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Verlag Langgasse 21

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Rr. 529.

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Morgen - Ausgabe.

1. SSCcrfi.

Im Amterlande von Tripolis.

Es ist schon vielfach darauf hingewiesen worden, daß, selbst wenn die Italiener sich im - ungestörten Be­sitz der Stadt Tripolis befinden würden, damit noch nicht allzuviel gewonnen sei, da dann im Innern ein Guerillakrieg beginnen dürfte, der ihnen jede Ruhe rauben müßte. Schon jetzt zeigt es sich ja, daß, durch türkische Offiziere aufgestachelt, die Araber die Waffen ,ergriffen, ihre Streitigkeiten unter einander vergessen haben und erfolgreich gegen den Feind Vorgehen, der den Sieg schon errungen glaubte. Aber es ist nicht ganz richtig, wenn man deinem heiligen Kriege spricht. Dieser kann nur unrer ganz bestimmten Be­dingungen und unter Entfaltung ' der grünen Fahne des Propheten, die sich in Konstantinopel befindet, ent­facht werden. Gewiß gilt es dem Muselmann stets als jein sehr löbliches Verfahren, gegen die Ungläubigen zu Felde zu ziehen, und diese Motive sprechen jtzt mit, aber noch ganz andere, die sein persönliches Wohlbefinden bedrohen, veranlassen die Erbitterung gegen Italien. Die Araber haben in Tunis und Ägypten häufig die Söhne dieses Landes gesehen und erkannt, daß es sich da selten um wohlhabendere Leute handelt, die Arbeit gewähren und gut zahlen. Fast stets sind es Arbeiter Und Handwerker, die da ausgewandert sind, um in der Fremde das Brot zu finden, das ihnen die Heimat nicht gewährt. Und so fürchten die Araber, daß es auch fast nur solche sein werden, mit denen Italien Tripolis be­völkern und dadurch seinen jetzigen Bewohnern ihre Beschäftigung nehmen wird. Glaubenshaß einerseits, aber noch mehr die Ernährungsfrage haben also die Araber so willig zu den Waffen greifen lassen und aus ganz ungeschulten Leuten binnen kurzem brauchbare Soldaten gemacht. Die Kämpfe um Tripolis haben deutlich bewiesen, daß die türkischen Offiziere nicht nur über überaus mutige, man kann fast sagen, kampfeswlltige Truppen gebieten, sondern daß es ihnen mit Hilfe der großen Erbitterung, die vor­herrscht, gelungen ist. sie zu disziplinieren, ihnen, so­weit dies in der kurzen Zeit möglich war, im modernen Kriegswesen zu unterrichten. Sie stürmen nicht mehr blindlings darauf los, sie wissen im Liegen zu kämpfen, sich hinter Schutzwehren zu decken usw. Und dies wird natürlich von Tag zu Tag besser und diese improvisier­ten Soldaten werden recht gefährliche Feinde werden. Tie Italiener dürften dies besonders empfnrden, wenn sie, wozu es wird doch kommen müssen, den Krieg ins

Samstag, LI. November 1911.

Innere verlegen. Abgesehen von der großen Schwierig­keit der Proviantierung mit Lebensmitteln und Munition, werden sie sich Gegnern gegenüber sehen, die sie mit gleichen Waffen werden zu bekriegen wissen und die, wie sie es wenigstens meinen, nicht nur für ihr Land und ihren Glauben, sondern um ihre eigene Existenz kämpfen werden, die die Italiener zu ver­nichten drohen.

Politische Tischreden in England.

London, 9. November.

