Einzelbild herunterladen
 

WikMemr Tsgblslt

Brrlag Langgasse 21 sfo, v OT f l” $ »

n>N*jSS£r»w WWmtlitz 12Ausgaben. _ Gcgrllndel 1852. »»1'CtSS.£.»”'.?»»

Wiichclltlich 12 Ausgaben.

Marckrmg 29, solvi? §ie 112 Ausgabestellen in allen Teilen der "Stadt; in Biebrich: die dortigen 33 Aus­gabestellen und tn den benachbarten Landorten und im Rheingan die betreffenden Tagblatt-Träger.

Anzeigen-Annahme: Für die Abend-AuSqabe bis 12 Uhr mittags: für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags

„Tagdlart-Heus" Nr. 6650-53. Von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends außer Sonntags.

L

Nnzcigen^ in einheitlicher

Anzeigen: 30 . ___—. .„. .

Reklamen. Ganze, halbe, drittel Und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. - Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Rabatt.

Für die Aufnahme von Anzeigen an vwgeschriebenen Tagen und Plätzen ivird keine Gewähr übernommen.

Rr. 28».

Donnerstags !4. Dezember 1S1L.

Jahrgang.

Morgen °5lusgabe.

1 . Matt.

Flotte unit FriedensllrüLegie.

Von Konteraidmiral z. D. Stiege.

Ter Ausbruch eines Seekrieges mit England ist ^ur knapp an uns vorübergegangen, das ist eine Tat­sche. Daß sich unter diesen Umständen die Blicke des putschen Volkes auf die Flotte, den bei einer solchen Katastrophe meist beteiligten Faktor, richteten, war nur öu natürlich. Unwillkürlich suchte jeder Patriot Auf­klärung darüber zu erlangen:. Taugt das vorhandene, luir großen Opfern von der Nation beschaffte und Unterhaltene Seekriegsinstrument als Ganzes etwas?

steht im besonder« die Bereitschaft des Materials, ueht die Friedensstraiegie, welche mit ihm arbeitet, °uf der Höhe? — Man hat sich bisher rücksichtsvoll ge- m>eut, solche Erwägungen mit einer ausgesprochenen Spitze England gegenüber öffentlich anzustellen. Tie Frage ist brennend geworden; das Bedürfnis, sich darüber klar zu werden, überwiegt alle Rücksichten.

, Ein lediglich defensiven Zwecken dienender See- kriegsapparat war es, den man hätte schaffen wollen; ei ft Apparat, der jedem Gegner, also auch England Gegenüber, unsere Materiellen Interessen wie unsere weltpolitische Stellung schützen sollte, indem er den Angreifer vor eine Gefahr stellte, welche größer war, als sich mit seinen Zwecken, mit dem von ihm zu leisten­den Einsatz vertrug. Ob das Rechenexempel, welches, auf dieser Basis angestellt, zu der Stärke der im Gesetz vorgesehenen Defensivslotte führte, richtig war? Zahlen­mäßig ließ es sich — darüber war sich jeder und von leher klar gewesen — nicht nachprüfen; nur der See- ftieg selbst konnte die endgültige: Probe liefern. Nie­mand sehnte sich nach dieser Probe; man hoffte, das er­wünschte Ziel, die Wahrung unserer Rechts lediglich durch die Tatsache, daß wir zur Verteidigung gerüstet U>Lren, auch ohne Krieg zu erreichen. — Tie Hoffnung wnn als gescheitert angesehen werden; die Rüstung hat «ich der Erreichung des erwünschten Zieles als nicht Gewachsen erwiesen. Das Risiko eines deutsch-englischen Seekrieges war nicht groß genug — augenscheinlich -- w« die anmaßende und drohende Haltung der engli- Men Regierung, um die ernste Möglichkeit eines Friedensbruches mit seinen unabsehbaren Folgen ab- ^uwenden; denn nur eigen frivolen Bluff hinter dem Auftreten von Englands Diplomatie zu vermuten, ist dicht möglich. Es gilt, die Konsequenz aus der Sach- lage zu ziehen init Ruhe, ohne Nervosität; sie läuft seines Erachtens darauf hinaus: nicht die Gesamr- wnsunktur unserer Marinepolitik war eine falsche, dur die Qualität des Rüstungsapparates bedarf einer Revision. ; Das Prinzip, welches in der Aufstellung der Seemacht nur eine Präinie für die Friedensversicherung

Feuilleton.

