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Freitag, IO. November 1911.
5®. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Komische Mersrchl.
Mahlnachrichten ans dem Industrie-Revier.
Vom Niederrhein wird uns geschrieben: Die deutsche Presse außerhalb unseres Industriegebiets nimmt die Duisburger Reichstagskandidatur des Grafen Häseler nierkwürdig ernst. Sie ist aber von vornherein vollständig aussichtslos. Tie rechts von den National- liberalen stehenden Parteien zählen im Wahlkreise wenig Anhänger; und was die „Rechtsnationalliberalen" angeht, die mit von der Partie sein sollen und also die nationalliberale Kandidatur I)r. Broetzers bekämpfen würden, so kann man über ihre Qualität Und ihren etwaigen Einfluß einstweilen nichts sagen, da die Herren sich noch nicht vorgestellt haben. Auch mit der Popularität des Grafen Häseler sieht es bei uns im Westen ein wenig anders aus, als die Berliner Blätter meinen. Man höre, was das gelesenste Blatt des Jndustriebezirks, der „Dortmunder Generalanzeiger", zur Aufstellung Häselers bemerkt. Er schreibt: «Die militärischen Verdienste des Grafen Häseler in Ehren; aber im übrigen ist er ein hochfeudaler, aristokratischer Herr, der zwar immer sehr leutselig gegen die alten Soldaten tut, aber von der Gottespnad-enschaft des Adels tief durchdrungen ist. Daß bürgerliche Parteien einen solchen Mann für den Reichstag aufstellen, zeugt von dem Servilismus, der den Deutschen in den Knochen steckt. Daß Häseler die Kandidatur annimmt, ist selbstverständlich Er ist sehr eitel und gleicht in mancher Beziehung dem alten Wrangst." Das ist allerdings.etwas stark aufgetragen, auch nicht in allen Punkten richtig. Aber es gibt doch die Stimmung, die gegepüber der Kandidatur Häseler besteht, ziemlich treffend wieder. Es kommt noch, dazu, daß Graf Häseler durch seine Reden im Herrenhause hier sicher kernen günstigen Boden für eine Reichstagskandrdatur bereitet hat. Als es sich z. B. um die Berggesetznovelle handelte, ergriff er das Wort, unr dagegen zu protestieren, daß man den Bergarbeitern eine sozialdemokratische Gesinnung zuschreibe. „Diese Leute haben zunl großen Teil gedient, und wer Soldat Sr. Majestät war, der ist kein Sozialdemokrat. Das wollte ich nur konstatiert haben." Fertig! Hätte Graf Häseler nur etwa hinzugefügt: „Und deshalb bitte ich, den Wünschen der Bergleute einiges Wohlivollen entgegenzubringen", so hätte die Sache noch einigermaßen Hand und Fuß gehabt. Aber so? — In Essen ist als nationalliberaler Rerchstagskandidat Gymnasialdirektor Do. Steinicke aufgestellt worden. Herr Dt. Sternicke sprach in seiner Kandidatenrede offen aus, daß die Stichwahl voraussichtlich zwischen Sozialdemokratie und Zentrum stattfinden werde und daß die nationalliberalen Wähler in diesem Falle, den sieg des Sozialdemokraten verhindern müßten. Damit hat das vielerörterte Stichwahlabkommen zwischen Nationalliberalen und Zentrum wenigstens für Essen etwas
greifbarere Gestalt angenommen. , Von einer Gegenleistung des Zentrums in einem anderen Wahlkreise war nicht die Rede. Von der Proportionierung der Leistung und Gegenleistung wird aber die Verwirklichung des Bündnisplanes abhängen. Er scheitert, wenn sie nicht gelingt.
Gin höchst interessantes Schriftstück»
das einen neuen Beitrag zur Laudratokratie bildet, ist der fortschrittlichen „Kvsliner Zeitung" aus den Re'daktionstisch geflogen. Das Dokument hat folgenden Wortlaut:
„Euer Hochwohlgeborenl Die Wahlen zum Reichstag stehen unmittelbar vor der Tür. Der Kampf wird diesmal, wie allgemein bekannt, sehr schwer werden; nur durch eine andauernde, ernste und umfangreiche agitatorische Tätigkeit kann es gelingen, unseren Wahlkreis der konservativen Partei zu erhalten. Diese Agitation macht aber sehr erhebliche Kosten, zu deren Deckung ausreichende Mittel nicht vorhanden sind.
