febatowr TOM
Wöchentlich 12 Ausgabe!!. _ Iä Gegründet 1852 . — ■*sr“‘
Berlag Langgaffe 2t
„Tagblatt-HauS".
Schavrr-tzrlle geöffnet von 8 Uhr morgen» bis 8 Uhr abends.
BesnaS-BreiS für beide Ausgaben: 70 Pfg. monatlich, M. 2.— vierteljährlich durch den Verlag , SangqaffeA.. ohne Bringerlodm M. S — vierteljährlich durch alle dent^en PosiLnstalten, anslchliehlich - BeffeÜgL - BezuaS-Bcftrllnnaen nehmen außerdem entgegen: .n W^-baden die Zwetgltelle B:s- mar-kring 29, sowie dre 112 Ausgabestellen in allen Tellen der Stadt; in Blebrich: o,e dortigen 22 Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rh-lNgau die betreffenden Tagblatt-Träger.
Auzeigeu-Auuahme: Für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags; für di- Morgen-Ansgab- dir S Uhr n-Smitt-gr
Fernsprecher-Rufr
„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-5L. Bon 8 Uhr morgen« bis 8 Uhr abend-, außer Sonntags.
För die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
Kr. 587.
« -S -B-gjg g.
Samstag, 16. Dezember ISO.
Morgen»Ausgabe.
1. Matt.
Der Erfoig der NeichsfmMzrefsrm.
Der Reichskanzler tritt jetzt nochmals auf den Plan
Wahlkampfes mit einer Verteidigung der von ihm Unterzeichneten Reichsfinanzreform von 1903 und sucht
Unrichtigkeit der Anzweifelungen ihres Erfolges ^achzuweisen. Tie „Noröd. Allgem. Ztg." schreibt:
der Sitzung vom 4. Dezember wurden aus der Mitte oes Reichstags so ungünstige Angaben über die bisherigen Erträge der neuen und erhöhten Zölle und Steuern gemacht, daß sich eine alsbaldige Richtigstellung seitens der Verbündeten Regierungen uner- läßlich erwies. Trotzdem werden die unrichtigen Wahlen in der Presse weiter verbreitet, mit dem erstaunlichen Schlußergebnis, daß die neuen Zölle und Steuern noch nicht 65 Prozent dessen gebracht haben, ivas man sich von ihnen versprochen habe. Es ist Pflicht, dem von neuem entgegenzutreten. Deshalb urinMn wir nachstehend die Ziffern über die Entwickelung der einzelnen Abgaben; dabei sind für . die Zeit ävr dem Inkrafttreten der neuen Abgaben die tatsächlichen Erträgnisse unter Berücksichtigung der Vorein-- mhr, für 1910 die nach dem Jahresabschluß aufgekom- Zerren Summen, für 1911 diejenigen Beträge eingesetzt worden, welche sich aus der seit langem bewährten, regelmäßig in der Etatsrede des Staatssekretärs verwerteten Novemberschätzung ergeben haben. Hiernach Und aufaekommen und geschätzt: 1. Beim Kaffe e-
Und Teezoll früher 76,2 Millionen, 1910: 108,6
Millionen, 1911: 113,4 Millionen; 2. beim Tabak (Gewichtszoll, Wertzollzuschlag mit Ausnahmen der Abgaben von Tabakrippen, Tabaksteuer und Zigaretten- ueuer) früher 91,4 Millionen, 1910: 141,8 Millionen, 1911: 155,9 Millionen: 3. beim Branntwein (Zoll, Steuer und Essigsäure-Verbrauchsabgabe) früher 125.3 Millionen, 1910: 163,3 Millionen, 1911: 197,4 Millionen; 4 heim Schaumwein (Zoll und Steuer) sicher 8,6 Millionen, 1910: 14 Millionen, 1911: 13,6 Millionen: 5. bei der Leucht mittel st euer
9,9 Millionen, 1811: 12,4 Millionen: 6. der der.-Z u n d- tvarensteuer 1910: 13,6 Millionen, 1911: 18.2
Millionen; 7. beim Bier (Zoll. Steuer, Übergangs- Abgabe und Ausgleichungsbeträge) früher: 88,9 Millionen, 1910: 146,8 Millionen, 1911: 164,9 Millionen; 8. beim Wechsel st empel früher: 18,4 Millionen, 1910: 18,7 Millionen, 1911: 18,1 Millionen; 9. beim Scheck st empel 1910: 3,6 Millionen, 1911: 3,1
Millionen; 10. bei Abgabe von Wertpapieren, Gewinnanteilscheinen und Zinsboaen früher: 27
