Verlag Langgaffe 21
„Tagblatt-Haus".
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Nr. 515.
Freitag? 3. November 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Steuerhinterziehungen.
Eine amüsante Geschichte hat sich in der Provinz Sachsen zugetragen. Bei der Verpachtung einer Ge- meindejagd machte ein freikonservativer Abgeordneter und Großgrundbesitzer das höchste Gebot mit 3000 M.« aber nicht er, sondern der nächste Bieter, ein mittlerer Landwirt erhielt den Zuschlag. Und wie begründete der Ortsvorsteher diese Entscheidung? Er ließ sich wie folgt vernehmen: „Ter Herr Soundso hat laut Veranlagung nur ein Einkommen von 7000 Mark. Wenn wir ihm davon 3000 Mark für unsere Jagd abnehmen, fo bleiben ihm bloß noch 4000 Mark, und damit ist in der heutigen Zeit der Teuerung nicht auszukommen!" So heiter das Vorkommnis ist, so viel Ernst steckt darin. Die Häupter dieser sächsischen Dorfgemeinde brauchen ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, sie sind ebenso klug wie witzig. Sie wissen, daß, wer eine Jagd für 3000 Mark jährlich pachten will, mindestens 30 000 Mark jährliches Einkommen haben muß, wenn er nicht unverantwortlichen Leichtsinns bezichtigt werden soll. Nun zahlt der Herr, der 3000 Mark Pacht für die Gemeindejagd geben will, aber nur Steuern von 7000 Mark Einkommen. Mutz man darüber nicht den Kopf schütteln? Versteht das irgend ein vernünftiger Mensch? Selbstverständlich ist jeder Gedanke an bewußte Steuerhinterziehung ausgeschlossen, aber begreifen läßt sich der Sachverhalt gerade darum noch weniger.. Wenn die Bauern in dem leider ungenannt gebliebenen Torfe der Provinz Sachsen die Folgen ihres vergeblichen Nachdenkens und Erstaunens in der geschilderten lustigen und listigen Weise zogen, dann kann man ihnen nur Lanken für die blitzschnelle Beleuchtung, die sie damit einem unergründlichen Rätsel angedeihen ließen. Und stärker als je zuvor erhebt sich die Forderung, daß das System der Steuereinschätzung gründlich refor- miert werden muß.
Bei dieser Gelegenheit eine Frage: Als Professor- Hans Delbrück in den „Preußischen Jahrbüchern" seinen rühmlichen Feldzug gegen die Steuerhinter- zieher begann,. und als des Wehklagens in der Welt der Großgrundbesitzer und ihrer publizistischen Vorkämpfer kein Ende war, wurde durch die nützliche Erweckung der öffentlichen Meinung mindestens soviel erreicht, daß die Staatsregieruug dem Vorschläge nähertrat, der Landrat möge seiner peinlichen und gefährlichen Funktion als Vorsitzender der Einschätzungskommissionen ent-
FemllrLou.
Herlistbilder aus dem Wiener Waid.
Wien, tm Oktober.
Jetzt find sie alle schon schlafen gegangen, diese kleinen Orte mit den Neben schüchternen Namen: Mödling, Hinterbrühl, Mördern, Purkersdorf. Die Fenster ließen dis Roulettenlider nisderflnkeu. Die Rosenstöcke in den Vorgärten haben die Strohkapuzen über den Kopf gezogen. Die Herrschaft ist nicht mehr da. Man braucht sich nicht mehr schön zu machen, man braucht für niemanden mehr große Toilette anznlegen. Und jetzt, im diesen sanften, müden Herbsttagen, kann man das Dorf in seiner Häuslichkeit überraschen, die wirtschaftliche Latzschürze um den Leib, das Schlüsselbund am Gürtel. Jetzt, vor dem Winterschlascu- gehen zeigt es sein wahres Gesicht, wie eine große Dame, die von einer Soiree nach Hause kommt und schön müde ist und sich nicht mehr zu verstellen braucht. Ganz seltsam ist das. Wir Leute aus der Stadt, wir leben Den Sommer über ein paar Wochen aus dem Lande, aber vom Landleben wissen wir nichts. Das versteckt sich vor uns. Das zeigt sich uns nur in gezwungener Empsangstoilette. Wir sagen: „Die Natur", und das hat einen gewaltigen Klang, eine großartige Gebevde. Wir sehen nur nach der Majestät eines Berggipfels, nach dem dunklen Geheimnis eines tiefen Waldes: das Dorf ist eine flüchtig durcheilte Feststraße, die uns zu den Herrlichkeiten auf einem hohen, hohen Berg führt. Jetzt aber ist auf einmal das Dorf da, das liebe, kleine Dorf mit dem Marktplatz und der Kirche, der Schule und dem Dorfbruunen.
