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mr. 565.
Sonntag, S Dezember 1611.
59. Jahrgang.
Morgen ■ Ausgabe.
1. Matt.
i '' « . 1
Are Politik der Moche.
Wenn vor der Marokkodebatte im englischen Parlament das Wort geprägt worden war, daß das Verhältnis zwischen Deutschland und England entweder besser oder schlimmer werden müsse, so wird man wohl nach den Reden von Grey und Asquith sagen dürfen, daß keins von beiden eingetroffen, sondern daß zunächst alles beim alten geblieben ist. Der. englische Staatssekretär des Auswärtigen hat sich nicht einmal sonderliche Mühe gegeben, an seinem rabiaten Kollegen Lloyd George eine Mohrenwäsche W vollziehen, und auch nach der jetzt revidierten Auffassung scheinen die englischen Staatsmänner eine Art Schiedsrichterrolle aller Welt gegenüber, Frankreich und Rußland ausgenommen, in Anspruch nehmen zu wollen. Hat doch Sir Edward Grey die sonderbare Behauptung aufgestellt, daß die Freundschaft Englands mit Frankreich und Rußland eine Friedensgarantie für Deutschland bedeute. Was die Franzosen und Russen zu dieser Einschätzung zu sagen haben, wird man ja vielleicht noch vernehmen. Vor allem aber wird wohl bei der bevorstehenden Marokkodebatte im Plenum des deutschen Reichstags mit aller Deutlichkeit jeder auch noch so versteckte Bevormundungsversuch zurückgewiesen und vor allem betont werden, daß dre schönsten Worte voir jenseits des Kanals wertlos sind, so lange ihnen nicht die entsprechenden Taten folgen. Tie Begleitumstände aber, unter denen sich soeben der Massenwechsel im Oberkommando der britischen Flotte vollzogen hat, lassen nicht gerade auf eine solche Bereitwilligkeit schließen.
Je kühler die Aufnahme der im englischen Parlament gehaltenen Reden in Deutschland war, ein desto frsundlicheresEcho haben sie inFrankreich geweckt. Aber vielleicht wird auch dort noch ein Stimmungswechsel eintreten, wenn von englischer Seite die Forderung einer Jnternationalisierung des Hafens von Tanger präsentiert wird und wenn Sir Edward Grey bei den if, r a n z ö s i s ch ° s p a n is ch e n Verhandlungen über die Verteilung der marokkanischen Beute die bisherige Sekundantenrolle nicht fortsetzen sollte. Dagegen dürften die den tsch °fr a nzö srsch e n Marokko- und Kongoabkommen ohne Sck'wieriakeiten und anscheinend auch ohne ernsthafte Debatte ~ ebenso wie vom Kammerausschuß auch von der Deputiertenkammer genehmigt werden.
Die Debatten über die Marokkofrage und über die weltpolitischen Probleme, die sich daran knüpfen, werben aber noch geraume Zeit dauern, da die hierdurch herbeigeführtjen Veränderungen der internationalen Konstellation noch keineswegs abgeschlossen zu sein scheinen. Während sich im Verlauf der Krisis die Tripelentente oder doch zumindest das nach der Versicherung Greys und Asquiths nicht paragraphierte englisch - französische -Einvernehmen vollauf bewährte, schien der Dreibund während die
ser Zeit in der Versenkung verschwunden zu sein. Freilich die Nachricht der „Wiener Reichspost", wonach Ital l e n sich mit dem Gedanken trage, aus dem Dreibund auszuscheiden, ist tvohl mehr als ein Versuchsballon anzusehen. Aber daß in den politischen Kreisen Deutschlands wie Österreich-Ungarns sich ein starker Mißmut über die Extratouren Italiens ange- sammelt hat, ist ein offenes Geheimnis, und die Meinung gewinnt immer mehr Anhänger, daß mit des Dreibundes-Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten.
Dieser weltpolitische Prozeß könnte unter Umständen beschleunigt werden, wenn die italienischen Staatsmänner fortfahren, bei der kriegerischen Auseinandersetzung mit der Pforte jede Rücksicht ans die Ruhe des Balkan und damit Europas, außer acht zu lassen. Immerhin hat man aber auf der Confulta soviel staatsmännische Einsicht besessen, daß mein jur§ erste nicht mit dem Kopf durch die. Wand, daß heißt tu diesem Falle die Dardanellen, will, ein Experiment, das vielleicht siir den Kopf gefährlicher gewesen wäre als für die Wand. Im übrigen haben die.Italiener sich für die Barbareien, die ihnen von türkischer Seite zur Last gelegt worden waren, jetzt revanchiert, indem sie mit einer Liste von , Grausamkeiten der Gegenseite aufwarteteri. Dian wird das eine so entschieden verurteilen müssen wie das andere, aber nicht vergessen dürfen, daß. die Verantwortung für dieser! Krieg, in dem, das Blut allgemach dicker fließt, ganz allein den Jtalieiiern zufällt.
