Wiesbadener Tsgblstt.
Verlag Aanggaffr 8t ^ ... , (i/jjg rt+ j OKn ..T-gblatt-H-ns- «r. soso-ss.
WWentttch 12Ausgaben. ^ Gegründet 1852.
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WSlhwtlich 12 Ausgakell.
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Nr. Gvs.
Sonntag, 31. Dezember 1911«
59. Jahrgang.
Morgen - Kusgabe.
1. Matt.
Wegen des Neujahrstags erscheint die nächste »Tagölatt"-Ausgaüe am Dicnstagnachmittag.
Neujahr 1912.
Die Sitte, Ne Jahreswende festlich zu begehen, ist uralt. Schon Ne alten Römer karrnten sie. Sie schmückten ihr Hans mit Lorbeer und Olivenzweigen. Schon die Wrchnrämnm sollten einen festlichen Eindruck machen, Noch heute ist bei den romanischen Völkern, die unsere Weih- Nachtssitten nicht kennen, das neue Jahr das Hauptfest. Bei uns hat Weihnachten das neue Jahr ttt ^^^nter- tzrund gedrängt. Aber auch Neujahr hat feine Ehre, ore ihm nicht verkümmert werden darf.
Die Jahreswende lenkt den Blick auf die Weltenuhr. Der Zeiger der Wöltenuhr hat wieder einen Ruck vollendet •— einen ganz kleinen Ruck nur, den mmr an dem riesigen Zifferblatt des Weltc-nmessers kaum merkt — HE da sind lüüü Jahre wie ein Tag — aber für uns kleine Menschenkinder bedeutet der Ruck eines Jahres schon einen ürerÄichen Abschnitt. Freilich — wenn das ^9*
Uns liegt, kommt es uns vor wie ein flüchtiger Schatten, der vorüber huscht. Wir wissen noch vom vorigen Jahrcs- schluß und den Stimmungen, mit denen wir danials ins neue Jahr getreten sind. Da sind selbst 10 Jahre nur eitte iut-je Spanne. Wir stehen am anderen User, a&er wir können uoch genau zurückschauM und haben noch deutlich im Milde, wie wir vor 10 Jahren unseren Kahn abgestoßen haben, und welche Klippen und Untiefen wir umschifft haben. Weil wir jetzt die Zusammenhänge überschauen, wie ein Glied der Kette sich ans andere gefügt hat, deshalb kam uns hinterher alles vor wie ein Gleiten, wie wenn mit Blitzesschnelle unser Kahn einen Wasserberg hinunter gefahren wäre.
Aber was vor uns liegt, ist uns unbekannt. Es kann h kommen und kann anders werden. Jeder Tag kann etivas ändern. Auf jeden Tag sind wir gespannt, ob er etwas Neues bringt - irgend eine Überraschung. Ta glaube:: wir. in einem Jahr kann wer weiß was alles Schönes geschehen. Ja selbst von einer Woche öder, von einem Tag hoffen wir alles mögliche Neue und.Schone. Wenn darin anderseits etwas übles kommt, ern Unglück, ein« Krankheit — da werden die Stunden zur Ewigkeit.
So wie jetzt rückt der Zeiger für uns Menschen höchstens 7V- oder, wenn es ganz hoch kommt, ^nn ist e»
^ndes für ein Volk bedm^et ein ^-ahr visl weniger' a!l§ für den einzelnen Menschen. Völker fmd lang- lebrg Was ist ein Jahr tot Völkerleben? - Ern Augew blick. Was ändert sich in ernem Volk innerhalb cur.s
Jahres? Sitten, Einrichtungen, Verhältnisse dauern wie der Boden, ans dem sie gewaMen sind.
Gesetze hat uns das vergangene Fahr mancherlsi gebracht. Es war der Abschluß einer Legislaturperiode und insofern leidlich fruchtbar. Die Abgeordneten wollten noch mit möglichst gefüllten Händ">! vor ihre Wähler treten. Die Reichsvcrsicherungsordnung ist gekommen, ein Werk mit einem Riesenfleiß. So m-öas austüsteln kann fast nur der deutsche Büreaukrat, und wir in Deutschland haben auch nur den Apparat, so <*>' «s durchzufiihren. Im Zusammenhang -damit ist uns No Privatbeamtenversicherung beschert worden — sicher für viele ein erfreuliches Weihnachtsgeschenk trotz unleugbarer Mängel. Tie Elsaß-Lothringer haben ihre Verfassung endlich erhalten. Sie können nun wenigstens als Volksstamm ein einigeruraßen selbständiges politisches Leben entfalten uüd am deutschen Baum eigene Früchte zeitigen.