Man sieht diese stillen, zufriedenen Leute, die sich im Sommer respektvoll scheu vor den Stadtgästen zurückgezogen hielten, die im Sommer gar nicht da waren. Nun stehen sie auf den schmalen Gäßchen unter den Bäumen beieinander, nun sitzen sie im Wirtshaus. Ihr lautes Lachen, ihr lärmendes Reden erfüllt das. Dorf. Man grüßt den Herrn Bürgermeister, den Herrn Pfarrer und den Herrn Schulmeister. Das Dorf gehört den Dörflern. Man merkt auf einmal, daß diese kleinen Orte kein Luxusgogenstand für müßige Stadtbewohner siüd, sondern Wohnstätten von Menschen und man merkt, daß hinter all dem großen, ge
hoben und durch einen Beamteir ersetzt werden, der nicht so leicht in parteipolitische, innere wie äußere Konflikte, in solche des Gewissens wie in solche der Tatsächlichkeit, gerateir könnte. Sollen wir nun entsprechende Änderungen des heutigen Zustandes zu erwarten haben? Ist Herr Lerche bereit, auf diesem heiklen Felde den Kampf. mit der widerstrebenden Rechten -wufzunehmen? Eine Zeitlang konnte inan das hoffen, und wir wollen anch jetzt keineswegs iaaen. daß die Hoffnung zu verabschieden sei, aber hohe Zeit wäre es, mit der Sache Ernst zu machen. Im übrigen ist es sonderbar über die Maßen, daß gerade die Großgrundbesitzer den Borwurf der Steuerhinterziehung auf sich bezogen haben, während Professor Delbrück ibr durchaus nicht bloß auf jene Gesellschaftsschicht gemünzt hatte. Im Novemberheft der „Preußischen Jahrbücher" kommt Delbrück anläßlich einer an ihn gerichteten Anfrage aus einem Hommerschen Wahlkreis auf die Sache erneut zu sprechen. Er erklärt es für Durchaus unwahr, daß er seine Vorwürfe der Steuerhinterziehung Zurückgenommen hätte: es sei aber auch unrichtig, daß er jemals den Großgrundbesitz allein oder ganz vorwiegend mit dieser Anklage belastet habe. „Ich bin", so fährt Delbrück fort, „noch heute, wie vom Beginn des Streites an, der Ansicht, daß in sehr weiten Schichten unseres Volkes, den Grundbesitz eingeschlossen, die Deklarationen für die Einkommensteuer und die Einschätzung zur Vermögenssteuer viel zu niedrig sind, und glaube, diese meine Behauptung statistisch unwiderleglich nachgewiesen zu haben. Hätten wir Mittel und Wege gehabt, die direkten steuern allenthalben richtig zu veranlagen, so wären die neuen Stenern alle nicht nötig gewesen." Professor Delbrück bemerkt weiterhin ganz richtig, daß die agrarische Presse, besonders die „Deutsche Tageszeitung", die Hauptschuld daran trage, wenn/ der Vorwurf -btt, „Steuerhinterziehungen ausschließlich auf den Grundbesitzern lasten geblieben wäre. Delbrück schreibt: „Statt die offenkundige Tatsache, daß sehr vielfach zu niedrig deklariert werde, einfach zuzugeben, aber hinzuzufügen, daß der Grundbesitz davon nicht mehr, vielleicht sogar weniger betroffen werde als andere Stände, stellte die agrarische Presse sich, als ob bei der Steuerveranlagung auf dem Lande, alles in vollkommener Ordnung sei. Selbst daß ich von vornherein keineswegs bloß die Landwirte, sondern ausdrücklich alle Stände angeklagt hatte, wurde, um mich besser angreifen zu können, nach Möglichkeit unterdrückt. Ich habe einmal die „Deutsche Tageszeitung", als sie dieserhalb wieder heftig gegen mich polemisiert hatte, darauf aufmerksam gemacht, daß sie beim Abdruck des Zitats aus. den „Preußischen Jahrbüchern" den Satz, in den: auch die anderen Stände