Euer Hochwohlgeboren werden deshalb ergebenst um einen Beitrag zum Agitationsfonds gebeten, den Sic mit Rücksicht auf den viel ernsteren Kampf gefälligst höher bemessen wollen als den zur Wahl im Jahre 1907 gezahlten.
Aus besonderen Gründen, die einer Klarlegung wohl nicht bedürfen, wird dies Schreiben d i e s- mal nicht, wie üblich, von dem Herrn, der die Aufforderung sonst hat ergehen lasse n, sondern mit seinem Eitrver- st ä n d n i s von mir unterzeichnet.
Eine möglichst baldige Überweisung Ihres Beitrages an den Unterzeichneten wäre im höchsten Grade erwünscht.
Mit vorzüglicher Hochachtung Timme, Kreissekretär.
Zur Wahl im Jahre 1907 zahlten Euer Hochwohlgeboren einen Beitrag von .'. Mark."
Dieser konservative Bettelbrief spricht . für sich selbst. Er zeigt nicht nur, wie bedenklich den Konservativen die finanzielle Not und die Angst vor einer Niederlage auf den Nähten brennt, er ist darüber hinaus ein klassisches Dokument für , die Art und Weise, in der die preußischen Landratsämter konservative Politik machen. Wer mag wohl der Herr sein, „der die Aufforderung sonst hat ergehen lassen", der sie aber „aus besonderen Gründen, die einer Klarlegung wohl nicht bedürfen", diesmal nicht unterzeichnet, der aber so, gütig ist, sein Einverständnis mit der Unterzeichnung seitens des Herrn Kreissekretärs zum Ausdruck zu bringen? Ter Herr Landrat weiß natürlich gar nichts davon, ebenso wenig wie er im Jahre 1903 wußte, daß seine Angestellten in den Bureauräumen des Landratsamts ein konservatives Flugblatt mit den verleumderischsten Angriffen gegen den freisinnigen Kandidaten falzten und kuvertierten. Natürlich hat auch der Herr Kreissekretär für das Anschreiben und seine Versendung keine öffentlichen Mittel in Anspruch ge- nonimen! Und daß er, seinen Amtstitel unter das Schriftstück setzte, entspricht, nur einer lieben alten Gepflogenheit in Ostelbicn, die daraus basiert, daß der
Herr Kreissekretär eben ein sehr einflußreicher Herr ist und sein Wort für diejenigen, die den Aufruf zur finanziellen Unterstützung der konservativen Wahlen erhalten, von großer Wichtigkeit sein muß! Ernstlich gesprochen: die enge Verbindung zwischen konservativer Partei-Wahlmache und preußischer Verwaltungsbureau- kratie ist selten so überwiegend klar dargetan worden wie in obigem Schreiben, das höchst amüsant zu lesen wäre, wenn der politische Hintergrund desselben nicht so traurig wäre.
Deutsches Deich.
* Über dm Nachfolger Lindequists spricht sich der national-liberale Reichstagsab ge ordn ete Dr. Arning wir folgt aus: „Wenn wir heute hören-, daß Herr Sols oder Herr v. Rechenüerg in Frage kommen für dm Posten des Staatssekretärs, so muß sich jedem Kenner der kolonialen Verhältnisse die Befürchtung ausdrängen, daß ein Schrei des Entsetzens durch die Deutschen fämtliche r Kolonien gehen wird, wenn eurer von diesen beiden der Lenker unserer kolonialen Geschicke werden sollte. Sie -genießen den Ruf, daß sie der national-deutschen Entwicklung unserer .Kolonien durch Besiedlung und Plan- tagoanlagen sehr wenig freundlich gegenWer- stehen. Es würde daher zu befürchten sein, daß wir, wenn einer von beiden zu dieser Stellung kommt, von vornherein mit einer scharfen Opposition von allen in den Kolonien sich aufhaltenden Deutschen -gegen die in Zukunft getroffenen Maßnahmen -werden rechnen muffen. Denn selbst wenn sie durchaus nicht etwa siedlungsseind- liche Zwecke verfolgen, so wird man doch überall in jenm Kreisen zuerst den Verdacht hegen, daß die Tendenz ihrer Handlungen gegen das europäische Element in den Kolonien gerichtet fein wird. Aber auch abgesehen von oll dem, was soeben ausgeführt -ist, wird die Stellung des Nachfolgers des Herrn v. Lindequist -nicht leicht sein, denn alle nationalen Kreise im Deutschen Reiche und in den Kolonien werden von tiefer uüd überströmender Dankbarkeit erfüllt sein gegenüber Lindeauist, dem Manne, der es, frei von Bureankratie und persönlichen Rücksichten, über sich gewonnen hat, das zu tun, was doch wohl als die allerschärsste Kritik des jetzt abgelaufenen Marolko-Kongo-Handöls zu gelten hat."
