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Wöchentlich 12 Ausgabe«.
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Nr. 577.
Sonntag, 1®. Dezember 1911«
5®. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Ledenslchicksüie.
© onntagsbetrachtung.
Jeder Mensch hat sein Schicksal. Es fragt sich nur, wie er's trägt. Der eine ist vom Schicksal begünstigt, der andere glaubt sich vernachlässigt. Der gläubige Christ spricht ungefähr im Sinne des Apostels Paulus: Ich bin unwürdig all der Gnade, die mir erzeigt worden ist. So reich ist sie gewesen. So demütig und beglückt werden jedoch aus vollem Herzen wohl nur wenig Menschen sprechen. Aber etwas von der Stimmung, vom Schicksal beglückt zu sein, müßte jeder Mensch haben. Denn schließlich ist jeder seines Glückes Schmied.
Sehr viele Menschen sehen ja nur das Glück bei anderen. Sie schauen nur die glänzende Außenseite und blicken nicht ins Innere. Deshalb halten sie die anderen sür Glückskinder und sich selbst sür stiefnüitter- lich bedacht. Das Glück ist aber in der Regel nichts, was vom Himmel fällt, sondern was ergriffen werden mutz. Selbst der Reichs muß erst aus seinem Reichtum etwas schaffen, wenn er etwas davon haben will. Sonst dient er ihm oft nur zum Fallstrick. Und auch, der Ärmste kann sein Los verbessern, wenn wir auch zu- geben wollen, daß es für manches Kind, das im Jammer und Elend aufwächst, sehr schwer ist, zu Glück zu kommen.
Jeder Mensch schaue in seine eigene Lebensgeschichte hinein! Wie ist er geführt worden? Führungen und Fügungen kommen nicht von selbst. Etwas Gutes fliegt einem nicht in den Mund wie gebratene Lauben oder wie das große Los, sondern inan muß zu- sassen. Sonst wird nrchts. Ter Fromme und Beschauliche sieht überall den Finger Gottes. Er glaubt allerlei Anzeichen zu besitzen, wie man den Willen Gottes erkennen kann. Es gibt darüber eine ganze Wissenschaft. Ter mehr Tatkräftige erstürmt das Himniel- reich sozusagen mit Gewalt.
Wer hat in der.Jugend vorausgeschaut, was aus ihm einmal werden wird? Sicher sehr wenige. Und doch, ungefähr steht schon, wie Rückert sagt, vor einem jeden ein Bild des, das er werde, und eh er es nicht ist, ist nicht sein Friede voll. Tie Bilder wechseln natürlich. Als Junge denkt man ja noch überschwenglich. Ta glaubt man, man könnte einnial ein Feldherr werden oder ein Staatsmann oder sonst etwas Berühmtes. Aber wenn sich - dann die Anschauungen und Wünsck-e abklären und man einen Beruf ergreift, dann stellt man
sich genauer vor, wie das Leben verlaufen wird, und man bekommt eine Ahnung von bestimmten Zielen, die man erreichen will.
In mir lagen immer im Kamps die stillere beschauliche Gelehrtennatur und das Sehnen, in den Kampf des Lebens einzugreifen. Ich ging zuerst mit Freuden aufs Torf als Landpfarrer. Ich hatte dort Muße zu studieren und zu forschen in der urchristlichen Literatur^ und in. den Kirchenvätern. Aber das beschauliche Studium befriedigte mich nicht. In den Städten rangen die Geistlichen um die Seele des modernen Arbeiters, nahmen teil an den Kämpfen um die Emporentwickelung des Volkes. Da zog es mich hin. Ich wurde Stadtpfarrer und stellte mich mitten hinein in die sozialen Kämpfe, weil ich als Christ und als Geistlicher es für meine Pflicht hielt, aufs Ganze zu gehen und an der Lösung der Kernfrage. mitzuarbeiten. Tie Gemeinde ertrug und begrüßte das, die Kirchenbehörde nicht. So trieb es mich hinaus aus dem Asjlit. Ich ließ mich nicht halten. Denn ich stellte die freie Meinung und das Gewissen und das Befolgen des für richtig Erkannten über alles. So wurde ich Politiker — Schriftsteller ■— eine ungewohnte Tätigkeit, die erst gelernt werden mußte. Auch hier war es schwer, immer seine Meinung zu sagen. Auch hier sollte und mußte man Rücksicht nehmen. Denn der Mensch muß leben, und Unangenehmes hat jeder Beruf. . All das ist wahr. Aber einem freien Beruf fehlt doch die bureaukratische Schablone, die auch bei einem Geistlichen in vielen Dingen sehr stark ist.
