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Verlag Langgaffe 21 /ffc» Frrnsprecher-Rusr

«ÄÄ.«.- WWenW 12 AusgÄell. ^ Gegründet 1852. rfCgWfj!.

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Tagblatt-Hans" Nr. 6650 - 53 .

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Nr. SSI.

Sonntag, 12. November LSII.

SS. Jahrgang.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Die Politik der Woche.

Daß in allen Schichten des deutschen Volkes und sogar vis weit in die regierungstreuesten Kreise hin­ein eine starke, vielfach bis zur Erbitterung ge­steigerte Mißstimmung über den Ausgang des Marokko-Kongo-Handels herrscht, der für uns ein recht unerfreuliches Geschäft darstellt, das hat sogar wohl oder übel der Reichskanzler v. Bethmanu­tz o l I w e g in der großen Rede einräumeu müssen, mit der er die Marokkojchlacht im Reichstag eröffnest. Die weitcmsholenden Darlegungen des leitenden Staatsmannes, der bei der Attacke im Reichstag zur Rolle des Leidenden verurteilt wurde, waren zweifellos sehr geschickt, und er konnte, wenn er auf mildernde Umstände für die deutsch-französischen Ab­machungen plaidierte, manchen Setfäll bald hier, bald dort verzeichnen. Das gilt vor allen Dingen für die zweite Rede des Kanzlers am Freitag, in der er in so auffälliger und entschiedener Weise dem konservativen Führer v. Heydebrand entgegentrat. Aber die ganze Debatte, soweit man sie bisher übersehen kann, lief doch in eine so scharfe Kritik der letzten Leistung der deutschen Diplomatie aus, daß die Re­gierung, was freilich, da die Volksvertretung sich nur mit derKenntnisnahme" der Verträge zu be­fassen hat, nicht ziffernmäßig festzustellen ist, keines­falls auf eine Zustimmung hätte rechnen können. In einem Punkte aber finden sich mit der öffentlichen Meinung jedenfalls die überwiegende Mehrheit des Reichstags zusammen, daß es nämlich ein unhalt­barer Zustand ist, wenn über den Kopf der Volksvertretung hinweg über deutschen Kolo­nialbesitz verhandelt und gehandelt werden kann.

Die scharfe Kritik, die in Deutschland an dem Marokko-Kongo-Abkommen geübt worden ist und die ihren stärksten Ausdruck in dem unter so merkwürdigen Umständen erfolgten Rücktritt des Staatssekretärs v. Lindequist fand, hat ihr nicht minder bezeichnendes Gegenstück in der Befriedigung, mit welcher der Abschluß der deutsch-französischen Verhandlungen jen­seits der Vogesen.begrüßt worden ist und in dem selbstsicheren Kommentar des Ministerpräsidenten Caillaux. In den Freudenbecher der deutsch-französi­schen Verträge ist allerdings ein Wermuttropfen ge­fallen in Gestalt der soeben erfolgten Veröffentlichung des französisch-spanischen Gehei mv er-« träges. Hier bin ich und hier bleibe ich, so er­klären die Spanier, indem sie sich mit Berufung auf jene Abmachungen weigern, die von ihnen besetzten

Positioneil wieder aufzugeben, und so wird denn das ist freilich nur ein schwacher Trost im Unglück die Tunisierung des Scherifenreiches bei El Ksar und Larrasch eine Grenze finden.

Im Grunde genommen scheint also eigentlich n i e- mand volle Befriedigung über die Besitzergreifung Marokkos durch Frankreich zu empfinden, denn was die Engländer betrifft, die ihren Segen dazu gegeben haben, so kann ihnen diese Verstärkung der französi­schen Mittelmeergeltung schwerlich willkommen sein. John Bull, in diesem Falle der Minister des Aus­wärtigen Edward Grey, verwahrt sich sa auch gegen den Vorwurf, daß er irgendwie in die Verhandlungen ein- zugreifen versucht habe, und Herr v. Bethmann-Holl- weg hat ihm in seiner Reichstagsrede in dieser Be­ziehung eine gute Zensur erteilen zu müssen geglaubt, ohne daß jedoch der Fall Cartwright bisher eine Aufklärung oder gar eine Sühne in Gestalt der Ab­berufung des Botschafters von seinem Wiener Posten gefunden hat.