Millionen, 1910: 57,6 Millionen. 1911: 63,1 Millionen; H* bei der Abgabe von G r u n d st ü ck s Übertragungen 1910: 44,3 Millionen, 1911: 41,7 Millionen; 12. bei der Erbschaftssteuer (Mehrem- nahme für das Reich infolge Herabsetzung des Anteils ber Bundesstaaten von ein Drittel auf ein Viertel der Einnahme) 1910: 4,7 Millionen, 1911: 4.6 Millionen, ans gef amt haben die aufgeführten Abgaben also
eingebrackst vor dem Inkrafttreten der neuen Finanz- gesetze: 414 Millionen und 1910: 727,1 Millionen und stir 1911 ist der Ertrag geschätzt auf.806,4 Millionen, also ein Mehr für 1910: 313,1 Millionen. 1911: 392 4 Millionen, während im Reichshaushaltsetat für 1910 die Mehreinnahme mit 295,2 Millionen, im Etat von 1911 mit 382,2 Millionen angesetzt ist. Gegen den lur den Beharrungszustand erwarteten Mehrertrag von zusammen 417 Millionen bleibt der Ertrag von 19i0 um 103,9 Millionen, der von 1911 nur noch um 2-4.6 Millionen zurück. Danach bringen die neuen Zölle urw Steuern vor dem Ablauf des dritten Jahres ihres SLc* stehens Nicht 55 Prozent, sondern mehr als 94 Prozent des geschätzten B e h arr u n g s zu st an d e j- Daß sie auf den Beharrungszustand unmittelbar zuschreiten, läßt die Entwickelung von 1910 auf 1911 vermuten, die jedenfalls kräftiger ist als beispielsweise die Entwickelung der Steuern vom Jahre 1906.
Der Artikel verfolgt natürlich den Zweck, die von der Opposition angegebenen Zahlen ins Unrecht zu stellen. Dabei wird wiederum, geflissentlich übersehen, daß von der anderen Seite die abgeschlossenen Zahlen des Etatsjahres 1910 angegeben worden sind, während die „Nordd. Allg. Ztg." nach dem Beispiel des Herrn Staatssekretärs Wermuth fortwährend mit. den noch nicht abgeschlossenen Ziffern des Etatjahres 1911 operiert, so daß ein ständiges An- einandervorbeigehen der Parteien statlfmbet. Amu* saut ist nun allerdings, daß das Regierungsblatt hinsichtlich der Ziffern von 1910 durchweg die Angaben der Gegenseite bestätigt und auch zugeoen muß, daß 1910 der Ertrag gegen den für den Beharrungszustand erwarteten Mehrertraq von 417 Millionen Mark u in rund 104 Millionen Mark zurückge blieben ist. Eine ganz ähnlich hohe Ziffer hatte bekanntlich der Abgeordnete Gothein am 4. Dezember angegeben. Im Etatjahr 1911 soll nun aber — und das ist der Trost der Regierung inid der Agrarier - der Ertrag nur noch um 24,6 Millionen Mark Hinte dem Beharrungszustand zurückbleiben. So wird es nach den bisherigen Erträgnissen berechnet. Erstens muß noch abgewartet werden,' ob dieses Gesamtresul tat tatsächlich eintritt: zweitens aber setzt sich , die „nationale Tat" der Finanzreform von 1909 aus einer ganzen Reihe von neuen Steuern zusammen, und wenii wirklich das Gesamtresultat letzten Endes nicht allzu weit hinter dem erwarteterr Ergebnis zurückbleiben sollte, so beweist dies noch gar nicht, daß nicht doch einzelne der Steuern in schwerer Weise enttäuscht habeii. Ten Mißerfolg der L e uch t m i t t e l st e u e r, die auch nach der 1911-Berechnung kaum 60 Prozent der Schätzung von 1909 einbringen wird, das Fiasko der Z ü n d w a r e n st e u e r und vor allem des S ch e ck- st e m p e l s, der 1911 nach der Berechnung der „Nordd. Allg. Ztg." sogar noch Vs Million weniger einbringen wird als 1910 und der damit noch keine 6 0 P r o z. der angenommenen Summe ergibt, — alle diese Fehlschläge'wird doch auch die raffinierteste Auslegungskunst nicht zu bestreiten wagen. Die Mehrheitsparteien haben eben mit einigen Steuern, insbesondere mit der Abgabe von den Grundstücksübertragungen,,, die sich über ©tftxxr&n gut entwickelt hat, Glück gehabt.
