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Verlag Sanggaffe St
„Tagblatt-Hirus".
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Nr. 547 .
Mittwoch, 22 . November 1911.
59 . Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Wt'crtt.____
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Der bayerische Sturm.
Bon !>. Müller-Meiningen, M. d. R.
Seit 42 Jahren die erste Landtagsauflösung in Bayern! Das sagt alles. Der Grund ist bekannt. Zunächst eine kleinliche Lappalie, hinter der die große Frage der endgültigen Vergewaltigung der bayerischen Regierung und der bayerischen nichtklerikalen Beamten- und Lehrerschaft als eigentlicher Kernpunkt des Kampfes stand. Tie blutige Niederlage, die in den letzten Wochen der übermütige Klerikalismus in den Kämpfen um die Koalitionsfreiheit der Beamten und der Arbeiter sich geholt hatte, hatte ihn ganz toll gernacht.
Jetzt geht ein frischer fröhlicher Kampfesgeist durch die bayerischen Lande. Jetzt oder nie, heißt die Losung. Die Sache steht für die Linksparteien schwierig, aber nicht verzweifelt. Gelingt der „Großblock" von Vollmar bis zu den Bündlern? Oder reicht er nur bis zu den Nationalliberalen? Das ist die Frage, deren Beantwortung heute noch nicht möglich ist. Das Zusammengehen der Linksparteien ist so gut wie sicher. Für die anderen nichtklerikalen Parteien steht die Partie gefährlich: die neue bayerische Reichspartei wird jetzt zeigen, wes Geistes Kind sie ist. Die Bündler, die Konservativen usw. stehen vor einer ungemein wichtigen Entscheidung. Sie trifft vor der Geschichte die volle Verantwortung für die etwaige E r - Neuerung der klerikalen Herrschaft. Sie wird der Fluch des ganzen antiultramontanen Volkes treffen, wenn sie sich von neuem auf die Seite der Orterer, Pichler und Genossen stellen.
Die Stinmmng ist gut; der Übermut der Klerikalen war zu groß geworden. Das Volk beginnt zu erwachen. Tie Wahlen, die anfangs Februar stattflnden werden, werden freilich eine Agitation und Arbeit fordern, wie sie bisher wohl ohnegleichen war. Dafür zeugt uns der Ton, den heute schon die Klerikalen anschlagen. Bald heult es wieder durch das Land: „Die Religion ist in Gefahr!" Selbst der ehrwürdige Regent, der den Ausschlag zur Tat gab, wird von den Stützen für Thron und Altar nicht geschont. Wie wird es erst werden, wenn die untere Soldateska, die Kaplanokratie, losge- lassen? Aber bange machen gilt nicht! So viele Hindernisse sich gegen uns auftürmen: feste Ent
schlossenheit beherrscht die Linksparteien. Es muß sein! Koste es, was es'wolle: die bisherige ultramontane Zwingburg muß fallen! Und fällt sie nicht auf einmal, der Anfang dazu muß gemacht werden. Wir sind uns dabei bewußt, daß es sich um weit mehr handelt als um Bayerns Zukunft: Es handelt sich um eine gr,ße deutsche Frage, dem stetig vorwärts-
Feuilletorr.
Heinrich von MeistZ Tod.
