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WiesbÄener Ult

»«rlag Langgaffe 2t Feenfprecher-Rufr

WöHmtlich 12 Ausgabe». _ gi» Gegrün-ct 1852.

Wiichcntlich 12 Ausgaben.

den Verlag , üUHseüliemiÄ

omeuaei». — Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Kweiaftelle Ms. MarSring 22, sowie die 112 Ausgabestellen in allen Teilen der Stabt; in Biebrich: die dortiaen 32 AnS- gabcstellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger.

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81g« 597« Freitag, SS. Dezember 1911«

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ES. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Iüv öcrs 1. HuavLac 1912

auf das

„Wiesbadener TagblatL"

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im Verlag „Tagi-latt-Oans" ssanggafle 21, i« der Zweigstelle Kism arckring 29, i« den Ausgabestellen der Ktadt nnd Uachbarorr», ^ zum Bezugspreis von 3 Mk. vierteljährlich ^^i^smntiichrn^en^ch^^eichsvostmlstai^^

Mures' Ueds.

. Die Rede des sozialistischen Führers Jauräs in der Kanzösischen Kammerdebatte über den Marokkovertrag ^rf auch ber uüs auf ein starkes nnd wohlverdientes Interesse rechnen. Zunächst gebührt dem Redner dre Merkennung eine's hohen persönlichen Mutes. Es noch keine Kleinigkeit sein, an so hervorragender stelle, auf die gegenwärtig mindestens die Augen Wer Franzosen gerichtet sind, Ansichten zu vertreten, °le dem Empfinden der ungeheuren Mehrheit unserer Östlichen Nachbarn schnurstracks zuwiderlaufe::, 'wurtzs fand Worte der Gerechtigkeit für die deutsche Politik, für unsere Friedensliebe, für die Schwierigkeit Unserer Stellung in der Welt, und er scheute nicht" da- zurück, der französischen Negierung die schuld daran zriznfchreiben, daß Deutschland handeln .nutzte, wie es gehandelt hat. Mehr noch, Jaurds sor­gte die Ergäilzung des französisch-englischen Freund- Wastsverhältnisses durch ein ebenso festes Verhältnis U uns. Wie gesagt, es gehörte Mut dazu, solche Wahrheiten und solche Wünsche in einer Versammlung »^öusprechen, die sich bestenfalls von den Geboten wger Zurückhaltung uns gegenüber leiten läßt, die selbst in ihren gemäßigtsten Elenienten unaus- ?tchllche Feindschaft gegen Deutschland hegt und on Tage, wo sie diese Feindschaft betätigen könnte, rasendes Entzücken ausbrechen würde. Nun steht E? so, daß wir Deutschen nicht erst der Anerkennung Wes französischen Parteiführers bedürfen, unr die Ge- Mheit zu haben, daß wir eine Politik des Friedens "«reiben und keinen von den halbblödstnnigen Vor­würfen verdienen, mit denen wir von einer hetzerischen puslandspresse und von einer entsprechend aufgehetzten Vientlichen Meinung, namentlich in England uird Frankreich, als verbrecherische Friedensstörer ausge- M>en werden. Aber Genugtuung muß es uns Wrnerhin bereiten, daß Herr Jäurds sich gedrungen wvlte, so zu sprechen, wie er es tat. Die Sache hat ^°och noch eine wichtige, über das Gefühlsmäßige hin- Wsgeliende Seite. So laut die französische Kammer- Torheit gestern gegen den tapferen Redner auf der

Tribüne auch getobt hat, so dürfen wir davon aus- gehen, daß dieser Mehrheit eine sehr beachtens­werte Minderheit gegenüberstjeht, die eben durch Herrn Jäurtzs vertreten lvird. Mit anderen Worten: die französischen Sozialisten wollen den

