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Nr. 566.
Montag, 4. Dezember 1911.
59. Jahrgang.
Kbenö-Kusgabs.
3L. Matt-
Persiens Ende.
Ter englische Minister des Auswärtigen Sir Edward Grey hat in seiner viel erörterten Rede von etnein „unheilvollen Einfluß in der Weltatmosphäre" gesprochen und dabei für die nächste Ausgabe des Büchmann das Wort vom politischen Alkohol:s- m u s geprägt, von deni er sich sogar selbst noch nicht ganz freigemacht hat. Es scheint wirklich so etwas ivie ein politischer Alkoholismus nicht nur in Europa, sondern auch in den uinliegenden Weltteilen zu herrschen. Zwischen Italien und der T ü r k e i herrscht ein allgemach recht blutig gewordener Krieg, der sich fetzt nicht mehr auf Tripolis beschränken zu wollen scheint, und welche Konfiiktmöglichkeiten sich dabei eröffnen, das ist soeben durch die Demission des General- siabschefs v. Hoetzendorff kund geworden, die ein grelles Streiflicht auf die trotz aller Dementis nicht zu leugnende Mißstimmung zwischen <6 ft e r r et ch- Ungarn und Italien geworfen hat. Aber auch die Beilegung des M a r o k k o k o n f l ik t e s, die fa, trotzdem das Votum der französischen Kammer noch aussteht, als endgültig betrachtet werden kann, hat die Weltatmosphäre keineswegs geklärt, schon weil einmal die französisch-spanische Auseinandersetzung über die Aufteilung des Scherifenrerches noch aussteht und weil andererseits die Spannung zwischen Deutschland und England trotz der deutsch- französischen Marokkoeinigung in keine r Weise nachgelassen hat. Aber der „politische Alkohölismus" beschränkt sich nicht auf Europa und Afrika, sondern er grassiert auch in Asien. Im Sketche der. Mitte hat der Krieg alle gegen alle die Mächte zum Eingreifen gezwungen, und endlich vollzieht sich in Persien ein ganz ähnlicher Vorgang, wie wir ihn soeben in Marokko erlebt haben.
Ebenso wie Frankreich unter Assistenz Englands das Maurenreich, dessen Integrität und Unabhängigkeit durch die Algecirasakte verbürgt worden war, zu tunisieren im Begriff ist, so schickt das Zarenreich sich jetzt an, die „Schlußfolgerungen" des . russisch-englischen Vertrages vom 31. August .1907 zu ziehen, dessen erster Satz lautet: „Die Regierungen Großbritanniens und Rußlands verpflichten sich gegenseitig, die Unantastbarkeit und Unabhängigkeit Persiens zu achten." Diese „Achtung" vollzieht sich in der Weise, daß die russischen Truppen auf dem Marsche nach Teheran sind, während indobritische Streit- kräfte m Schiras auf ihr Stichwort warten und der Staatssekretär mit dem weiten Herzen, Sir Edward -Greh, im englischen Unterhause feierlich versichert, daß das Vorgehen des Zarenreiches keine Verletzung des englisch-russischen Garantievertrages für die Unabhängigkeit und Unantastbarkeit Persiens bedeute.
Wenn die beiden Beschützer einig sind, dann ist eben der Schützling geliefert. Und das Zarenreich macht ebensowenig wie England ein Hehl daraus, daß nunmehr Persien an die Reihe kommen soll. Als die Welt durch den Handstreich des E x s ch a h s Mohammed Ali überrascht wurde, da wußte man, was die Glocke geschlagen hat. Als er mißglückte, folgte das russische Ultimatum, welches die Rückgabe der mit Beschlag belegten Güter des Bruders Mohammed Alis förderte, und als die persische Regierung dieser Forderung nachgab, mehr zum Ärger der Regierung des Zaren, folgte der zweite Streich, das Ultimatmn, in dem die Entlassung des amerikanischen FinaiMgenten S huste r verlangt und des weiteren die Forderung aufgestellt wurde, daß die persische Regierung bei der Anstellung von Ausländern die Erlaubnis Rußlands und Englands einholen solle. Da das Medschlis dem Volk eine solche Demütigung nicht zuzumuten wagte, lehnte die Regierung, was die russische Diplomatie ja erwartet und gewünscht hatte, das Ultimatum ab, und die Antwort ist der russische Vormarsch auf Teheran, der durch die von persischer Seite ausgesprochene Bitte um eine erneute Prüfung und Neuformulierung der russi. scheu Forderungen nicht ausgehalten werden tvird.
