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§it. 573.
Freitag, 8. Dezember LSI!»
SN. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
Ciii bono?
Trotz des MaroNoaWommens und der Jüipm Friedens- versich-erungsreden im englischen und deutschen Parlament ist die pMtische Luft dermaßen mit Elektrizität gefüllt, daß man sich nicht wundern könnte, wenn auch jetzt noch das heftigste, MNtz ^ Europa erschütternde Gewitter lleSbräche. Zumal die Spannung zwischen Deutschland und England, feit langem vorhanden, unablässig gesteigert, trotz allen oft so kindlichen Bemühungen, sie Zu lösen, ist noch keineswegs behoben.
Ich hatte dieser Tage Gelegenheit, mich über das Verhältnis der beiden Vettern Michel und John Bull mit einem Herrn ausgiebig zu unterhalten, der seit 40 Jahren in England ansäjssiig ist und Hier derzeit zur Kur weilt. Dieser Herr, dessen allerorts bekannten Namen. ich. hier nicht nennen will, -genießt das höchste Ansehen in seinem Wohnort London. Seine geschäftlichen Veziehu-nH-en umspannen fast die ganze Welt; mit fast allen kommerziell oder politisch bedeutsamen und maßgebenden PersönlichckeitM hüben wie drüben ist er bekannt oder befreundet, und die Friedeus- taubeu, die von uns ans über den Kanal flatterten, war«« Gäste in feiner Villa. Dieser um eine vernunftgemäße Verständigungspolitik sehr verdiente Herr, der seit Jahren auch in den angesehensten englischen und deutschen Revuen manches kluge Wort über das Verhältnis der feiEchen Vettern schrieb, ist wett- und voWkundig -genug, ein maßgebendes Urteil über die schwebenden Dinge zu sällem Gs dürfte gerade jetzt von allgeureinstem Interesse sein, seine Ansichten zu vernehme^ wem sie auch nur das Aar zu- sammenfasscn, was der' Fachpslitiker längst weiß.
Zunächst verkennt der Deutsche, s». etwa äußerte sich mein Gewährsmann, leicht den Standpunkt, den der Engländer einzuneh'men gezwungen ist. Der Engländer — sagen wir: dies Kompositum aus Welthandel, Industrie und Kolonie — m u ß aus SelbsterlMtungstrieb strikte darauf bestehen, daß seine Seemacht die allein wettbeherrschende und selbst zwei oder drei starken Feinden überlegene bleibt. Darauf.beruht sein ganzes Prestige in der Welt, an d-em N'vcht>s -aDgebvöckE Lverden bdif? ^ichon tu Ans'e'hmr,g der vielen Völker, die unter seinem Szepter stehen. .. Eifersüchtig wacht er darüber, und es ist ganz s-elbstverständli-cp, daß er scheele Blick« auf jede Ratio« wrrst, die kolonialen Besitz erstrebt, die ihre Flotte in einem ihm unbequemen Maßstab ausibant und die gar für ihre Marine feste Stützpunkte durch Erwerb «igerrer Ko-Hlenstatiouen sucht. Jede ausländische Kohlenstation einer fremden Macht ist dem Engländer naturgemäß unbequemer als ein halbes Dutzend Dreadnoughts, denen das Kohlenjfassen in fremden Gewässern Schwierigkeiten macht.