Gestern sind hundert Jahre verflossen seit jenem „größten Unglückstage des deutschen Dramas", da Heinrich von Kleist im Anfang seines 35. Lebensjahres seinem Dasein ein gewaltsames Ziel fetzte. Unendlich viel ist über diesen Tod geschrieben worden, der die höchste Hoffnung der deutschen Dichtung vernichtete. Der Künstler, der soeben im „Prinzen von Homburg" sein Meisterwerk harmonischer Gestaltung und dramatischer, innerlicher Größe gegeben hatte, verzweifelte gerade in dem Augenblick, da die Muse ihm den so lange ersehnten Lorbeerkranz reifer Schönheit aufs Haupt drückte. Doch war dies Ende letzten Endes kein zufälliges, sondern tief im Wesen dieses tragischen Charakters begründet. Mit Todesgodanken hat sich Kleist immer getragen. Die Vorstellung eines Scheidens aus diesem Leben kreiste schon während der geheimnisvollen Würzburger Reise in seinem Hirn; im Anblick der sterbenden Sonne rüstete er sich damals, im Falle eines Mißerfolgs (es handelte sich wohl um eine Operation) von allem, was ihm teuer war, Abschied nehmen zu müssen. Wie in dieser ersten ihn tief aufwühlenden und zerwühlenden Krise, so tritt dann in den anderen Konfliktsperioden seines ungestümen und vergeblichen Ringens mit den Dämonen in sich und itm sich der Freitod als tröstender Gefährte in seine Phantasten, der ihm die Pforte zu Ruhe und Frieden öffnet. In dem qualvollen Soelenkamps um den „Guiskard", in dem seine Kräfte an einem ungeheueren, dem Anfänger unerreichbaren
rückenden K l e r i k a l i s m u s an der g e f ä h r - l i ch sie n Ecke Deutschlands ein Halt zu gebieten. Und diese große Aufgabe gibt uns trotz der großen Hindernisse, trotz einer über alle Maßen ungerechten Wahlkreiseinteilung Mut und Tatkraft, um an dem, siegreichen Ausgang unseres Kampfes nicht zu verzweifeln.
Politische Werstcht-
Eine «nertzörts Ksieidigung dss deutschen UoUrro.
Vor einigen Tagen berichtete ein westdeutsches Blatt, daß das politische Lokottum aus Galizien einige hervorragende Vertreter nach Deutschland, zumal tn das rheinisch-westfälische Industriegebiet, senden wolle, uni die deutschen Sokolgruppen zu besuchen und für ihren weiteren Ausbau zu beraten. Demgegenüber machen die „Mitt-mluN'gen des Vereins für das Deutschtum im Ausland" aus folgende Tatsachen aufmerksam. In Lemberg erschien bereits im vorigen Jahre eine Ansichtskarte, die einen Sokol in voller Tracht (rotes Hemd und. Barett mit Falkenfeder) zeigte, der einen deutschen Soldaten mit einem furchtbaren Fußtritt zum Lande hinausbefördert, so daß Pickelhaube und Gewehr des Stürzenden über die Erde rollen. Dieser Unverschämtheit hat das galizische Sokoltum nun, offenbar dadurch ermutigt, daß sie unbeanstandet blieb, eine unerhörte Beleidigung des deutschen Volkes folgen lassen. Vor kurzen! erschien in Lemberg im gleichen Verlag und gleicher Ausmachung eine zweite Karte. Sie zeigt einen tot niedergestreckten deutschen Soldaten, dessen Blut den Boden rötet. Über ihm steht triumphierend der siegreiche Sokol, den einen Fuß auf dem Leib des getöteten Feindes, und schwenkt die polnische Fahne. Darunter eine polnische Inschrift, deren Übersetzung lautet: „Mit.Gewalt werden wir es ihnen nehmen!"
Hier wird also offen verkündet: Ter Feind ist der
Deutsche, Sokotkraft wird das deutsche Heer siegreich überwinden, und der Siegespreis, der preußische Osten, „Pveußisch-Polen", wird ihnen, den Deutschen, mit Gewalt entrissen werden! Das ist ein offenes Geständnis der letzten Ziele des Sokoltums, für das wir den übermütigen Herren Polen in Galizien Tank schulden. Tie deutschen Gemeinden, die im naiven Glauben an die rein turnerischen Zwecke dieser Milizarmee der zukünftigen polnischen Erhebung, den Sokols, ihre Turnhallen überlassen, werden hoffentlich ihre Beschlüsse revidieren. Aber es ist doch im höchsten Grade befremdend, daß diese Karten, die in Lemberg usw. offen verkauft werden, der Beachtung der k. k. österreichischen Behörden entgangen sind, ja daß sie sogar, wie die uns vorliegenden zeigen, von den Kaiserlichen Postämtern des uns befreundeten und Verbündeten -Österreich anstandslos gestempelt und befördert werden. Sollte unserem Kaiserlicheri deutschen Generalkonsulat in Lemberg diese Angelegenheit unbekannt geblieben sein? Wir erwarten dringend eine Aufklärung und ein entschiedenes Einschreiten gegen diese brutale Verhöhnung unseres deutschen Empfindens aus dem Boden eines verbündeten Staates!
poetischen Ziele anfgerieben werden, ist wieder die Sehnsucht nach dem Tode da.