Kein Mensch weiß voraus, ivie er sich im einzelnen entwickeln und wie sein Leben sich gestalten wird. Aber ich weiß doch, wie schon auf dem Predigerseminar einer meiner Freunde zu mir sagte: Ich glaube, dein Leben wird nicht immer sehr glatt verlauferi. Tu hast immer deine Meinung für dich.
Es ist viel wert, wenn der Mensch denr treu bleibt, was in ihm steckt. Gewiß wird der Mensch durch das Schicksal gemodelt. Aber er hat das Schicksal doch auch in der Hand, es nach seinem Willen zu gestalten, wenn er einen ernsten Willen hat. Tie Hauptsache ist ein Ziel haben, an das man glaubt, mit aller Inbrunst und Begeisterung, deren man fähig ist. Das setzt man dann schon durch, dann wird man hellseherisch und sieht überall Gelegenheiten, sich durchzuarbeiten. Wo andere nur Hindernisse erblicken, erspäht man bereits die Bresche, die Geschosse dahin zu richten. Selbst der Biß der Schlange wird dann nichts schaden, steht in der Bibel. Man muß nur etwas Großes haben, das mau durchsetzen will, dann bilden sich die anderen nach uns und -nicht wir nach ihnen. Mit anderen Warten drückt das der Apostel Paulus so aus: denen, die Gott lieben, müssen alle Tinae zum Besten dienen.
Pastor a. D. K ö t s ch k e - Berlin.
Dis Politik der Msche.
Der deutsche Reichstag hat ausgelitten, nachdem er in der kurzen Herbstsession, die bereits im Zeichen, des Wahlkampfes stand, wenigstens noch einen Teil des reichhaltigen Pensums erledigt hatte, dessen völlige Bewältigung nur die unheilbarsten Opti- misteu erwarten konnten. Umfassende und bedeutsame Vorlagen wie die Strafprozeßreform, zu der sich statt der Ausslickung des Strafgesetzbuches wohl in Bälde eine Strafrechtsreform gesellen wird, ferner das Arbeitskammergesetz, der Kurpfuschereientwurf und noch etliche andere bilden die Passiva, die der am 12. Januar nächsten Jahres zu wählende neue Reichstag in entsprechende Aktiva zu verwandeln suchen soll.
Wenigstens hat der letzte Sitzungstag des alten Reichstags sich noch zu einem „großen Tage" gestaltet, denn die Neuauflage der Marokkodebatte verlies in wesentlich befriedigenderer und erfreulicherer Weise als ihre Vorgänger. Tie Erklärungen des Reichskanzlers über die Beziehungen zu England füllten nicht nur die Lücken aus, die der Staats- sekretär v. Kiderlen-Wächter gelassen hatte, sondern Herr v. B e t h m a n n - H o l l w e g schlug auch unter denr allgemeinen Beifall -der Volksvertretung einen wesentlich entschiedeneren Ton an, indem er den englischen Staatsmännern mit -erfrischender Deutlichkeit: klar machte, daß die Friedens- und Fveundschaftsver- sicherungen ohne die entsprechenden Taten verlor'ne Liebesmüh-' und darum zwecklos seien. Daß man jenseits des Kanals für eine solche deutlichere spräche mehr Verständnis hat, erhellt aus dem verhältnismäßig freundlichen Echo, welches die Reichskanzlerrede! dort gesunden hat. Übrigens ist unseren englischen Vettern eine neue Freude unterdessen jäh zerstört. worden, nämlich die über den angeblichen deutschen ,,'O ffiziersspio ri", der sich , als der bekannte Hochstapler Große entpuppte, und die Verhandlung vor dem Reichsgericht gegen die englischen S p i o n e Schultz und Genossen dürfte ihnen nur als ein sehr -mangelhafter Ersatz erscheinen.
