Nitsba-mr Tsgblatt.
m-rg-nt 12 Äl!§MÄkü. ®C§i*Ütti)Ct 1852. Lon 8 Uhr morge^bis^«^ -rmd».
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91 *. 561 .
Freitag, 1 Dezember 1911.
59. Jahrgang.
Morgen ° klusgabe.
1. SSfatf.
Politische Übersicht.
5t* Uarteio-rschiebungen int Reichstag.
Im Hinblick auf die nahen Reichstagswahlen ist es von besonderem Interesse zu sehen, in welchem Umfang seit dem Beginn der Legislaturperiode im Reichstag durch dre Ersatzwahlen Veränderungen, in der Stärke der Fraktionen erfolgt sind. Seit den Wahlen von 1907 sind im ganzen 48 Reichstagsersatzwahlen erforderlich gewesen. Mit Rücksicht auf den unurittel- bar bevorjlehendeir Abschluß der Reichstagsverhand- lungen findet in Homberg-Fritzlar eine Ersatzwahl an Stelle des verstorbenen Abg. Liebermann v. Sonnerr- berg nicht mehr statt. Von 48 Reichstagsersatzwahlen sind 30 für die Partei, die im Besitz des Mandats war, erfolgreich gewesen, 18 haben mit einem Verlust des Mandats geendet. In 18 Wahlkreisen ist also seit 1007 eine P a r. t e i v e r s ch i e b u n g erfolgt. Die Konservativen und C h r i st l i ch - S o z i a I e n erzielten nicht einen einzigen Gewinn, verloren aber vier Mandate: Emden-Norden und Labian-
Wehlau an die Fortschrittliche Bolkspartei, Siegen und Oletzko-Lyck an die Nationalliberalen. Die Antisemiten gewannen gleichfalls nirgends ein neues Mandat, verloren aber zwei Wahlkreise: Eisenach und Zschopau-Marienberg an die Sozialdemokraten. Das Mandat des Bundes der Landwirte für Alzeg- Bingen ging nach dem Tode des Abgeordneten Keller an das Zentrum über. Neben diesen: Mandatsgewinn hatte das Zentrum drei einpfmdliche Verluste zu verzeichnen: ES verlor Jmmenstadt und Konstanz an
die Nationalliberalen, Düsseldorf an die Sozialdemo- kraten. Die Polen hatten weder Verluste noch Gewinne zu verzeichnen. Die Welsen eroberten Syke- Hoya-Verden von den Nationalliberalen.
Die Nation a I liberalen gewannen vier Mandate: Siegen von den Christlich-Sozialen, Oletzko- Lyck von den Konservativen, Jmmenstadt und Konstanz vom Zentrum. Sie büßten aber sechs Mandate ein: an die Welfen Syke-Hoya-Derden und an die Sozialdemokraten Landau, Cannstadt, Koburg, Friedberg- Büdlngen und Franksurt-Lebus. Tie Fortschrittliche Dolkspartei verlor an die Sozialdemokratien Ückärnründe-Usedow-Wollin und Halle, gewann aber von den Konservativen Emden-Norden und Labrau-Wehlau. Tie Sozialdemokraten endlich gewannen zehn Mandate: zwei von den Antisemiten (Eisenach und Zschopau-Marienberg), zwei von der Fortschrittlichen Volkspartei (Ückermünde- Usedom-Wollin und Halle), fünf von beit Nationallibe
ralen (Landau, Koburg, Friedberg, Cannstatt, Franksurt-Lebus) und schließlich vom Zentrum Düsseldorf. Das Ergebnis der 18 Reichstagsersatzwahlen wird also verdeutlicht durch folgende Übersicht:
Die Parteien gewannen verloren
Konservative — 4
Antisemiten ...... — 2
Bund der Landwirte ... — 1
Zentrum ....... 1 3
Welfen ........ 1 —
Nationalliberale .... 4 6
Fortschrittliche Volkspartei . 2 2
Sozialdemokraten . . . . 10 —
18 18
Der schwarzblaue Block hat also, wenn man absieht von dem Mandatszuwachs des Zentrums in Alzey- Bingen, der der „widernatürlichen" Unterstützung durch die Nationalliberalen zu danken ist, lediglich Verluste erlitten. Um sieben Stimmen hat sich seit Januar 1907 die Mehrheit der Konservativen und deK Zentrums vermindert, wobei zu berücksichtigen ist, daß von den zehn Mandaten, die der Sozialdemokratie in Reichstagsersatzwahlen zuqefallen sind, nicht ein einziges errungen wurde, so I a n ge F ü r st Bülow im Amte war. Alle zehn sind von der Sozialdemokratie erst nach der Sprengung des Bülow- Blocks erobert worden unter der Herrschaft der konservativ-klerikalen Mehrheit.
