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L. Matt.
Mittwochs 8. Dezember 11*11.
59. Jahrgang,
SoMldenmkrlttiL und NalerLand.
Je näher der Wahltag heranrückt und je mehr es daher der Sozialdemokratie darauf ankommt, auch Stimnven aus solchen Bevölkerungskreisen zu erhalten, die ihr nicht ohne weiteres zugetan sind, um so lebendiger wird in ihr das Bestreben, die böse Vorstellung von der „Vaterlandslosigkeit" der Sozialdemokratie zu verflüchtigen und ans deni Empfinden^Ler Bevölkerung herauszunehmen. Ter Revisionist Schröder bringt zu diesem Behuf in den „Sozialistischen Monatsheften" einen ganz geschickt gemachten Artikel, überschrieben „Sozialdemokratie und Vaterland", in dem er zunächst geschichtlich darstellt, wie die „Legende vom inneren Feind" aufkam, und dann eine Betrachtung darüber anstellt, ob die Partei unter der mannigfachen Drangsal, der sie ausgesetzt war, wirklich „auch im bürgerlichen Sinn vaterlandslos geworden" sei. Dies ward unter Hinweis auf die Zustimmung Bebels für weniger sichtbare Uniformstücke (anläßlich der Erfindüng des rauchlosen Pulvers) und auf Bebels bekanntes Wort von der Flinte, die er im Falle des Angriffs aus das Vaterland selbst noch auf den Buckel nehmen wolle, bestritten. Schröder meint, die sozialdemokratische Vaterlandsliebe habe es mit sich gebracht, daß die Sozialdemokratie während d!er Kriegshetze dieses Jahres und später bei den parlamentarischen Verhandlungen eine Haltung eingenommen habe, für die eine der Partei feindliche Regierung sich dieser selben Partei im Grund ihres Herzens zu Dank verpflichtet fühle. „Offen billigten die Redner der Partei in der Marokko- Frage das Vorgehen der Negierung, da es ihrer Anschauung nach im Interesse des Vaterlandes lag: und es ist weiterhin ein offenes Geheimnis, daß die Sozialdemokratie während des letzten Sommers durchweg die auswärtige Politik der Negierung ebenso verständig fand wie die Regierung andererseits froh sein durste, daß eine einflußreiche Sozialdemokratie den alldeutschen Tolpatschigkeiten energisch und erfolgreich auf die Finger klopfen konnte. Die Sozialdemokratie kann in Friedenszeiten die herbste Kritik an den Lenkern des eigenen Staatswesens üben: Wenn es ernst wird, wenn es einmal dazu kommt, daß Nation gegen Nation steht, dann sind auch die sozialdemokratischen Arbeiter nur Teile des Volksganzen, dann kennt auch die sozialdemokratische Partei kein anderes Interesse als das des eigenen Volkes."
Diese Darlegungen klingen ja sehr gut und direkt patriotisch-bürgerlich: sie sind in ihren Schlußsätzen
nichts anderes als eine Umschreibung des bekannten englischen Wortes: Recht oder unrecht, es ist mein Vaterland! Aber Herr Schröder wird nicht behaupten können, daß die Sozialdemokratie sich stets in so klarer Weise zur Wahrnehmung der vaterländischen Interessen bekannt habe, wie er dies hier darstellt. Gerade die Geschichte der sozialdemokratischen Marokko- Politik in diesem Sommer zeigt doch, wie gering, noch in der Sozialdemokratie das Bedürfnis ist, eigene vaterländische Verantwortlichkeiten mit zu übernehmen. Wenn die Leitung der Sozialdemokratie wirklich die auswärtige Politik der Regierung so „verständig" gefunden hat, wie es hier behauptet wird, dann waren die großen Dsmonstrahionsversammlungen doch recht verfehlt, die zwar für den Frieden plädierten, aber doch gerade dadurch der „verständigen" Regierung viel Unbequemlichkeiten bereiteten und die auch sonst in ihrem ganzen Stil nicht nur gegen die alldeutschen Kriegshetzer, sondern teilweise auch gegen die Regierung gerichtet waren. Kein Mensch hat damals wenigstens angenommen, daß diese Versammlungen die Position der Regierung unterstützen sollten, und wir hätten auch niemand geraten, damals einen solchen Gedankengang laut zu äußern: er wäre von der sozialdemokratischen Presse schön gestäubt worden! Die Entwickelung der Marokko-Angelegenheit bezeugt also nicht einen lebendiger gewordenen vaterländischen Sinn bei der Sozialdemokratie, sondern nur die Tatsache, daß, wie Schippe! einmal sehr richtig gesagt hat, die Sozialdemokratie in jener Frage zunächst wieder einmal „auf das falsche Pferd gesetzt" hatte. Und man muß auch daran denken, daß in den Sommer- und Herbst- monaten von nicht einflußlosen Politikern der Sozialdemokratie die Frage des politischeir Massenstreiks beim Ausbruch eines Krieges sehr lebhaft ventiliert wurde. Diese Frage spielte äuch in den Jenaer Parteitag mit hinein, wo sie allerdings durch die Energie Bebels rasch beseitigt wurde, der die große Gefahr des spielens mit der Idee der politischen Tienstverweigc- rung klar erkannte.