„Ich kann mich Deiner Freundschaft nicht würdig zeigen", schrieb -er an die geliebte Schwester Ulrike, „ich kann ohne diese Freundschaft doch nicht leben; ich stürze mich in den Tyd. Sei ruhig. Du Erhabene, ich werde d-n schönen Tod der Schlachten sterben." Und aus Königsberg ergeht in dem nächstfolgenden Ausbruch seiner Gemüts-Verwirrungen die Aufforderung an den Freund Rühle: „Komm,
laß uns etwas Gutes tun und dabei sterben.Es ist,
als ob wir aus einem Zimmer in das andere gehen."
Sein Unsterblichkeitsglaube gipfelte in der Überzeugung, daß ihn um eines Selbstmords willen keine Strafe im Jenseits erwarte. Nun ist es aber eine sich ebenfalls schon früh bemerkbar machende Eigentümlichkeit Kleists, daß er den großen Schritt in das andere Zimmer nicht allein tun will. Aus der Schweizer Reise hatte er Pfuel bestürmt, mit ihm gemeinsam in den Tod zu gehen; später stellte er öfters das gleiche Ansinnen an seine Cousine Marie von Kleist. Es war sin verhängnisvolles Zusammentreffen, daß nach dem traMiaen Zusammenbruch all seiner Hoffnungen, die er auf die Herausgabe der „Berliner Abendblätter" gesetzt hatte, sich ihm eine Genossin zur Wanderung ins unbekannte Land ausdrängte. Es war die Frau des Rendanten Louis Vogel, Adolfine Henriette, weder jung noch hübsch, aber musikalisch begabt und schwärmerisch sich einlebend in Kleists damals krankhaft übersteigerte Ideenwelt, dazu in sich die furchtbare Krebskvankheit verspürend, die ihr ein qualvoll häßliches Ende bestimmte. Pfuel hat das Eingreäsen dieser Todesge- fährtin „als eine dumme Zufälligkeit" bezeichnet und ist insofern im Recht, als sie wohl den Ausschlag gab für die Ausführung des unseligen Plans.
Das Debüt der- Artillerie dev Kufte.
Über die Möglichkeit der Treffsicherheit von aus Flugmaschinen geschleuderten Bomben gingen die Men nnngen der militärischen Sachverständigen bisher weit auseinander. Die Praxis gibt jetzt der theoretischen Erörterung eine neue Grundlage: zum erstenmal sind, in einem wirklichen Krieg von einer Flugmaschine aus Bomben auf den Feind geschleudert worden, und _ es zeigte sich, daß die Tressmöglichkeiten viel günstiger! sind, als man anzunehmen geneigt war. Ter italienische Fliegerleutnant Gavotti, über dessen Bombenwürfe aus der Flugmaschine aus Tripolis bereits kurz gemeldet wurde, hat dem Kriegskorrespondenten der „Stampa" eiue interessante Schilderung seines Fluges und der Bombenwürfe gegeben. „Gegen 7 Uhr verließ ich mit meinem „Etrich" dön Schuppen und nach einem Flug über den Hasen nahm ich die Richtung nach Süd- Westen und richtete das Steuer auf die Oase von Am Zara, ivo ich bei früheren Flügen schon mehrfach ein feindliches Lager beobachtet hatte. Ich führte an Bord vier von den neuen, soeben erst aus Italien einge- trosfenen Handbomben. Bisher hatte noch kein einziger Versuch • mit Bombenwürfen stattgefunden, meine Flugmaschine hatte auch keine Vorrichtung zur Aufbewahrung der Projektile und zum Schleudern. Tie Bomben sind aus Stahl, dabei nur wenig größer als etwa eine Apfelsine, die Füllung besteht aus Pikrinsäure, die sich bei einem Stoß aus die angebrachten Metallbolzen mit Hilfe von Quecksilber entzündet. Jede Bombe wiegt etwa ein Kilogramm. Ich benutzte bei meinem Fluge, zur Unterbringung der Bomben mein Toilettenecessaire, in das ich drei der Geschosse