Nun gibt es aber in Europa kein L-anch das dem Briten im Wettbewerb auf den Gebieten der Industrie, oes
Welthandels niid der FlotteuverM-ehrung- so nahe käme, als das heeresmächtigfle Deutschland, dessen Konkurrenz er am meisten fürchten mutz und wirklich fürchtet, wie er oft genug deutlich bekundete. Was Wunder, wenn er, der uns durch den „King Edward" schon vergeblich einzukreisen und zu isolieren strebte, in jedem deutschen Handlungsr-eiseüd-en wie in jedem deutschen Scema-nn heimlich einen Feind steht, und wenn er dem friedlich die Welt erobernden „German" nicht grün ist, der ihn auch -zwingt, immer neue Flottenrüstungen vorzunchmen und dessentwegen er eben wieder acht neue Dreadnoughts und vierzehn Panzerkreuzer bauen möchte. Der Engländer als solcher ist viel zu sehr ^Gentleman" und viel zu fiel!; darauf, es zu sein, als daß er dem Deutschen diese Abneigung offen derb zeigte. Die Schreier und Hetzer in England sind, meistens wenigstens, nur mindere Elemente. Und dann auch macht die breite Masse der Arbeiterschaft aus ihrem Deutschenhaß kein Hehl, klein Wunder, denn durch die unterbietende Konkurrenz der eingewanderte-n, zahllosen und meist rührigen Deutschen ist der Wochenlohn schon um etwa IO Schillinge herabgedrückt worden. Eine Wassenversammlnng von englischen Kellnern hat eben erst wieder Stellung gegen die deutschen Kellner genommen, die nach England kommen, lediglich in der Absicht, -Englisch z-U lernen, und sich zum billigsten Lohn verdingen, um daUn.spater, wen» sie -der Sprache mächtig, in den großen Hotels des Festlandes desto besseren Lohn zu finden, Uno die Korckurreniz der deutschen HandlnnAAgehilf-en macht sich nicht weniger geltend. Dies alles aber käme noch nicht sehr in Betracht und würde nicht zu einem Krieg, Höchstens zu Wwehrmaß- regeln führen können. Das allein Ausschlaggebende bleibt der Kampf um die Weltmacht zur See und die Weltmacht überhaupt. Schon stellt sich der. Deutsche hin und ruft stolz hinaus — vor allen tut cs der Kaiser —, daß keine Entscheidung mehr in der Welt fallen dürfe, in der Deutschland nicht mitzu-roden hätte. Solches schmerzt die anderen und- erregt ihre Eifersucht. -England denkt ganz genau dasselbe und mit vielleicht noch größerem Recht von sich, aber es posaunt es nicht unWug und prahlerisch in die Welt, es handelt nur demgemäß, zähe und z i-elsicher. Und da darf n:-a-n sich L-e-nn -auch nicht wundern, wenn es seine Ras-e beflissen in die Mavok-kosache h-iucinsteckte, an der cs doch ein wesentliches Interesse hat, gleichviel, ob es schon lange vorher durch Ägypten abgrsnnidrn wurde und zufrieden sein sollte. Deutschland wird bei seiner notwe-u- digen Expansionspolitik England ans Schritt und Tritt begegnvn, und cs kann gar nicht wunder-nehmen, wenn es ihm bei einer tatsächlchen Werbung um Fernando Po einerr Stein in den Weg zu werfen strebte. Man darf eben nicht vergessen, daß jede deutsche KWenstjation, etwas wie einen Nagel am Sarge Englands bedeutet.
Die Enthüllungen des Kapitäns Fab er, .mit dem mein Gewährsmann gut bekannt und der im gewöhnlichen Leben Teilhaber einer großen Bierbrauerei ist, boten ihm keine MerraschUng. In eingeweihtey Kreisen habe man längst gewußt, daß das Verhältnis Frankreichs und Englands Weit über eine „Entente cordiale" hrnaus-
ging und einen viel stärkeren Untergrund habe. Eigcntl.ch sei es seltsam, daß diese Indiskretionen vor sich gegangen, denn im allgemeinen handle der Engländer, aber er gackere Nicht. Die Deutschen hingegen gackert e« gar zu viel. Wir gackerten nicht nur, wenn wir ein Ei gelegt hätten, sondern vielleicht noch lauter, wenn wir eins legen wollten. Unser lautes Gegacker aber mache die Welt nervös und sei auch mitschuldig am dem gespannten Verhältnis zu England.
Oster hat sich mir .gegenüber schon in ähnlichem Simms der bekannte, deutschfreundliche, -englische Jonrnalist Sydney Wh i t nt a n ausg-elassem Im besonderen hielt dieser die Reden des Kaisers durchaus nicht immer für geeignet, die äußer-deutsche Mitwelt friedlich und freundlich gegen uns zu stimmen. In dieser Richtung enthielt sich mein Gewährsmann ans bestimmten Gründen achselznckend eines Urteils, aber sein Zorn Wer das Gackern — er gebrauchte diesen tr-efseNden Ausdruck mit einem förmlichen Ingrimm — war nicht gering und sehr wohl begründet. Dem Wirken des „Verständigung skomitee s" flaNd er einigermaßen skeptisch gegenWer, obgleich er die aufrüttelnde Agitation der Fri-edeusges-eUchast durchaus billigt und für nützlich hält. Verständigung könne es nur dann geben, wenn die gemeinsamen Interessen stärker seien als die Sondert nt er essen, dann aber seien Komitees nicht sonderlich van Nöten. Von der Pastoren- gesandtschaft und allen gegenseitigen schönen Antoastereien hält er als ein real denkender Marm natürlich gar nichts. Damit würde kein Hund hinter dem Ofen vorgelockt, keine vernünftige Politik genracht u-Nd am allerwenigsten eins politische Notwendigkeit ansg-ehalten. Wer die Psyche der Völker kennt, widd ihnr unbedingt recht geben müssen; aber immerhin, es ist eine ganz kurzweilige, internationale Spielerei und ein netter Sport, der Austausch freundschaftlicher Versicherungen beim sunkelniden Glase.
