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Mt. © 01 .

Smrntag, 24. Dezember 1911.

50. Jahrgang.

Verlag Sanggaffe 21

Tagblatt-Haus''.

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Morgen - Ausgabe.

1. matt.

W* Wegen des Weihnachtsfcstes erscheint die OchsteTagb!att"-Ausgalie am MittwochnachmiLtag.

Die BoLschast Les Meihnachlssestes.

Haben wir doch nicht nur Grund -zur Befriedigung Darüber, daß unserem Vaterlands auch in diesem Jahr chr Frrede auf Erden erhalten geblieben ist, ^enn auch die Rüstungskosten dieses bewaffneten Frie- j^rtä den Menschen kein Wohlgefallen sein ^ögen. sondern wir können darüber hinaus seststellen, saß unsere Beziehungen zu den Mächten eine wesent- uche Besserung erfahren haben. Laß die Weltpofftik ^eses Jahres im großen und ganzen wirklich im Zei­ten des Friedens auf Erden gestanden ,hat, der sogar im ^etterwiukel Europas, auf dein Balkan, trotz manches Wetterleuchtens erhalten blieb. Hat sich doch der Drei­bund, so oft er auch tot gesagt wurde, immer noch als sw Lreubund erwiesen. Nimmt nran hinzu, daß nach jer Erklärung des Leiters der deutsche» Politik auch chs Mißtrauen zwischen Deutschland und England ge- pichen sei, so ist die wesentliche Besserung der Lage ans bern Welttheater seit den Zeiten, wo in Frankreich Beleass6 und in Rußland Jswolski ihre Negiekünste Wielen ließerr, unverkennbar und die Hoffnung ivoh! Kerechtfertigt, daß ebenso wie das zilr Oteige gehende Mhr auch das komtuende nn Zeichen des fruchtbaren, wlturfördernden Friedens stehen werde, des Friedens bach innen wie nach außen....

Tie vorstehenden Sätze sind aus unserem Weih- ^Htsartikel vom vorigen Jahre entnommen, aber: Äas sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, die der Mensch der flüchtige Sohn der Stunde, aufbaut auf °em betrüglichen Grunde! «eiten hat die verheißungs­volle Botschaft, die feit mehr denn 1800 Jahren an lchein Christfest ertönt,Friede auf Erden und ° e ii Mensche n ein WohIgefalle n", in schrofferem Widerspruch zu der rauhen Wirklichkeit ge­tänden als in diesem Jahre, und die Hoffnungen, mit chnen es begrüßt worden war, haben sich als ebenso chele Täuschungen erwiesen. Der im vorigen Jahre im ^eime erstickte Balkanksnflikt ist an anderer Stelle vstd in weit gefährlicherer Gestalt ausgebrochen, denn lur den italienisch-türkischen Krieg, Lessen Lokalisierung M die Dauer über die Kraft der Diplomatie gehen Konnte, treffen in der heutigen Zeit, wo Orient und ^ccident weniger zu trennen sind denn je. längst nicht suchr die Worte zu: Wenn hinten weit in der Türkei . . . .! Aber auch die Beziehungen zu Frank­reich sind trotz des wenig erfreulichen KvngofriedenS Ees eher als freundschaftlich, und gerade aus dem -Narokkokonflikt ist das große Mißtrauen zwischen

Deutschland und England, von dein die englischen Ministerreden und Spionageaffären so beredte Kunde gaben, neu gestärkt hervorgegangen. Nimmt man da- zu, daß die Haltung Italiens das Vertrauen zur Dauerhaftigkeit des Dreibundes ganz erheblich erschüt­tert hat, so ergibt sich, daß der Ausblick auf die Welt­politik alles eher als erfreulich ist und daß das ver­heißungsvolleWunderlied vom ewigen Frieden" in das Gebiet der Zukunftsmusik gehört, die keine Haager Konferenz in eine Geaenwartsmuffk m transponieren vermag.