Im übrigen sind die Engländer dabei, sich für den Gebietszuwachs Frankreichs anderweit eine Ent­schädigung zu suchen, und sie haben sich zu diesem Zwecke nach mancherlei Unstimmigkeiten und Reibun­gen mit dem Zarenreiche verbunden. Haust du Leinen Perser, hau ich meinen Perser I mit dieser Devise rücken die Engländer im Süden und die Russen im Norden Persiens vor, Leide angeblich nur in dem edlen Be­streben, die Ruhe wieder herzustellen, die der Exschah Mohammed Ali auf Geheiß der russischen Regierung stören mußte. Und in einer Beziehung wird man jedenfalls den Russen wie den Engländern Glauben schenken müssen: sie wollen wirklich nur das Beste der Perser, ihr Landl

Die Italiener haben schon, was sie wollen, nämlich Tripolis und Zyrenaika wenigstens auf dem Papier. Freilich muß die großartig verkündete endgültige Annexion" dieser Gebiete als ein schlechter Scherz erscheinen in demselben Augenblick, wo General Caneva erklären läßt, daß er während des Winters den Zug nach dem Innern von Tripolis vorbereiten werde, der wahrscheinlich im Frühjahr beginnen dürfte. Auch wird die Frage aufzuwerfen sein, wie denn Italien setzt die Blockade dyr Küste von Tripolis und Zyrenaika rechtfertigen will, da ja nunmehr die Italiener ihr eigenes Gebiet blockieren!

Nicht bloß papierne, _ sondern sehr ernste Erfolgs sind es, welche die chinesischen Revolutio­näre gegen die M a n d sich u r e g i e r u n g erzielen, und es erscheint fast, als ob alle Versuche, dem nn- glückseligen, allzu schlecht beratenen Baby-König den Thron zu retten, scheitern sollen an der Unzuverlässig­keit der Regievungstruppen und anscheinend auch an dem undurchsichtigen Spiel, welches N u ä n s ch i k a i, der Präsident der Nationalversammlung, treibt. Wie

aber auch dieser Bürgerkrieg ausgehen sollte, so er« wachsen jedenfalls ernste Aufgaben den fremden Mächten, die leicht in die Lage kommen könnten, im Reiche der Mitte, wenn auch nicht ihre heiligsten, so doch sehr kostbare Güter zu wahren.

Deutsches Kelch.

* Tie Kundgebungen zu den Kritiken am Marokko- Abkommen. In Hamburg wurde gestern nachmittag während der Börsenzeit ein Aufruf bezüglich des Marokko-Abkommens, der von Generaldirektor Ballin, dein bekannten Sportsmanne Richard C. K r o g m a n n und etwa 40 Inhabern der ersten Ge­schäftshäuser sowie von vielen Schiffsreedern und -be- sitzern Hamburgs unterzeichnet war, für weitere Unter­schriften in Umlauf gesetzt. In -dem Aufruf heißt es u. a.: Die Kritiken, die sich an den Abschluß des Marokko-Vertrags knüpfen, drohen unserem An­sehen in der Welt gefährlich zu werden. An deut­scher Kraft und Bereitschaft muß das Ausland zwei­feln, wenn aus deutschem Munde Klagen über den Niedergang deutschen Ansehens kommen. Das Recht der Kritik in Ehren! Sie mache aber Halt vor der Ehre des deutschen Namens. Darum wenden wir uns, an Publikum und Presse mit dem dringenden Ruf: Nicht weiter auf diesem Wege! Besinnen wir uns auf, unsere Würde, unsere Kraft! Dem Mutigen, nicht dem Aufgeregten gehört die WeltI