Das Schiffahrtsabgabengesetz ist anderseits eine recht unerfreuliche Frucht des letzten Jahres. Wie sehr — das liegt noch einigermaßen in der Zeiten -Schoße verborgen. Die soziale Gesetzgebung hat fast ganz gestockt. Das Ar- bsitskam-mergesetz ist ins Wasser gefallen, und das Hausarbeitsgesetz — o du liebe Zeit! da redet man am besten gar nicht davon, zun: Loben zuviol und zum Stecben zuwenig. Seit Jahren, um Nicht zu sagen, seit Jahrzehnten, warten die Ärmsten aus gesetzliche Hilfe. Aus so und so viel Ausstellungen haben sie ihre Not in die Welt hirrcms- geschrien, und jetzt hat man ihnen Steine statt Brot gegeben. Da hat man wirklich aufs deutlichste das Gefühl, wie unendlich langsam die Welt vorangeht.
überhaupt sind ja Gesetze keine Allheilmittel. Gute Gesetze sind so selten wie ganz gesunde Menschen. Die meisten sind Kompromißarbvit, oft nur Flickschusterci. Ein gesunder Volkskörper verträgt viel Medizin, auch wenn sie schlecht gemischt ist, und einem Kranken wird- durch Pfuscharbeit auch nicht geholfen. Die Hauptsache sind zuweilen gründliche Operationen, Radikalkuren zur Ausscheidung giftiger Stoffe und zur Zuführung frischen Blutes. Wenn Preußen sein Wahlrecht änderte, so wäre das ein wirklicher Gosundungsprozeß, aber wer wagt zu hoffen, daß wir im kommenden Jahre damit beglückt werden! Auch der neue Reichstag, was er auch bringen mag, kann uns nicht dazu verhelfen.
Kürzlich sagte Dernburg in einem Berliner Vortrage: Es gibt mut noch drei Staaten in der Welt, die das parla- mcutariscbe Regiment nicht haben: Deutschland, Rußland und vielleicht Japan. China bringt es vielleicht sogar zur Republik. Wir, die wir im Mittelalter schon die Welt regiert haben, marschieren hinsichtlich unserer politischen Rechte ganz hinten am Ende.
Deutsch sein heißt frei sein, hat einmal der Kaiser in Posen gesagt. Bisher war fast das Gegenteil der Fall. Würde es Wirklichkeit, so würde das unser Ansehen in der Welt bedeutend steigern, und wir können eine Uussrischung nach dieser Seite wahrlich brauchen. Wir sind das Volk,
das am meisten Sprötzlinge in die Feme entsendet hat. Diese unsere Volksgenossen müssen auf uns schauen lernen als aus einen Hort der Freiheit, damit auch sie in ihren Ländern aus freie Betätigung ihres Volkstums dringen können.
Freilich der Politik allein gelten unsere Wünsche im neuen Jahre nicht. Genau vor 100 Jahren hat Gneifenau gesagt: Tie Wissenschaft nmtz Deutschlands Ruhm bleiben. Die Wissenschaft ist noch heute unser stärkstes Ruhmesblatt. Daß wir reich geworden sind, ist als Begleiterscheinung gut und schön. Wissenschaft und Tugend aber müssen die Grund- lage bleiben. In Materialismus dürfen wir nicht versinken. Das wissenschaftliche Streben darf nicht verdorben werden durch die Gier nach Geld und Gut, nach Orden und Ehrenzeichen. Deshalb fort mit irgend welchen Vorschriften der Wissenschaft! Die muß allen zugänglich gemacht werden. Die Grundlage für unser wissenschaftliches Stroben, muß verbreitert werden, daß von unten immer nou-e Kräfte nach oben steigen.
Hoffen wir, daß von diesen Reui-ahrswitoschen wenigstens einiges in Erfüllung geht!
UolMsche Übersicht.
Zi»rialdr;:rokr'atie und -»falsche Aiichwshleir".
