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Wiesbadener Tagblstt.

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Nr. 567.

Dienstag, 5. Dezember

Morgen - Ausgabe.

_ 1. Matt.

Me MMe einen demMWen Regiments.

Für heute« Dienstag« steht die Marokkodebatte in: Reichstag bevor. Ter Reichskanzler hat allerdings seinen Vertrauten« den Unterstaatssekretär Mahnschafte, bei den Fraktionen herumgeschickt, . daß sie sich kurzen Erklärungen begnügen sollen. Es scheint auch fast« daß die Fraktionen eine gewisse Neigung haben« den Wünschen nachzukommen. Das soll« so sagt man, dem Ausland imponieren! Davon kann unseres Erachtens aber keine Rede sein. Das Ausland erwar­tet sich vom Dienstag noch eine Debatte über die aus­wärtige Politik. Nach der Rede von Sir Edward Grey erheischt es die Notwendigkeit« daß Herr von Kiderlen die Fragen« welche Grey gestellt hat. löst. Bis vor kurzem war das auch allgemeine Ansicht rm Reichstag. Auch die Abgeordneten selbst empfanden noch das Bedürfnis« auf die Debatte im englischen Parlament zu antworten und auseinanderzusetzen« wie sich Deutschland künftig zu England stellen wird. Ter deutsche Reichstag beschäftigt sich so feite n mit aus- ivärtiqer Politik, däsi er wahrhaftig keinen Grund hat« aeaebene Gelegenheit nach zu verpassen.

* französischen Parlament bestand auch dre Absicht die Marokkovorlage ohne Debatte anzunehmen. AVer der Regierung war das gar nicht angenehm. Sie wünscht eine gründliche Aussprache, weil sie erst dann eine Sache für gut hält« wenn das Volk sich durck eine ausführliche Debatte iin Parlament ein Ur- wil gebildet hat. Diese Anschauung ist viel richtiger als der Standpunkt der deutschen Regierung, der es immer am liebsten ist, wenn das Parlament möglichst schweigt und sie nach eigenem Gutdünken regieren

^^Man hat überhaupt bei der ganzen Marokkosache dm Vorzug des parlamentarischen Regiments deutlich aesebmr Die alte Anschauung ist« dass die Diplomaten stärksten sind« wenn sie voni Parlament möglichst unabhängig sind. Bei den französischen Diplomaten e ate sich das Gegenteil. Herr Eambon und Herr ttäillrur mutzten auf ihre Kammern Rücksicht nehmen, wesba'b haben sie wiederholt Herrn v. Kiderlen er- Mr können nickt so weit gehen, das wurde unsere Volksvertretung nicht genehmigen. Auch Edward Gr ey hat sich darailf berufen. Er hat er- klärt, für die ursprünglichen Forderungen Kiderlens

hätte sich im französischen Parlament kerne Mehrhelt ergeben. Deshalb glaubte er, er müsse Frankreich gegen die deutschen Forderungen in Schutz nehmen..

Die Herren v. Kiderlen und Bethmann-HoUwvg dagegen waren der Ansicht, sie seien ganz ftlbminoig und brauchten auf den Reichstag und die VoliZNM' mung keine Rücksicht zu nehmen. Deshalb waren ü viel nachgiebiger als die französischen Ilnrer- händler? ' .

Es ist eigentlich eine ganz alte Erfahrung« datz ern absolutes Regiment viel weniger nationale Kraft har und viel schwächlicher und nachgiebiger ist als em demokratisches. Das hat man imnier gesehen. Noch die letzten Jahre haben wir erfahren« datz dre alte Türkei« auf der unter Abd ul Hamid sozusagen alle«, herumtrampelte, sich unter demokratischem Regiment außerordentlich gekräftrgt hat. Bei uns aber f<x>etnt man aus den letzten Monaten nichts gelernt M haben. Man halt noch immer das S ch w e i g e n für dre höchste Bürgerpflicht« damit die oben allein schalten und war­ten können nach Herzenslust.

MMsche Werstcht.

