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Nr. 575.

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Morgen - Ausgabe.

1. Mkait.

SoMlpgMische Umschau.

Anfang Dezember.

Alle öffentliche Aufmerksamkeit nahmen im letzten Monat die bedeutsamen Vorgänge unserer äußeren Politik für sich> inAnspruch, aus denen hier nur die trübe Aussicht auf eine abermalige. Erhöhung des Militür- etats erwähn: werden soll. Das Reich hat einen Fehl­betrag von öl) Millionen Mark, dabei sind die zur Schuldentilgung ausgesetzien Beträge noch zur Deckung der laufenden Ausgaben verwendet. Werden abermals neue militärische Forderungen gestellt, so müssen diese entweder durch neue Anleihen oder neue Steuern ge­deckt werden. Unser Kredit ist jedoch bereits derart angespannt, daß es dringend zu wünschen istz Anleihen nur für werbende Zwecke aufzunehmen. Also bleiben nur neue Steuern übrig. Es ist Wohl heute kaum noch daran zu zweifeln, daß eine abermaligeReichtz- finanzreform" unvermeidlich ist. Sie breitet ihre dunk­len Schatten bereits über den Wahlkampf aus, der schon überall entbrannt ist und jedenfalls mit großer Leidenschaftlichkeit geführt werden wird. Die große Frage ist: Wird die nächste Reichsfinanzreform aber- mals den Verbrauch der großen Masse belasten oder wird man den Bedarf auf die tragfähigsten Schultern, etwa als Reichsvermögenssteuer, legen? Die Einzel­staaten wehren sich heute noch mit aller Kraft gegen diesen Gedanken, aber die Tatsachen werden auch hier stärker als deren Wille sein: denn eine Finanzpolitik wie jene der letzten Fahre würde voraussichtlich auch von der breiten Masse des deutschen Bürgertums mit der allergrößten Entschiedenheit abgelehnt werden.

Es ist überhaupt von einer überwiegenden Mehr­heit des deutschen Volkes bitter empfinden worden, daß gegen die Lebensmittelteuerung von seiten der Neichsregierung so gut wie nichts getan - worden ist. Tie merkwürdige Maßregel gegen den Mißbrauch der Elnfuhrscheine erscheint wertlos. Die Einfuhrscheine sollen künftig nur noch für drei und nicht mehr für sechs Monate Gültigkeit haben, eine Bestimmung, die den Besitzern jedoch sehr gleichgültig sein kann: denn die gesamten Einfuhrscheine werden bereits wenige Wochen nach ihrer Aushändigung wieder umgesetzt und ganz vereinzelt vergehen darüber drei Monate. Wegen dieser Maßregel und infolge der weiteren Bestimmung, daß sie bei der Ernsuhr von Petroleum und Kaffes künftig keine Verwendung finden sollen, wird wohl kaum ein Doppelzentner Brotgeteride weniger an das Ausland verkauft werden. Dabei sinkt die Lebens­haltung der unteren Klassen mehr, als man im allge­meinen zugeben will. Nach einer Berechnung des Kaiserlichen Gesundheitsamtes ist der Fleischverbrauch auf den Kopf der Bevölkerung von 1909 auf 1910 ziemlich genau um ein Kilo gesunken. Seitdem sind

Feuilleton.

(Bsätiiut Bettoten,)

Die moderne Folterkammer.

Pariser Plauderei von Bertha Freifrau von Nauendorf.

Jeder, der nach Nürnberg geht, wird nicht versäumen, die Folterkammern in Augenschein zu nehmen, und em ge­linder Schauder wird ihm den Rücken herab rieseln beim Anblick der Daumschranben, der stachelbesetzten Wiege, der eisernen Jungfrau und all der anderen Marterwerkzeuge. Mit frohem Aufatmen wird der Beschauer konstatieren, daß wir doch in einem besseren, minder barbarischen Zeitalter leben. Und doch auch heute noch gibt es Folterkammern, nur mit dem Unterschiede, daß die Delinquenten freiwillig hineingehen und Marterqualen erdulden um ihrer Schönheit Willen.-

überhaupt ist der Unterschied zwischen der Folterkammer von damals und heute groß. Damals war es ein dumpfer Raum, in welchem es nach Moder und Blut roch, heute ist es ein eleganter Salon im Louis XIV.-Stil, und statt finster und grausam blickender Schergen kommt uns eine liebenswürdig lächelnde Frau entgegen, tadellos gekleidet, sylphidenhast schlank, sorgfältig sristert, mit ein paar bunten Steinen an den Händen, deren innere Flächen vielleicht ein Wenig hart sind !