Der bayerische -Großblock oder, wie die beteiligten Parteien ihn lieber neunen, der Zweckverbaud ist in einem parteiosssigiösen Leitartikel -des „Vorwärts" gebilligt worden. Mit einigen etioas einischräEenden Bemerkungen zwar, aber diese haben Wohl nur den Zweck. die Radikalen und Unentwegten -zu beruhigen, die von Bündnissen mit einer bürgerlichen Partei nicht gern etwas hören wollen. Auch -wenn man gelten läßt, daß es sich in Bayern nur um ein „taktisches Wahlabkommen" -und nicht un: eine politische Avbeltsg'emejnschaft handelt (in -Böden verhält es sich übrigens ebenso), so hat,dieses Abkommen doch eine Bedeutung, die vom „Vorwärts" vollständig übersehen wird. Es ist eine 'VerstäNdigunig über die H a u p t w a h l e n und vermeidet das, was man „falche Stichwahlen" nennt. Während die radikalen Sozialdemokraten es des der Reichs tags wählen als gleichgWig betrachten, ob sie durch die Aufstellung eines eigenen Kandidaten schließlich dem Zentrum öder den Konservativen nützen (wir nennen als -Beispiel nur den Wahlkreis Hamm-Soest), und während der Berliner Briesischreiber der „Neuen Zeit" auch jetzt wieder behauptet: „Der Jammer Aber die falschen Stichwahlen ist keinen Schuß Pulver wert", gehen die bayerischen -Sozialdemokraten einen Vertrag ein gerade zu dem Zwecke, die Wahl des gegenwärtig -am schärfsten bekämpften Gegners zu verhindern, mit anderen Worten falsche Stichwahlen zu verhindern. Wenn Loaik und Folgerichtigkeit zu den Eigenschaften der soiziald-cmoera- trschen Wahltaktik gehörten, so müßte die Partei auch bei
Feuilleton. Neujahr.
Neujahrsanf-ang — Altjahrsende . . .,
Es grüßen sich die leisen Hände,
Die kommen und von dannen geh m,
Sich heut' zum Abschiednehmen sehn; Prophetisch spricht die Mitternacht:
So wird -die Ewigkeit vollbracht!
Und lautlos wie der Zeit Geschäfte,
Im Aus und Mb der Lebenssäfte,
So sei auch du!
Dein Haupt einstimmig -neige zu,
Daß du in diesem ew'gen Tun,
Zeitlicher Mensch,
Magst brunnentief und zeitlos ruh .
Fritz Philipp!.
(Nachdruck verboten.)
pumpel§.
Eine Silvester-Satire von Wilhelm Scharrelmann. Pumpel war am Silvesterabend in i“™*
timmuug, die ein genossenes M-ndessei , n G^ ^
ilvesterpunsch und eine -tadellos - i® ,
'ben vermögen. Zu diesen drei « J “ ncm ebenso chen Dingen kam die begründete- Hcjto 4, ^
lücklichen und ungestörten ^ahre entg g -z , -' i das verflossene gewesen war. Es g J
lchts, was Pump-els Ruhe und BehaAchr-it am Dilve tc ^ bend im geringsten hätte stören können. Der Horizont ines Lebens laa vielmehr so klar nnd- wolrenlos Vor thm, üe der strahlend blaue Himmel eines heiteren Som-mcr-
^ Seine kleinen Augen, die h/uter Nn angenehm gernn- eten, üutgenährten Wangen seines breiten Geya, s s !
verschwanden, blinzelten vergnügt über den Tisch, und feine kleinen, fetten Hände, mit den kurzen Fingern hielten liebevoll -den silbernen Becher umschlossen, der mit dampfend heißem Punsch .gefüllt vor ihm stand.
Man war im engsten Kreise geblieben heute abend. Frau PumpÄ hatte von einer größeren Feier diesmal abgesehen, und Pumpel hatte sich mit einer Einladung an seinen Neffen begnügt, während seine Frau von ihren zahlreichen Verwandten nur ihre Nichte Fisi, eine Tochter ihrer verstorbenen Schwester, gebeten hatte, ein blondes, schüchtern blickendes junges Mädchen mit einem jener uninteressanten Durchschnittsgesichter, aus denen das Leben keine einzige bedeutungsvolle Linie einznschreibcn Gelegenheit gehabt hat.