wattigen Prunk, der für uns aus der Stadt da war, etwas Rührend-Trauliches und Liebe-- sich verborgen hielt. Freilich: die Stadt hat für immer ihre lauten Spuren in das sanfte Gesicht des Dorfes gegraben. Die Schwetzervilla steht da und der pompöse Rustica-Palazzo. Aber daneben, neben dem falschen Haus aus dem Lande, sieht man das Landhaus. 60 Jahre ist es schon auf seinem Platz. Ganz still, ohne Talmizicmt, ohne Türmchen und Erker und vorlaute Balkons. Es will nicht schön sein, mühevoll, gezwungen, von außen heran, und ist doch von selber schön, schön von innen heraus. Schön ist seine schmucklose weiße Fassade mit den noch weißeren Jalousien. Schön ist der geräumige, alte Park dahinter, in den eine Riesonterrasse vovspringt; so eine Terrasse aus festen Säulen, daß auch 80 Menschen keine Angst zu haben brauchen, sie werde unter ihnen zusammenbrechen. Und schön sind die Zimmer mit ihrem anspruchslosen Gerät, das schon 50 Jahre da ist, jedes an seiner gehörigen Stelle, daß es gar nicht anders sein kann. Im Sommer freilich ist es anders; da mußte es den modernen Sezesstonsmöbeln Platz machen und den „chinesischen" Schärpen rings um die Spiegel und all dem lärmenden Tand, den der Städter zu seiner Gemütlichkeit braucht. Jetzt haben ihn die Leute in die Truhe getan, den ganzen billigen Christbaumschmuck für die großen Großstadtkind er auf den Boden geräumt. Vielleicht mit leise belustigtem Lächeln. Jetzt sind sie selber wieder da, und das Hans ist still und die Straße still. Und ganz leise spürt man eine Sehnsucht in sich nach all dem Schönen und- Stillen. Man fühlt Heimweh in der eigenen Heimat.
Jodes Land hat seine Zeit. Italien ist niemals so zauberisch Wie im Frühling. Dem SchwarzwaD gehört ein dunkel brütender Sommertag. Aber die kleinen traurigen Berge rings um die Riesenstadt Wien fühlen sich sicher niemals so wohl wie im schüchternen Schein der Spätherbft- sonne. Die sanfte, himmelblaue Himmelsschale und die sanften Linien der Berge sind eins. Diese Berge wollen den Blick nicht höhenwärts reißen, wie in Tirol oder der Schweiz; mit runden Kurven schmiegen sie sich in den Himmel hinein, wie kleine Mädchen, denen man schöntun soll. Recht müde sind sie wohl, verlassen und einsam. Keiner kümmert sich mehr um sie. Die Großen haben jetzt keine Zeit. Man geht verlassene Wege, breite Straßen, die quer durch die Wälder geschnitten sind; und das Laub brennt aus
ausgeführt waren, ausgelassen habe, und ersuchte sie, das doch nachträglich zu berichtigen. Aber sie hat mir diese Bitte einfach abgeschlagen. Tie natürliche Folge dieser Art Polemik ist nun gewesen, daß die öffentliche Diskussion sich immer wieder um die Frage der länd- lchen Steuerveranlagungen gedreht hat, und die Aufmerksamkeit ebenso auf Liesen Punkt hin- wie von den Steuerhinterziehungen des mobilen Kapitals abge» lenkt worden ist. Noch jetzt möchte ich deshalb für den Wahlkampf den Konsumenten raten, ihre Taktik zu ändern, die jetzige ungenügende Steuerveranlagung nicht mehr zu bestreiten, sondern sie zuzugeben und ihre Mithilfe zu versprechen, daß sie in Zukunft gebessert werde."
- Der Rat wird ganz gewiß nicht befolgt werden. Die Empfänger des Ratschlags gehören nämlich zu den Leuten, die nichts gelernt und nichts vergessen haben, Damit ist alles gesagt.
UsMsche Merstcht.
.»Teirerimgsrulagerr".