,tafefo?fx$erpnna itnü Die^iiltflnsto^cr.*)

„Mit einer Versammlung der Ärzte im Vorzimmer des Sultans begann alles. Dann hieß es endlich (elf Uhr), daß wir zur Prinzessin sollten. Run ging es in den Harem. Bor seiner reich vergoldeten Pforte stehen zwei riesige Wäckkrr, Albanesen, las an die Zähne bewaffnet, um auf einen Win! des obersten Eunuchen, der eine sehr vornehme Rolle und Stellung hat. jeden zu erschießen, der ihm dazu hassend erscheint. Das Tor schließt sich: wir gehen, drei türkische Ärzte, Bier und ich. hintereinander über eine lange an der Marmorwand des Schlosses dahinlausende Galerie. An sie grenzt der Park, ausgezeichnet durch prachtvolle Douglastannen, Aurikarien, riesige Feigenbäume und schöne Blumenanlagen. Nicht weit ein kleiner klarer See, in dem die ungetreuen Frauen der Sultane ertränkt zu werden Wegen. Zur Seite eines jeden von uns geht ein Neger oder dunkler Araber, der, wenn es verlangt werden sollte, Sopran singen kann. Wieder öffnet sich durch die Hände zweier Schwarzer, die in üblicher WAse zu Haremswächtern hergestellt sind, ein Tor. Wir treten ins Innere des mit Teppichen schönster Art und prächtigen, samtse'«denen Vor­hängen ausgestatteteu Vorraums, in dem eine Reihe von Mahagonrtüren führt, vor jeder der betreffende dazu prä­parierte Neger.

Die Schwarzen machen mit ihren männlichen Kindern ein eigenes Geschäft, indem sie sie gleich nach der Geburt für ihren künftigen Beruf zustutzen und dann schon die

») In dem mehrfach erwähnten, sehr fesselnden Werke „Ernst von Bergmann" von Dr, Arcnd Buchholtz (Verlag 8. C W Vögel, Leipzig) sind besonders einige Briefe intet» essant. die Bergmann 1903 an seine Frau aus Konstantmopel richtete, wohin er dom Sultan Abd ul Hamid zu dessen Weblings» lochte? Prinzessin Reffe berufen worden war, die an einer Blinddarmentzündung erkrankt war.

erblicken wollte, dieses muß auch jetzt noch als richtig angenommen und daran braucht nichts geändert zu werden. Wir wollen wie bisher so auch künftig kein Wettrüsten mit England. Eine T esens ivfl o tt e brauchen wir: wir sind nicht in der Lage, England gegenüber eine Offensivslotte aufzustellen: es sind

auch weiterhin lediglich defensive Zwecke, welche wir zu verfolgen haben; an dieser Grundlage niuß festgehalten werden. Man darf dabei natürlich die Begriffe von Defensive und Offensive zur See nicht völlig mit denen des Landkrieges gleichstellen. Eine Flotte, auch in der strategischen Defensive, muß schlagen können; das be­dingt taktische Vorstöße gegen die feindliche Streitmacht, Vorstöße gegen Handel und Wandel der feindlichen Natrbn, soweit sie irgend möglich und seerechtlich zu­lässig sind.

Es lohnt nicht der Mühe, immer wieder mit Zahlen­angaben über die beiderseitigen Stärkeverhältnisse zu koinmen; sie sind oft genug hier gebracht worden; wer noch mehr zu wissen wünscht, mag im „Nauticus" nach­schlagen ; er wird einen Haufen Zahlen finden, aber sie beweisen nichts; Englands Auftreten hat uns das klar vor Augen geführt. Indessen auch ohne auf Zahlen- angaben fußen zu können, ist die Notwendigkeit nicht von der Hand zu weisen, darüber nachzudenken, ob und in welcher Richtung vielleicht der Hebel anzusetzen ist,' um — unbeschadet des Tefensivprinzips und im Rahmen des Flottengesetzes — ein wirksameres Ver- teidigungsinstrument zu schaffen, ein Instrument, welches Achtung erheischt und damit den Frieden im höheren Maße als bisher sichert. — Ob die Panzer- kreuzerfrage aufgerollt zu werden verdient? Zu­zugeben ist, daß der deutsche Aufkläruugsapparat von den noch immer in seiner Liste figurierenden, veralte­ten, nur noch als S e e k a d e t t e nsch u I s ch iff e ihr Dasein fristenden Kreuzern keinen Nutzen hat und der Auslandsdienst ebensowenig. — Ob die Linienschiffs- Reservedivisionen einer Reorganisation bedürfen? Richtig ist, daß diese Verbände eine wesentliche Stär­kung der Hocksteeflötte im Kriegsfall bedeuten und daß sie unschwer durch Vermehrung des aktiven Personals an Spezialisten für die verschiedenenWaffen, Maschinen, Apparate usw. mit einer höheren Kampf­kraft und Kriegsbereitschaft, als' ihnen zurzeit inne­wohnt, ausgestattet werden können. — Ob in dem Torpedoboots- und Unterseebootswesen oder auf noch anderen Gebieten eine Förderung notwendig ist? Ter springende Punkt überall bleibt jedenfalls, daß die Kampfkraft der Gefechtseinheiten wie der Verbände und des ganzen Apparats auf das höchstmögliche Maß getrieben wird. Dabei ist als Kampfkraft anzu­sehen: das Kompromiß aus Waffenleistung und Be- wegungsfähigkeit, das die Tüchtigkeit des Personals in der Praxis zur Geltung bringt, also Personal- und Waffenleistung zusammengenommen. Über alles dieses ins einzelne gehende Forderungen zu erheben oder auch nur längere Erörterungen anzustellen, ist jetzt und hier