Paris geht natürlich allen anderen Städten voran in der Eleganz und dem Raffinement der Folterkammern, und dort werden sie auch am meistm frequentiert nur von Damen natürlich!

Die Delinquentin wird sofort enikleidet, nachdem sie den vornehmen Raum betreten hat, und ein junges Mäd­chen, ebenfalls lächelnd und zuvorkommend, bringt das

Scnrrötag, G. Dezember 1911.

notwendige Lebensbedürfnisse noch erheblich teurer ge­worden, auch die Preise für Kleinwohnungen sind ge­stiegen. Man darf daher annehmen, daß der Fleisch- verb'rauch im laufenden Jahre noch mehr zurückging. Es ist eben nicht wahr, daß die Lebensmittelteuerung durch die gestiegenen Arbeitslöhne ausgeglichen wrrd. Bei einzelnen Beschästigungsgruppen mag das der Fall sein, bei der breiten Masse trifft es n i ch t zu. Sie leidet unter der Teuerung und zwar bis in die bürgerlichen Mittelstandsschichten hinein.

Zu diesem Unerfreulichen kommt auch noch, daß der Reichstag das Schiffahrtsabgabengesetz angenommen hat. Fast an dem gleichen Tage, als der Reichstag sich mit diesem starken Rückschritt belastete, lehnte er es ab, auf einem anderen Gebiets der inneren Politik fort­schrittlich zu handeln. Er verwarf die Lohnämter für Hausarbeiter und nahm dafür die zur Herbeiführung besserer Verhältnisse jener Arbeiter kaum genügenden Fachausschüsse an. Auch das vielumstrittene Arbeits- kammevgesetz ist gefallen.

Seit einigen Tagen sind in Berlin viel tausend Metallarbeiter ausgesperrt. Ter Grund ist ein ver­hältnismäßig geringer. Die Former und Gießer einer Anzahl Firmen verlangen eine Regelung ihrer Löhne. Ta es hierüber zum Streik kam und eine Beilegung desselben nicht zu erzielen war, erfolgte die Aus­sperrung. Im nächsten Frühjahr werden wir Wohl überhaupt mit großen und zahlreichen Lohnkämpfen zu rechnen haben: denn es ist ein ganz erklärliches Be­streben der Arbeiter, daß sie die Verteuerung der Lebensmittel aus dem Wege höherer Löhne wieder aus­zugleichen suchen, soweit das möglich ist. Jede Ver­teuerung der Nahrungsmittel muß heute zu Lohn­kämpfen führen, daher haben selbstverständlich auch die Arbeitgeber ein großes Interesse daran, daß die wich­tigsten Lebensbedürfnisse der breiten Masse nicht künst­lich erheblich verteuert werden. Tie Landwirtschaft selbst hat daran ein Interesse, denn nicht nur, daß auch sie höhere Löhne zahlen muß, sie wird auch um so mehr Arbeiter an andere Erwerbszweige abgeben, je teuerer die Nahrungsmittel werden: denn die Teuerung treibt die landwirtschaftlichen Arbeiter aus den Dörfern in die Städte, Fabriken und gewerblichen Bereiche, um sich dort ein höheres Einkommen zu sichern, da die Lebenshaltung selbst in landwirtschaftlichen Dörfern nicht viel wohlfeiler als in Ltädten und Fabrikgegen­den, der Lohn aber in den letzteren viel größer ist.