Girr» VrrftKvKmrg des Reichs sch atzes.

Jüstizrat Banrberger empfiehlt iit erKölnischen Zeitung", den Krregsschatz von 120 auf 250 Millionen zu erhöhen und daneben einen Zrredensschatz von gleicher Höhe in verzinslichen Staatspapieren zu er­richten. Ter Verfasser hat in feinen Aufsätzen für das Erbrecht des Reiches wiederholt, auch in unserem Blatte« die Ansicht vertreten« datz die Einkünfte aus dem Reichserbrecht nicht zur Deckung laufender Aus gaben zu verwenden seien« sondern zur Tilgung der Schuld und zur Bildung riyes Reichsschatzes voll angemessener Höbe für diö,Zwecke des Krieges und Friedens. Ten Gedankxn führt er jetzt näher aus.

Für dre Notwendigkeit einer Verstärkung des Kriegsschatzes sprechen folgende Umstände. Der Wert des Geldes ist seit 40 Jahren nahezu um die Hälfte g e s u n k e n, ein Unterschied, der jedenfalls ausge­glichen werden mutz. Andererseits ist der K rieg s- b e darf nicht geringer« sondern größer geworden. Die Landstreitmacht ist auf das Doppelte angewachsen« die Flotte in noch weit höherem Maße. An Stelle der vorzüglichen Finanzlage von 1871 haben wir setzt eine Reichsschuld von 5 Milliarden neben 12 Milliarden Schulden der Bundesstaaten« so datz auf eine Unter­bringung von Kriegsanleihen im Ausland nicht mit

FettiRbtou»

«ackidruck verdoieiv)

Winter im Schwarzwald.

Von Otto Pohlau.

fltne Rb-inial ist in Nebel gehüllt. Man schaut Das ganze vi. -Albdruck die Bahn »erlagt,

iattÄ» -«

Jf der steilen schlüpfrigen Straße langsam bergan ahrt.

Die Straße ist aus >denr Felsen gesprengt, «-unfmal ißl f r durch Tunnels unter den vor pnngcnden Bergunge-

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rl dem schneebedeckten Waldboden treibt die Sonne hr immer wechselndes Farbenspiel. O. wie schon ist der

Das'h-nlichst- Schauspiel erwartet uns aber oben, auf

im- der Höhen, die St. Blasien umkranzen. Wir glauben ,mn on / , sehen und erst allmah-

A. I, w, estr tzauberbild vor uns liegt. Einem wogenden sich die ungeheueren Nebelmassen zu Merm Füßen vorüber, soweit das Auge reicht, rechts und r,zhi& in unendlich scheinende Fernen. Nur rm Süden llnks' b's «n mwnmw i « heleuchtel. tausend blitzende

-Lm ans ihnen hervor, die ganze Alpenkette vom ^mrischen Hochland bis zum Montblanc. Spitze an »viüe ln greifbarer Deutlichkeit, so daß man mtt nnbe- ma Fm» m Auge jeden einzelnen Bergrirsen erkennen kann. Saum stehen wir, gebannt von der Großar igkert drftes b'tS uns Schlittengelante und fröhliches Sachen auch die Freuden des Winters hier oben" in sicheren Gaben, ausgeteilt werden als drunten

im nebeligen Flachland. An den schneebedeckten Hängen tummelt sich die Jugend. Auf wohlgepflegter Bahn sausen hier die kleinen Schlitten hinab. Hei! Wie da die Wanzen glühen in der frischen Winterlust! Dort auf der breiteren Schneesläche huldigt man dem Schneoschuhsport. Er ist im südlichen Schwarzwald so schnell volkstümlich geworden, daß in St Blasien von Weihnachten bis Ostern eigentlich alles Ski läuft, bis aus die liebe Schuljugend, die sich in Ermanaelnng richtiger Schneeschuhe ein Stückchen Faßreifen Minit"- die Schuhe bindet. Es finde»- auch Ski-Feste mtt Preisverteilung statt, und zur Zeit der internationalen Ski- Rennen die -alljährlich auf dem Feldberg abgehalten werden, aeben sich die berühmtesten Champions dieses Sportes nt St Blasien ein Stelldichein. Dann ist dort eine Hochsaison, die an Lebhaftigkeit und Buntheit des Treibens hinter der des Sommers nicht zurückstcht.