Schröder sucht ferner auch die Haltung der Partei zur Monarchie in einem harmloseren Lichte erscheinen zu lassen, als die sozialdemokratische. Agitation und Doktrin dies bisher gelten ließ. Er erinnert daran, daß sozialdemokratische Volksvertreter bereits hier und da einer monarchischen Regierung das Budget bewilligt haben, und er sieht die Notwendigkeit voraus, daß auch Parteitagsbeschlüsse nach dieser Richtung hin außer Kraft gesetzt werden. Man wird aber auf der anderen Seite nicht vergessen, daß hinsichtlich der Budgetsrage in der Sozialdemokratie die lebhaftesten Kämpfe stattgesunden haben, bei denen die Feinde der Budgetbewilligung ziffernmäßig noch immer das Übergewicht hatten. Man kann Wohl anerkennen, daß die
Sozialdemokratie in allen den erwähnten Fragen — 1 Stellung _ zum Vaterland, zur Monarchie, zum Etatsrecht — sich in einer Zeit der Gärung befindet, aus der vielleicht noch einmal ein leidlicher Most sich ergibt. Vorläufig aber ist mit der Sozialdemokratie als Gesamtheit in diesen Fragen nicht zu rechnen.
UoMschs Uderstcht.
Artikel KV der Uckchsverfa
Ter Artikel 29 der deutschen Reichsverfassung lautet: „Die Mitglieder des Reichstags sind Vertreter des gesamten Volkes und an Aufträge und Instruktionen nicht gebunden." Ter Reichstagskandidat für Elberfeld-Barmen, I)r. Hintzmcmn, hat unter Berufung auf diesen Paragraphen die Beantwortung von Anfragen der Jmpfgegner und des Bundes der Fest, besoldeten abgelehnt. Er hat, wenn die Zeitungsberichte zutreffen, erwidert, daß er derfassungsgemäß in den Reichstag einzutreten wünsche, völlig frei, einem Gesetze zuzustimmen oder seine Stimme dagegen abzu- geben. Das ist eine allzu scharfe Auslegung des Artikels 29 der Reichsverfassung, und wenn sie richtig wäre, so würden alle Abgeordneten verfassungswidrig gehandelt haben, die über ihre Abstimmung bei.irgend- einem Gesetze vorher den Wählern eine feste Erklärung abgegeben hatten. In dieser Lage dürften sich mit Ausnahme einiger Vertreter rein ländlich-patriarchaü- scher Wahlkreise wohl so ziemlich alle Abgeordneten befinden. Ter Artikel 29 der Reichsverfassung bedeutel, daß Aufträge und Instruktionen den Gewählten nicht binden. Von Erklärungen und Versprechungen des Abgeordneten selbst sagt der Paragraph nichts. Solche Versprechungen binden den Abgeordneten ebenfalls nicht, näinlich in rechtlicher Hinsicht. Erklärt ein Abgeordneter den Wählern, er werde für ein bestimmtes Gesetz stimmen, und stimmt er nachher entgegen seinen! Versprechen gegen das Gesetz ober umgekehrt, so kann ihm nichts weiter widerfahren, als daß Möglicherweise die Wähler das nächste Mal ablehnen, ihn wiederzuwählen, weil sie ihn als unzuverlässig erkannt haben. Jedenfalls sind solche Erklärungen statthast, wenn sie auch keine rechtliche Bedeutung besitzen, und die Verfassung will Anfragen und Antworten oder Wünsche und Zusagen zwischen Wählern und Abgeordneten nicht verhindern.