Persiens Schicksal scheint somit besiegelt zu sein, denn das Land, dessen Kräfte durch die vom rollenden Rubel angezettelten inneren Unruhen gebrochen sind, hat kein Geld, keine Regierung — das Kabinett ist soeben wieder zurückgetreten — und keine reguläre Armee, da die Bachtiaren und Fidais gerade für den Bürgerkrieg ausreichten, aber nicht imstande sind, den militärischen Machtmitteln des Zarenreiches auf die Tauer Widerstand zu leisten. Auf Hilfe von anderer Seite aber können die Perser lticht rechnen, denn England hat, wenn auch nicht seinen Segen, so doch seine Einwilligung zur Nussifizierung Nord-Persiens
gegeben; die N o r d a wer i k a n i sch e Union denkt nicht daran, bei diesem Konflikt politisches Kapital einzu-shustern, und was endlich Deutschla n d betrifft, an das merkwürdigerweise die persische Kolonie in Konstantinopel appelliert hat, so hat dieses durch den Potsdamer Vertrag vom August 1910 gegen das etwas fragwürdige Versprechen eines Anschlusses an die Bagdad bahn auf jeden Einfluß in Persien ebenso verzichtet wie aus den in Marokko. Wir sind „desinteressiert"!
Das Zarenreich hat also freie Hand in Nord- persien, und es nähert sich seinem Endziel, dem Hafen im Golf, während England sich in seiner südpersischen Interessensphäre festsetzen wird. Aber — wenn früher oder ipäter die Aufteilung erfolgt, dann wird das dicke Ende Nachkommen, nämlich die Ausscheidung des bisherigen P u f f e r st a.a t e s und die g e m e i n- s ame lange Landgrenze in Mittelasien mit allen ihren KonfliktAmöglichkeiten. Und hierbei eröffnen sich neue Fern- und Aussichten für eine Zeit, wo Dreibund und Tripelentente vielleicht schon der Vergangenheit angehören und ganz andere Kombinationen die Weltpolitik bestimmen.
Sä
Die persische Antwort -ruf das russische Ultimatum.
Persien hat in seiner Antwort auf das russische Ultimatum in rrchiger Sprache die -Gründe Largelegt, die es bewogen haben, die russischen Forderungen zurückzu- weisen. In der Antwort wird die russische Regierung ausgcfordert, idie Tatsachen eingehender zu prüfen und -alsdann ihre Forderungen neu zu so-rmM-eren.
Aufruf zum Kanrps.
In den Moscheen rufen die Geistlichen alle Perser zur Einigung und zum Kampf gegen die Ausländer -auf. Viele -Gewehre sind bereits verteilt worden. Russischen ' Patrouillen ist eS zu VevdarÄen, daß die Ruhe nicht gestört worden ist.
Rrrssenfeindliche Kundgebungen.
Aus Teheran -meldet di-e Petersburger Telegraphen- Agentur: Russischer Tee und Zucker -werden bo y k c- t t i e r t. In den Straßen fanden r N s s e n s e i n d l i ch e Kundgebungen statt. . Der Straß-enbachltverkehr, der von einer D-eWs-chen Göselßschast unterhalten wird-, wurde von der Menge unterbrochen, die die Stmhenibachn für ein russisches Unternehmen hält. Ans zwei politisch unbedeutende Personen wurden Mordanschläg-e verübt.
Kein Abbruch der diplomatischen Beziehungen.