Eine direkte Kriegsgefahr erblickt mein Gewährsmann weit mehr als in den Gegensätzen uNd Eifersüchteleien in der schwankenden, auf impulsive Anstöße von höchster Stelle- gehorsam reagierenden Politik Deutschlands. Sollte die gefährliche Spannung Nicht gelöst werden, sollte der Krieg urtvermeid- lich sein, dann dürfte Deutschland sich über unliebsame Überraschungen seitens Englands nicht wuNdern. Albion sei seit den Taigen des seligen Pitt um nichts rücksichtsvoller geworden. Solche Überraschungen habe England -Europa schon bereitet, als es 1867 im FriedensznstaNd dem Dänen einfach seine Flotte vor der Rase wegnahin. UNd der ungerechte, vom Zaun gebroch-ene Burenkrieg spräche auch seine Sprache. Zu vergessen Wäre auch Nichih wie John Bull sein isah-res Gesicht vor 5 oder 6 Jahren durch das Admiralitätslmitglied L eed enthüllte,^ welcher hochgestellte Seemann in einer Rede behauptete, die englische Flotte könne die deutsche in einer Nacht ohne vorhergehende Kriegserklärung glatt Vernich 1 en. Wenn diese bezeichnende Äußerung auch -als entstellt schleunigst dementiert wurde, gefallen sei sie dennoch. Übrigens habe ja auch Italien eben gezeigt.
LmMetE
tNachdrurk »crBotea.)
Verirrt.
Bulgarische Weihnachtsnovelle von Ivan Bazow.
Autorisierte Übertragung von H. Hesse.
Wie schön ist das Perimgebirge mit ton majestätischen lipfeln, die im ewigen Schnee schimur-ern, mit den gruuen- en Tälern und den- dunklen Tannenwäldern' ^
Im Sommer ziehen braune Schafherden uoer^ die «Nd- >se» Weiden. Pferde mit glänzendem Klerde streifen wrld mher und wiehern, kräftige Kühe brüllen, und in der» alern und Wäldern erschallt der lustige Kawal, der Duocr-
rck der Schäfer. .
Kühle, kristallklare Bäche springen nmrn-elnd über steile -elfen und schlängeln sich dann durch duftende Täler — mit rtfem, ganz leisem Plätschern, als rannten sie ein hcim-
.ches Lied. . . r . = _ . ..
Steigt man die schneeigen Gipfel hinaus, bis sie in d-e Lolkc» ragen, so gewahrt ni-au in der Fern-e andere Berge nd andere Täler' und im Süden die Höhen der kleinen mlbinsel Sneta-Gara, und dahinter leuchten die blauen Logen des Ägäi-schen Meeres. , , ...
Ach wie schön sind unsere Berge m -dieser Jahreszett! )och im Winter — da toben surchtbare Schneestürme dahin nd erMen das in hohem Schnee vergrabene- Land mit nheimliche-m Brausen, das klingt wie ein TrftrmpWed öser Dämonen. Bauden ausgehungerter Wölf« durch- reifen^die weißen Schnecsclder, und- ihre Augen, leuchten in Dunkeln. Wehe dem Wanderer, der sich dann in diesen rinöden verirrt! ^
In einer solchen Sturmnacht ist die Familie des Groß- .aters Lasko in großer Sorge. .
Klime. Laskos Sohn, hat am Morgen das kleine Berg- drjchen verlassen, um in geschäftlichen Angelegenheiten nach
Malnik zu wandern. Er soll Kleider für die Mutter, für seine junge Frau und Gatscho, ihren zweijährigen Buben, Mitbringen. Er hätte sckon vor Abend zurück sein inüffru, doch jetzt ist es schon Nacht, n::d er kommt noch immer nicht.