Auch im R e iche der Mitte fließt das Blut in Strömen und leider nicht durchweg. nur chinesisches. Unter diesen Umständen haben die Mächte sich bereits zu Schutz maßregeln genötigt geschen, und ein weiteres tatkräftiges Einschreiten wird unbedingt erforderlich sein, wenn Manschikai, „der Mann mit dem doppelten Gesicht", der bereits seit mehreren Wochen die Rolle des Ministerpräsidenten übernommen hat, diese weiterhin als eine Zuschauerrolle auffaßt und gerade soviel mit den Revolutionären liebäugelt, daß er es nicht völlig mit dem Hofe verdirbt.
Ein solches Verstecktspiel kann man den russischen Machthabern in P e r s i e n jedenfalls nicht nachsagen, denn sie verraten immer offener, was sie anstreben, und haben ihrem ersten Ultimatum bereits ein zweites folgen lassen, in welchem sie vor allem die Absetzung des amerikanischen Finanzberaters Shuster verlangten. Ta das friedliche England in diesem Fall selbst an der Partie beteiligt und mit dem Ausschreiben der Rechnung beschäftigt ist, so wird das endlich unter Ach und Krach zustandegekommene Kabinett sich wohl oder übel zur dornenvollen Rolle des Heiderösleins verstehen müssen: Mußt es eben leiden!
Gi« englischer Überfall irre See.
Aus England kommen eigenartige Mitteilungen. In Nr 14530 der „Pall Mall Gazette" lesen wir: „Was wirklich in der Nordsee während der Krisis sich ereignete, war, wie ein wohlinformierter Korrespon-
Keuillelon.
VruÄer."
Machdruck «erboten.)
ff»
Skizze von Werner Granville Schmidt.
Im Parterrelokal eines alten Etagenhauses des vornehmen Westens befand sich das Delikatessengeschäft von Naujok. r- r r
Ter Laden war nur klein: aber m dem mit Kacheln ausgelegten Raume herrschte peinlichste Sauberkeit und der Aufbau des Schaufensters war mit Geschmack hergerichtet. . . „.
Hinter seinem Ladentisch stand der Inhaber des Geschäftes, Herr Emil Naujok.
Eine düstere Melancholie breitete sich heute über sein bartloses, rosig-fettqlänzendes Gesicht, und von Zeit zu Zeit fuhr er sich'mit den kurzen Wurstfingern über die blanke Stirn, als wollte er schwere Sorgen verscheuchen. Tie Ladenglocke klang und ein sauber gekleidetes, adrettes Dienstmädchen trat ein.
Mit einem schnellen Blick erkannte sie, daß Herr Naujok sein Embvnpoint in einen schwarzen Anzug gepreßt hatte und daß er um den Arm einen Flor trug.
„Ein Pfund gemischten Aufschnitt: aber pickst so viel Wurst dazwischen!" begann die Küchenfee und fuhr neugierig fort: „Hab'n Sie Trauer?"
Nenjok nickte schwermütig, und während er von einem apvetitlichen gekochten Schinken große Scheiben heruntersäbefte, antwortete er mit tonloser Stimme:
Ja die Alle ist gestorben! Heute morgen, kurz nach Mitternacht segnete sie das Zeitliche."
Er schneuzte sich gerührt und wippte die schmken- scheiben mit der Messerklinge auf den Bogen Felt- papier. Nachdem das Dienstmädchen abgefertigt war, weilte Naujok wieder allein in seinem Reich. So tief nahmen ihn seine Gedanken gefangen, daß er es ruhig duldete, wie sich ein paar Brnmnier auf dem Tilsiter Käse niederließen.
Dämmerig wurde es in dem niedrigen Raum: aus der Straße ging mit klappendem Schritt der Laternen- anstecker vorüber; aber Emil Naujok bemerkte es nicht. Seine Gedanken weilten bei der stillen Schläferin, die oben, in dem Zimmer über dem Laden, auf dem Totenbette' lag. Eine strenge, wortkarge Frau war seine Mutter gewesen: ihr zäher Fleiß vor allem hatte das kleine Geschäft auf seine jetzige Höhe gebracht, daß es sich in den besseren Kreisen besonderer Beliebtheit erfreute.
Jeder Kunde hatte die „Alte", wie sie kurzweg genannt wurde, gekannt: denn noch bis vor wenigen
Wochen hatte sie hinter dem Ladentische das Regiment geführt. Alle hatten unter ihrer Fuchtel gestanden. Nur ihr Sohn hatte sich anfangs dagegen gesträubt: aber zuletzt hatte auch er sich gedemütigt wie ein getretener Hund, und seine Stellung war nicht besser gewesen wie die eines Angestellten. Sein einziger Trost war, daß ihm das Geschäft doch zufallen mußte, wenn „die Alte einmal abklappte".
Nun hatte seine schleichernatnr das Ziel erreicht, und wenn sein Schmerz daher auch nicht sehr groß
dent schreibt, daß die deutsche Hochseeflotte, die von Kiel nach der norwegischen Küste gedampft war, von einer britischen Turbinen-Zerstör er- d i v i s i o n begleitet wurde, die, fächerartig aus gebreitet, nie auch nur für.einen Augenblick ivährend der Gefahrperiode ihre Bewegungen aus den Augen verlor."
