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Verlag Lartggafle 21

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Wöchentlich 12 Ausgaben.

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Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 507.

Sonntag, 89. Oktober 1911.

59. Jahrgang.

Morgen ° Ausgabe.

1. Wlcrit.

Trouds Lehre.

Gegenüber den Versuchen der orthodoxen Scharf- luacher, ebenso wie dein Pfarrer Jatho, so auch dem Llcentiaten Traub sein Amt zu rauben und ihn als kinen Apostel des Unglaubens hinzustellen, ist von dem Verbände der Freunds evangelischer Freiheit eine Sammlung von Aussprüchen Lraubs aus seinen Schrst- ten vorgenommen worden, die ein Zeugnis oblegen von. dem echt christlichen Geiste, von dem er beseelt, ist- Einige Stücks aus dieser Sammlung seien hier nntge- teilt, da ja der Fall Traub vermutlich sehr bald rn stärkerem Maße die Öffentlichkeit beschäftigen wird. ,

Über die Gottesvorstellung äußert sich Trante tme folgt:Glaube ich au Gott? Nein, ich habe chn, manch- Wal klar und deutlich, immer wie eine Ahnung, die bald üüb, bald voller Gewißheit ist, aber stets beglückend wirkt. Das Christentum lehrt einen neuen Weg zur Gotteserkenntnis: den königlichen Weg der Liebe. Der einzig« Irrweg ist Lieblosigkeit und Unbarmherzig­keit .... Liebe ist Gott, und wo sie ist,,da hat er die Erde berührt mit dem äußersten Saum seines Mantels. Aber dann haben die Menschen in ihrer Liebe noch nicht .Einmal den Mantel, geschweige denn das Herz ihres Gottes gefaßt."

Über Christus spricht sich Traub folgendermaßen aus:Der Heiland ist nicht der Gebetsheiler von heute Und nicht der Magier von damals: er ist der Mann, von dem ewige Kraft Gottes ausging. Es ist eines Heilandes größeres Werk, auf Generationen hinaus unerschöpfliche Liebe zu entbinden, als durch magisches Wort einige Laibe Brot zu verzehnfachen."

Über Christentum uud Protestantismus hat Traub folgende Grundanschauung:Ter Wert des Chrcsten-

ürms liegt nicht in seinen Gedankenschöpfungen, son­dern in seiner Erziehung zu Kraft und Hilfe. Jesus starb für die Brüder. Aus solchem Opfer entspringt heilige, unwiderstehliche Kraft. Seither gibt es kernen, der den Namen Christi mit Recht tragen könnte, wenn er sich nicht in heiliger Kraft zu opfern weiß Ter Protestantismus ist eine Macht innerlichen Glaubens Und unerschöpflichen Höffens." . ^ , r r

Über die Fraae des Wunders äußert Traub fol­gende Gedankengänge:Wirkliche Frömmigkeit miß­

braucht Gott nicht, indem sie Zeichen und Wunder von chm fordert: sie weiß, daß die Wunder sie umgeben, wie Lust und Licht, und daß sie nur die Augen offnen ttiiiß, um diese Welt wunderbaren Lebens zu begrei­fen. Deshalb sehen die Frommen überall Wunder, weil ihnen Gott entgegentritt, wo sie stehen und gehen. Jesus ist der Führer für alle, die ihre Seele sichren mssen zu Gott. Hier erleben sie dann das Wunder.

Der Sinn des Betens liegt für Traubnicht darin, daß Gott sich oder die Welt ändert, sondern daß wir uns andern. Der Christ fühlt sich sicher und geborgen nu

ewigen Ratschluß, und durch sinnendes oder stürmi­sches Gebet sucht er den «palt der Türe zu erweitern, -durch den er mit dankbarem Blick in die Welt liebender Gottesgedanken hineinsieht."