Frieden mit uns erhalten wissen, und sie bewahren sich Objektivität genug, um unsere Politik zu verstehen und sie als die notwendige Folge französischer Gehässig­keiten und französischer Verfehlungen zu betrachten. Diese Minderheit mag in den parlamentarischen Kümp­fen einstweilen machtlos sein, aber damit hört sie nicht auf, einen sehr starken Bruchteil der französischen Nation zu repräsentieren. Ja, man kann wohl sagen, daß die im Sommer getriebene Politik der Republik bereits sehr stark durch die -erzwungene Rücksichtnahme auf den französischen Sozialismus bestimmt worden war, und daß die verhältnismäßige Friedlichkeit dieser Politik vielleicht unterblieben, wenn die Millionenmassen der französischen Sozialisten nicht, ein nützliches G e g e n g e wi ch t gegen kriegerische Pläne gebildet hätten. Man wird sich erinneren, daß vor eini­gen Monaten von einem belgischen Abgeordneten in der dortigen Kammer allerlei geheimnisvolle Geschich­ten über ^Versuche mehrerer Regierungen erzählt wur­den, die Stellungnahme des Zentralbureaus der Inter­nationale zur Kriegsgefahr dieses Sommer zu er­forschen. Insoweit dabei von deutschen Bemühungen in dieser Richtung die Rede war, mußten die be­treffenden Angaben sofort aufs stärkste bezweifelt werden. Dagegen niag Wohl etwas daran sein, wenn behauptet wird, daß ,es der französischen Regierung sehr darauf ankam, über die Stimmungen in der Sozialdemokratie nicht bloß des eigenen Landes (denn dazu hätte es solcher Umwege nicht bedurft), sondern üpch Deutschlands unterrichtet, zu werden. Aus diese Weise, werden die französischen Sozialisten allerdings auch in die Lage gekommen sein, Herrn Caillaux ein deutliches, Bild von dem grundsätzlichen Willen zur Hintertreibung aller kriegerischen Gelüste zu gewähren. Tie Rede des Herrn Jaurds will nun aber noch von einer -besonderen Seite her gewürdigt sein. Für uns Deutsche sagte der Redner selbstverständlich nichts Neues, ivenn er unsere Lage in der Gesamtheit der internationalen Politik, unsere Friedlichkeit der Ab­wehr feindseliger Machenschaften schilderte. Indem er nun aber diese seine Darstellung mit starkem Nach­druck vertrat, wurde es durch das lärmende Echo des leidenschaftlichen Widerspruchs in der Kammer deutlich, daß die französtscheli M -a ch t h ab e r und die M e h r- h e i t der Abgeordneten ganz genau wissen, ivie zu­treffend der sozialistische Führer die Vorge­schichte des Marokkokonflikts und den andauernd unerfreulichen Zustand umschrieb, der auch heute noch die Beziehungen zwitcherr uns und den Westmächten bestimmt. Es war das böse Gewissen, das sich in den wilden Zurufen und Unterbrechungen Lust machte, gegen die Herr Jäurds auf der Tribüne anzu- kämpfen hatte. Wir müssen überzeugt davon sein, daß die französische Regierung und die Kammermehrheit rin Grunde genommen die tatsächlichen Verhältnisse ganz

FemÄbtsN.

Weihnnchtswelte im Bask-uland.

Von Pierre Loti.

^ Weihnacht bei Len Basken an der spanischen Grenze. ..We Nacht, so milde, so iveich, als wäre man im Mai. Ein Ws Kapuzinerkloster, einsam in der felsigen Qde. Steil Mrazende Mauern im fahlen Grau und schimmernde UWmerung unter dom flimmernden Sternhimmel. Eine ih sS re Morte, halb offen, durch die ein gelbliches Vicht l bläuliche Nacht flutet wie ein wehendes Schleier- "W- durchtränkt vom Hauch des Weihrauchs.

»U Das Kirchenschiff ist bereits dicht gedrängt von zischen, basMschen LaNdileuten aus den Dörfern und Ein- ringsum, und als ich eintrete, umfängt mich ein feit* 2*3 Gefühl, als sänke eine schwere Wolke auf mich her- »Woer, eine wogende, wallende Wolke dunkelwürztgen fip?ies, das dem schwach glimmenden WeihrauchkessÄ ent- °«Mt. Mg durch -einen Nebel sehe ich die un-beweglichen Uten der Kapuziner vor dem Altar, und- auf der rechten

IaT* e * ne schweigende Masse, die Frauen, das Haupt mit Warzen Tüchern verhüllt.

feitf bom Chor tönt die Litanei hernieder, mit halb­er Stimme eintönig gesungen, gleich einem Tra-uerge- Und auch die Tracht der Frauen weckt die Stim- einer Trauerzeremonie. Sie tragen schwarzseidene K. ^H-Wen bei allen religiösen Übungen, um so recht die

Vergänglichkeit anzudeuten.