Auch in Frankreich haben die.Erklärungen des deutschen Reichskanzlers ein verhältnismäßig freundliches Echo gefunden, aber inan wird solche Stimmnngs» Zeichen nur sehr -gering einschätzen dürfen. Denn wenn man sich erinnert, daß die -Oberleitung der englischen Flotte erst unlängst einer einschneidenden Umänderung unterzogen worden ist, und man -dazu die Pläne über die bevorst-ehenide Reorganisation der französischen Armee nimmt, so sieht das nach allem eher als nach Friedensstimmung -aus. Daß eine solche Stimmung in Frankreich -nicht anfkommen kann, ist ja an sich schon dadurch bedingt, daß das Marokko-
FerMeton.
Machdruck verboten.»
Das Oomkind.
Von G. Wendling.
Lliuf dem Hciligcngerst-seld in Hamburg wurden die letzten Zelte und Karussells ausgeschlagen. Am andern Tage sollte der Wei-hnachismaM, der sogenannte „Dom", beginnen. Aufmerksam sah die Jugend den Vorgängen zu.
„Montag kommen die DonnkiniWr zur Schule", sagte Hanna Diercksen zu der um einige Jahre jüngeren Anna Kemp.
„Domkinder?" fragte diese erstaunt.
„Ah sooo", meinte die Größere in überlegenem Ton, „das kannst du ja nicht wissen, du bist nicht von hier; du denkst gewiß an eine Kirche, ab-er damit haben die Domkinder nichts zu tun. Sie gehören den BudeNbesitzern und besuchen unsere Schule, weil das die nächste ist."
Die kleine Anna sah dem bevorstehenden Klaffcnzu- wachs mit großer Neugierde entgegen. Sie kannte Thoater- kinder nur von einer Vorstellung im Zirkus her; mit buntem Flitterstaat angetan; — und dachte es sich sehr interessant, mit solchen -einmal aus derselben Schul barck zu sitzen.
Der Montag kam und mit ihin -erschienen zwei Dom- kinder in der fünften Klasse der BoAsschulle. Sie waren sogleich von einer Menge Neugieriger umringt und mußten ein wahres Kreuzfeuer von Fragen Wer sich ergehen lassen.
Als die Glocke das Zeichen zum Beginn des Unterrichtes gab, atmeten sie -erleichtert ans, aber ach, gleich darauf begann das Examen von neuem.
„Wie heißt du?" fragte die Lehrerin, Fräulein Krug, das jüngere der beiden Mädchen.
Es gab sofort die gewünschte Auskunft, aber nicht so schnell ging es mit dem anderen, das -gerade neben Anna Kemp saß.
„Wie heißt du?" fragte Fräulein Krug wieder.
Keine Antwort erföchte.
Verlegen sah das Kind vor sich nieder.
„Sag's doch", rannte Anna ihm zu.
Da flüsterte die Kleine -etwas-, was niemand verstehen konnte.
„Schreib deinen Namen an die T-asel", forderte Fräulein Krug sie aus.
Zögernd erhob sie sich und bald darauf stand der Name »Efa Krasnh" in eckigen, ungeschickten Buchstaiben aus dem schwarzen H-olz. .
Einige Kinder, die von der BMbsche» Geschichte her wußterr, !daß man Ewa mit einem „v" schrieb, stießen sich -an und kicherten leise.
Die Lehrerin trat an die Tafel heran und verbesserte das „f". Da wurde die Kleine dreister.