Aber dürfen wir uns darüber Wundern, daß Miß­trauen und Mißgunst, Neid und Eifersucht für die Be- ziehungen der Nationen zu einander ausschlaggebend sind, daß derFriede auf Erden" ein schöner Wahn bleibt, wenn wir der Kämpfe gedenken, die wir soeben in unserem eigenen Vaterlande auszufechten haben, und der Erbitterung und Unversöhnlichkeit, mit der sie ausgefochten werden. Feiern wir doch das WeihnachtS- feft, das Fest der Versöhnung zwischen den Schlachten. Stehen wir doch mitten in einem heißen, entscheidungsschweren Wahlkampf, in dem das Fest des Friedens uns, wenn wir der Losung die Waffen nieder" Gehör geben, doch nur eine Zeit des Waffenstill st a n d e s bedeuten kann.

So werden wir denn jetzt doppelt an die rauhe Mahnung erinnert, daß Mensch sein, heißt, Kämpfer sein, daß bis zu einer fernen, schönen Zukunft, von der wir nur träumen können, im Leben des Menschen, im Leben der Menschheit der Kampf die Regel, der Friede die Ausnahme ist. Diese Kämpfe können uns nicht er­spart bleiben, und wir dürfen uns nicht in fahrlässiger, politischer Gleichgültigkeit von ihnen fernhalten, son­dern es ist unsere Pflicht, für das Stellung zu nehmen, was wir als röcht und billig erkannt haben. Aber »vir 'ollen uns doch auch bemühen, über unseren eigenen Interessen nicht die der Allgemeinheit zu vergessen, und wir sollen vor allem bestrebt sein, so weit unsere menschliche Unvollkommenheit uns dies gestattet, dem Gegner Verständnis, mehr Versöhnlichkeit entgegen zu bringen. Wir wissen wohl, daß diese Mahnung bei den meisten Menschen auf steinigen Boden fällt, aber vielleicht sind gerade heute viele geneigt, sie wenig­stens mit größerem Verständnis anzuhören. Ist doch das Weihnachtsfest das Fest, in dem sich die Sehnsucht nach Liebe, Versöhnlichkeit und Frieden am stärksten ausprägt, das Fest, an dem wir uns bemühen, mehr der anderen als unseres eigenen lieben Jchs zu ge­denken. Gedenken wir doch heute alle jener Zeit, da der bedrückten, äußerlich und innerlich unfreien Mensch­heit eine neue Lehre verkündet wurde, jene Lehre der Duldsamkeit, der allumfassenden Liebe. Schnell geht das Weihnachtsfest vorüber, aber wir würden idieses Fest nur dann recht feiern, wenn wir etwas hinüber retten in das Alltagsleben, in den Kampf und Streit des Tages von jenem Geist der Liebe, der uns am Weihnachtsfest erfüllt hat oder doch wenigstens er­füllen sollte.

Wlitische Merßcht.

Nom SchMahrtsabgaberrgesetz.

