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„Tagblatt-H-uS".
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** „Tagblatt-Hans" Nr. 6650-5».
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Nr. 4SD.
Mittwoch, 25. Oktober 1911.
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Morgen «Ausgabe.
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Jas verdammte Interviewen.
Die Abgeordneten Paasche, Erzberger und Gothein Werden es wohl so bald nicht wieder tun, namlrch ernem französischen Korrespondenten Rede und Antwort zu stehen, unr. ihre Herzen über die Marokkosache auszu- schütten und dies alles mit der grausamen Sicherheit SU wagen, daß besagter Herr unverzüglich die ihm anvertrauten Wutausbrüche an sein Blatt telegraphieren oder telephonieren wird. Die Sache ist ebenso^ lustig tote ärgerlich und ebenso ärgerlich wie lustig. Sie hat als hübsche Probe journalistischer Gewandtheit einen geradezu kulturhistorischen Wert: aber bei diesen Rer- Zen alleirr darf inan sich nicht aufhalten, sondern es grlt vor allem, zu erforschen, was die drei befragten Reichstagsmitglieder denn nun wirklich gesagt haben. Zunächst sind wir wohl alle darüber einig, daß es maßlos leichtsinnig war und ist, zu einem — französischen Journalisten mit so verfänglicher Offenheit zu sprechen, tote es nach dem Bericht im „Matin" geschehen sein soll. Ein mildernder, im Kern erfreulicher Umstand ist aber auch hierbei des Notierens wert. Unsere Reichstags- Und Landtagsabgeordneten und mit ihnen zahlreiche andere politische Persönlichkeiten in den verschiedensten Berufs- und Lebensstellungen wissen genau, daß sie sich auf die Diskretion deutscher Journalisten verlassen können. Man kann ruhig sagen: die Diskretion gehört zum Wesen des Journalisten, der auf sich und seinen Beruf hält. Nirgends sind so viele Geheimnisse und Vertraulichkeiten aufgespeichert wie in der verschwiegenen Brust von Redakteuren und Mitarbeitern größerer Blätter. Wenn die Herren Paaschs,,Erzbergrr Und Gothein hiernach Herrn Caro vom „Marin" gegenüber ohne Umschweif mit der Sprache herausgingen, so geschah es offenbar in der für uns deutsche Publizisten ehrenvollen Meinung, daß Takt und Verschwiegenheit für den Stand ohne Rücksicht auf die Landes- grenzen gelten. Wierin eben steckt die Naivität der ausgefragten Herren, die doch hätten wissen sollen, daß ein französischer Journalist Gebote der Rücksichtnahme,
sobald es sich um deutsche Verhältnisse handelt, in gleichem Maße nicht zu nehmen braucht. Genug, es ist ein kleines Malheur passiert, vielleicht auch ein großes. Was die genannten drei Abgeordneten Herrn Caro ausgeplaudert haben, das finden die Leser an anderer Stelle des Blattes, und auch wer im wesentlichen Anstimmen möchte, kann doch sein Erstaunen über die ungeschminkte Deutlichkeit dieser Ergüsse nicht unter- drücken. Allerdings versichern setzt die Abgeordneten Paasche und Erzberger, sie hätten sich so, wie Herr Caro sie sprechen ließ, durchaus uicht geäußert, und wir sind auch ohne weiteres überzeugt, daß sie das wirklich nicht getan haben, sondern daß Herr Caro ihre Eröffnungen für französische Ohren angemessen präpariert, frisiert und ornamentiert hat. Hören wir zunächst, was Paaschs und Erzberger gesagt haben wollen. „Es ist richtig", so erklärte der rechtsnationalliberale Führer einem Mitarbeiter des „Tageblatts",, „daß ich mich in den Wandelgängen des Reichstags mit Herrn Caro vom „Matin" und einem anderen Pressevertreter über die Marokkofrage unterhalten habe. Wir , hatten jedoch eine rein private Unterhaltung, und ich, habe Herrn Caro ausdrücklich verboten, etwa , in seiner Zeitung meinen Namen zu nennen, da ich ihm ein Interview nicht gewähren wollte. Äußerungen, wie sie Herr Caro in seinem Artikel wiedergibt, habe ich nicht gemacht. Ich habe vielinehr folgendes im Aus- und Abgehen gesagt: Meines Erachtens hätten wir als ein wachsendes Reich mehr Anspruch darauf, unsere Kolonien zu erweitern und die Möglichkeit einer Betätigung zu schassen als Frankreich. Ob Geheimverträge zwischen Frankreich und Spanien über Marokko existieren, interessiere uns sehr wenig. Wenn wir auf Marokko verzichten müßten, dann müßten ivir Kompensationen dafür erhalten. Der Kongo sei meiner Meinung nach eine recht wertlose Kolonie.' Ein großer Teil des Reichstags werde gern darauf verzichten. Wir hätten in Marokko bleiben sollen. Jetzt sei es allerdings verkehrt, durch übermäßige Forderungen die Franzosen zu reizen. Von einer augenblicklichen Nadelstichpolitik, die Anstoß zu Komplikationen geben könne, habe ich nicht gesprochen."
