Dach, und durch das schlecht verdichtete Fenster wehte die kalte Tramontana. Meine einzige Aufheiterung dabei bildete ein kleines Kohlcngefüß, die jedoch nur abwechselnd den Neid des einen FüßeS auf den andern oder der einen Hand auf die andere zu erregen vermochte und eine große Mißstimmung unter meinen Gliedern anrichtete. Nur die Augen sogen mit ungemischtem Behagen die Glut der Kohlen auf, während die Nase bereits durch ein unzufriedenes Rümpfen und Schnüffeln ihre Unmut über die kleine Augensreude andeutcte. „Da lebt Ihr nun am Nordpol", höhnte mein Freuiw gelassen ivcitcr, „und tut hier gleich stolz wie Butter im Eisschrank, wenn euch ein heimisches Tramontanalüftchen nur aufs höflichste anzureden wagt." Eine seltsame Tatsache ist es allerdings, daß wir Nordländer im Süden gegen jede Abkühlung viel empfind- kicher werden als der Südländer. Ich glaube, das steht schon irgendwo im Baedeker. An mir selbst erfuhr ich es zum erstenmal aufs kraffeste bei eüvem Aufenthalt in Catania, als sich die Temperatur nach heißem Schirokkowinde des Abends bis auf 25 Grad abkühlie. Dabei - ging mir ein frostiges Riefeln durch den Körper, daß ich mich am liebsten m den Mantel gehüllt hätte. Mehr oder minder spüren wir das auch in Rom bei jedem stärkeren Temperaturwechsel und alle Fremdenführer raten daher: Abends den Mantel nicht
vergessen!
Im Winter allerdings gibt es wohl kaum irgendwo eine schönere, gesündere und gleichmäßigere Temperatur als in ÄMtt. Selten sinkt das Thermometer unter -ft 2 Grad, ge- ‘
österreichischen Wagen spannen lassen. Ter Tadel ist jedoch nach unserer Beobachtung und unserer wohlbc- gründeten Überzeugung unzutreffend. Wir sind gewiß, daß man in Berlin genau zwischen dem unterscheidet, was noch innerhalb der Gemeinsamkeit unserer und der österreichischen Interessen liegt, und dem jenseits liegenden Gebiet spezifisch habsburgisch-dynastischer Bestrebungen, die nur unser Mißtrauen zu erwecken geeignet sind. Die Alldeutschen freilich gehen auch jetzt durch dick und dünn mit den Wünschen aus dem Belvedtzre.
Indessen ist es ganz anrüsant, einmal von einem scharfen Beobachter aus nächster Nähe zu erfahren, wie es hinter den Kulissen des schwarzgelben Ehrgeizes aussieht. Geben wir also Karl Leuthner das Wort. „Heute", so schreibt er in der „Neuen Rundschau", „ist der Balkan durch den Balkanbund verschlossen, aber die Untertaneil des Reichs stehen marschbereit. Nun, wohin wollen wir denn gemeinsam vorrücken? • Selbstverständlich in den Sieg, der Niederlage Schrecken und Greuel möchten wir gar nicht ausdenken. Doch wenn wir nur: Rußland und Serbien — mit französischem und wer weiß noch loelchem Anhang — niedergerungen habeil: lvas dann? Dann — nun, da preußische Generale und Kolonialkoinmissare träumen dürfen, darf's wohl auch ein österreichischer Abgeordneter •— dann trägt Österreich Kongreßpolen und Serbien ans dein Strauß heim. Das ist fast gewiß. Serbicil stand schon 1908 auf Lern Prograrrrm, sagen die, die alles wissen, weil sie auf dem Ballplatz Beziehungen haben, und die Einverleibung Polens wäre bei der Stimmung, die unter deil galizischen Poleil herrscht, auch mit dem stärksten Widerstreben Wiens nicht aufzuhalten, ebenso wie Wien ilieiirals in die Teilung Kongreßpolens wllli- gen dürfte, ohne den jetzt jo patriotischen -Sinn der heimischen Polen irr Haß und Wut zu kehren. Wo Deutschland seine Kompensationen hernähme — Lei der Undnrchbrechbarkeit der französischen BoWeinheit — da braucht mich nicht zu bekümmern, das müssen die wissen, die in Berlin schlagbereit auf das Kommando der Bundesgenossen warten und als Schüler