Bei dem Thema Kirche kommt Traub zu folgenden Ergebnissen seiner Glaubensfassung:In der Kirche

feiern wir wohl miteinander das Kreuz Jesu, aber wir kümmern uns nicht um das Kreuz des Menschen, der neben uns auf der Bank sitzt. So soll es nicht sein . . . Auf protestantischem Boden gedeiht allein die Laien - k i r ch e : ihr gehört die Zukunft. Die heutige Kirche vertraut auf sich, nämlich ihre Rechtgläubigkeit, die Kirche der Zukunft hört allein auf Gottes Wege."

Es gibt wohl kein besseres Mittel, um die Minder­wertigkeit des Kampfes gegen Traub und seine Freunde zu erkennen, als die Verbreitung seiner Lehre, die deutlich zeigt, wie ethisch irnd wahrhaft religiös seine Bestrebungen sind. Sollte man auch ihn ver­urteilen wollen, so würde man die evangelische Kirche am meisten schädigen, von der dann Gegner behaupten würden, sie könnte Anschauungen von der geläuterten Ethik eines Traub nicht vertragen.

Die Politik der Woche.

Das , abwechselungsreiche Rätselspiel, wann die Neuwahlen zum Reichstag stattfinden, hat sein Ende gefunden. Am 12. Januar des kommenden Jahres werden die Wähler an die geheimnisvolle Urne, die in manchen ländlichen Wahlkreisen nicht ganz so geheimnisvoll sein soll, berufen werden, um ihren Stimmzettel für die neue Volksvertretung abzngeben, die, wie die einen hoffen und die anderen fürchten, leicht ein ganz anderes Gepräge aufweifen könnte als der jetzige Reichstag, der im Zeichen der konservativ- liberalen Paarung begann und in dem der konservativ­klerikalen Paarung endet. In den Ausführungen des Reichskanzlers v. Bethmann-Hollweg zu der Teuerungs- interpellation will man so etwas wie eine Wahlparole erblickt haben, die in dem Festhalten an der bisherigen Wirtschaftspolitik bestehen, soll, aber von national- liberaler Seite ist dem leitenden Staatsmann alsbald entgegengehalten worden, daß in deni Wahlkampf, der nunmehr mit verstärkter Jntensivität eingesetzt hat, noch um eine ganze Reihe anderer Fragen gestritten werden wird.

In dem Wahlkampf in Elsaß-Lothrin­gen fällt die endgültige Entscheidung an diesem Sonntag, und erst nach dem Ausfall der Nachwahl wird sich die Zusammensetzung des neuen Parlaments in dem jüngsten Bundesstaat übersehen lassen. Das aber steht schon jetzt fest, daß das Zentrum, welches bei den Hauptwahlen begreiflicherweise die größten Erfolgs erzielt hat, aus eigener Kraft keine Mehrheit in der Kammer zu bilden vermag, und ob ihm dies mit Hilfe des überwiegend klerikal gesinnten Lothringer Blocks gelingen wird, steht angesichts des für die Nachwahlen zustande gekommenen Blocks der Linken noch nicht mit unbedingter Sicherheit fest, wenn auch eine starke

Wahrscheinlichkeit dafür spricht. Das erfreulichste und unbestrittenste Ergebnis der Wahlen aber ist das? völlige Fiasko, des sogenannten Nationalbundes und damit der antideutschen Bewegung in den Reichs landen überhaupt.

Wenn dies Ergebnis jenseits der Vogesen begreif­licherweise mit sehr schmerzlichen Empfindungen aus­genommen worden ist, so tvird es für die in ihren heiligsten Gefühlen gekränkten Franzosen ein Pflastep mrf die Wunde bedeuten, daß die langwierigem M a r o k k o v e r h a n d l u n g en endlich zu einem- positiven, für Frankreich jedenfalls recht annehmbaren Ergebnis geführt haben, und daß der Abschluß des Ab- tommens nunmehr, wenigstens soweit es die beiden Regierungen betrifft, unmittelbar bevorsteht. Freilich sind bei diesem Rennen noch einige letzte Hinder- msse zu nehmen. _ Tie französische Regierung bedarf, für das eigentliche Marokkoabkommen der Zustim­mung der Algecirasmächte, und zu dem Kompensa­tionsgeschäft hat dort die Kammer und hier der Reichstag Ja und Amen zu sagen, was aber zum Schluß wohl hier wie dort geschehen wird.

