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Nr. 881 .
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125 DereMber 1911.
Morgen - klusgabe.
1. Wkatl.
Finnnstragen in Umrissen.
Tie Finanzreform von 1909, dies gekünstelte Produkt konservativ-klerikaler Abneigung gegen die Erb- anfallsteuer, war und ist zu bekämpfen, aber selbstverständlich bringt sie Geld ein, viel Geld, 500 Millionen lin Jahre und mehr. Wenn sie nicht einmal das sertrg brachte, wäre sie vollends zu verdammen. Nur ist es ein schlechtfundiertes Gebäude, das der schwarzblaue Block aufgerichtet hat. Tiefe Finanzreform enthält in sich nur geringe Bedingungen einet organischen Wachstums der Erträge, und hier stecki einer der bestimmenden Unterschiede zwischen den neuen Steuern und der Steuerreform, wie sie die liberalen Parteien verlangten. Hätten wir die Erbanfallsteuer, so würden ihre Erträge nach dem Maßstabe des zunehmenden Nationalreichtums gleichmäßig sich steigern, und der Voranschlag vom Jahre 1909 wäre wahrscheinlich längst scholl bedeutend übertrosfen. Hätten wir die wahrhaft ideale Steuer bekomnren, die ihr trefflicher Vorkämpfer, Justizrat Bämberger in Aschersleben, als das „Erbrecht des Reichs" fornmliert hat, so wäre uns der Anblick eines überaus erfreulichen fiskalischen ' Wundes be- schieden gewesen. Es ist feine Frage, daß diese Lteuer, die keinem Menschen jemals wehgetan hatte, an der auch der schärfste Blick keinen Tadel , entdecken kann, jährlich Hunderte von Millionen zu liefern iinitande wäre Tre Berechnungen Bambergers, die euren Jahresertrag von 500 Millionen behaupteten, sind bis heute noch nicht widerlegt worden; aber selbst wenn man sie aus die Hälfte reduziert, selbst auf ein Viertel, würde sich der Versuch überreichlich lohnen. Nun gehören freilich Steuervorschläge im guten wie im schlimmen Sinne zu den Würmern, die nicht sterben können. Werden sie abgelehnt, so kommen sie darum doch ivieder, und nichl emmnl das Taöarmonopol .schemt schon so gründlich totqeschlagen zu sein, daß es nicht eines Tages bei hellichtem Tage umgehen konnte, wer Gedanke aber, das Reich ziim Jntestaterben zu machen, wenn keine neuen Verwandten des Erblassers vorhanden sind, wird ganz gewiß, einmal lebendig werden. Cr ist viel zu gesund, um mit Tode abzugehen. Tiefe Sparkasse der Hoffnung bleibt uns also, und es ist ia dafür gesorgt, daß wir sie werden, brauchen können. Auch die Erbanfallsteuer wird kommen, auch ihre Erträge werden wir nötig haben. Selbst wenn Heer und Marine keine neuen Riesensummen erfordern sollten, werden wir diese Steuern teils zur Schuldentilgung, teils aber auch zur Abschaffung von ungerechten indirekten Steuern brauchen können. Wer aber mochte
so sanguinisch sein, zu glauben, daß die nächsten eahre keine bedeutende Erhöhung des Heeresetats und vor allem des Marineetats bringen werden? Tie Ereignisse dieses Sommers mahnen zur Vorsicht und zu den entsprechenden Vorkehrungen. Tie heikle Frage soll hier nur gestreift werden, sie wird sich schon von selber zu gelegener, vielleicht auch zil ungelegener Zeit in den Vordergrund schieben.