Bismarcks gewiß schoil zum voraus „wünschenswerte Friedens- bedingungen" ausgedacht haben. Wir österreichischen Deutschen hätten also des Segens die Fülle: 13 Millionen Polen und 9 Millionen 'südslawen. Das ist doppelt soviel als wir selber zählen. Und da Österreichs und Ungarn Häusern zu unansehnlich sind, um eine so große und glänzende Gesellschaft darin unterzubringen, und ivir auch verpflichtet wären, den 9 Millionen Polen und I Millionen Serben, die neu hinzukämen, das Eingewöhnen zu erleichtern, so würde aus unserem Dualismus flugs ein Quadralismus werdeil. Wenn dann bei der starken kongreßpolnischen Industrie Galizien für die Leutschböhmischen Fabrikanten und die
wohnlich jedoch steigt es am Tage bis auf 12 und 14 Grad. Da ist es nun wieder Roms kritische geographische Lage, dis alle Vorzüge dieses schönen. Winters zerstört und ein schier unglaublicher Wirrwarr in die hygienischen Anschauungen über Zimmerbeheizung bringt. Einige Meilen nördlich, in Florenz, wird die Kälte in: Winter bereits so empfindlich, daß eine Art Zimmerbeheizung durch Ösen und Kamine Allgemeinbedürfnis der Bevölkerung wurde. Einige Meilen südlich, in Neapel, sind die Winter so gelinde, daß dort überhaupt niemand an Heizvorrichtungen zu denken braucht. Merkwürdigerweise jedoch empfindet die auS dem Süden kommende Bevölkerungsschicht selbst in Rom die feuchte Zimmerkühle, bis zu einem gewissen Grade daran gewöhnt, weniger als die aus Mailand usw. eingewanderte, die hier durchaus ihre Öfen vermißt. Man hat daher diese brennende oder kalte Frage so entschieden: die öffentlichen Gebäude.
Fremdenpensionen und herrschaftlichen Paläste, in denen sich Nordländer einmieten könnten, werden neuerdings mit Zentralheizungen, Öfen oder Kaminen versehen. In allen anderen Wohnungen aber genügt es, wenn die Holzkohlen- vase, das „Scaldino" an besonders kalten Tagen von Hand zu Hand kreist. Schließlich kann sich der Allzuverwöhnte einen kleinen Petroleumofen leisten, öfter sicht man sogar eiserne Ofenröhren kühn durch kleine Fensteröffnungen ragen. Hier wohnt dann natürlich ein wohlhabender „Stra- niero". Der Römer selbst verficht nun aufs entschiedenste die Ansicht, daß der durch die : Zimmerhcizung geschaffene Gegensatz zwischen draußen und drinnen der Gesundheit geradezu verderbenbringend sei. Wenn ich einem Römer erzähle, wie wir in Norddeutschland bei 20 Grad im Freren stets mindestens 15 Grad Zimmertemperatur zu halten wissen, so ernte ich jedesmal das naive Erstaunen — nicht über die horrende Kältetemperatur — sondern, daß wir diese, aus warmen Stuben kommend, draußen zu ertragen ver- mögent Nach seiner Ansicht müßten dann der Ausgleichung wegen auch in den Wohnungen 10 Grad Kälte herrschen. Und so ist die Verwunderung bei dem Römer nicht gering, sobald wir hier über kalte Füße oder frierende Hände klagen. Freilich rechnet er dabei nicht mit unserer Arbeit, die uns auch im Winter halbe Tage lang an den Schreibtisch fesselt. „Das einzige. Mittel gegen die Kälte", meint er
Wiener Kaufleute ein verlorenes Land wäre und die ganze Adriaküste an den südslawischen Reichsteil fiele: was tut cs, die Deutschen überhaupt und die Deutschen Österreichs insbesondere haben doch zum Schwerte gegriffen, „weil den Germanen der Weg zum Südmeer nicht verschlossen werden soll"."
Ein wunderliches Zukunftsbild! Träumereien wird man sagen, aber die Leute, die solches träumen, haben abweichend von unseren Alldeutschen auch Macht in Händen, und darum üroheir Gefahren. Es ist notwendig, den Sachverhalt gu kennen, kühles Blut und Skepsis zu bewahren.
politische Übersicht.
Ein Mißgriff.