In schroffem Gegensatz hierzu sind die Aussichten auf eine Beendigung des italienisch-türki­schen Krieges in eine nebelhafte Ferne gerückt, seitdem die Italiener, stolz auf ihre ersten Siege gegen eine bescheidene Minderzahl, ihre Forderungen immer? höher geschraubt haben, während der Fatalismus der, Türken allgemach einer erwachenden Widerstandskraft, weicht. In Tripolis hat man bereits einige recht blutige Proben von diesemErwachen des Löwen" be­kommen, und die Italiener beginnen trotz aller Ruhm­redigkeit bereits zu merken, daß es weit leichter ist, zu landen, als ein Land zu erobern oder gar festzuhalteu. Wenn mau zu den durch die strenge Zensur der Con- sulta durchgelassenen Nachrichten vom Kriegsschau­platz die erforderlichen Zuschläge macht, dann ergibt sich unschwer, daß die italienische Besatzungsarmee sich m Tripolis, eingeklemmt zwischen Türken und Arabern^ in einer recht prekären Lage befindet.

Wie dies Kriegsschaufpiel sich weiter eirtwickelt, bleibt abzuioarten, aber der Vorhang dürfte schwerlich so bald über ihm fallen, nachdem Freiherr v. Gautsch in Übereinstimmung mit der deutschen Diplomatie ver­sichert hat, daß zurzeit die Grundlage für eine Vermitt­lungsaktion noch liicht gegeben wäre. Es kanii auch als , sehr zweifelhaft gelten, ob der österreichische M in isierpräsiden t den von ihm angodeuteten entsprechenden Zeitpunkt" noch erleben, wir meinen im Amt erleben wird, denn angesichts der Forderung der Tschechen, ihnen zwei Ministerposten als Abschlags­zahlung zu überlassen, hat sich an der schönen, blauen Donau wieder einmal eine der üblichen K a b i n e t t s- krisen entwickelt, in deren Hintergrund der berüch­tigte Paragraph 14 als Flammenzeichen steht.

Auch das neu zusammen getretene englische Parlament, welches jetzt zum ersten Male im Zeichen der erkämpften Vetobill tagt, sah sich einenr allerdings nur internen Ministerwechsel gegenüber

gmilkim.

(Nachdruck verbeten.)

Der GeschäftsMMM.

Humoreske von Heinrich Kahl.

Er hieß Hein. . r . r

, Hein hatte einen kleinen zierlichen «chnurroa , irug einen zur Hälfte bezahlten Überzreher», hatte ue >)dealismus und konnte mit dein besten Willen nicht ^greifen, weshalb ihm niemand eine «tellung auoo. Weil sich niemand aus eigenem Antrieb dazu ver­stand, Hein Geld zu schenken, so entschloß er pch ohne weiteres, seine pekuniäre Besserung der Zeit zu uber- sassen und seiner Geduld zu vertrauen, dre chm über ore ichreckliche geldlose Zeit hinweghelfen sollte. ,

Hein wohnte bei seinen Verwandten,^ dre, wie man don armen Leuten zu sagen pflegt,selbjt nichts ru 9 «. Milch zu krümeln hatten". ^ . T ,

Eines Tages trat der männliche Haushaltuiigs- fwrstand vor die ausdauernde Warteseele und hielt mit derselben eine ernste Zwiesprache:

«Hein! Wann gedenkst du Stellung zu smoen-

Kann ich nicht genau fageti; momentan ist aie^> besetzt,"

Tu weißt, daß du seit zehn Wochen keinen Pfennig Geld mehr verdient hast." _, r , f

, Leider ja; aber daran bm ich nicht schulo, son- vern die Verhältnisse!"