Immerhin ist es ein beruhigender Gedanke, daß es für den Notfall die Möglichkeit von Steuern gibt, die das Gerechtigkeitsgefühl nicht so zu verletzen brauchen, wie es manche steuerpolitische Künste des schwarzblauen Blocks getan haben. Vielmehr jedes lebendige Gefühl für Gerechtigkeit würde durch die genannten beiden Steuern befriedigt werden. Nun kann man aber mit Genugtuung seststellen, daß der Gedanke, neue große Bedürfnisse fortan nur durch direkte, die leistungsfähigen Schultern hauptsächlich . treffende Steuern zu befriedigen, auch von den bisherigen Gegnern direkter Reichssteuern anerkannt wird. Daß bitterer Zwang zu dieser Eiiisicht geführt hat, beeinträchtigt nicht die Einsicht selbst. Wir nehmen Akt davon, daß Herr v. Heydebrand am 9. November iin Reichstag für eine Reichsvermögenssteuer zur Deckung erhöhter Ausgaben für Wehrhastmachung des Reichs eingetceten ist. Das ist ein so außerordentlicher Umschwung gegen früher, daß man ihn nach Geb,ihr zu betonen hat. Noch vor wenigen Jahren wären eine solche Sprache und ein solcher Vorschlag nicht möglich gewesen. Wir wissen wohl, der konservative Führer hat das Wort „Reichsvermögenssteuer" nicht gebraucht, aber er hat den Begriff genügend deutlich umschrieben, so daß man ihn und seine Partei schließlich doch für die Sache selbst in Anspruch nehmen kann. Bringt eine Reichsvermögenssteuer, w>.< sie bringen soll, gut; bringt sie es nicht, dann wird kein ostelbischer Trotz die Erbansallsreuer aus die Tauer verhindern. Und nn Hintergründe wartet mit sicherer Gelassenheit das Reich „als lachender Ebbe":
Da wir einmal bei dresem Bambergerschen Vorschläge sind, so wollen wir nicht daran vorübergehen, daß Justizrat Bämberger kürzlich in der „Köln. Ztg." sehr beachtenswerte Vorschläge zur Erhöhung des Reichskriegsschatzes von 120 aus 250 Millionen gemacht und daneben die Errichtung eines Reichssriedeiisschatzes voi>. 250 Millionen in verzinslichen ausländischen Wertpapieren empfohlen hat. Es wird sich noch Gelegen- heit bieten, auf diese interessante Anregung und ihre Begründung zurückzukommen. Inzwischen sind wir der Meinuna. daß der Vorschlag allen Anspruch daraus hat, vom Reichskanzler und seinen finanzkundigen Beratern, vor allem von den Herren Lentze und Wermuth sorgfältig geprüft zu werden. Daß der Kriegsminister und der Marineminister nichts gegeri.den Gedanken haben werden, ist selbstverständlich. _
Feuilleton.
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pariser Brief.
C. W-s. Paris, 29. November.
Wieder einmal ein Ansstand der Daxameter-Chauffeurs'. Man gewöhnt sich schon daran, da diese ÄrbertsWsteÜnn- gen zu den regelmäßig wiederkehrenden Er,cy-et-n-ungen zu gehören beginnen. Und jedesmal wird die erstaunliche Feststellung aufs neue gemacht, daß es auch so ganz gut geht, daß sogar in einem gewissen Sinne durch das feiern der Kurbeldreher eine Verkchrserleichterung hervorcrttt. Es» ist wenigstens möglich, die meisten StrahenkreuzmM>i ohne Lebensgefahr zu überschreiten und ans den Boulevards einige Worte mit begegnenden Bekannten auszutauschen. ohne seine .Stimme überanstrengen zu brauchen. Freilich lange dürste ein solcher Ausstand nicht dauern,^ da die Geschäfts- und anderen Verhältnisse nun einmal aus die Schnelligkeit des Kraftwagenverkehrs znWchntttcn sind, die von den sonstigen Beiförderungsmitteln, selb« den Autobussen und dem MÄroPokitain, weitaus nicht ersetzt weiden kann, überdies würde sich sMell Herausstellen, daß die im ersten Augenblick angenehm berührende Erlnch termra des Marschierens ans den Straßen ustd des Passte- rens der Dämme stark illusorisch ist, daß m Gegenteck durch den endgültigen Wegfall der Autotaxameter das Treiben noch lebensgefShrlieber werden müßte. Denn dann wm- de« wieder die alten Fiaker und sonstigen- schrecklich mittelalterlichen Geführte in ungeheuerlichen Massen -austauchen, und aus den täglich sich bietenden Straßeübtkdern wie aus den Verkchrsunfalls-statistiken ist nur zu deutlich zu -ersehen daß diese prozentual unendlich mehr Unheil -anrny- ten und bedeutend mehr Stockungen Hervorrufen als die mechanisch forrbewegten Fuhrwerke.