Auch der Abgeordnete Erzberger bestritt, die ihm im „Matin" in den Mund gelegten Äußerungen getan zu haben. „Ich kam gestern", so erklärte Herr Erz- berger, „gerade dazu, als sich Geheiinrat Paasche mit dem Herrn vom „Matin" unterhielt. Ich beteiligte mich int Vorbeigehen an dem Gespräch und habe dann unterstrichen, daß ich auf die Kompensationen den größten Wert lege. Was die Regierung gefordert habe, sei das mindeste, was wir verlangen müßten. Ich habe dann noch ausdrücklich hervorgehoben, daß wir auf alle Fälle an den Kongo herankommen müßten. Wenn die Franzosen sagten, der Kongo würde dadurch in zwei Teile geteilt, dann mögen sie uns, so habe ich wörtlich gesagt, den unteren Teil geben und für sich den oberen 1 Teil behalten. Weiter habe ich nichts gesagt. Dann
kam noch der Abgeordnete Gothein hrnzu, der noch ein recht drastisches Scherzwort gebrauchte. Darauf habe ich mich wieder entfernt."
So die beiden Abgeordneten. Wir halten es fnr selbstverständlich, daß auch der Abgeordnete Gothein imstande wäre, die ihm zugeschriebenen Äußerungen des Beiwerks zu entkleiden, das sie zu einer Fälschung zwar nicht im juristischen Wortsinn, doch . ^ aber _ dem Wesen nach gemacht hat. In jedem Falle ist zweierlei aus dem Vorgang zu lernen. Das eine ist, daß man sich gegen ausländische Journalisten vorsichtig zu verhalten hat. Das zweite ist, daß die Stimmungen, von denen weite Schichten der Nation in allen Lagern, sogar in der Sozialdemokratie, erfüllt sind, ihr starkes Echo auch im Reichstag gefunden haben, wie dies aller- dings nicht anders möglich war. Tie Reichsleitung wird in den Debatten über die Marokko-Interpellationen schöne Dinge zu hören bekommen. Und das wird beinahe tragikomisch sein, da Herr v. Kiderlen-Wachter gemeint hatte, wie ein kleiner Bismarck vor Volk und Volksvertretung dazustehen.
Politische Uverstcht.
Gins Kehre für das Kirchenregimrrrt.
In Dortmund haben, wie uns von dort geschrieben wird, letzte Woche Repräsentantenwahlen stattgefunden, deren Ergebnis als das Bekenntnis der großen Mehrheit der protestantischen Laien zu ihrem Pfarrer Traub angesehen werden muß. Um so mehr, als auch dre selbständig vorgegangene Mittelpartei ausdrücklich betonte, Traub nicht bekämpfen zu wollen, so daß die mittelparteilichen Stimmen nicht etwa als oppositw- uelle den orthodoxen hinzugezählt werden können. Unter den obwaltenden Umständen haben diese Wahlen in Tortinund eine erhebliche Bedeutung für die Frage, ob niit den Jrrlehreprozesseu gegen liberale Pfarrer fortgefahren werden soll. Bekanntlich ist gegen Traub sowohl das Disziplinarverfahren anhängig gemacht als auch das Spruchkollegium angerufen worden, nur daß das Spruchkollegiuin wartet, bis das Konsistorium das Disziplinarverfahren beendet und jenem vielleicht nichts mehr zu tun übrig gelassen hat. Einstweilen darf man vielleicht hoffen, daß der Antrag, mit der Durchführung des Disziplinarverfahrens ein anderes Konsistorium als das der Befangenheit verdächtige Münstersche zu betrauen, nach Liesen Dortmunder Wahlen eine besonders sorgfältige und gewissenhafte Prüfung finden wird.