Premierminister Asquith begann seine Rede- auf dem Lordma Horba ulet tin der Guildhall mit einer Bezugnahme auf den Rücktritt Balsours. Er erklärte, sein Rücktritt sei ein unersetzlicher Verlust für das tägliche Leben des Parlaments. Es wird lange dauern, fuhr der Premierminister fort, bis wir wieder in der vordersten Reihe des politischen Kampfes eine Persönlichkeit erblicken, die so unschätzbar für den Freund unid so furchtbar für den Feind sein wird. Im weiteren Verlauf seiner Rede wandte sich Asquith gegen die kürzliche Arbeits- störung. Er verurteilte die barbarische Methode der Kriegsiführung in den industriellen Streitigkeiten, unter denen nicht eine einzige fei, die nicht auf vernünftige Weise bergelegt werden könne. Die Pflicht der Regierung in solchen Fällen bestände darin, die Aussöhnung zu erleich­tern, die Ordnung aufrechtzuerhalten, Gewalttätigkeiten zu verhindern und zu bestrafen, das Gemeinwesen gegen eine Störung der Vorräte und der notwendigen Verkehrsmittel zu sichern. Wenn wir die Angen nach dem Ausland wenden, so fuhr er fort, so hat es in den letzten Monaten vieles gegeben, was die Sorge derjenigen wachrusen und lebendig halten mußte, die für die guten Beziehungen der Völker untereinander und den Frieden der Welt verant­wortlich sind. Nachdem der Premierminister die Lage in China geschildert hatte, fuhr er fort: In der Nähe unserer Heimat ist der Frieden unglücklicherweise durch den Aus­bruch eines Krieges zwischen Italien und der Türkei ge­stört worden. Beide sind unsere Freunde. Wir haben kein unmittelbares Interesse an der dem Kampfe zugrunde liegenden Frage, und wir haben unsere Absicht erklärt, eine Politik strikter Neutralität befolgen zu wollen. Es besteht in vielen Kreisen ein starkes, höchst natürliches Verlangen, daß sich die anderen Mächte bemühen sollen, eine Vermittlung anzubieten, um den Kampf zu Ende zu bringen. Niemand mehr als die englische Regierung ist darauf bedacht, zur Erreichung dieses Zieles beizutragen, wenn sich eine passende Gelegenheit darbieten sollte. Wir wissen, daß dieser Wunsch von den anderen Großmächten geteilt wird, und wir warm und sinid in ständiger Verbindung mit ihnen Wer diesen Punkt. Aber zu bedenken fei, daß eine Vermittlung wohl mehr Aussicht hätte, erfolgreich und wirksam zu sein, wenn sie

5K. Jahrgarrg.

in 'einem gemeinsamen Vorgehen der Mächte, als wenn sic in einer vereinzelten Aktion bestehe. Eine Vermittlung bedeut? nicht eine Intervention oder vielleicht ettm» Zwang, sondern das gerade Gegenteil.

Der erste Lord der,Admiralität, Winston Churchill, sagte in Beantwortung eines TrirÄspruchs ans die Streit­kräfte des Reiches, es sei ein großer Vorteil, daß die Flotte stark und in hohem Grade leistungsfähig sei. Lassen Sie mich einige Worte mit der größten Deutlichkeit sagen: Unsere maritime Vorbereitung gründet sich not­wendigerweise aus die Bereitschaft der Flotten anderer Mächte.

Es würde eine vergebliche Verstellung sein, zu behaupten, daß das plötzliche rapide Anwachsen der deutschen Flotte nicht der Hauptfaktor bei unserer Entscheidung ist, sei es, was Ausgaben oder Neubauten anlangt. Dies zu verschleiern, würde bedeuten, daß wir der außerordentlichen Entwicklung, die eine Folge deutscher Energie und Wissen­schaft der letzten Jahre ist, weniger als Gerechtigkeit antun. Es würde töricht sein, die volle Wahrheit zu leugnen, daß ein Wettbewerb zur See zwischen diesen mächtigen Reichen besteht, die von jeher enorme gemeinschaftliche Interessen und von jeher keinen natürlichen Grund zum Streite haben würden. M würde töricht sein, zu leugnen, daß der Flottenwettbewerb zwischen ihnen an der Wurzel und im Hintergrund fast jeder Schwierigkeit liegt, welche wiederholt die unternommenen ernsten Bemühungen, zu baldigen freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Landern zu gelangen, vereitelte. So lange der Wett­bewerb sortbesteht. ist jedes Element des Mißtrauens tätig und lebendig. Wir sind nicht so anmaßend, vorauszusetzen, daß Schuld und Irrtum, die so oft mit Schritten den Menschen folgen,, sich nur auf einer Seite befinden. Aber die Aufrcchterhaltung der Suprematie zur See ist die ganze Grundlage, aus der nicht nur das Reich und die große Handelswohlsahrt unseres Volkes beruht, son­dern auch unser Leben und unsere Freiheit, die wir fast tausend Jahre hindurch bewahrt haben. Der deutsche Flottenvauplan des nächsten Jahres, der nach seiner Vollendung Deutschland eine Prachtvolle gewaltige Flotte gibt, die nur der nnsrigen nachstehen wird, ergibt, daß die Grenze der Vermehrung mit ihm erreicht ist. Die jährlich eingestellten Neubauten werden von da ab auf die Hälfte der Zahl der in den letzten Jahren pro Jahr vollendeten Neubauten sinken.