Die „Königliche Generalkommission" in Münster, eine dem Landwirtschastsministerinin unterstellte Behörde, hat kürzlich in einer Perfügung an die Spezial- kommtssare die Notwendigkeit, zu spare n, betont. Unter anderem heißt es in der Verfügung auch: „Es empfiehlt sich, nur jüngere Strafte anznnehmen und diese durch a n d e r e jüngere Kräfte zu ersetze wenn, jene sich verheiraten sollten." Dieser Punkt in der Verfügung stellt einen bedauerlichen Mißgriff dar. Er schädigt llicht bloß das berechtigte Interesse der Angestellten, sondern auch das allgemeine, nationale. Darüber bedarf es nach den vielen Erörterungen über den Rückgang der Geburten Wohl kaum noch weiterer Worte. Die Behörde, die das sicher berechtigte Be- mühen, zu sparen, in der verkehrten Richtung betätigte, mag sich ans das Wort „Irren ist menschlich" berufen: aber sie hat hoffentlich beit Mut. den erkannten Irrtum einzugestehen und diesen Satz der Verfügung zurück- ä int c hm c n.
Die GrotzstäÄte im westen.
Aus dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet wird uns geschrieben: Der Industriebezirk entwickelt sich immer mehr zu einer einzigen, weitläufig gebauten Stadt, und die Frage der Schaffung einer „Industrieprovinz" wird inimer dringender. Das nicht sehr große Fü n f e ck, dessen Ecken die Städte Krefeld, Düsseldorf, Elberfeld, Dortmund und Recklinghausen bilden, umfaßt nicht weniger als elf Großstädte: Krefeld, Duisburg, Mülheim an der Ruhr, Haurborn. Essen, Düsseldorf, Elberfeld, Barmen, Bochum, Gelsenkirchen und Dortmund. Die letzten drei gehören zum Regierungsbezirk Arnsberg, die übrigen zum Regierungsbezirk Düsseldorf. Binnen wenigen Jahren wird sich die Zahl noch um einige vermehren. Durch ein paar schon be- schlossene Eingemeindungen wird demnächst Essen
eben, „bildet die Bewegung." Mit dieser inneren Rechtfertigung entflieht er dem Studium im Winter genau so gelassen, wie es ihm im Sommer dazu zu heiß ist. Daß der Römer im allgemeinen kein guter Arbeiter scheint, daran trägt weniger das Mimet die Schuld als seine Scheu vor allem Komfort, mit dem jene äußeren Störungen leicht bekämpft werben könnten. Nicht sogar fühlt sich der Römer in seiner Heimatliebe gekränkt, sobald er den Fremden über kalte Füße klagen hört. In Rom — hat er sich fest in den Kopf gesetzt — gäbe es weder Kälte noch Hitze. Man vermag dem Römer keine größere Freundlichkeit zu erweisen, als indem nrmr im Hochsommer ausrnft: wie angenchm kühl ist doch Rom! und im kalten Winter: wie schön warm ist dies gesegnete Land! Zwar leiden die meisten an rheumatischen Schmerzen, aber — das geht im Sommer wieder vorüber, trösten dann die anderen. Wer es aber gar twtgf, sich in den feuchten dumpfep Ofterien und Trattorien nach einem Kami« umzusehen, dem erscheint sogleich in überlegener Kenn«, miene der behäbige Oste mit einem vollen Liter Rotwein: „Dies, cavo mio", sagt er schr-mnzelnd, „ist das einzig wirksame Mittel gegen die Kälte!"
Es sei allerdings zur Ehre der römischen Sonne geiortr, daß sie auch cm den echten Wintertagen ihre Herrschaft nicht verliert. Fallen ihre Strahlen nur einige Stunden lang durchs Fenster, dann ist die Feuchtigkeit aufgesogen, die Luft gesund und bekömmlich. Niemand wird cs wagen, sich im Winter in einem Zimmer aufzuhalten, das die Sonne nicht trifft. Auch soll nian die Fenster geöffnet halten, um stets Luftzug zu haben, der die Feuchtigkeit der Stuben vor Stückigkeit schützt.
Draußen jedoch bildet die Sonne natürliche Wärmehallen auf geschützten Plätzen, von eisigen Schatten umgeben. In den Mittagsstunden eilt alles hinaus, um sich einmal am Tage ordentlich und kostenlos zu durchwärmen. Die sonnigen Ecken sind von bunten Menschenhaufen ausgefüllt, auf den Straßensteinen hocken spielend die Kinder, vor den Eafg-J locken Stühle de» Vorübergehenden zu einem „Sonnenbade" ein. Mit die angenehmste Zufluchtsstätte bildet auch im Winter die große Piazza Siena in der Villa Borghese, wo die Sonnenstrahlen, umgeben vor: ewigen: Grün, immer den Frühling vorzutäufcheg wissen. Dort hält der Kömer dicht