nicht der Ort; sie gehören vorläufig zur Kompetenz des Reichsmarineamts. Der Reichstag wird sich zwei­fellos über kurz oder lang vor diese oder ähnliche Fragen gestellt sehen; es ist daher gut, daß das deutsche Volk sich schon jetzt ein Urteil darüber zu bilden sucht. Es handelt sich, wenn man es recht überlegt, um die Stellung der Nation als Weltmacht.

Ebenso wichtig wie das Dargelegte, erscheint, von demselben Standpunkt aus betrachtet, die zweite ein­gangs erwähnte Frage, welche sich in diesen Tagen der politischen Zwischenfälle auswarft nämlich, ob die Kriegsbereitschaft, die Friedensstrategie der deutschen Marine auf der Höhe steht? Der kürzlich hier zitierte Ausspruch des großen preußischen Kriegstheoretikers Generals v. Clausewitz, wonach der Krieg. „eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" ist, läßt noch weitere Schlußfolgerungen zu: Ter Zustand des „bewaffneten Friedens", in welchem wir leben, erweist sich bei näherer Betrachtung nur als eine Art des Übergangs von der Politik mit der Feder zu derjeni­gen mit der Kanone, wie sie sich aus den neuzeitlichen Verhältnissen als unumgänglich mit elementarer Ge­walt den Nationen aufdrängte. Und England hat nur an diesen tatsächlich bestehenden politischen Zustand angeknüpft, indem es uns bereits vor Jahren bedeutete, daß der erste Schutz seiner Seestreitmacht fallen müßte, bevor noch die Kriegserklärung in einer deutschen Zeitung gestanden hätte. Das war kein leeres Gerede; es war die logische Konsequenz aus dem Vorhandensein des bewaffneten Friedens; nicht einmal eine Rücksichts­losigkeit, größer als der Krieg selbst, darf streng ge­nommen darin erblickt werden, besonders da die Ab­sicht ausdrücklich vorher bekanntgegeben ist. Wer den ersten Schuß feuern kann, tut es; wer es kann und es nicht tut, ist ein Simpel, der sich die Folgen selbst zu­schreiben mutz: gute englische Logik.

Überraschung spielt im Krieg stets eine erhebliche Rolle und nicht nur in taktischer Beziehung; sie wird überall, wo es möglich ist, und in allen Formen herbei- geführt, um Überlegenheit zu erzielen, ohne welche jedes Ringen erfolglos bleiben muß. Das Moment der Überraschung nmß also auch als ein Faktor schon in die Berechnungen der Friedensstrategie eingereiht werden. Die Begriffe von Ritterlichkeit haben sich im Laufe der Jahrhunderte gründlich geändert; die Zere­monie mit dem Handschuh ist längst in die Rumpel­kammer gewandert; sie ist in unseren! Zeitalter der Elektrizität und des Dampfes auch zu zeitraubend; und was von der sogenannten „Kriegserklärung" übrig geblieben ist, scheint mehr und mehr zu einer hohlen internationalen Phrase herabzusinken. Man hat eben aus den Vorkommnissen zur See der letzten Jahre noch anderes gelernt, als nur im geeigneten Augenblick seine Torpedoschutznetze auszubringen.