Zu der in der Samstag-Morgenansgabe mitgeteil. stn Kundgebung von Vertretern der Kolonial- und Weltwirtschaft bemerkt dasWolfsche Telegr.-Bnreau": DieBerliner Neuesten Nachrichten" sprachen in Ver­bindung mit der Kundgebung führender Persönlich­keiten des deutschen Wirtschaftslebens vomBeauf­tragten des Auswärtigen Amtes, die, um, Unterschriften zu werben, von Paulus bis zu Pilatus gelaufen seien". Für eine solche Unterstellung liegt nicht der Schatten eines Anhalts vor. Die Kund­gebung erfolgte durchaus spontan. Die amt- l i ch e n Stellen erhielten von der Kundgebung erst durch 'ihre Veröffentlich un g Kenntnis.

* Eine Interpellation in der sächsischen Kammer. Ter Reichs- und Landtagsabgeorünete Günther in Plauen hat mit Unterstützung der Fraktion der Fortschrittlichen Volkspartei folgende Jnterpellationj in der Zweiten sächsischen Kammer eingebracht: 1. Ist welcher Weise und in welchem Umfange hat die Staats­regierung im B u n d e s r a t s a u s s ch u ß für auswärtige Angelegenheiten bei der Marokkosrage mitgewirkt? 2. Ist die Staatsregisrung> bereit, einen Antrag im Bundesrat auf Erweiterung der verfassungsrechtlichen Kompete n», z e n des Reichstags in bezug auf Erwerbung und Set»

Feuilleton.

(Nachdruck verdaten.)

Oer ehrgeizige Esel.

Eine Fabel von Leonore Nietzen-Deiters.

Es war einmal ein Esel. Nicht etwa irgendein besonderer, sondern ein ganz gewöhnlicher Esel, so ein Esel, wie es viele gibt und wie es früher, Äs alles in der Welt noch ein bißchen langsamer zuging, ver­mutlich noch mehr gegeben hat.

Er ernährte sich eine Reihe von Jahren friedlich und redlich bei einem Herrn auf dem Lande, wo er sich recht nützlich machte, indem er eine kleine Karre mit allen möglichen Feldfrüchstn, Säcken und Geräten an den ihr jeweils zugedachten Bestimmungsort beför­derte, und da es ihm durchaus nicht einsiel, sich sür etwas anderes als eben für ein braves Zugtier zu halten oder irgendwelchen, über den Stand seiner geistigen Fähigkeiten hinausgehenden Ehrgeiz zu pflegen, ging es ihm körperlich und geistig ausgezeichnet.

Er wäre gewiß ebenso gemüts- und seelenruhig ge­storben wie er gelebt hatte, wenn nicht eines Tages seines Herrn Pferd krank geworden wäre. Aber weil das Pferd nicht laufen konnte, wurde er vor den Milch­karren gespannt, der des Morgens zur Stadt fuhr. Auf diese Weise kam der Esel in die Stadt.

Nun bin ich doch einmal neugierig, ob das Pferd geflunkert hat!" dachte er unterwegs. Denn das Pferd hatte viele merkwürdige Dinge aus der Stadt erzählt; aber weil er selber derartige Sachen in seinem ganzen Leben weder gesehen noch erlebt hatte, . hatte er zu solchen Geschichten immer nur stillschweigend gekaut oder höchstens bei den allerunglaublichsten Stellen mit den Ohren gewackelt.

Wahrhaftig, es scheint fast, als ob es nicht ge­flunkert hätte!" dachte er weiter, als die ersten himmel­

hohen Häuser in Sicht kamen. Denn, daß es Häuser gäbe höher als die Pappeln, das hatte er eigentlich auch nicht glauben wollen.

Oho Jahh!!" sagte er gleich darauf und blieb verblüfft stehen. Tenn . an einem Bretterzaun war ein großes knallgelbes Ding angeheftet, und dar­auf konnte man sechs kohlschwarze Pferde sehen mit köstlichen Troddeln behängt und Federbüschen auf den Stirnen, die alle sechs in einer Reihe auf den Hinterfüßen standen.