Die Verantwortung für diese Nachricht, die, wenn sie wahr wäre, auf eine geradezu t e u f l i s ch e Gesinnung schließen ließe, muß natürlich dem genannten Blatte überlassen werden. Aber man denke an den bekannten Ausspruch eines englischen Politikers, daß die englischen Streitkräfte früher vor den deutschen Flußmündungen sein würden als die Nachricht vom Kriegsausbruch in Berlin.
Der I I o t t e n v e r e i n glaubt nun an, die Möglichkeit folgenden Vorganges: Während die deutsche
Flotte ahnungslos, ohne jede kriegsmäßige Sicherung, dem allsommerlichen Erholungshafen zudampft, trifft bei der jenseits des Horizonts dampfenden Zerstörerdivision der direkt von der Admiralität in London kommende chfffrijerte funkentekegraphischv Befehls ein, die erstere anzugreifen. Binnen einer Stunde ist sie soweit vorausgedampft,, daß sie als scheinbar friedlicher Gegensegler von vorn kommend an ihrem ahnungslosen Gegner vorbeidampfen und in voller Sicherheit ihre tödlichen Geschosse absende n kann. Die deutsche Hochseeflotte, .der Hauptbestandteil der deutschen Seemacht, .ist vernichtet, noch ehe jemand in Deutschland an eine Kriegsmöglichkeit dachte!
Dazu bemerkt sehr richtig die „Kieler Zeitung": Ja, wer nimmt denn an, daß die deutsche Hochseeflotte „ahnungslos, ohne! jede kriegsmäßige Sicherung, dem allsommerlichrn Erhiolungshafen zudampft"? — Die deutsche Marine arbeitet stiller als die englische. Wer daraus schließt, daß sie irgendwie und irgendwo -überrascht werden könnte, mag das ruhig tun. Vielleicht soll die obige Meldung über englische Vorbereitungeil aber nur ein Versuch sein, nachträglich zu erfahren, welche Vorbereitungen auf deutscher Seite getroffen waren. Unsere Marine wird sich hüten, die Neugier ausländischer Zeitungen zu befriedigen.
Die Angelegenheit Trnnl».
Uns wird von wohlunterrichteter Seite geschrieben: Über die Vernehmung des Pfarrers Lic. Traub durch das Konsistorium in Breslau, die noch gar nicht stattgefunden hat, gehen verschiedene Mitteilungen durch die Blätter. Vorläufig hat nur eine Vernehmung durch den U n t e r s u ch u n g s k o m m i s s a r statt- gefunden: in dieser hat Pfarrer Traub- sich zwei Tage hindurch ausführlich äußern können,, und ist recht fr e u n d I i ch behandelt worden. Über den Inhalt der Vernehmung wird Stillschweigen beobachtet. Es würde auch wenig interessieren, da es sich lediglich um angebliche Beleidigungen gehandelt hat. Tie Vernehmung gehört noch zur Voruntersuchung. Jetzt steht noch die Vernehmung weiterer Zeugen bevor, und so dürste noch einige Zeit vergehen, bis der Angeschuldigte sich in einen Angeklagten verwandelt und ihm die Anklageschrift zugestellt wird. Ganz abwegig
war, so hielt er es dennoch für angebracht, den Schwer- betroffenen zu spielen. Es konnte ihm nur dienlich sein, wenn die „Marie", die bei „Regierungsrats" diente, oder die „Rest" von „Professors" im Hause erzählte, wie schmerzlich der Sohn den Heimgang der Mutter betrauerte.
Irgendwo in der Nähe schlug eine Kirchenuhr.
Die sieben hallenden Schläge brachten Naujok in die Wirklichkeit zurück. Langsam machte er sich daran, die Gasflammen anzuzünden. Noch hatte er dies Geschäft nicht beendet, als die Ladenglocke ging und ein Mann eintrat. Ein scharfer Beobachter hätte sofort eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Eintretenden und dem Delikates.setthändler heransgefunden,
Naujok stand noch auf dem Stuhl, den Rücken der Tür zugewendet, und bemühte sich, auf den Zehenspitzen stehend, die Lampen zum Brennen zu bringen.
Erst als ihm sein Vorhaben gelungen war, kletterte er herunter: aber wie er den Kopf wandte und in das Gesicht des andern blickte, zitterte seine Hand, die noch die Stuhllehne gefaßt hielt, und die stumpfe Trauer in seinen Zügen machte einem Ausdruck peinlichster Überraschung Platz.
Alles andere hatte er erwartet, als heute seinen Bruder, die „Schande" der Familie, wiederzusehen.
Friedrich Naujok war aus anderem Holze geschnitten als der fast ebenso alte Emil. Noch bei Lebzeiten des Vaters war er gegen den Willen der Eltern zur See gegangen. Ter alte Naujok, der genau wie seine Frau keinen Widerspruch duldete, hatte dem ungehorsamen Sohn im ersten Zorn das Haus verboten