Ab-r in dem schönen Alb-Städtchen fehlt es den ganzen Wint-r hindurch nicht an Gästen. Sobald nur der erste Schnee fällt, kommen aus aller Herren Ländern die Sport­freunde um erst wieder mit der weißen Decke zu verschwin­den Vor allem aber füllen sich die Pensionen und Sana­torien mit Erholungsbedürftigen, die in der milderen, reinen Luft und der wärmer strahlenden Sonne Erfrischung und Kräftigung suchen. St. Blasien genießt ja seit Jahren wegen seiner "erfolgreichen Mnterkuren Weltruf, und wer einmal die wohltuende Wirkung seiner klaren Höhenluft empfunden hat der wird begreifen, daß die Zahl der Wintergäste von Jahr zu Jahr wächst und daß dort, so weit ab von der Heerstraße großartige Anstalten entstehen konnten.

° Es ist' erstaunlich, wie kräftig dort in nahezu 800 Meter Höhe die Sonne wärmt und wie wenig man in der stillen, trockenen Luft die Kälte empfindet. Und was die Hauptsache ist- Man hat dort wirklich Sonne! Meist über den Wolken thronend erfreut man sich noch an den Licht und Wärme gewährenden Strahlen, wenn ringsumher in der Ebene längst alles im Schatten liegt; denn selbst am kürzesten Tage scheint die Sonne noch sieben Stunden lang in das nur'nach Südwesten hin offene Hochtal hinein, das weder rauhe Winde noch Nebel kennt und in. dem man cs wagen darf selbst bei Lufttemperaturen unter Null Grad, ohne be­sonders swwere Kleidung im Freien zu liegen.

Die größte Heilanstalt am Platze, das Sanatorium S<- Blasien, ist während des ganzen Winters geöffnet. Das Sanatorium ist Deutschlands bekannteste Lunaenheil-

59. Jahrgang.

Sicherheit zu rechnen ist. Da endlich auch der enM' lidenfouds, auf den man früher öfters verwiesen hat, inzwischen verschwunden ist, so muß man mit den nam­haftesten Militär- und finanzwissenschaftlichen Sachver­ständigen, wie v. Renauld« Adolf Wagner« Rießer« zu dem Schlüsse kommen, daß der Kriegsschatz mcht mehr ausrcicht« seinen Zweck zu erfüllen.

Ter Friedensschatz ist als ein Reservefonds für un­vorhergesehene Fälle gedacht. Als solche kommen Ä- ernten und Epidemien, ober auch andererseits Gelegen­heiten zur Erwerbung von Erfindungen« Luftschiffen, Kolonien in Betracht. Der Schatz für Friedenszwecke kann sehr wohl zinstragend angelegt werden« so datz ec sich selbst erhält. Der Verfasser erblickt in dem Besitz bedeutender Beträge ausländischer Staats- papiere ein wirksames Mittel« um schon durch eine finanzielle Machtentfaltung« durch Entsendung emp­findlicher kalter Wasserstrahlen etwaige feindselige Ge­lüste zu dämpfen. -Schon die Besorgnis vor derartrgen Dtaßnahmen werde im Ausland als ernste Mahnung zuin Frieden ihre Wirkung üben. Im, Kriegsfälle aber bilde der Friedensschatz eine vorzügliche Reserve sur derr Kriegsschatz.

Graf Poladowsky gc«en die Agrarier.