Ans dem Wahlkreise Alrerm Iserlohn.
Noch ein Wahlkreis, in dem das Zentrum seine Stimme einer sechsmal kleineren Gruppe zuführen will, um einen Liberalen aus der Stichwahl zu drängen, ist der Kreis Altena-Jserlohn-Lüdenscheid. Ein Zentrumsmann käme nicht durch, deshalb soll eine
Fe uilleto n.
Vorspuk.
Von Hermann Löns.*)
Die Brennhexe lag im Moore und schlief. Da kam der Südostwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalm in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.
Sie gähnte herzhaft, reckte sich, sprang ans, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte sich die Schürze glatt, bückte sich über eine Torfkuhle, um zu sehen, ob ihr Haar noch in Ordnung sei und ob die Haube nicht schief sitze, stemmte die Hände aus die strammen Lenden, wiegte den Kops hin und her, lächelte, summte eine frische Weise vor sich hin und tanzte los.
Schön war das anznsehen, wie sie sich herumdrehte, daß der feuerrote Rock, die knallgelbe Schürze und die schwarzen Bindebänder an der goldenen Haube nur so flogen; so schön war das anzusehen, daß dem dürren Moose, dem mürben Wollgrase und dem trockenen Heidekraute ganz sonderbar zu Mute wurde, denn sie bekamen allerlei Hübsches zu sehen: die Schlersenschuhe mit den roten Absätzen, die weißen Strümpfe mit den grünen Zwickeln, die blauen Strumpfbänder und was es sonst noch gab. Darum verliebte iich alles, über dem der rote Rock und das weiße Hemd sich drehte, so sehr in sie, daß es auf einmal lichterloh brannte, sogar der stumpfsinnige Tors; aber als.er mit heipen Händen nach den strammen Waden packte, juchte dre Brennhexe auf und sprang ein Ende weiter.
So ging es eine ganze Weile. Sie tanzte hier, sie tanzte da; »her sobald die Flammen sie in die Beine kneifen wollten, wipps war sie schon anderswo und drehte sich dort umher, und ging es da ebenso, Wupps war sie wieder fort,* und die Flammen machten lange Hälse hinter ihr her.
*) Im' Verlage von Eugen Diedevichs in Jena erschien soeben der-n inte Roman /von Hermann Löns., „Das streite Gesicht" wir bringen daraus das Anfangskapitel dreier m der Lünebümcr Haide spielenden Liebesgeschichte.
Doch auf die Dauer wurde ihr das ledige Tanzen zu langweilig; sie blieb stehen, daß das Weiße Hemd über der runden Brust auf- und abging, hielt die Hand über die Augen und sah über das Moor, das ganz weiß vom Wollgrase war.
Mit einem Make erblickte sie dort, wo hinter den Birkenbüschen Wasser blitzte, etwas Rotes, das hin- und hersprang, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Mauno im grünen Rocke, der ein Schießgewehr aus dem Rücken trug, an dem Rucksack drei Birkhähne hatte und mit dem Springstocke Wer die Gräben und Abstiche hinwegsetzte.
„Deubel auch!" sprach die Brennhexe und lachte; „das ist aber ein glatter Danzeschatz für mich; der kommt mir gerade häßlich." Sie ging schneller, aber sie konnte den Mann nicht einholen. Sie hielt die Hände um den Mund und ries: „He, du!", aber der Jäger hörte sie nicht. Sie versuchte zu flöten; doch damit hatte sie erst recht kein Glück.