^übrigens, hier innen erinnert alles an den Tod, als gS« er über den Hunderten gesenkter Häupter. Jede stMatto deckt eine Gruft; man hat das Gefühl, über

menschliches Gebein zu schreiten. Der Weihrauch, so sehr er sich auch verdichtet, sich in den Ecken- zu Schwaden ballt, kann den dumpfen Odem der Verwesung nicht bannen. Unter den Schritten hallt ein hohler -Schall, bricht sich im Echo an den Wänden 'wilder, an den hohen Wölbungen. Und ich habe den Eindruck, als sei diese Menschenmenge hier versammelt, um -dem brütenden, lauernden To-d Trotz zu bieten, ihn mit ihrem Gebet .zu , bannen. Gegen ihn stürmt das, Geläut der Glocken, das mit -einem Male an­hebt, in schwingende» Wellen die beklemmende Stille ver­jagend. Und gegen den Tod ist auch We Statue dort aus­gestellt, die heilige Jungfrau, sie -allein hell bestrahlt von den Kerzen, während der übrige Raum im Dunkel liegt. Oh, so. lächelnd, so leuchtend inmitten der Girlanden weißer Rosen, wie eine überirdische Vision, die aus d-en Schleiern des Weihrauchs auftau-chi!

Die Litaneien tönen fort, leise und tief. Aber sie scheinen nur ein Vorspiel zu sein, -eine Einleitung für etwas anderes, das sich im geheimen vorbereitet. Ein umgitterter Raum erhebt sich zur Rechten, etwas erhöht, und- man -ahnt, daß er mit Menschen -angefüllt ist: manchmal dröhnt -eine Pauke oder der grelle, kurze, versuchende Ton einer Pfeife.

Es schlägt Mitternacht, dir Messe beginnt. Allüberall flammen Kerzen auf in über,großer Zahl. Und ein Dutzend von, Mönchen m weißem Habit schreitet feierlichen Schrittes auf den umgitterten Raum zu. begleitet, von Diakonen, die an langen Stäben -große Laternen tragen. All dies.macht den Eindruck, -als wäre man um Jahrhim- derte zurückversetzt. Und nun, urplötzlich, bricht eine Musik los, so rauschend, siegreich und seltsam, daß man wie von einem Schauder gepackt zusammeusahrt nach der ruhigen Flut der Litaneien.

Christ ist erstanden! Des Todes Überwinder!

ebenso ansehen wie Herr Jauräs, daß sie also nicht die Entschuldigung des guten Glaubens an eine über- greifende und- auf die Störung des Weltfriedens ebenso leichtfertig wie brutal ausgehende deutsche Politik haben. An den Wirklichkeiten der gegenwärtigen inter­nationalen Lage wird durch diese Feststellung ja nichts geändert,, ab-er einen Unterschied bedeutet es doch, wenn man sich sagen darf, daß sich- auch die Kabinette der Westmächte bewußt sein müssen, wie einwand sfrer unsere Haltung vom Standpunkt der Gerechtigkeit aus war und ist und eine wie schlechte Sache tu Paris und Lo n d o n vertreten worden ist. Den Franzosen kann man es am Ende nicht verdenken, ivenn sie handelten, wie sie von ihrem Jnteressenstand- punkt auß zu müssen -glaubten. Um so unangenehmer aber stellt sich auch von diesem Gesichtspunkte aus die englische Taktik dar, die keine einzige von den Recht- fertigungsgrünöen für sich geltend machen kann, auf die sich die Franzosen als die Besiegten von 1870 immexhiv berufen kömren. r'-.. '

DZEchrs Kelch.