Graf Posadowsky, der in BielefÄd-Wiedenbrück kandidiert« hat nun auch in Gütersloh gesprochen« und abermals werden die Agrarier über seine Ausführun­gen . wenig erbaut feilt. Nach der BielefelderGlocke" hat er unter anderem ausgeführt:

Das Wichtigste« was den neuen Reichstag be­schäftigen wird, sind die neuen Handelsverträge, Wir stchen vor dem Abschluß neuer Handelsverträge mit unseren beiden größten Konkurrenten, mit England und Amerika« mit denen in em gutes Handelsvertragsverhältnis zu gelangen, für unsere Industrie von außerordentlicher Wichtigkeit rft. Deutschland kann heute ohne mächtige Industrie uicht mehr bestehen. Tie deutsche -schölle ist nicht in ehr imstande« unser Volk von 64 Millionen allein zu ernähren. Wir müssen vielmehr Lebens­mittel einführen und die Einfuhr bezahlen mit den Waren, die wir an das Ausland verkaufen. C a p r r v r hat unsere Lage einmal sehr treffend gekennzeichnet nrit den Worten:Wenn wir keine Waren ausfuhren, müssen wir Menschen ausführen!" Zeitweise sind schon 100 000 Deutsche in einem Jahre ausgewandert. Bis jetzt ist aber der Mensch noch das Wertvollste« was dre Nationen besitzen« und wir haben die Pflicht, den Be- völkerunqsüberschuß uns zir erhalten und deutsch ZU erhalten!" (Lebhaftes Bravo!)Als ich danrals die

anstalt. Bei Errichtung diefcr 1900 und 1906 ireuerbanten Anstalt spielte die Rücksicht auf die Hygiene -die Hauptrolle. Sebbstverständlich sind alle Wandflächen und Möbel abwasch­bar, alle Ecken zum Zweck leichterer Reinigung abgerundet. Natürlich ist überall mit peinlichster Gewissenhaftigkeit darauf Bedacht qeno-mmen. daß die gefürchtctien Krankheits­erreger keine Schlupfwinkel finden. Aber mtt seinem Takt und großem Geschick ist alles vermieden, was den Bewohner daran erinnem könnte, daß er sich in einer Heilanstalt be­findet.

--Ganz besonders zweckmäßig und anheimelnd sind in diesem Sanatorium die Einrichtungen für -die Freiluftkuv. Außer der großen, völlig geschützten, sonnigen Liegehalle, die in einer Länge von 50 Meter vor -der Hauptfront des riesigen Gebäudes angeordnet ist, befinden sich auch hinter der Anstalt noch mehrere Liegehallen, mitten im prächtigsten Tannenhochwalde- am Fuße des Bützbergs, den Viktor Scheffel so oft besang. Selbst im Winter können die Kranken hier bis in die späten Abendstunden im Freren bleiben. Plaudernd oder lesend ruhen sie im Schein zahl­reicher elektrischer Kerzen auf ihren bequemen Liegestühlen und genießen -die rnildc, erfrischende Waldluft, die ihnen sicherlich besser bekommt als alle Medikamente. Und welch eine wundervolle Aussicht rnan dort hat! Drüben liegen die Berge, zum Teil mi-t dunkelgrünen Schwarzwaldtanneri! bedeckt, zum Teil in die Schneedecke -gehüllt, deren weiße Flächen so hell in der Sonne leuchten. Zu ihren Füßen das friedliche Städtchen mit seinen freundlichen Häusern, die sich um die gigantische Kuppel der alten Klosterkirche -schmiegen, dem tzroßarttgen Denkmal einstiger mönchische« Macht.

Im Orte selbst gibt es noch Hotels und Pensionen ge­nug, die auf Winterbetrieb eingerichtet sind, und neben diesen auch manches Privathaus, in dem der Wanderer zu jede« Jahreszeit eine freundliche Aufnahme findet.. Denn sonnig ivie die Gegend dieses stillen Hochtals ist auch der Cha­rakter seiner Bewohner. Der Fremde fühlt sich nicht fremd unter diesen bielderen Leuten, und wenn er mit ihnen in feuchtfröhlicher Tafelrunde beisammensttzt, dann tut der köst­liche Markgräfler sein übriges!

Hochlandluft zebret, doch Rebenduft nähret.

Heia! Wer reicht mir das Trinkhorn geschwind,

. . Dreifacher Durst ist dem Sänger bescheret

über den Wolken und über dem Wmd-