56. Jahrgang.
Wenn hier nur die erwarteten Erträge eingekommen wären so wäre der Minderertrag der anderen Steuern zusammen noch größer, als selbst das Regierungsblatt ur 1911 herausrechnet. Aber selbst ein reichlicher Steuer ertr ag liefert nicht den Beweis dafür, daß die betreffende Steuerguelle gut ist fein wird z. B. behaupten wollen, daß die rohe Grundstucks- übertragungssteuer an sich eine gutgeformte und sonderlich gerechte Steuer sei! Und wir wiederholen: eine Menge neuer Steuern müssen schließlich auch eine Menge Geld einbringen; für die Beurteilung der Güte der Steuerreform kommt es in erster Linie und ausschlaggebend auf das W i e der neuen Abgaben , an. Dieses aber ist, wirtschaftlich und sozial- politisch genommen, miserabel, und dagegen richtet sich der berechtigte Groll des Volkes.
UoliNsche Übersicht.
Ans der UoUrsrShlmrg 1910.
Nach dem endgültigen Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 betrug die ortsanwesende Bevölkerung im Deutschen Reich 64 925 993 Personen <32 040 166 männliche und 32 885 827 weibliche). Die Volkszählung vom 1. Dezember 1905 hatte 298S48öl männliche und 30 756638 weibliche, zusammen 60 641 489 Personen ergeben; die Bevölkerung ist mithin im letzten Jahrfünft um 4 284 504 oder um 7,07 v. H. gewachsen. Im Jahrfünft 1900 bis 1905 betrug die Bevölkerun gszunahme 4 274 311 oder 7.68 v. H. Auf je 100 männliche Personen kamen nn Jahre 1910 102,6 weibliche.
Im Verhältnis zur mittleren Einwohnerzahl war die durchschnittliche jährliche Zunahme von 1905 bis 1910: 13,6 v. T. der Bevölkerung, dagegen im Jahrfünft 1909 bis 1905: 14,6 v. T. und im Jahrfünft 189a bis 1900: 15,1 v. T. An der Zunahme im Zeitraum 1905 bis 1910 waren alle Gebietsteile des Reiches beteiligt. Am stärksten war die durchschnittliche jährliche Zunahme im Regierungsbezirk Potsdam (40,82 v. -v. der mittleren Bevölkerung), im Staate Hamburg (29,63), im Regierungsbezirke Düsseldorf (26,79), Mi Staate Bremen (25,64) und ini Regierungsbezirk Arnsberg (25,43). Sehr gering war das Wachstum im Regierungsbezirke Gumbinnen (0,79 v. X. der mittleren Bevölkerung), in Anhalt (1,88), in —'berelsaß (^--sti- in der Stadt Berlin (3,03), int Regierungsbezirk Stettin (3,28), in Braunschweig (3,42), tnt Regierungsbezirk Magdeburg (3,74) und im Jägstkreise in Württemberg (3,85).
Der Flächeninhalt des Deutschen Reichs betragt nach den neuesten Feststellungen 54085<,62 Quadratkilometer. Da 64 925 993 Einwohner gezählt wurden, so kamen auf 1 Quadratkilometer durchschnittlich 120 04 Einwohner; am 1. Dezember 1906 kamen auf 1 Quadratkilometer 112,14 Einwohner, Abgesehen von der Stadt Berlin, in welcher auf 1 Quadratkilometer 82 665 Einwohner kommen, weisen die größte Dichte auf die Hansestaaten Hamburg, Bremen und Lübeck ,n denen der Reihe nach 2447,63, 1168,24 und 391, 6a Per -
Feuilleton,
Wachdruck «erboleirl
Heimisches Naturleben.
Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.
XXI.
RaderrvolK.
Kann man sich den Winter ohne sine Gefolgschaft von Naben vorstellen? Die Extreme berühren sich: ^n weißes
Schneejeld und die „kohlpechrabenschwarzen" VogL Ich
furche nur zu lauschen, so höre ich ihr häßliches Geschrei, ^ brauche rmr zum Fenster hmauszu>schanen, 10 sehe rch dem Felde eine Anzahl der schwarzen Brüder daherschreiten oder mit den Schnäbeln im Acker irmlmen. Dabei haben sie sich langst die Federchen an der Schnabelwurzel ^gestoßen und so einen rechten Grindschnabel, das Zeichen der Saatkrähe, bekommen. Weiß der Teufel, was es auf dem verschneiten Acker für sie zu schnabulieren gibt! Dre Engerlinge, die sie sonst brav dezimieren, und die Rogen- Würmer, denen man als Bodenlockerern schon eher das Dasein devgbnnen kann, haben sich doch mit dem Froste in die Tiefe Serettet. Nun, vielleicht machen sie auf Mäuse Jagd, und das wäre ebenfalls des Lobes würdig. Die Saatkrähe Ff ja vorwiegend nützlich, wenn sie auch sonst, Wie alle kalben, alles umzubringen trachtet, was schwächer rst als f e , und jungen Hasen und Rebhühnern ebenso gefährlich wird wie den Gelegen und der Jungbrut der Singvogel, Vtrnn's hart kommt, fällt sie mit einer Anzahl Gefährten wlch einmal einen ausgewachsenen Hasen an, Dann hackt
die Mörderbande schließlich dem Armen die Augen aus, tötet ihn mit -Schnabelhieben und frißt ihn auf.