Unter diesen Verhältnissen ist natürlich an die sehr notwendige Kultivierung der deutschen Ödländer durch freie Arbeiter nicht in dem Umfange zu denken, wre das seit langen Jahren gewünscht wird: es fehlt an Arbeitern zu diesem Zweck und sie sind auch zu teuer. Man verwendet daher Gefangene, wogegen auch nichts Wesentliches zu erinnern ist- da diese Beschäftigung immer den Vorzug vor Arbeiten verdient, die mit dem Handwerk in einen fühlbaren Wettbewerb treten. Kürzlich ist auch in der Rheinprovinz die Urbarmachung von 43 600 Hektar Ödland durch Gefangene^ -der Pro- vinzial-Arbeitsanstalt Brauweiler in Angriff genom-

Marterwerkzeug: ein unendlich langes Korsett. Gleich der eisernen Jungfrau der früheren Jahrhunderte, wird es den Leib des Opfers umklammern; nicht tödlich ist die Um­armung, aber schädlich, schädigend oft für ein ganzes Menschenleben.

Die Patronne hebt das Ungetüm aus rosa Brokat hoch, an dem sechs Strumpfbänder baumeln^ und läßt es vor den Augen des Opfers Revue passieren. Die Unglückliche wagt leise einen Einwurf:Es ist doch ein wenig lang."Lang, Madame? Das ist nicht lang, wirklich nicht. Tie Gräfin D'Autremont und die Marquise de Aambesi haben viel längere bekommen. Die Damen sind allerdings bedeutend stärker wie Sie, Madame."

Ah, das Opfer ist überzeugt. Stärker sind die beiden, stärker wie sie! Und die Patronne fügt hinzu:Madame ist überhaupt nicht stark zu nennen."

Oh, doch", wehrt sich Madame bescheiden,trotz Hungerns, Turnens, trotz aller Vorsicht, habe ich ein Wenig Leib, und auch meine Hüften dürften schlanker sein."

Unis oslkt u'sst risn. Das ist gar nichts. Madame", versichert die Patronne liebenswürdig und eifrig,wirklich gar nichts. Das bringen wir alles durch das Korsett fort."

Während der Zeit streicht das junge Mädchen mit nicht ganz sauberen Fingern über die sanfte Rundung der Hüften und versichert nun auch ihrerseits eifrig:Ihre

Hüften sind allerdings etwas stark, nach hinten zu, aber das bat nichts zu sagen, die schieben wir nach vorne, die lassen sich leicht versetzen. Unser Korsett korrigiert das alles."

Die Augen der Patronne ruhen sekundenlang wohlge­fällig ans der jungen Verkäuferin, die in kurzer Zeit gelernt hat. die Herrin in Sprache, Bewegungen und Redewen­dungen genau nachzuahmen und ihr so geschickt sekundiert. Mit ihrem gewinnendsten Lächeln nimmt sie wieder das Wort.Madame, Sie werden sehen, wie wohl Sie sich in unserem Korsett fühlen werden, viel wohler, wie ohne und

5». Jahrgang.

men, in Schleswig-Holstein ist man daran, das Haß- moor in fruchtbares Ackerland oder in gute Viehweide umzuwandeln. Wenn es möglich ist, sollen auch Ren­tengüter geschaffen und Kleinbauern angesiedelt werden.

In England haben sich sozialpolitische Kreise in den letzten Wochen vielfach mit dem Skandal einer er­barmungslosen Kinderausbeutung in den Bergwerken mancher Bezirke beschäftigt. Cs besteht dort die Ein­richtung, daß der Bergmann sich einenTreiber" nimmt, der die gehauenen Kohlen auf kleinen Wagen durch die Nebenwege nach dem Hauptwege befördert. TiefeTreiber" sind fast ausschließlich Knaben. Je kleiner sie sind, um so lieber ist es dem Bergmann, da sie sich um so besser in den engen Gängen bewegen kön- neu. Diese aus Kinderheimen oder Waisenhäusern stammenden Knaben verdienen in den Gruben wöchent­lich 1015 Schilling, die in die Tasche des Bergmanns fließen, der lediglich das Kind bekleidet und beköstigt. Der Junge bekommt von ihm höchstens in der Woche 11% Schilling. Manche Bergleute halten. sich mehrere derartige Knaben und verdienen an ihnen, viel Geld. Manche Bergleute sollen diesen Kindern gegenüber die reine Sklavenhalter sein. Erstaun­lich ist dabei, daß sich, wie das ihnen zum Vorwurf ge­macht wird, die Kinderheime und Waisenhäuser fast gar nicht um ihre Schutzbefohlenen kümmern. In Deutschland haben in letzter Zeit unglaubliche Ent­hüllungen über einen weitverzweigten und völlig ge­schäftsmäßig betriebenen Handel mitAdoptivkindern" Aussehen erregt. Man kann es als festgestellt ansehen, daß es manchen Adoptiveltern lediglich auf das Er- zichungs- oder Abfindungsgeld ankommt und das Kind nur als unangenehme- Beigabe betrachtet wird. Über das traurige Schicksal solcher Kinder braucht man nicht im Zweifel zu sein. Natürlich ist zu verlangen, daß die Behörden auf das nachdrücklichste einschreiten und daß ausreichende gesetzliche Bestimmungen ge­schaffen werden, um dieses Einschreiten zu ermöglichen.