Dann mußt du die Verhältnisse zwingen wie Rapoleon Bonaparte." .

Ich habe nicht den starken Willen wie der große Korso!"

Ein großer Mann hat , gesagt: Was der Mensch will, kairn er! Versuche dein Möglichstes und beginne etwas, was Geld einbringt!"

Was zum Beispiel?"

Meinetwegen eröffne einen kteineii Laden, verkaufe Kakao oder Eis: aber vop allen Dingen verdiene Geld."

Unser Hein war trotz allem Idealismus auch ein Mann der Tat. Er schlug sich mit der doppelten Faust vor die Brust, setzte sich fünf Minuten laug in einen Sorgenstuhl und ließ sein Gehirii arbeiten,daß es knirscht^, wie Gustav Hagen sagen ivürde. Daun stand er auf, reichte dem männlichen Haushaltungsvorstand die rechte Vorderhand uiid sagte:

In acht Tageii bin ich Geschäftsinhaber: ich er­

öffne einen 10-Pfennig-Lad?en und verkaufe Brat­kartoffeln. In einem halben Jahre bin ich ein gemach­ter Mann! Adieu!"

Mit dem Idealisten Hein ist das so eine eigene Sache.

Ein einziger ins Rollen gekommener Gedanke wälzt eine Lawine von Gedanken mit sich über die Ge- hirnatome. Dem Gedanken mit denBratkartoffeln" folgte der Gedanke an einen delikatenSalat", dem Salat" schloß sich der Gedanke an kleine10-Pfennig- Puddinge" an und diesem wiederum ganzvorzügliche Kartoffelpuffer", und den Schluß der intensiven Ge­dankenassociation bildete die Vorstellung:Apfelmuß mit Schlagsahne".

Aus dem großen Idealisten wurde ein energischer Tatenmensch. Ter Tatenmensch Hein wußte, was das Leben bedeutete, was es kostete. Er warf einen einzi­gen Blick ins Portemonnaie. Ter Blick addierte zu­sammen: 10 deutsche Reichspfennig.

Dann schritt unser Hein kühn ins Leben hinaus und Mietete einen kleinen Laden zum Preise von 800 Mark pro Anno.

Der Mietsfran imponierte der neue Überzieher und dre stolze Brust des Mieterssie hatte nichts einzu- ivendeir. ;

Ter liebe Gott tvird mir beisteheir und bezahlen helfen", dachte der 10-PfeirnigS-Jnhaber und Unter­zeichnete deir Mietkontrakt, tvobei er hoch und heilia versprach, beim Einzug in den Mietpalast pränume- rando 75 Mark Zahlung zu leisten. Das war ein Meineid.

^ Ter Stein war iirs Rollen gekommen; unaufhalt­sam fltnfl es vorwärts mit derEröffnung" Wäre doch nur etwas Betriebskapital vorhanden! Was tun?! Hem setzte sich in einen stilleir Winkel und dachte in­tensiv an Verbesserungen.

, Zehn Minuten später steht er vor dem Inhaber eines Kramerladens, und es entspinnt sich folgendes' Geiprach:

- , Hein:Habe- hier in der Nähe einen Laden oe- mietet, 8 P 0 Mack Miete, famoser Laden. Ich werde da erne 10-Psennlg-Kondltorei einrichten, wollen Sie mit mir in Geschäftsverbindung treten? Sind Sie ge­willt, nur ^ auf acht Tage Ziel Waren frei ins Haus zu liefern? Ich zahle jedoch nur wochenweise'^ habe momentan zu viel mit den kleinen Rechnungen zw kriegen, «ie wissen wohl, wie das so ist bei Getchäfts» leuten. ' 1

Ter Krämer:Aber selbstverständlich, ohne Frage!

Weshalb nicht?! Was brauchen Sie? Schön_wird

prompt geliefert. Adieu adieu auf Wiedersehen. Herr . . . Herr . .