Die Rabenkrähe, der -Saatkrähe sehr ähnlich, nur etwas plumper gebaut — sie kommt mehr im nördlichen Deutschland vor —, ist um nichts besser, und die Nebelkrähe in ihrem aschgrauen Oberrock, aus -dem die Flügel und der -Schwanz schwarz hervorrageu, ist im Bunde der Dritte. Auch Base Elster „fällt nicht weit vom Stamm". Das Gesetz hat bei uns die gesamte Rabengesellschaft für voo-olirei erklärt, aber Unkraut vergeht nicht, und das schivarze Volk ist gewitzigt. Wo sich -eine Schar zusammenfand um zu allen, sitzen Schildwachen, aufmerksam spähend, rinash-er auf den Bäumen und warnen, sobald etwas Verdächtiges naht. Der harmlose Spaziergänger wird nicht sonderlich beachtet; trägt er aber ein glanzendes Etwas m fo tönmte ifo'CtS tnefieid’/t eine Flinte fein. „Merrt auf?« krackst eine Schildwache, und unter wüstem „Nab, rab! fliegt die ganze Gesellschaft von dannen, um bald- wiederzukehren und weiter zu mulmen.
Schwer nur kriegt der Jäger eine Krähe zum Schuß, am ersten noch -auf der Krähenhütte. Und ihre schlimmsten Feinde, der ritterliche Uhu und der freche Stegreifräuber, der Wand-erfälk, siUd selten geworden. Für den ebenfalls voaclfrei erklärten Uh« bittet jetzt sogar die Regierung um Pardon, damit er nicht ganz ausaerott-et werde. Aus gleichen Naturschntzaründcn sollte sie auch dem größten der Raben, dem gewaltigen Kolkraben, mal -einige Jahre' Gottesfrisden gönnen, wenn auch ein paar tausend Hasen und gar eine Anzahl Rehkitzchen drauf gehen.
Herr Corros corax, einst Walvaters treuer Gefährte, kommt bei uns nur noch !ii wenigen Exemplaren vo<- meist in großen -einsamen Wätdern Norddcutschlauüs, am Meer
und in Seeg-ebicten. Er kann selbst Kindern gefährlich werden, übrigens ist er dermaßen listig, verschlagen und vorsichtig, daß ihm noch weniger beizukommen ist als fernen nächsten Beitem, den Krähen, die er mit feiner Körperläuge von fast Zweidrrttel-Meter etwa um em Dritteil an Größe übertrisst. Ich habe nie einen Kolkraben in der Freiheit gesehen. Nur hin und wieder wurde ich seines Anblicks in einem Zoologischen Garten teilhastig, und vor mehr als einem Vrerteljahrhundert in einem Käs-g zu Merseburg, wo man Den Schwarzrock zur Erinnemug an den von einem Raben g-estohlenen Bifchofsring, um den man einen Unschuldigen hinr-ichtete, als -ein Wahrzeichen der Bischofsstadt häü, wie aus dem Kapitol zu Rom ein paar Wölfe zur freund-lichM Erinnerung an die von der Wölfin gesäugten Knäbl-ein Romulus und Remus. Ich habe noch den insernalischm Geruch Dieser Wölfe in Der Nase, und Die Galg-enphysiognomie des Merseburger Raben ist mir auch noch im Gedächtnis. Vielleicht sitzt er noch da, „Derselbigte nämb-lichte", -denn man will wissen, d-aß ein Rabe hundert Jahre alt werden kann. Gemeiner, spitzbübischer, räubermäßiger kann wohl kein Gottesgeschöpf drein- fchauen als solch ein Kolkrabe, dieser vom Schnabel zur Zehe tiefschwarzs Teufelsbraten, der nur eine braune^ Iris hat. Er stiehlt wie alle feiner Sippe. Etwas Blmken- des kann er nicht liegen scheu, oder er muß es sich .aneignen und verstecken. Eine gute Seite aber hat er: er ist Der getreueste Ehemann und lebt, unbekümmert um die ganze Welt, einsam rnit dem Weibe seiner Wahl, bis Der Tod diese Musterehe scheidet. Durch die zärtlichste Sorge für die junge Brut zeichnen sich, einer allgemeinen Redensart entgegen, die „Rabenettem" aus, auch die der minderen Verwandtschaft, wo man cs sonst mit den ehclichm Pflichten nicht allzu