Zirm Mahlanfrnf des Kriegerdrmdes.
In der „Kyffhäuser-Korrespondenz", dem Organ der deutschen Landes-Krregerverbände, finden wir einen Wahlaufruf des Vorstandes des deutschen Kriegerbundes, unterzeichnet v. Lindequist, abgedruckt, in dem den Kameraden ihr Verhalten bei den bevorstehenden Wanten vorgeschrieben wird. Es wird daselbst erklärt, daß in den Kriegerveveinen auch zu Wahlzeiten von den Unterschieden der bürgerlichen nationalen Parteien und ihrer Bekämpfung untereinander keine Rede sein dürfe, jeder Kamerad sei vollkommen frei, innerhalb dieser Parteien sich zu betätigen und M wählen, . wen er wolle. Ein Unterschied aber wird gemacht gegenüber der: Welfe n, den
„G r o ß p o I e n" und den S o z i a I d e mo k r a t e n, die Von den Kameraden wegen ihrer politischen Bestrebungen nicht gewählt werden dürften.
Diese Vorschriften des Kriegerbnndes für seine Mitglieder sind ja auch bei früheren Gelegenheiten erfolgt und sollen daher hier nicht weiter erörtert werden. Es wird dann aber noch in dem Wahlaufruf hinzugefügt, daß die obigen Verhaltungsmaßregel sowohl für die Hauptwahlen wie für die Stichwahlen gelte. Auch bei den Stichwahlen sei die Wahl eines Sozialdemokraten usw. mit den Satzungen des Kriegervereinswesens unvereinbar. Schließlich wird aber dann auf
gefordert: „Gehe ein jeder zur Wahl, zur Hauptwahl wie zur Stichwahl!" — Hier wird also wieder der alte und scheinbar nicht ausrottbare Fehler begangen, daß man den Wählern ihre Stellungnahme bei den ®t i ch- Wahlen als Ausdruck ihrer politischen Übe r- z e u g u n g ankreiden möchte. Diese Auffassung ist aber durchaus abwegig. Ter deutsche Wähler bringt seine politische Überzeugung bei der HauPt- w a h l zum Ausdruck, indem er für den Kandidaten der Partei eintritt, der er angehört oder innerlich am nächsten steht. Fällt dieser Kandidat infolge des Ergebnisses der Hauptwahl aus, so hat der Wähler bei der Stichwahl unter allen ümständen zwischen zlvei Kandidaten zu entscheiden, die nicht zu seiner politischen Richtung gehören und die er am Tage . vorher vielleicht beide noch scharf bekämpft hat. Bei seiner Stichwahlentscheidung kommt daher nicht mehr die politische Überzeugung, sondern die politische Takt i k zu ihrem Rechte: die Wahl welches der beiden Kandidaten ist für die von mir vertretene politische Gesamt- anschauung die relativ noch am wenigsten schlechte? Die Wahl des einen oder des anderen schließt die nach wie vor bestehende Gegnerschaft gegen die grundlegenden Ideen der gewählten Partei nicht aus. _ Ein Liberaler wird nicht konservativ, weil er aus irgendeiner politischen Situation heraus bei der Stichwahl, einmal konservativ gewählt hat: er wird ebenso wenig Zentrumsmann oder Sozialdemokrat, weil er einer dieser beiden Parteien aus einer anderen politischen Gesamtlage heraus gelegentlich seine Stimn:e zugewandt hat. Ein ganz oberflächliches Nachdenken schon müßte auch den Vorstand des Kriegerbundes zu dieser Einsicht führen. Seine Parole aber bedeutet einen Eingriff in die Stichwahlrechte von Mitgliedern, die durchaus den Grundsätzen der Kriegervereine treu sind, sich aber ihre Stellungnahme bei den Stichwahlen aus den ,vorgenannten Erwägungen heraus als Mitglieder ihrer bürgerlichen Partei Vorbehalten müssen.