— Die neue Wahlrechtsvorlage. Zu der Meldung eines, sozialdemokratischen Blattes, daß eine neue Wahl- rechtsvorlage in mehreren Entwürfen den Landräten zugegangen sei, wird uns von parlamentarischer Seite folgendes mitgeteilt: Nach dem bisherigen Stand der Dinge ist die Nachricht nicht zutreffend, da die Angelegenheit sich noch nicht in dem Stadium der Entwickelung befindet. Auch die Mitteilung des Blattes, daß der Entwurf dem Landtag in seiner nächsten Session unterbreitet werden soll, trifft nicht zu, denn es können bisher noch keine Bestimmungen getroffen werden, ob und wann der Entwurf dem Landtag zugeh-en wird.
* Ein Zentrumsrüffel für die „Nordd. Allg. Ztg.". Die „Nordd. Allg. Ztg." hat bei der Meldung von der Ausstellung des Grafen Haefeler im Reichstagswah-lkreis Duisburg eine Berechnung über die Aussichten dieser Kandidatur angestellt und dabei in aller Unschuld- Vergleiche angestcllt zwischen den im Jahre 1907 abgegebenen
Feuilleton.
'AaLdruS berieten.)
wohlriechende Blumen.
Bereits in den ältesten Zeiten, so weit unsere Kenntnis reicht, wurdm sowohl in den mit allem erdenklichen Luxus ausgestatteten Gärten der Vornehmen und Reichen wie nicht minder in denen des Volkes außer den gewöhnlichen Rutzgewächsen auch solche -gezogen, die durch schöne und lebhaft gefärbte Blumen die Aufmerksamkeit ans sich lenkten oder durch üppigen Wuchs sowie große und dichte Belaubung einen sehr erwünschten Schatten spendeten.
Ein noch größerer Wert wurde aber von jeher auf solche Gewächse gelegt, deren Blüten, wenn auch zuweilen von geringer Schönheit, einen unseren Riechorganen angenehmen Duft ausströmen. Nicht nur in den städtischen Gärten und Anlagen, auch in ländlichen, in Bauerngärten spielen wohlriechende Blumen eine große Rolle. Sind es in diesen letzteren auch nur gewöhnliche, in den Stadtgärten gar nicht beachtete Pflanzen, wie z. B. einfachblühende Nelken, der Goldlack, die Weiße Lilie, die Levkoje, der Lavendel, das Rosen-Gevanium, der Rosmarin, das Basilikum, so stehen sie doch seit langer Zeit in großem Ansehen, und Sträußchen, aus diesen gewunden, sind beim Kirchgang, bei Hochzeiten, bei allen ländlichen Festen ganz unentbehrlich.
Nicht wenige legen größeren Wert aus ein kleines Sträußchen von Maiglöckchen, Veilchen, Flieder usw. als auf eine noch so kunstvoll geordnete Bindearbeit aus den kostbarsten, jedoch geruchlosen Blumen. Solche Leute rufen auch, wenn ihnen eine derartige Blume, sei sie auch als
Seltenheit von bedeutendem Wert, gespendet wird, ganz enttäuscht aus: „Aber sie riecht ja gar nicht!"