Bisher wurde dieses deutsche Flottengesetz in keiner Weise überschritten.

Ich freue mich, die Tatsache bezeugen zu können, daß feie Erklärungen eines deutschen Ministers Wer den Bauplan durch die Ereignisse genau bestätigt wurden. Wenn der Flottenbanplau ohne irgend welche Erweiterung ausrecht- erhalten wird, würden wir uns bewußt sein, daß, so schwer die'Ausgaben unzweifelhast gewesen sind, die Hochwasser­marke auf alle Fälle erreicht ist. Auf der ganzen' Welt, wer-

Femlleton.

(Nachdruck verbrien.)

Das blaue Mut.

Von August Strobel.

Als zu Parts auf dem Greveplatz die Guillotine arbei­tete und die wohlgcbildettn, dieses letztemal, ach, nnge- Puderten Köpfe der Marquis und Marquisen in den blutigen Korb sielen, purzelten kunterbunt eine Menge Ansichten und Überzeugungen urit hinein, die man unbesehen nur ihres verdächtigen Alters wogen mitgeköpft hatte und weil sie den Leuten, die jetzt von unten nach oben kamen, Wohl un­bequem waren. Unter diesen verurteilten Axiomen, die jetzt einfach Vorurteile hießen, befand sich alles, was die Schöpfer der neuen Ordnung ins Unrecht fetzen konnte, be­fanden sich Gott und die Religion, das Eigentum und die Kunst. UNd haWtsächlich auch alles, was früher Rang und Stand und Klasse unterschieden hatte. Die Freiheit und die Gleichheit waren aus den Thron gestiegen uW trieben, was von Sondervorrechten des Geistes und Mutes irgend­wo noch spuken mochte, aus die wirksamste Weise, nämlich Mit dom Fallbeil, aus denunklaren" Köpfen. Das Indi­viduum als völlig einziges und unabhängiges Ereignis wurde entdeckt. Alle Menschen sollten völlig gleichwertig geboren sein. Kein Adel, kein Rang, keine auszeichnende Eigenschaft, die jene begründet, galt mehr als angeboren. Man zog die Folgerungen aus der viel älteren spekulativen Theorie Lockes, daß die Sele des Kindes notwendig ein unbeschriebenes Blatt fei. Besondere Begabung, spezielle Fähigketten waren Geschenke des Himmels oder vielmehr, da man auch diesen füsiliert und guillotiniert hatte, reine Zufälligkeiten, eine glückliche Kombination von Nerven- substanz uW Milien. Die Geschichtsauffassung des 19. Jahr­hunderts war von dieser neuen Anschauung beherrscht und niemand hätte gedacht, daß gerade die Naturwissenschaft auf die alten, für abgetan geltendenVorurteile" einmal zurück­greifen könnte. Und doch ist es so geschehen.

Mitten in dem blutigen Tohuwabohu der Schreckens­herrschaft wurden von einem älteren Gelehrten namens

Lamarck ganz bescheiden zum erstenmal schon die Gedanken ausgesprochen, die den Umsturz wieder stürzen und gutes Altes, freilich mit neuer Begründung und Anwendung wie- der zu Ehren bringen sollten.