L. Berlin, 22. DezerM'r.'

Ein Plan, der viel zu spitzfindig ist, als daß er aus« führbar erschiene, wird dem Ministerialdirektor Peters zugeschrieben. Dieser eigentliche geistige Vater de- Schiffahrtsabgabengesetzes soll vorgeschlagen haben- die Schiffahrtsabgaben nicht alsAbgaben", die den Verkehr belasten, sondern alsGebühren", die für einq Leistung eine entsprechende Gegenleistung fordern, schon jetzt und ohne Rücksicht auf Leu Widerspruch Österreichs und der Niederlande in Kraft treten zu lassen. Einend normalen Verständnis wird es zwar nur mühsam ein- gehen, was für_ ein Unterschied zwischen Abgaben und Gebühren fern soll. Denn ob so oder so: Zahlen heiß/! , es in jedem Falle, und eine Belastung stellen die Abs gaben auch dann dar, wenn man, sie mit der beschöni­genden MarkeGebühren" versieht, und vor allem käme es bei dem seltsamen Vorschläge entscheidend daraus an, ob man in Wien und im Haag geneigt sein wird, die ausgeklügelte Formel des Herrn Peters gelten zu lassen. Inzwischen aber wird nun einmal behaup­tet, daß der hier nach seinen bestimmenden Merkmalen wiedergegebene Gedanke Eigentum des Ministerial-1 direktors Peters sei und von seinem Chef, Herrn von. Btzpitenbach, gebilligt werde, während es noch ungewiß sein soll, ob das Gesamtministerium denselben freund­lichen Standpunkt einnehmen werde. Gleichgültig, Herr Peters diesen Plan wirklich verfolgt oder ob niff irgendwer auf den Busch geklopft hat, so sind wir über­zeugt davon, daß die Unterscheidung zwischen Abgaben , und Gebühren den Beifall der Regierung nicht findeitz wird. Sie mag den Gedankem für schön halten, fiel wird ihn aber darum noch nicht für brauchbar Haltens Und was dann? Dann weiß man so wenig wie bisher- wie Las Schiffahrtsabgabengesetz durchgeführt Werder soll. Indessen liegen die Dinge in Bezug auf Österreich und die MeLerlunde nicht ganz gleich. Vom Stand­punkt der Verträge aus liegen sie gleich, nicht aber vom! Standpunkt der materiellen Machtmittel aus. Darüber braucht man sich nicht weiter auszulassen, es ist selbst­verständlich, daß das Gewicht Österreichs schwerer in die Wagschale fällt als das der Niederlande. Daraus folgt ja nicht, daß von Berlin aus im Haag jemals eine Sprache geführt werden wird, die sich Wien gegenüber von selbst verbietet, vielmehr darf keinen Augenblick bezweifelt werden, daß keine differentielle Behandlung beliebt werden würde. Aber es gibt Jmponderabiffech die man nicht mit Augen sehen und mit Härchen betaste» kann und die man gleichwohl fühlt. Genug, selbst wenn man diese Unwägbarkeiten mit in Rechnung stellt, sind die Aussichten, daß Herr Peters so oder ?o die Krönung seines Ehrgeizes, erlebt, heute nicht besser- als sie es in allen Stadien dieser leidigen Schiffahrls- abgabenfrage waren. , Das Problem ist nicht : auf

welche Weise können Österreich und die Niederlande für

Femlleton.

Machdruck «erboten^

Oie weihnachtsgans.

Von Wilhelm Scharrrlmarw.

. Jedesmal, wenn es wieder Weihnachten wird und Ä in den Läden der Geflügelhändler die langen Leihen der gerupften Gänse liegen sehe, fällt mir die ?ans Mimi aus meiner Kinderzeit wieder ein. Es ^ niemals eine wunderbarere Gans gegeben.

. An einem dunklen Winterabend zog, sie, bei, uns ? 111 , eingesperrt in eine enge, hölzerne Kiste, in die an Vorderseite ein kreisrundes Loch geschnitten war, °u>nit sie Luft habe und den Kopf zum Fressen hm- "Urchsi^^cken könne.

Auf einer Schubkarre wurde sie angefahren und bedeutete, mir, daß sie die enge Kiste nicht nur für Umzug.bezogen habe, sie sei vielmehr entschlossen, ltt ausgesprochener Gutmütigkeit jede unnütze Ve- £ e quug zu vermeiden, um ihrem Fettansatz in keiner ^^ise hinderlich zu sein.

. Ter Eigentümer der Gans war ein armer Tischler- Nelle, der an demselben Tage in unsere Kellerwohnung fjstzog, eines der denkwürdigsten Ereignisse meiner '^»derzeit.

v . Es war ein fuchshaariger, schwächlicher, ew'g fistelnder Mensch, dem die roten Flecke der Schwmd- auf den Backen brannten und dessen fuchsroter ^wlluzbart zu beiden Seiten des Mundes melancholisch ^adhing. Seine Frau war ihm vor wenigen Wochen ^Farben und seine fünf Kinder, von denen die vier Dien Mädchen waren, mußten sehen, wie sie in Zu- ohne Mutter fertig wurden. Die.beiden Ältesten

hatten die Sorge für den Haushalt übertragen be-. kommen, irgend eine Hilfe konnte ihnen der Vater da­bei nicht bieten, denn der kärgliche Lohn reichte eben hin,, das Allernotwendigste zu beschaffen.