Ein Ktimmirngsbild aus Vekirrg
stellt man uns mit dem folgenden, vom 9. November datierten Privatbriefe aus der chinesischen Hauptstadt zur Verfügung: ,,. . . Zeitungsausschnitte lege ich bei, was diese aber nicht beschreiben können, ist das Gefühl der Ungewißheit, dies „je ne sais pas fpioi", was auf der ganzen Situation ruht. Daß es auch hier losgehen wird, darüber ist kein Zweifel, aber wann?. Die Chinesen und Mandschus sind wie aus dem Häuschen. Alles, was einen Freund, sei er Engländer, Deutscher, Franzose oder Japaner, im Gesandtschaftsviertel besitzt, kommt zu ihm gelaufen und fleht um Erlaubnis, Kisten und Kasten bei ihm unterbringen zu dürfen, oder im Ernstfall selber sich unterzustellen. Täglich , ziehen Laufende von Chinesen mit sack und Pack von hier weg nach Tientsin mit der Bahn. Man nimmt an, daß über 200000 Menschen aus Peking soeben in
Feuilleton.
Btziers lMdsraickreichl.
Von A. de Lancy.
Böziers macht in jedem Sommer viel von sich roden, weil es in einer Woche eine Art großer Saison von Südfrankreich feiert. Ringsum sicht man auf der Fahrt dahin die schönsten.altfranzösischen Schlösser Mischen den üppigen Weinplantagen liegen, und man glaubt, in Böziers etwas von dieser großen Welt zu sehen. Das aber ist nicht der Fall. Die vornehme Welt geht zu den Festspielen nach Orange. Böziers ist volkstümlicher, der reiche Bürger, der reiche Landmann und Weinbauer will sich hier amüsieren, ehe die Weinernte beginnt. Die Feste von Böziers sind im eigentlichen Sinne Volksfeste, die großen Dramen und Opern in der Arena stehen nicht auf der klassischen Höhe von Orange. Sie sind froher, farbiger, mehr Klingklang, mchr Dekors. Aber für den, der einmal das Volksleben des südlichen Frankreich kennen lernen will, find sie nicht ohne Reiz.
Boziers ist «ine alte, historische Stadt, ihr moderner Teil ist sehr häßlich, verstaubt, unsauber, ganz öde Straßen neben ein paar schönen Avenuen, heiß und unansehnlich. Die Lage der Stadt aber, ans einem Bergabhang, ist sehr schön. Der Canal du Midi durchschneidet hier 'den Ort; das ist der kommerzielle Stützpunkt der Stadt. Landschaftlich ist diese Flußkrcuzung reizend, ein großer schöner Viadukt, die Schleusen von Fonseranne. überall, wo Boziers Wasser Hai, ist es höchst anmutig und von 'ganz anderem Charakter als die staubige moderne Stadt.
So sind die Ufer des Orb mit ihren Pappeln und Wiesen entzückend, die alte Brücke mit ihren Schiffen und Kähnen und Ladeplätzen, ihren altertümlichen Bogen, ihrer grünen Umsäumung von rundem Gebüsch und schlanken durchsichtigen Pappeln. Am Orb liegt wie ein Traum aus alter Zeit oder ei«- MtterstüSdekoraiion die Mühle Cor-
dier mit ihren wunderlichen Bauten. Ganz modern in schlanken, spielenden Linien der Eisenkonstrnktion dagegen baut sich zwischen den Büschen der Pont de Marolles aus.
B-ziers ist eine alte. Gallierstadt. Um 418 eroberten die Westgoten die Stadt, 725 die Sarazenen, dann kam sie unter die Herrschaft der Franken; schon Karl Märtel eroberte und zerstörte sie, Pepin erbaute sie von neuem. Seine große Zeit hat Böziers vom 11. bis 13. Jahrhundert gehabt, als die Grafen von Böziers das Land mit Albi und Carcassonne zu einer starken Herrschaft vereinigten und Carcassonne und Böziers befestigten. Die wundervollen Burgen von Carcassonne blieben aus dieser Zeit erhalten. Die Grafen von Böziers vereinigten sich mit den Grasen von Toulons« und dem König von Aragon. Bald aber begannen die Alliierten sich zu verfeinden, und 1209 wurde Böziers von den vereinigten Grafen eingeäschert, die Stadt zerstört, die Bürger niödergemetzelt. Man gab die Grafschaft Böziers an Simon von Montfort, dann an Ludwig XIII. Damit hörte «die Selbständigkeit der Stadt auf.