DeRtsches Reich.

* Hoff und Personal-Nachrichten. Der Kaiser ist am Donnersiagvormittag nach Bahnhof Wildpark abgefahren. Der Herzog und die Herzogin Ernst Günther von SchleSwig-Hol- stein geleiteten den Kaiser zum Bahnhof. Vereine und Schulen bildeten vom Schloß bis zum Bahnhof Spalier.

* Geistige und körperliche Arbeit. In derWelt des Kaufmanns" schreibt Dr. Ed. PÄatzhoff: Lejemre Wer geistige und körperliche Arbeit: Die Einschätzung der Arbeit im Laus der Zeiten war keine höhe. Die Bibel schätzt sie wähl mit der Legende von der Vertreibung aus dem Para­diese am niedrigsten ein. Arbeit ist Folge der Sünde. Der süNdlofe Mensch im Paradiese braucht nicht zu arbeiten und das Nichtstun ist ein Jdealzustand. Arbeit ist Strafe für ein Vergehen, ist eine Last. Der MeUsch, der seiy Brot verdienen mutz, leidet unter dem Fluche einer von ihm oder seinen Vorfahren begangenen Tat. Welch großer Fort­schritt, daß wir heute in diesem Fluche einen Segen er­kennen und Menschen bedauern, -die ihr Brot nicht ver­dienen müssen. . . . Die Annäherung zwischen geistiger

viel wohler wie in diesem da." Ein verächtlicher Blick streift das Korsett, welches Madame abgelegt hat.Unser Korsett hat nichts, was Sie verletzen oder auch nur stören könnte. Kein Druck, keine Unbequemlichkeit. Es ist sozu­sagen ein hygienisches Korsett, und dabei werden Sie schlank darin sein wie ein junges Mädchen und um 10 Fahre jünger au-ssehen."

Das Opfer im Hemd ist vollkommen besiegt und über­zeugt, ja, es brennt jetzt darauf, sich den Panzer umlegen zu dürfen. Aber als die kühle Seide, die in steife Formen gezwungen ist, durch das dünne Batisthemd die Haut be­rührt, da läuft Madame doch ein kleiner kalter Schauer den Rücken hinunter, so mutig sie auch ist, so viel sie auch bereit ist, ihrer Schönheit zu opfern und die fliehende Jugend noch für kurze Zeit zurückzuhalten. Das Korsett ist doch schr lang! Aber sie sagt nichts mehr. Die Gräfin D'Autremont und die Marquise de Zanibesi haben ja viel längere.

Sie betrachtet sich wohlgefällig im Spiegel. Nein, es ist wirklich nicht so lang, gar nicht, man muß sich mrr daran gewöhnen.

Während Madame von Schönheit, Schlankheit und Jugend träumt, schnürt die Patronne mit eiserner Hand darum also die harten Stellen an den inneren Flächen die seidenen Schnüre hinten zu. Einen Augenblick hält fiel inne. Das Fräulein zieht mit aller Macht an den Strümpfen^ zieht mit äußerster Kraftaustrengnng an den Strumpf­bändern und befestigt sie dann aneinander. Sechs an der Zahl, drei auf jeder Seite! Madame versucht noch einen leisen Protest.Sechs sind doch eigentlich ein bißchen viel. Zwei aus jeder Sette müßten doch reichen-?" 1

Der so gefesselte Körper sieht unendlich komisch ans; wie ein Luftballon der Leib, den die Strumpfbänder, dicken Tauen ähnlich, mit den Beinen verbinden.

Aber gewiß, Madame, sind sechs Strumpfbänder nötig, wir nehmen für gewöhnlich acht Stück; bei Ihnen reichen