Im Pet-ersbUrger Auswärtigen Amt wird erklärt, daß trotz der Ablehnung 'des russischen Ultimatums seitens der persischen Regierung ein Abbruch der diplomNtischen Beziehungen nicht stattsind-en wird. Auch der persische Gesandte hat bisher keinerlei Anweisung erhalten, n-ach Teheran zurückzukchren. Das g-egenwärti>g-e 4000 Mann starke russische Detachement in Persien wird -unve-rzügAch aus das Doppelte verstärkt werden.
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Der persische Protest im Reichstag.
Die persische Kolo-me in Konstantinopel richtete -an das Präsidium, des deutschen Reichstags eine Protesidepssche gegen 'die Behandlung Persiens ldurch Rußland und England. Das Reichstagspräsidium hat die R-eichstagsmst- ,Moder von 'dem Inhalt des Telegramms in Kenntnis gesetzt. In der Depesche heißt es: „TtsMswegt durch dir Vergewaltigung und Beugung des inter- nationalen Rechts urtb der Menschenwürde, idie mit einem Zynismus ohnegleichen behandelt worden sind, protestieren wir, die persische Kolonie in -Konstan- kmopel, lebhaft vor der zivilisierten Welt gegen diesen überfall und brücken unseren tiessien Abscheu -darüber aus. Wir rüsen alle Verteidiger der Menschenwürde. des Rechts und- der Gerechtigkeit unter den Völkern auf, sich mit uns zu vereinigen -Mm. gemeinsamen Kampfe gegen einen so gewalttätigen und ungerecht e n Ä n g r i f f."
Die Haltung der deutschen Regierung.
In lhrer WochenruMchau gibt die „No-rid-d. Alla. Ztg." -eine Schilderung der Ereignisse in Persien während der letzten Zeit -und schreibt: Die russische Besetzung einzelner Teile Persiens scheint angesichts der zunehmenden inneren Wirren nicht abwendbar. Für uns kommt dabei Nur in Betracht, daß die Ordnung im Lande wie- derherg-estelli nnd ausrechtechalten wird.
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Amerikanische Erregung wegen Persien.
Meldungen aus New Jork zufolge herrscht in Nordamerika große -Erregung über das Vorgehen Rußlands gegen Morgan -Shuster. Die New Yorker Blätter greifen E n g l -a n. d und Ruß l a n d a n. Sie w-erf-en den beiden Staaten vor, daß sie absichtlich Persien in die gegen- -wärti-ge Zwangslage -gebracht hätten, um das -große Knl-turwerk Shusters zu zerstören. Ferner wnrd^ Präsident Last von der persisch-amerikanischen GcheUchüst darum an- gegangeir, für Persien zu intervenieren.
Der iraüenljch-Mrkijche KrLeZ»
Schlrrßrrrrg dev DasdanelLett?
L. Berlin, 2. Dezember.
Sn den Auseinandersetzungen zwischen den Mach« ten über den türkisch-italienischen Krieg, sodann und -nantentlich in dem Meinungsaustausch zwischen den Kabinetten und beiden kriegführenden Teilen muß irgend etwas vorgegang-en sein, was gerade wegen der vermeintlichen . Aufklärung, welche diese geheimnisvollen Dinge jetzt finden, um so mehr aufgeklärt zu werden verdient. Das „W. T.-B." verbreitete gestern aus Konstantinopel eine Mitteilung, die bezeichnet wurde als „Meldung des Wiener K. K. Telegr.-Korre-- spondenzi-Bureaus". Nach diesem, hiernach mit dem Ltempel doppelter -Offiziosität versehenen Telegramm verlautet in diplomatischen Kreisen Konslan- tinopels, „man könne auf Grund des Gedankenaustausches zwischen den Mächten annehmen, daß die beiden kriegführenden Parteien kraft der Londoner Konvention von 1871 die A k t i o n s s r e i h e i t in den Dardaliellen in bezug auf Angriff, Verteidigung und Blockade erhalten, und zwar unter der Bedingung, daß die internationale Schiffahrt nicht darunter leide". Tie Meldung widerspricht so sehr allem, >vss bis dahin über die Stellungnahme der Mächte zur Frage eines italienischen Vorstoßes gegen die Dardanellen bekannt geworden war, daß man ein Recht hatte, gehörig zu erstaunen. Skun aber stellt es sich, wie wir aus Wien erfahren, heraus, daß dieses angebliche Telegramm des „K. K. Telegr.