Nein, weiß Gott, es hat wahrhaftig nicht geflun­kert!" sagte er mit offenem Maul und wäre am liebsten noch eine Stunde stehen geblieben, um bewundernd zu gaffen, aber seines Herrn Peitsche trieb ihn vorwärts bis zu einem Hause, wo Milch abzuliefern war. Ebenda stand vor einem Gemüsekarren auch ein mageres, hochbeiniges Pferd, das neben einem blinden Auge und einem lahmen Fuß immerhin noch etwas Vornehmes an sich hatte,_ so etwa wie ein herunter­gekommener ehemaliger Offizier.

Entschuldigen Sie!" sagte der Esel.Aber können Sie mir vielleicht sagen, was die schwarzen Pferde zu bedeuten haben da drüben ans dem gelben Ding, das da auf dem Bretterzäune hängt?"

Das wissen Sie nicht?" fragte das Pferd und war äußerst erstaunt.Ja, mein Gott, wo kommen Sie denn her?"

Der Esel stotterte schüchtern, er käme vom Lande, und schämte sich furchtbar.

Ach so!" sagte das Pferd.Dann will ich Ihnen die Sache erklären. Dieses gelbe Ding nennt man ein Plakat, und die Pferde, die Sie darauf abgebildet sehen, treten in einem Zirkus auf."

Und gehen sie dort immer auf den Hinterbeinen? fragte der Esel ehrfurchtsvoll.

Wenn sie nicht mehr können als das, können sie sich begraben lassen", sagte das Pferd verächtlich.Aller­dings ist die Kunst in neuerer Zeit außerordentlich her­

untergekommen. Zu meiner Zeit wurde viel mehtz verlangt. Aber das Publikum hat ja keinen Simi mehr sür Finessen. Der richtige Pferdeverstand wird immer seltener. Als ich seinerzeit bei Buoni auftrat, bet dem berühmten Buoni"

Wie? Sie sind auch einmal auf den Hinterfüßen gegangen?" schrie der Esel außer sich vor Staunen.

Als ob es eine Kunst wäre, bloß auf den Hinter­füßen zu gehen! Ich habe Polka getanzt und ge­rechnet und gelesen und versteckte Taschentücher ge­sucht, ich habe Fußball gespielt und die Hohe Schule kannte ich in- und auswendig. Ich habe fabelhaften Applaus gehabt! Alle Zeitungen waren voll von mirf Sie wissen doch hoffentlich, was eine Zeitung ist?"'

Ja, das wußte der Esel, denn Zeitungen gibt e§ auch auf dem Lande. Und da sein Herr nur immer mit dem allergrößten Respekt von den Zeitungen sprach, imponierte es ihm gewaltig, daß das Pferd M der Zeitung gestanden hatte. Er vergaß darüber ganz, zu fragen, wieso denn ein so bedeutendes Tier vor einen ganz gewöhnlichen Gemüsekarren käme. man Sie denn auch öffentlich abgebildet?" fragte er an­dächtig.

Selbstverständlich. Mein Bild hing an allen Anschlagssänlen und in allen Zigarrenläden!"

Das ist gewiß eine hohe Ehre!" sagte der Esel und

ffzte.

Na, das versteht sich!" bemerkte das Gemüsepferd, lch, wissen Sie, damals hätten Sie mich sthen sollen! h habe ungeheures Aufsehen gemacht! Alle West rach von mir. Ich war ein sogenannter ^Ltar, ta) ir das bekannteste Pferd auf dem Ktmtrnent!-Ach , der Ruhm! Der Ruhm ist das einzig Wahre! Was rd alle Leiden gegen den Ruhm!" sagte es emphatisch, nn eben kam der Gemüsemann und sagteI»i . orauf es sein armes lahmes Bein in Bewegung setzte >d davon humpelte.