* Zu den angeblichen Anschlägen aus Wilhelmshaven

wird der „Voss. Ztg." von fachmännischer Seite geschrieben: Was es mit den wiederhott eingelaufenen, schli-eßlich von der Post beschlaMahmtM Werflenidungen an einige Deck- offiziere -und Obermaate ans sich gehabt hat, mag ^dahinge­stellt bleiben, so viel kann aber als f-eMehestd betrachtet wer­den, daß die -daran -gekn'üpften '-Darstellungen mehr oder weniger aus der Lust gegriffen si-rid. — Auf Handstreiche von seiten des Anigreisers, besonders b-ri Beginn des Krieges, muß natürlich s-äd-er der Kriegsührendsn gefaßt fein; auch die deutsche Marinel-eitun-g ist keines-' Wegs so blöde, um nicht mit allen Möglichkeiten zu rechnen,! wie sie sich sülchen Unternehmungen ihr -gegenüber bieten. Eine der verlockendsten von diesen ist denn auch schon seit langer, langer Zeit die Sprengung der Schleusenein- fahrten, sei es in Wilhelmshaven, sei. es in Bruns­büttel, um dadurch den Ha-uM'riegshasen der Nordsee, bezw.' die Passage des Nordostseskanals lahmz-ulegen, fürwahr eine Tat von den verhängnisvollsten Folgen für die deutsche Flotte — wenn sie -gelänge. Indessen, so einfach -ist die Sache denn doch nicht. Die Überwachung dieser Plätze schon in Friedenszeiten -und- die für den Kriegsfall vorge­sehenen Maßnahmen bürgen dafür, -daß derartige Husaren­streiche ausgeMoffen sinld. Die Marinsleitung müßte keinen Schuß Pulver wert sein, wenn sie in dieser Richtung nicht jederzeit aus ldem „Qui vive" wäre. Was die Mär von dem Verrat der Pläne der Einfahrts- schleusen zum Wilhelmshavener Krisgshasen an di< englischen Marinäbch-örd-en angeht, so brauchen sie nicht -erst verraten zu werden: jed-e Seekarte, jeder -Situa­tionsplan, wie sie im Handel öffentlich zu haben sind, -enthält die -betreffeniden Angalbett; damit ist ab-er noch keinerlei Vo-rschNb zu einem Handstreich g-eleistet, dazu -ge­hört mehr. Das gleiche gilt von den Einrichiungsn für die Süßwaffervevsor-gung. Die dicken Wasfer-Mvme und die Ba-ulkichkeit-en für die Pumpwerke lassen sich nicht verbergen. Soweit sind- die „Enthüllungen" also entschieden in das Gebiet der „Ente" zu verweisen. — Was es mit der Mus-

Und man begrüßt ihn Mit einem stürmischen Jubel, einem wilden Jauchzen. Ein Dutzend von Oboen, gellend wie die Mufett-en der Beduinen, führen einen Chor von Männerstimmen -an, hinreißend, betäubenL, gleich einem Hochzeitsgcsang, -begleitet von Trommeln und einer Un­zahl von Kastagnetten.' Und- das Ganze, so gellend- wod ungewohnt -an dem heiligen Orte, bewirkt vielleicht gerade deshalb, daß mich ein tief« Strom von Andacht -einhüllt.

Dieser Gesang erscheint mir nicht mehr sr-rmdari-ig, nicht mehr wie weltlicher Jubel. Uralte Weihnachtslieder sind es, M-etteng-esän-ge -der Gu-ipo-czoa, hurtig und wirbelnd, wie Habaneras und Seguid-illen. Und die Mönche, die diese Musik vo-llfiihren, begleiten sie mit einer Art von rituellem Schreiten, das immer schneller wird-, und an den Mauern gleiten die tanzenden Schatten hin und her. Und mit der sortschr-eitend-en Messe, die lange dauert, wird diese Musik noch lauter, noch wilder, das übrige Volk setzt ein, uU-d wie ein Jauchzen bricht es aus den- Reihen der Andächtigen, tobt und brandet empor, Gesänge der Urväter, Lied-ep, die nur in dieser Nacht laut werden. Und Hun­derte von Armen regen sich, . mit g-elenkigen Fingern die Kastagnetten wirbelnd.

Die Zeremonie ist zu Ende. Alles drängt sich nach vorn, wo -einer -der Mönche eine hölzerne, in Tücher ge­schnürte Kinderstatue den Gläubigen zum Kusse hi-NhW. Die Menge strömt ins Freie, in die Nacht hinaus, die nun eine frischere Kühle haucht und deren Blau sich noch mehr vertieft -durch die unzähligen Laternen, die wie Leucht-kässr nach -allen Richtungen -irren.

Und ich schreite der einsamen Hütte zu, wo man mir ein Nachtlager gewährt hat. und noch nie habe ich mich so einsam gefühlt, ärmlicher als der armseligste dieser naiven Landleute, -die gläubig, nach Mtvät-ersitte die Statue des Jesuskindes geküßt hatten.

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