Zu allem Unglück hatte man der Familie auch noch die Wohnung gekündigt, weil der Tischler mit der Miete im Rückstand geblieben war, und eines Tages setzte man ihn kurzer Hand mit seinem Hausrat, der zu elend char, als daß der Hauswirt sich daran hätte schadlos halten können, auf die Straße!

Am Nachmittag desselben Tages war er dann zu meinen Eltern gekommen und fjatie sie flehentlich ge­beten, ihn dock: für einige Wochen in unsere Kellei- wohnung zullen zu lassen, er wisse wirklich nicht, wo er Unterkommen solle, und wenn er bis zum Abend kerne neue Wohnung Nachweisen könne, würde man ilm zwangsweise in den städtischen Baracken einquartieren eine Maßnahme, die den Schrecken jeder obdachlosen Familie bildete.

Meine Eltern bewohnten damals ein kleines Häus­chen, das sie mit Niema'nd zu teilen brauchten. Es lag in einer ausgesprochenenArme-Leute-Straße" und die wenigen und engen Räume, die darin waren, mochten nicht gerade dazu herausfordern, eine sechsköpfiae Familie msteinziehen zu lassen. Aber auf das Drän­gen des unglücklichen Tischlergesellen vermuteten meine Eltern ihm doch die Heiden im Kellergeschoß be- legenen Zimmer unseres Hauses bis zum nächsten Um- Mgstermiu, und noch am selben Abend zog die Familie ein.

Für uns Kinder tvar das ein Fest ohnegleichen.

Wir bekamen Mitbewohner, das hieß: Spielgefähr­ten im eigenen Hause! Ter Gipfel der Seligkeit war damit erklommen und alle Längeweile auf Wochen hinaus unmöglich.

Gespanur sahen wir dem Einzug zu.

^ Ein Paar Betten wurden hereingetragen ein Fuhrwerk war für den Tischler nicht zu erschwingen i ent Tisch und ein paar Stühle ,ein alter, schadhafter «piegel in einem vergoldeten Rahmen, den man be« irgend einem Althändler erstanden haben mochte, ein paar Kochtöpfe und einige Kisten doll Kleinigkeiten brldeien das ganze Mobiliar. ü

Das Wunderbarste aber war die Kiste mik der Gans.

Ter Tischler, der vom Lande stammte, hatte sie vo>; seinen Verwandten, die bei der Beerdigung seiner Frau das Elend gesehen haben mochten, in dem er steckte, zu­geschickt bekommen und sich entschlossen,. das Tier für das nahe Weihnachtsfest zu mästen, eine Absicht, die heldenhaft genannt werden muß, wenn man bedenkff daß außer der Gans fünf hungrige Kindermäuler zik sättigen waren.

Geheimnisvoll wie das verschleierte Bild von Saiss stand die Gans auf der Hausflur. Ich guckte durch alle Ritzen und Spalten des Holzes, aber ich konnte bei der Dunkelheit nicht eine Feder von ihr entdecken.

,,Zbig' sie mir doch mal", bat ich Fifl, die zweitletzt?, der Töchter, die eben mit einem Korb alter Kleidey durch die Kellertür ins Haus getreten war.

Was denn?" fragte sie.

Nu, die Gans!"

Ach so", machte sie und stellte den Korb weg.

. Tann öffnete che vorsichtig den Teckel der Kiste und bei dem trüben -schein der niedrig brennenden Küchen« lainpe, die auf der Flur aufgehängt war, schaute ich hmeru. ff-.-

Sie war weiß wie ein Schwan und nur auf den Flügeln trug sie braune und graue Federn. Als dev Deckel der Kiste aufgeklappt wurde, reckte sie äugen-' blick ach den gelbroten «chnabel bervor und sah uns