Der von verschiedenen VerkehrsautorWton vertretenen Ansicht, daß die völlige Ersetzung der animalischen durch
die mechanische Traktion automatisch zu einer Entlastung der Straßen und -zu einer HeraSmind-erung der Gefahren für das große Publikum Dhren muß, schließe ich mich entschieden an. Die Pserd-edroschken stüd bei den Zusammenballungen, wie man sie in Parts beöbachte-n k-anu, sa-st immer die gefährlichsten Klippen und- die Haupterreger der Stockungen. Infolge des sie au.f den Aussterbeetat setzenden Wettbewerbs der Taxiautos scheinen Pferde und Kut- jcher störrischer und böswilliger als je geworden zu sein. Man möchte wirklich meinen, sie steiften sich in auMAiger Gedankcüharmonie darauf, das «Publikum für dre Fortschritte der Technik, die sie immer mehr verdrängen, verantwortlich zu machen und entsvrcchcns zu züchtigen. Wich- rcüd die Führer der daherbraufeüden Automobile es tm allgemeinen verstehen, schon von weitem durch die Geschicklichkeit ihrer Lenkung den über die Dämme hastenden Fußgängern das Gefühl einer gewissen Sicherheit einzuslößen. tauchen Fiaker mit wahrhaft diabolischer Hinterlist aus den utwto'CiTtetifiett' urstlöHllch <ruf, machen d>ie ver^wlck- testen Windungen, tan die in ihrem Bereiche befindlichen Passanten in die Enge zu treiben, dre Rosse — richtiger, die' Klepper — schnauben wütig, dre Auiomedons fuchteln droheüd ae-gen die scher«. Flüchtenden mit der Peitsche und schimpfen'"uNflättq ohne jeden Anlaß, so lange kein Wächter der öffentli-cken Ordnung in drohender Stahe zu erblicken ist Und selbst deren Autorität genügt häufig nicht, um diese geschworenen Feinde der modernen Verkehrs entwrck-
lung im Zaum zu halten. , _ . .
Eine ganz besonders gefährliche Lpezres sind die „nmrattdeurs", die Fiaker, die. nach Kunden ausspähenid. langsam die Hauptverkehrsader,t entlang fahren. jedem einigermaßen -anständig Gekleideten, der sich erneu '^-amm zu- überschreiten anschickt, wollen sie einen möglichen Fahraast erblicken. ustd fahren Plötzlich- im Galopp aus ihn zu um ihn vor die Alternative zu stellen, ein-zusteig-en oder überrädert m werden. Und ferner verstehen sie es, allen behördlichen Ano-rdnunaen u-üd dem überwachüngseifer der stabtragestd-en Vcrkchrsbcamicn zum Trotze tu- unendliche Zügen aus den überlastetsten Strecken zu erscheinen
Deutsches Deich.
* Keine Mittelmcerreisc des -Kaisers. Wie van zuständiger Seite mttgetetlt wird, ist an eine Mittel- meereise' des Kaisers vor der Hand gar nicht zu denken. Vor allen Dingen wird der Kaiser Berlin nicht Matte Januar verlassen.
* Ter Reichskanzler hat an den Verein für
Zeppelin-Fah'rten nach Kenntnisnahme de» Aufrufs zum Beitritt folgendes geschrieben: „Durch
eine größere Teilnahme weiterer Kreise an den Fahrten mit Zeppelin-Luftschiffen würde nicht nur eme unmittelbare Unterstützung dieses nationalen Unter- nemens herbeigeführt, sondern gleichzeitig der Ban von Luftschiffen überhaupt und ihre Absatzsährgrew wesentlich gefördert werden. Ich wünsche daher den Bestrebungen den besten Erfolg."