So lief sie denn, was sie laufen konnte, blieb ab und zu stehen und schrie: „He!" und „Holla!" oder „Teuf!", bis der Mann, als sie schon ganz außer Atem war, sich endlich umdrehte und nach ihr hinsah. Sie winkte ihm zu, aber da merkte -der Jäger, mit wem er es zu tun hatte, setzte den Springstock ein und machte, daß er weiter kam.
„Tu Flegel!" schimpfte die Brennhexe und lief wieder hinter ihm her, so daß er hin- und herspringen mußte, denn sie kam ihm immer dichter aus die Hacken. Als cs gar nicht mehr anders ging, sprang er in einen alten Abstich, warf Gewehr und Rucksack von sich, duckte sich so tief, daß ihm das Wasser bis an die Brust ging und wartete, bis das verliebte Frauenzimmer an ihm vorbeigerannt war.
Dann stieg er heraus, schüttelte sich, lachte, yängte den Drilling und den Rucksack um. nahm den Stock wieder zur Hand und sprang nach der anderen 'Seite hin über das schwelende Heidekraut, den glimmendcnTors, an den knisternden Wachhol'derbüfchen und den lichterloh brennenden Krüppelkiofern vorüber, ab und zu hinter sich sehend, wo alles ein Rauch und eine Glut war; einmal blieb er stehen, verpustete sich und zog' ein Büschel Torfmoos aus. das er aus einem Graben riß; aber da sah er auch schon das rote
Gesicht der Hexe hinter sich und hörte die gemeinen Schimpfworte, die sie ihm nachschrie, und so sprang er dahin, wo der Bach an den Wiesen vorbeilief.
Erst als er den hinter sich hatte und an dem großen Weidenbaume angekommen war, machte er Halt, ließ den Stock fallen, hängte die Büchse an den Baum, legte den Rucksack ab, warf sich in das Gras, lehnte den Rücken gegen den Stamm und atmete tief, dahin sehend, wo die Brennhexe stand und ihm mit der Faust drohte, während um sie her allerhand schwarze und graue Gesichter nach ihm hinglotzten, ihm Fratzen schnitten, Ruß nach ihm spuckten, Rauch nach ihm pusteten und ihm ihre roten Zungen ausstreckten, Er lachte sie aus, machte ihnen eine lange Nase, steckte sich eine Pfeife an und blies dem Gelichter den Dampf entgegen, mit kleinen Augen nach ihm hiufchend.
Die grauen Fratzen verzogen sich langsam, und auch die Brennhexe ivar verschwunden; aber nun kam ein Mädchen über das ausgebrannte Moor gegangen. Schlank war es und hatte einen stolzen Schritt; ihr aschblondes Haar sah sanft ans, ihre Augen hatten einen zärtlichen Glanz, und ihre Hände waren weiß und sehr klein. Sie nahm damit an beiden Seiten ihr Kleid aus; das war von weißem Wollstoffe und so lose geschnitten, daß es schöne Falten warf; der Halsausschnitt und die halblangen, weiten Ärmel waren mit einer goldenen Borde besetzt.
Immer näher kam das Mädchen, ging gerade aus ihn zu und blickte ihn mit freundlichen Augen an; die kamen ihm erst schwarz vor, dann meinte er, sie wärm braun, und schließlich sah er, daß sie blau waren, blau mit goldenen Blumen darin. Da erkannte er das Mädchen, nickte ihm zu und ries: „Swaantje, wie kommst du denn hierher?"
Davon wachte er aus und merkte, daß er eingeschlafen war und geträumt hatte: aber er war über den Traum so erschrocken, daß ihm das Herz bis in den Hals hinein schlug. Er stand auf, warf die Büchse über den Rücken, stellte den Springstock in den Busch und sah sich nach seinem Hute um, bis ihm einsiel, daß der ihn: vom Kopse geflogen war, als er vor der Brennhexe fortlausen mußte. Er lachte und ging langsam dem Walde zu, in dem der wilde Täuber ihn bedauerte: „O du, du, du!" rief er; aber der Häher lachte