England treibt keine Gefühls-, sondern Interessen» Politik. Ob Mr. Faber recht hatte mit seinen Alarm- Nachrichten, ob tatsächlich schon positive Orders zu

Sechsjährigen für vierhundert Franken verkaufen. Von dann an geht es diesen Kindern ausgezeichnet: schöne Klei­der,) gutes Essen und Schulung zum Dienste bei den Prin­zessinnen. Wir werden eine Treppe hinaufgeführt; eine Tür öffnet sich, und wir waren im Schlafzimmer der Prin­zessin. die in einem schön bemalten Bette lag, in Schleier gehüllt, wie eine Prinzessin oder Fee aus Tausendeiner Nacht. Ihr Leibsklave kniete neben dem Bette. _ Sie ist ein zartes, aber sehr schönes Mädchen von sechzehn 'Jahren mit alabasterweitzem Teint und klaren, schwärmerischen Reh- angen. Die Schleier wurden entfernt, und die Untersuchung begann. Leider spricht sie nur Arabisch; es mußte also alles durch Ibrahim Pascha gedolmetscht werden. Der letzte, dritte Anfall hat vor sieben Wochen, als damals die Auf- sorderung an mich kam, gespielt. Seitdem liegt sie p Bett und hat nur beim Aufstehe,t etwas Schmerz. Empfindlich­keit beim Druck ist vorhanden, aber keine Schwellung, dabei regelmäßiger Stuhlgang und Appetit. Kurz, die Chancen für eine Operation sind nicht ungünstig. Freilich muß man bei drei Anfällen, und, da ein ziemlich beträchtliches Exsu­dat vorhanden gewesen sein soll, aus ausgedehnte Ver­wachsungen rechnen.

In derselben Folge, wie wir gekommen, ging es wieder hinaus, nur daß jetzt zwei Neger mich begleiteten: Eunuche rechts, Eunuche links, das Weltkind in der Mitte, würde Goethe sagen. Man begab sich in ein anderes Ge­bäude: Wohnung der Hofbeamtey, wo ich ersucht wurde, schriftlich meine Ansicht uiederzulegM. Also Abfassen eines langen Gutachtens, das ins..Türkische übersetzt wurde. Ein türkischer Arzt war zwei Jahre in Berlin Besucher meiner Klinik gewesen und besorgte die Übersetzung. Allein e§ dauerte wieder recht lange, bis es fertig war, und der Sekretär des Sultans erschien — eine Art Lucanus —, um das Schriftstück aus meiner Hand zu empfangen. Darauf auf einem riesigen silbernen Servierbrett, das so groß wie ein Tisch war, in einem Nebenraum das Frühstück. Zebu Gänge ohne Ende) alles orientalisch. Fünf Herren vmto. etwa zwanzig Diener. Die drei türkischen Hausärzte Said

Pascha, Ibrahim Pascha, Tjemil Pascha — der Haupt­chirurg, und wir zwei. Uns wurde Wem eingegossen, den Muselmännern bloß Wasser. Das beste waren besondere Artischocken und schließlich eine Fülle von Konfitüren."

„23. Mai. Mit dem Hin- und Herreden war es zwölf Uhr geworden, also die höchste Zeit, nach Asien aufzubrechen. Unten — das Hospital liegt sehr hoch — am Palaste Dolma- Baghtsche lag eine für uns bestimmte kaiserliche Jacht. Wir fuhren schräg über das Marmarameer nach Skutari und längs der Küste nach Haibar Pascha. Zu Wagen weiter in das großartige Institut für Bildung und Fortbildung der Militärärzte. Dort festlicher Empfang durch den Chef der militärischen Schulen. Feierlicher Umgang und Diner. Als wir uns verabschiedet hatten, erschien ein Bote des Sultans, der uns sofort nach Jildis berief. Daher schnell zu Schisse und hinauf ins Schloß. Dort haben wir bis zehn Uhr nur Fragen des Sultans schrifttiA deutsch und türkisch beantwortet. Er kann sich zu einer Operation immer noch nicht entschließen. Ob es nicht besser sei. noch fünf Tage zu warten, da ihm schiene, daß seine Lioblings- tochter sehr schwach sei, und in der Zeit die andere Diät, die ich verordnet, sie vielleicht kräftigen würde. Jedenfalls möchte ick am Tage daraus noch nicht operieren.

Während ich dieses schreibe, erschallen Husschläge vor dem Tor: ein reitender Bote des Sultans ist da. Ich hatte nicht angegeben, von welcher Arznei, falls nicht operiert würde, ich am meisten erwartete. Also Antwort, zugleich die Order, heute wieder ins Palais zu kommen und noch einmal die Prinzessin zu untersuchen.

$ Wenn ich doch den Beherrscher der Gläubigen selbst sprechen oder wenigstens sehen könnte, dann würde gewiß diese Fülle von Verhandlungen sich kürzen. Allein das ge­schieht nicht. Zuerst verhandeln die Ärzte, dann gehen alle zum ersten Sekretär des Sultans, darauf unendliches Warten, dann Wiederbestellung zu morgen."

„24. Mai. Was wird nun heute werden? Nach der letzten Anfrage Seiner Majestät von gestern abend glaube ich nicht mehr an die Operation. Ich glaube, daß die gestrige