Von Altpensionären wird uns geschrieben:
Bei den Reichstagsverhandlungen über die Teuerung wurde von dem nationalliberalen Abgeordneten Dr. Fuhrmann 'die Gewährung von Teuerungszulagen an die Beamten angeregt. Diese Anregung ist mit sehr gemischten Gefühlen entgegengenommen worden. Daß die Beamten, ebenso wie der größte Teil der Bevölkerung, unter der Teuerung zu leiden haben, wird niemand bestreiten, ebensowenig aber auch, daß die vor 1008 pensionierten Beamten, denen die Wohltaten der letzten Gehaltsregulierung nicht zugute gekommen sind, von der Teuerung viel härter betroffen werden als erstere. Es gibt Beamtenkategorien, deren Höchst- gehalt einschließlich Wohnungsgeld von rund 2700 M. auf 42600 M. erhöht worden ist. Welcher Unterschied in der Pension hierdurch entstanden ist, mag folgendes Beispiel ergeben: Von zwei Beamten gleicher Kategorie mit je 40jähciger Dienstzeit hat der eine die Mobilmachung 1839 sowie die Feldzüge 1866 und 1870/71 mitgemacht: Ende der neunziger Jahre wurde er pensioniert. Sein ihm gleichgestellter viel jüngerer Kollege wurde 1909 pensioniert: dieser bezieht aber rurü> 1100 M. Pension mehr als ersterer. Da die Pensionärs von der Teuerungszulage ausgeschlossen sind, ist es verständlich, daß sich der Altpensionäre beim Lesen dev Reichstagsverhandlungen ein bitteres Gefiihl bemächtigt.
Unser Beamtenkorps gehört zu den bestbesoldeten der Welt: wenn man trotzdem beabsichtigt, ihm eine
in leuchtenden Farben. Da gibt es in Neuwaldegg hinter der Schwarzenberg-Meierei eine festlich breite Ahornallee; die ist aus lauter Gold. Die gelben Blätter sudeln und glitzern in der Sonne; zehn, zwanzig und dreißig Baum- Paare mit goldgelben Riesenkronen. Das blinkt und flimmert und funkelt. Das Auge freut sich. Die Seele wird jung im alten Ahornwald. Lustig schreitet der Fuß aus. Der Wald ist voll Wunder, voll Neuem und Ungewöhnlichem. Man geht hastig weiter, um sich wieder -an einem überraschenden Anblick zu ergötzen. Jetzt krünimt sich der Weg an einem milden Hang vorüber, und drüben brennen die Buchen. Tiesrot sitzt das Laub auf den Stielen. Automobile preschen vorüber. Hinter ihnen tanzen kecke Blätter her. Sie lausen dem Kraftwagen nach wie übermütige Buben. Aber der Atem geht ihnen bald aus. Und sie liegen wieder hübsch brav am Wegrand. Langsam und behäbig steigt die Straße zum Kamm. Man merkt die Erhebung kaum; eine rechte, zahme Waldstraße für Großstadt- mcnschen, die das Bergsteigen nicht gewohnt sind. Sie kommt kurzatmigen Lungen bereitwillig entgegen.
Rote Hagebutten brennen in den Büschen, violette Herbstzeitlosen stecken schlank und blaß in den Wiesen: Blätter fallen von müden Bäumen, und an manchen Stellen ist der Wald schon ganz kahl. Die Bäume strecken ihre nackten Ruten zur Sonne empor. Aber sie kann ihnen nicht helfen. Darum ist sie so schüchtern und verzagt und lächelt nur traurig. Alles muß sie sich gefallen lassen. Selbst daß sie der Rauch von der Miniaturbahn auf dem Kahlenberg verdunkelt. Die arbeitet sich mühsam von Fußdors empor. Sie hat ein schweres Löben. Die Leute wollen von ihr nichts wissen und machen sich lustig über ihren hochmütige» Anspruch, eine Gebirgsbahn zu sein. Sie trauen ihr nicht und gehen lieber zu Fuß. Da können sie auch stehen bleiben, wenn es ihnen und nicht der Lokomotive belieb!, und zurück- schauen auf die Stadt, auf die Hunderte und Tausende von Häusern, die rings von einem lebendigen Festungswall Keiner Berge umschlossen sind; wie aus dem Grund einer Rissenschale mit zackigem Hügelland liegt Wien da. Es stößt seinen schweren, dumpfen Atem in die klare Hcrbstluft: wie im Winter über den Köpfen dampfender Psevde ist eine kleine Dunstschicht über dem keuchenden Leib der Stadt.
Und die Leute strömen am Sonntag hinaus. Sie fliehen aus den Häuserschächten und stehlen sich eine Lunge voll