Lamarck sprach den Gedanken der Entwicklung aus, der notwendigerweise den der Vererbung voraussetzte. Darwin brachte die Zuchtwahl hinzu, die auf das Wesen der Ver­erbung eine neues Licht warf. Unsere Zeit aber ist dabei, dom Walten der Vererbung auch in geistigen Dingen nach- zuspürest und eine Mendelsche Regel für die Seele zu ent­decken. Durch die Ziffern der Statistik und durch scharf­sinnige Ausdeutung geschichtlich-genealogischer und völker- psychologischer Tatsachen rückt man der Erkenntnis solcher Gesetze immer näher, wenn auch eine genaue Fassung tn weiter, vielleicht in unerreichbarer Ferne liegt. Allein jeden­falls steht es schon fest, daß nicht nur Arten- und Rassen­merkmale, sondern auch Talente und Fertigkeiten durch die Vererbung weitergegeben werden; und noch mehr, daß sie keineswegs plötzlich an einem Individuum hervorvrechen, sondern aus schwächeren Keimen durch sorgfältige Züchtung von Generation zu Generation gesteigert werden können. Man hat also, ohne dabei die Wirksamkeit fördernder und hemmender Einflüsse anderer Art zu leugnen, die primäre Wichtigkeit desjenigen Faktors anerkannt, den das populäre Wort alsBlutmischung" bezeichnet. Gewiß nicht so ein­fach, daß nur Eltern und Kinder in gegenseitige Beziehung zu setzen wären, darf man sich das Problem denken. Wie bei der Übertragung körperlicher Eigenschaften, welche die Mendelsche Regel in ein Gesetz saßt, muß man auch hier Einflüsse von älteren Vorfahren her. ferner unvermittelt auftretende neue Variationen (oder Mutationen) in Rech­nung ziehen. Allein das Entscheidende dieser neuen Er­kenntnis bleibt, daß in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Vererbung und Züchtung auch für die Talente und Fertigkeiten die Hauptrolle spielt. Von einem solchen Ge­sichtspunkte aus kann man aber alle jene Anschauungen, die ältere und älteste Zeiten schon durch die fieitie bekämpften Einrichtungen der Kasten und Stände, des Adels, der Rege­lung der Heiraten, der Zunstgesetze usw. bestätigten, nicht mehr als überlebt und falsch bezeichnen. Es hat wieder einen Sinn, die Ahnentafeln der Menschen nachzuprüsen und auf Familie, Rang und Rasse Wert zu legen. Nur die

Methoden der Bewertung haben sich geändert; aber das blaue Blut" ist in Ehren geblieben.

Unsere Vorfahren, die so vieles nurnach dem Gefühl" entscheiden mußten, wofür erst spätere Jahrhunderte den wissenschaftlichen Beweis erbrächten, sahen auch diese rich­tige Erkenntnis noch in einem schiefen und trüben Licht. Gleichwohl hielten sie sie anscheinend von den allerältesten Zeiten an fest. Der erste, der den Versuch machte, durch genaue rechnerische Untersuchung (in Ermangelung des hier unmöglichen Experiments) die Tatsache der Vererbung geistiger u. zw. hervorragender Fähigkeiten nachzuweisen, war der Engländer Galten. Er rückte der Frage mit der Statistik zu Leibe und es gelang ihm so wirklich festzustellen, daß mit auffallender Häufigkeit hervorragende Männer ent­weder in aufsteigender oder in absteigender Linie auch her­vorragende Verwandte in der Familie haben, daß also die Begabung nicht vereinzelt und unvermittelt, sondern unter bestimmten, durch die Blutsverwandtschaft bezeichneten Be­dingungen anftritt. Seine Beispiele umfaßten in ganz vorurteilsloser Auswahl auf Grund von Listen Politiker, Feldherrn, Literaten, Naturwissenschaftler, Dichter, Musiker uW Maler, Theologeix, dann als besonders kennzeichnend für die Vererbung hoher, aber doch nicht erzeptioneller Be­gabungen die obersten Richter in England, die Judges, end­lich aber auch Ruderer und Ringkämpfer, die besonders die Vererbung körperlicher Fertigkeiten dartaten. (Vgl. Galton: Hereditärst Genius, deutsch bei Do. Werner Klinkhardt, Leipzig.) An Galten schloß sich der Franzose Ribot an, der zu ähnlichen Ergebnissen kam. Mit außerordentlichem Scharfsinn hat dann der Schweizer Candolle in einem Werke, das 1873 erschienen und heute noch fesselndes Interesse bietet (Histoire des Sciences et des savants depuis denx siecles", deutsch jetzt von Ostwald herausgegeben), diese Untersuchungen, indenr er sie auf die Gelehrten der Natur­wissenschaften beschränkte, nach allen Richtungen erweitert und vertieft. Er hat die wichtigen Einflüsse beleuchtet und statistisch belegt, welche die Entstehung hervorraqeWer wissenschaftlicher Fähigkeiten fördern oder hemmen, so den Unterricftt, die Religion, die Familientradition, die öffent­liche Meinung, die Regierungen, die Größe des Landes, die Sprache, die geographische Lage, die Rasse u. v. a. und