, 1633 wurde die Stadt auch ihrer Befestigungen beraubt, da sie ein Hauptstützpunl't der Reformation geworden war und sich an vielen Revolten, auch der von Montororency beteiligt hatte. Trotz ihrer dominierenden Kirchen ist sie noch heut« ein« protestantische Stadt. Diese alten Kirchen sind indessen sehr schön und ihr dekorativer Schmuck, vor allem die Kathedrale St. Nozaire, ein fvühgotischer Ban, der zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert ferttggestellt wurde und in seinen Hauptformen die ersten Linien der Frühgotik, in seinen Ausbauten, Türen, Fenstern, Säulen eine spätere Stilsorm zeigt. Besonders schön ist die Fassade der Apsis, doch ist sie leider durch zu nahe Häuser stark verdeckt. St. Rezaire besitzt ein Kloster, ein Museum und viele bemerkenswerte Kunstschätze. In der alten Madelaine wurden 1209 mehr als 7600 Flüchtling« niedergemacht; sie hat ein« Geschichte wie der Dom von Magdeburg. Ihre blutgetränkten Reste wurden im 18. Jahrhundert neu ausgebaut. Der heilige AphrMsius war der erste Bischof von Böziers, der der Römerkolonie das Christentum brachte. Ihm wurde
die älteste Kirche der Stadt, St. Aphrodise, gebaut. Man datiert sie auf das 7. Jahrhundert. Sie war die erst« Kathedrale der Stadt, aber 750 zogen die Bischöfe nach St. Nozaire und ernannten die neue Kirche zu ihrer Residenz. Die Kirche St. Jacques wurde im 9. Jahrhunden erbaut, sie ist ein Prachtwerk romanischer Barckunft. Auch hier fft di« Apsis besonders schön. Ihr Presbyterium ist berühmt. Ern feines Stück gotischer Baukunst ist ferner die Kapelle der Blauen Pönitenzier.
Aus dem 17. Jahrhundert besitzt Böziers ein schönes Bandokument in seinem Rathaus. Die moderne Zeit gab der Stadt einige hübsche Bauten. Paul Riquet, der glänzende Architekt und Erbauer des Canal du Midi, erhielt eine Statue von David d'Angers, der auch die Fassade des Theaters entwarf. Nach Riquet heißt die große Avenue, die vom Theater zum Plateau des Potztes geht und im Schatten ihrer breiten Platanen lange Reihen von Cafös und Bars besitzt; die Linden von Böziers. Das Plateau des Post es sind hübsche Anlagen, Park und Terraffen, «ine Fassade mit Skulpturenschmuck, eine hübsche Fontäne; Kind mit Fisch in Bronze, eine große Titanengrotte, das Ganze ein erfrischendes, hübsches Ensemble, ein kleiner, anmutiger und abwechslungsreicher Spaziergang.
Böziers hat durch seine glänzende Lage die Krise überwunden, die die Kulturen so vieler alter Städte der Neuzeit zum Opfer werden läßt. Der Canal du Midi, die Nähe des Meeres, die durch den Kanal geschaffene Verbindung Mt dem Rhone nach der einen Seite des Landes, der Garomre nach der anderen Seite, machen die Stadt zu einem kommerziellen Mittelpunkt. Mitten tot reichsten Weinlaud gelegen, ist es recht eigentlich der Weinmarkt für das Inland und das Ausland, und man schätzt, daß die Abschlüsse an den Freitagen der Weinmärkte über eine halbe Million hinausgehen. Die reiche Umgegend beschickt diese Märkte außerdem mit Schlachtvieh, Kom und Futter.
Eine Stadt mit einer so viel bewegten historischen Vergangenheit, mit solcher Leidenschaftlichkeit der Geschichte hat auch eine Reihe von bedeutenden Menschen hervorgebrächt.
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