einwickelte, das vierte steckte ich in die Tasche. Der Tag war ruhig, windlos, aber mein Motor arbeitete nicht ganz gut; ich mußte fortwährend mit dem Höhensteuei: arbeiten, um mich in einer Höhe von 700 Meter zu halten. In wenigen Minuten hatte ich die Oase von Am Zara erreicht und sah zwischen den Palmen die aufgeschlagenen Zelte. Ich beobachtete eine Anhäufung von gegen 1500 Menschen. Erst überflog ich in gerader Linie das Lager, kehrte dann aber in einem Bogen zurück, und schleuderte von meiner Flugmaschine aus eine Bombe auf die Stelle, wo das Gedränge am dichtesten war. Da ich unter, meiner Maschine vor dem Sitze durchsichtige Zelluloidplatten angebracht hatte, konnte ich das Projektil fallen sehen. Meine Maschine flog mit 100 Kilonieter Stnndengeschwindigkeit weiter, und ich verlor natürlich das Geschoß aus dem Auge; aber wenige Sekunden später sah ich durch die Zelluloidplatten inmitten des Gedränges schwarze Rauchwolken emporschießen: die Bombe war krepiert. Ich wiederholte das noch zweimal. Über die Wirkung kann ich natürlich nichts sagen, weil ich aus der großen Höhe und bei der großen Fluggeschwindigkeit nicht die Einzelheiten dessen beobachten konnte, was unter mir vorging. Die Explosionen erfolgten jedenfalls an den Stellen, die ich hatte treffen wollen. Auf dem Heim- sluge schleuderte ich die letzte Bombe aus die -Stellung von Hani, wo ich eine Gruppe von feindlichen -Loldaten sah. Das Flugzeug zeigte in dem Augenblick des Schleud-erns nicht die geringste Störung des Gleich-
Am 20. November 1811 um 2 Uhr nachmittags kam das selbstmörderische Paar in dem Gasthaus zu Stimmings an, bei der kurzen Landenge, die dm kleinen und den großen Wannsee trennt. Dem Wirt schienen die Ausflügler ein ausnehmend lustiges Liebespaar, das uin dm See spazierte, aß und trank, viel plauderte und scherzte. Die ganze Nacht über hatten sie Licht in den zwei Zimmern, die sie gemietet hatten; der Hausknecht sah sie beständig auf uud ab gehen. Eine gequälte grelle Lustigkeit, wohl noch gesteigert durch den Rum, dem sie zusprachen, klingt in den Abschiedsbrics-cn an, die die „fröhlichen Lustschiffer" zusammen in der „grünen Stube" an eine Freundin Frau Müller und an den Kriegsrat Peauilhen, einen Freund der Familie Vogel.
. richteten. „Wir, unsererseits", schreibt Kleist, „wollen nichts von den Freuden dieser Welt wissen und träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in deren Schimmer wir, mit langen Flügeln an den Schultern, umhevwandeln werden. Adieu!" Und Henriette fügt ein spielendes Berschen bei in Erwartung, „bald ihre große Entdeckungsreise anzutreten". Mit kaltem Blut gibt der Dichter noch einige Verfügungen; er sorgt dafür, daß sein Barbier für den lausenden Monat bezahlt wird und vermacht seinem Wirt ein kleines Andenken.
Uber die Gründe seines Todes hatte er sich bereits vorher in einem Briese an Marie von Kleist geäußert. „Meine Seele ist so wund", heißt es da, „daß mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Rase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das nrir darauf schimmert. Dadurch,
daß ich mit Schönheit und Sitte, seit meiner frühesten Jugend an, in meinen Gedanken und Schreibereien, unaufhörlichen Umgang gepflogen, bin ich so empfindlich geworden, daß mich dir kleinsten Angriffe, denen das Gefühl jedes