Das ist jedoch nicht bloß bei uns so, .auch im Morgenlands, in den Tropen, im heißen Indien stehen wohlriechende Blumen im größten Ansehen. Die in den Ländern des Orients so ausgdbildele und häufig angewendete Blumensprache bedient sich mit großer Vorliebe der daselbst so reichlich verlreiencn duftenden Blüten; in Indien werden sie massenhaft bei den zu Ehren der verschiedenen Gottheiten veranstalteten Festlichkeiten, Umzügen und dergl. verbraucht. Wie uns die Schriftsteller des Altertums berichten, war auch im alten Rom ein alle Vorstellungen übersteigenderVerbrauch an wohlriechenden Blumen bei den schwelgerischen Gast- mählern und bei sonstigen Festen Mode. „Nicht allein, daß nran die Speise- und Schlafzimmer hoch mit Rosen- und Lilienblüten bestreute; man bereitete auch aus diesen und ähnlichen stark riechenden Blumen Ruhekissen und Nachtlager." v
Die ans dom Orient zu uns gekommene Kunst der Erzeugung von duftenden Essenzen, Ölen, Seifen und Salben zieht eine große Anzahl von Blumen in den Bereich ihrer Tätigkeit, wenn auch nicht wenige dieser angeblich aus duftenden Blüten hergestellten Parfüms aller Art ganz anderen Quellen, sogar direkt übelriechenden Stoffen entstammen. Im allgemeinen wird der den wohlriechenden Blumen innewohnende Riechstoff zur Erzeugung von Parfümerien durch Dämpfe kochenden Wassers ausgezogen und dieses so lange mit stets erneuerten Blüten fortgesetzt, bis der gewünschte Stärkegrad des Duftes erzielt wird. Nicht wenige der Blüten büßen aber bei diesem Verfahren ihren zarten, leicht sich verflüchtigenden Tust gänzlich ein. Bei diesen wird eine andere Manipulation, nämlich ein Nbcrgicßen mit warmem Fett oder Ol, zur Anwendung gebracht.
„Eine Anzahl der am feinsten riechenden Blumen vertragen aber selbst nicht eine Behandlung mit warmem Fett, man überträgt ihren Geruch aus die Salben nur durch Zusammenlegen beider. Zu diesem Behuf bringt man innerhalb großer Kasten eine Anzahl von Einsatzrahmen an, deren Mitte durch Glastafeln gebildet wird. Letztere bestreicht man entweder auf beiden oder nur auf der unteren Seite mit Fett und füllt die Zwischenräume mit den sorgsam ausgelesenen ftifchen Müten. Täglich erneuert man zweimal dieselben und muß trotzdem mitunter ein bis zwei Monate lang fortsahren, bevor die Salben hinreichende Mengen des Duftes angenommen haben."
Ter so leicht wechselnde, flüchtige Modsgeschmack hat sich auch dieses Feldes bemächtigt; er erhebt ein Jahr hindurch oder zuweilen während eines längeren Zeitraumes den in Essenzen fest-geba-nnten Duft einer Blume zum Mcde- parfüm, läßt diese dann wieder fallen, um eine neue auf den Thron zu setzen. So wurden, um nur einige Beispiele aus früheren Fahren anzuführen, abwechselnd zu solchen von der feinen Welt Mit Vorliebe angeweNdeten Modeparfüms gewählt: Manghlang (aus den gelben, stark duftenden Blüten der auf den Philippinen heimischen TJnona oebratissima), Ehampacca (von Michelia Ehampacca aus Ostindien), Abronia (von Abronia fragrans aus Kalifornien), Kadsura (von Kadsnra chinensis, einer im nördlichen China und in der Mandschurei einheimischen Pflanze), Jxora (ans dm sehr wohlriechenden Blüten einer in zahlreichen Arten in Ostindien vorkommcnden Pflanzengattung), Parmaveilchen, Weinblüte usw.
Die feineren Teesorten hauchen einen angenehmen, mitunter sogar sehr starken Dust aus, der aber nicht, wie vielleicht manche denken könnten, der Teopflanze selbst eigen ist oder sich beim Trocknm der zarten Blättchen entwickelt; zur