* „Internationale Konspiratoren." Unter der pompösen Überschrift „Internationale Konspiratoren" bringt die „Humanitä" den Anfang einer törichte Phantasterei bringenden Artikelserie, in welcher dargelegt werden soll, daß die kürzlichen monarchistischen Erydbüng-en in Portugal nicht Nur von den Anhängern König Manuels und Do-n Miguel unterstützt wurden, sondern auch von den französischen Royalisten, von der Umgebung des deutschen Kaisers^ ja, vielleicht vom deutschen Kaiser selbst, den deutschest 'Katholiken sowie der deutschen Kblonialpartei, vo-nr bayerischen Königshofe, von König Alfons von Spanien u. a. mJ Alle diese, behauptet der Arttkökschreibcr, konspirierest gegen die -portugiesische Repüblrk ustd- -die Rolle, welche die einzelnen gespielt haben, soll in den nachfolgenden Artikeln dargelegt werden. Der nachfolg-ettde Artikel wird sich zuerst mit der Haltnüg beschäftigen, die König Affons eingenontmen hat. Der Artikelschreiber behauptet in seinem ersten Äuifsatz, König Manuel habe sich vor der Revolution an Spanien nstd England um Hilfe gewandt. Als diese jedoch üblchnten, habe cr sich an den deutschen Kaiser gewandt, schließlich auch in der Hoffnung, eine deutsche Pr,u- zessin, vielleicht die Tochter des Kaisers selbst, als Gattin heiinzuführen ustd durch solche Alliance den Throne der Braaanza zu befestigen. Er hübe die deutsche Regierung gebeten, ihm zwei oder 'drei 'Kriegsschiffe zur Verteidigung der Dynastie Bvaganza nach Portugal zu cut- senden ustd wäre bereit gewesen, die portugiesische Kolon,- Angola an Deutschland abzutreten. Außerdem habe unter der Hand die Köniain-Witwe Amalie an die spamsche Regierung die Bitte gerichtet, zwei öder drei R e g i - ment er nach Portugal M entsenden, um der Revolution
energisch entgegentreten zu können.
* Der Zusammentritt des Landtags. Der preußisch- Landtag wird vorauKsichKich am 15. Januar, also w'-nig- Daae nach den Reichstagswahlen, eröffnet werden. der ersten Sitzung wird, wie üblich, der Finanzminister das Budget und wahrscheinlich auch gleichzeitig die neu« Steyervorlage eistbringen. _
ustd so die schon unumgänglichen Verwirrungen nstd Stock,Mgon ins Un-gemessene zu steigern. Sie sind eben wie Raubtiere, die auf Beute ausgehen, ustd die im -harten Kampfe ums Dasein keine Rücksichten kennen, die vor allem „rit den Berkehrsreglements, die notgedrungen immer strenaer gefaßt werden müssen, in stetem unerbittlichen Kvietz liebelt. GZ sind meistens Ältere ‘xizwtz, tjicfc „m-araudeurs", die sich nicht an den DroMenhaltepl-ätzen ausstellen wollen, weil mit dem Herumlung-ern dre V-er- kehr§adern entlang mehr und lei-chter zu verdienen ist. Sie sind verbittert, weil sie noch die glücklichen Zeiten d«v HlppomobNe kannten, deren Verschwinden ihnen noch immer unbe-gre-iflich erscheint. Zu „olmnkksnrs" sich- umzu- bilden, sind sie nicht mehr -gelenkig genug; -auch fehle«! ihnen, die sie häufig Analph-abeten sind, die unbedingt not- wendigen Vorkenntnisse dafür. Allerdings verhüllen sie. diese Unsühigkeit durch eine u-stbeschreibliche Verachtung! der , Mechanik", zu der sie sich nun- und nimmermehr herablassen wollten. Mit den Autotaxilenkern leben sie daher, ebenso in heftiger Fehde, wie mit den Polizei-Vorschriften und deren überwachern. Diese Fehde wird leider auch oft! aus der. Straße aus-gekäinpft, wobei das Publikum die Hauptgesahren zu bestehen hat. — Es gehört zu den belieb-, testen Übungen der alten Fiakerlütscher, den Autotaxis^ so. entgegenzusähren, daß diese mit ihrem Anprall sie nicht umreißen können, sondern eher selbst in Fährlichkeiten ge-, raten.' Und das Hauptrunststück besteht dann darin, noch! die Vernrteil'UNlZ der Kurbeldreher zu Schadensersatz zu, erzielen. Wenn dabei Fahrgäste oder Fußgänger mehr oder weniger mitgencmmen werden, so hat das wenig Interesse, da die Bockgewältig-en eine erstaunliche Fülle von Sophismen und dialektischen Kunstgriffen zur Verfügung haben, um die -allsällig Verletzten- im Unrecht -erscheinen zu lassen. . m
Kein Wunder daher, daß die Dros-chkenkutfcher m Paris die bestgehaßteste« Persönlichkeiten find.- Seit ihrer rapiden Berdrängung durch die Chauffeurs ist diese Antipathie des Publikums gegen sie noch gestiegen, und nicht der leiseste . Auslug von Mitleid ist für sie, die tatsächlich jetzt nur mit