Die Unterhaltung zwischen den Vieren wollte auch heute, trotzdem es Silvesterabend war, nicht in Gang kommen. Es -gab wirklich nichts, das man sich noch mitzuteilcn gehabt hätte. Der Gang der Ereignisse war so gleichmäßig und das Leben in der kleinen Stadt so- ausgeglichen, daß man die meiste Zeit damit zubrachte, zu überlegen, was denn bisher noch am wenigsten besprochen worden sei. . . . Die vier Menschen, — Pumpel, seine Frau, der glatzköpfige junge Mann und die kleine blondhaarige Fisi — taten -auch heute abend nichts anderes, als ihr Dasein fortzusetzen, ihr sorgenfreies, gesegnetes Dasein, d-as keine weiteren Ausgaben kannte, als weiiergelebt zu werden, und das, wenn es plötzlich erlöschen wäre, keine Spur zurückgelassen hätte, wie eine Kerze, die vergessen in den hellen Tag hinein- brennt, bis jemand sie im Vorübergehen ausbläst.
„Kein Laut der aufgeregten Zeit" drang je in die friedliche Stille des Pumpelischen Hauses. Irgendwo, draußen, in nebelhafter Ferne, bewegte sich das Leben. Man wußte das, wie man es wußte, daß irgendwo im grauen Norden pas Meer seine Wellen schlug und mit schaumigen Wogen am Strande auffpritzte. Aber was ging Pumpelz -das Leben an 8 Man hörte hin und -wieder von -der Not der Zeit und dem Elend -der Besitzlosen. Gott,, ja-, schließlich konnten doch nicht alle Leute Geld -haben und von ihren Zinsen leben! Daß Purnpels es konnten, war kein Grund, daß es auch andere können mußten — und überhaupt!
Die letzte Wendung gebrauchte Pumpel stets, wenn er mit seinen Argumenten zu Ende war und doch das
hatte, noch etwas Bedeutungsvolles hinzufügen zu müssen Dann pflegte er, atemholend, mit tiefer Merzeuauna" zu sagen: Und überhaupt! ~ s
„Et dem Leben gewöhnlicher -Sterblicher waren Püm- pcis bisher nur selten in Berührung gekommen. Daß es Armut gab, E-ftnd und Jammer, Entbehrungen und ftebernd-e Not, mochte sein. Pumpe-ls hätten es nicht be- str.tten. Aoer was ging Punipels das an? Und über- yaupt!
Der Zeiger der Uhr war mittlerweile der Mitternackck und der glatzköpfige junge Mann der kleinen Fist näher und naher geruckt, die unter der Einwirkung des genossenen Punsches wie -ine Pfingstrose glühte. Sie kicherte und lachte bei zedem Worte, das nur enffernt nach einem Witz aussah, und auch die Laune der Frau Pumpel die zu Beginn des Abends unter dem Zeichen einer nickt Zu verkeri- n-nden Reizbarkeit gestanden hatte, — jedenfalls eine Wirkung der anstrengenden Festtage, — war immer wieder und Versöhnlicher g ewovdrn.
Endlich setzte die Uhr zum Schlage aus.
„Laßt uns unsere Becher erheben und anstosieu aus das Glück des konimenden Jahres", rief Pumpel, wobei ihm die Äuglein selig glänzten. „Daß uns das kommende Jahr recht viele frohe Überraschungen bringen möge — dabei schielte er pfiffig lä-chend zu den jungen Leuten hinüber — holte tief Atem und setzte triumphierend hinzu: Und überhaupt!
Im selben Augenblick erscholl aus dem Erdgeschoß des Hauses, wo die Küche lag, ein lautes, angstvolles Kreischen Zugleich wurde mit lautem Krachen eine Tür zugoschlagen,' und wie eine Wahnsinnige polterte d-as Küchenmädchen die Treppe herauf und stürzte kreidebleich ins Zimmer.
Pumpe-ls, die sich erhoben hatten, um das neue Jahr wür-dig zu begrüßen, standen wie erstarrt.
„A-her Lene", ries Frau Pumpel vorwurfsvoll, die zuerst wieder Worte fand.
„Zun: Teufel!! Was ist los!" schrie auch Pumpel.
Lene ichnappte nach Luft, als- habe jemand sie M «r- drosseln versucht.
„So rc-den Sie doch! Sind Sie nicht recht bei Trost?" ereiferte sich Pumpel.
Wb-er Lene fand so schnell keine Worte.