„Ich werde aber -doch mit einem '„f" geschrieben — ganz gewiß", wagte sie jetzt zu entgegnen.
„Du mußt den Finger heben", flüsterte Anna Kemp ihr zu.
Fräulein Krug nbeihörte E-sas Einwurs und -fragte: „Wie alt bist du denn?"
„Zwölf Fahre."
„Da gehörst du ja «jar nicht nt unsre, sondern in die dritte Klasse", meinte die Lehrerin freundlich. Sie sah das Mädchen prüfend an. Es war ein zierlich gebautes Ding, mit dunklem, krausem Haar und großen blauen Augen, die jetzt traurig und flehend ans Fräulein Krug gerichtet waren.
„Es muß ein Irrtum des Herrn Hanptlchrers sein", fuhr Martha Krug fort, „ich werde mit ihm sprechen."
„Ach nein, höh-alten Sie mich, Fräulein", bat Ef-a, „ich kann ja noch gar nicht ordentlich lesen, weil ich so selten zur Schule gehe, im Wagen -hat niemand Zeit für mich, aber ich möchte es gerne lernen, und ich will auch ganz .fleißig sein."
Die anderen Kinder horchten ans. Also im „Wagen" wohnte die Kleine! — fuhr von Ort zu Ort in so einem grün angestrichenen Bretterhause, wie sie auf dem Heiligen- geififeld standen! Wie interessant mußte so ein Zigeunerleben sein!
„Was für eine Bude hat dein Vater denn?" erkundigte sich Fräulein Krug.
„Wir sind Panoptikum", erklärte Efa mit einem gewissen Stolz, „der „lebende Fiischmenisch" ist bei uns zu sehen, -d.as Wunderkind ohne Beine", ustd — und" — sie stockte — „und alle deutschen Kaiser — von Karl denr Großen an — bis dahin!"
Bei den letzten Worten machte sie eine Bewegung mit der Hand, als wollte sie ihren Oberkörper vonr Rumpf« trennen.
Fräulein Krug konnte sich eines leichten Lächelns nicht erwehren; dann lachte auch die ganze Klasse. Viele verstanden den, von Efa unfreiwillig gemachten Witz, die meisten lachten aber nur mit, weil die anderen lachten.
Da war es um Efas Fassung goschchen. Sie brach in Tränen ans. Fräulein Krug versuchte, sie zu trösten, und allmählich versiegten -auch ihre Tränen, während die Lehrerin eine heitere -Geschichte erzählte. Sodann begann der regelrechte Unterricht.
Am Schluß der Schulstunden behielt Fräulein Straft Efa zurück. Das Kind hatte durch sein -ganzes Verhalten ihr Interesse erweckt. Sie fragte nach Efas Famill-enver- hältnissen, und da die Kleine schon gleich in der ersten Stunde Vertrauen zu der Lehrerin gefaßt hatte, schüttet« sie ihr jetzt rückhaltlos ihr kleines Herz aus.
Esa erzählte, daß sie aus Polen stammte, eigentlich Josefa hieße, aber immer Efa -gerufen würde.
„Also daher !das „s", meinte Fräulein Krug lächelud, „hast Lu Senn wirklich so große Lust, lesen und schreiben zu -lernen?"
„Oh, schreckliche Lust! Ich möchte so gerne, aber —> -eigentlich darf ich es nicht sagen —, der Vater will nicht, daß ich zur Schule gehe."
„Warum denn nicht?"
„Ich — ich", stotterte Ef-a, „ich bin das Wunderkind ohne Beine wenn die Rosa von der Tieidude zu müde ist und ihr die Glieder schmerzen. Es tut nämlich sehr weh, wenn einem die Beine so fest Msammrageschnürt werden, so daß es aussieht, als hätte man keine, und wenn man stundenlang in dein engen Kasten steckt, der dicht unter der Decke schaukelt. In der übrigen Zeit muß ich bei dem