-Korresp.-Bur." an dev Donau überhaupt nicht ausgegeben worden ist. Man weiß dort nichts von der vermeintlichen Verständigung der Mächte in der angegebenen Richtung, man hat dort erst durch Berliner Depeschen von der seltsamen Behauptung erfahren. Andererseits war in Berlin nichts davon bekannt, daß die österreichischen und wohl auch die ungarischen Zeitungen keine Mit- teilung von der Meldung erhalten hatten. Ebensowenig abet weiß man hier etwas über den Inhalt dieser; Meldung. Soweit bisher angenommen werden durfte, war der Gedanke einer italienischen Blockade bis auf weiteres aus den Erörterungen aus geschieden. Man bezeichnet es hier deshalb als unklar, aus welche Bestimmungen der Londoner Konvention die Mitteilung des Wiener Korrespondenz-Bureaus Bezug nimmt, da diese Konvention in ihrem zweiten und in ihrem dritten Artikel Bestimmungen enthält, deren Vereinigung untereinander in der Praxis nicht gerade leicht fallen dürfte. Artikel 2 nämlich hält das Prinzip der Sperrung der Meerenge durch die Pforte aufrecht, während Artikel 3 die 'Lusrechterhaltung der freien Schiffahrt ausspricht. Tie Konstantinopeler Meldung des Korrespondeitz-Bureaus leidet also, wie man sieht, an derselben Unklarheit wie die Londoiter Konvention von 1871 selber. Dieser Tatbestand macht es nun doppelt rätselhaft, was hinter der in Wien nicht-aus- gegebenen Nachricht steckt, die in Berlin durch das halbamtliche „W. T.-B." unter Berufung aus das Wiener Bureau verbreitet worden ist. Nach unserer Kenntnis der Sachlage hatte sich die italienische Regierung bereits barein gefügt, auf die Blockade der Darda- nellen zu verzichten. Dagegen wird die italienische Regierung geltenb gemacht haben (wir haben Aichalts- punkte für dese Vermutung), daß eine gewaltsame Erzwingung der Durchfahrt keine Beeinträchtigung der freien Schiffahrt für alle handeltreibenden Nationen bedeuten tvürde, sondern höchstens eine 24stündige Störung, für die hinterher gewissermaßen Indemnität beansprucht werden könne. Sollte dieser Standpunkt der italienischen Regierung dem türkischen Kabinett bekanrrt geworden sein, was ja nicht weiter verwundern könnte, so wäre es imnterhin begreiflich wenn die Pforte erklärt hätte, daß sie alsdann ^e b e n f a I l s in die Lage versetzt werdeil müsse, die entsprechendeir Gegenmaßregcln zu treffen. Der Urrterschied bestände sreilich darin, daß diese Gegenmaßregeln, die doch- zu einem großen ^erl in der V e r s e n k u ng v o n a lt e u Lch i f f e n zur Unbrauchbarmachung der Fahrstraße bestehen würden, keine vorübergehende, son- r r l -?r empfindlich lange Behinderung der Handels- schlffahrt, bedeuten müßten, über diese heikle Frage also scheinen sich die Botschafter in Kvnstantinopel uiiterhalten zu haben, und der Schluß, zu denr sie (immer ^nach dem Wiener Korresvondenz-Bitreau) ge-, langt sein sollen, wäre wirklich würdig, vom Delphischen Orakel verkündet worden zu seiii. Deiin die Aktionsfreihe.it in den Dardanellen in bezug auf Angriffs Verieiigung und Blockade arlfrschterhalten und gleichzeitig die internationale Schiffahrt nicht leien lassen, das ist ein Widerspruch in sich, eine Unmöglichkeit, eine Bedingung, die sich sogleich selber aufhebt. Man darf begierig darauf sein, wie sich die