Draußen braust der Sturm — wütend, drohend. Er stürzt sich aus das Fenster, rüttelt an der Tür und hebt das Stroh des Daches — wie ein Räuber, der in ein Haus ein- dringen will. ^ ^,
Ihre Herzen sind bedrückt, und alle zittern. vor Furazt und Unruhe. Bei jedem Ächzen der Tür fährt Klimes Frau zusammen und nlemt, endlich sei er da. Doch nein, er kommt nicht. Noch immer heult der Sturm! Und wie dunkel es ist, mein Gott!
Der Knabe hat sich an den Kamin geslüchtet, wo das Wcthnachtsmahl in den Töpfen brodelt. Er ist sehr bange und bricht bin und wieder in Weinen ans.
„Sei still, mein Junge", sagt die Mutter, um ihn zu beruhigen. „Gleich kommt der Vater wieder und bringt dir schöne, rote Schühchen mit." Die Stimme der Mutter tröstet den Knaben — er wendet die Äuglein zu ihr, in -denen noch Tränen schimm-ern, und wird plötzlich ganz TUUtttCT
„Papa kommt? Rote Schühchen bringt er mir mit?"
„O, so schöne rote Schühchen, mein Junge.«
Ach da freue ich mich!- Horch, da ist Papa!"
Doch es ist nur der Wind, d-er an der Tür rüttelt.
Von der Last der Jahre gebückt, heute jedoch noch mehr gebeugt von der Angst, verharrt der -alte Lasko rn Schweig-en Was mag wohl aus fernem Sohns werden? Wie sollte 'man sich dieses Ausbleiben erklären?
Das Gebirge steckt voll wilder Tiere, und -die Nacht ist
sy fitnfter und der Sturm tobt so heftig. Haben die
Wölfe nicht im vergangenen Winter Gorans Knecht nur wenige Schritte vor -dem Dorfe zerrissen, und wurden nicht drei'Männer lebendig im Schwee begraben . . . .? Buch jetzt streiken ausgehungerte Wölfe in -der Umgegend uuiher. Die verfluchte» Bestien! Doch der Greis verhehlt seine Be
fürchtungen und wagt nicht, laut auszuseufzen, um die junge Frau und den Buben nicht noch mehr zu än-gsiigen.
„Warum weint ihr denn?" fragt er sie sogar mit sicherer Stimme. Und doch ist es ihm, als bedrücke ein Stein ihm die Brust. Auch -er hält die Tränen nur mühsam zurück.
Plötzlich fahren alle zusammen .... die Tür -geht aus
.die Großmutter Lasko-witz-a tritt ein. Sie kommt
-ans der Kirche, ivo sie vor der Statue der heiligen Mina eine Kerze geopfert hat, damit sie Klime beschütze.
' „Er ist noch nicht heimg-ekehrt?« fragt sie besorgt, indem sie das Zimmer mit dem Blick durchforscht.
Ohne zu antworten, bricht ihre Schwiegertochter in Tränen aus.
„Guter Gott, wo bleibt denn mein Sohn!" spricht die alte Fmu weinend, und wendet sich zu dem Heiligenbilde, vor dem eine geweihte Kerze brennt. Und sie schlägt das Zeichen des Kreuzes.
Noch immer brodeln die Töpfe mit dem Weihnachts- mahl lustig über dem Feuer, doch hat man sie längst vergessen.
Nun ist es schon fast Mitternacht. Das Feuer beginnt zu erlöschen, und die Töpfe summen immer leiser. Doch » wie könnte man an Schlafen denken!
Das Hoftor sieht immer offen. Es geht anss Feld- hin. ans, denn das Haus liegt ganz am Rande des Dorfes.
Draußen heult der Orkan wie eine Meute Wölfe. Tie armen Menschen beben vor Angst und Kälte. Gott, welch eine Wcihnachtsnacht!
Sr
Klime hat sich verirrt. Der Wind hat alles mit-Schnee verweht: Täler, Hügel, Wege und Felder. Als er^am Morgen sein Heimatsdörfche-n verließ, war es schönes Wetter, doch jetzt .... Stu-ndenlang irrt er bereits in den Bergen umher und weiß nicht mehr, wo er sich befindet, wohin er geht ..... Er weiß nur noch das eine, daß er weit, weit weg von sem-sm Dorfe ist hier in diesen sre-Mden, öden Bergen, in denen wilde Tiere lauern .... nnd der Tod. Das Schimmern des Schnees erhellt die Nacht, doch nichts in der weiten Runde tveckt die Erinnerung an