Keirr Ketsarbettexstrett;.
Von sachkundiger Seite erfahren wir, daß die Führer der Bergarbeiterorganisationen einen allge- meinen Streik schon aus finanziellen Gründen zurzeit für ausgeschlossen halten. Die „kleineren Streiks der
Fe uilleto n.
Wie die Soxerführer starben?)
Der Tod des Chao Shu-ch'iao.
Dieser Großrat, einer der begünstigten Minister Ihrer Majestät, den sie bis zum Ende vor der Hinrichtung zu decken versuchte, ivar ursprünglich nur zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt worden. Er befand sich in dem Ge- lvahrsam des. Provinztalrichters zu Hsi-an fu, wo es semer Familie gestattet war, ihn zu besuchen. Am Tage vor dem Erlaß des Dekretes, das ihn zur Gefangenschaft vemriertte, hatte der Alte Buddha bei einer Sitzung des Großrates Sffagt: „Ich glaube wirklich nicht, daß Chao im geringsten Mit den Boxern einig war. Sein Irrtum bestand vrelmehr darin, daß er den Ernst der Boxcrbewegung unterschätzte^ Diese Äußerung wurde Chao hinterbracht, der sich dadurch natürlich sehr erleichtert fühlte und glaubte, daß sein Leben geschont werden würde. Einige Tage spater war das Gerücht allgemein verbreitet, daß dre fremden Machte auf seiner Enthauptung beständen urtd dre Nachricht erzeugte die größte Aufregung in der ganzen Stadt, dre fem Heimatsort war. Etwa 300 Notabeln der Stadt entwarfen eine riesige Bittschrift und begaben sich damit zum Bureau des Grohrats und baten im Namen der ganzen Bürgerschaft, daß sein Leben geschont werde. Die Großrate scheuten sich, die Bittschrift Ihrer Majestät vorzulegen, aber der Präsident des Justizministeriums, der .nut Chao verwandt war, erklärte der Deputation, daß ferne Hinrichtung ein Akt ungeheuerlicher Ungerechtigkeit sein würde.
Am ersten Neujahrstage nahmen die Gerüchte festere Form und die Andrerrz Ihrer Majestät mit dem Groß- tat dauerte an diesem Tage von 6 bis 11 Uhr vormittags.
*y Wir entnehmen das Kapitel aus dem hochinteressanten, reich illustrierten Werk „China unter der Kaiierm-Wr-we ; von Bland m Backhouse, Berlin. Verlag von Karl sicglsmund.
Aber selbst dann war man noch zu keinem Enffchluß bezüglich des Schicksals Chaos gekommen. In der ganzen Gegend um den Paukenturm drängte sich eine gewaltige Menschenmenge, welche Chao zu befreien drohte, falls er zur Rtchtstätte geführt werden sollte. Der Lärm ivar so groß, daß der Großrat einen Aufruhr befürchtete und er beschloß daher, Ihre Majestät zu bitten, Chao zu gestatten, sich selbst zu entleiben. Dies geschah, Tzu Hst gab mit Widerstreben nach und- erließ um 1 Uhr am folgenden Morgen ein Dekret, welches die Stunde für die Meldung von seinem Tode an Ihre Majestät auf 5 Uhr nachmittags desselben Tages sestsetzte. Dem Gouverneur Ts'en wurde befohlen, Chao im Gefängnis das Dekret vorzulefen, was in richtiger Form goschäh. Nachdem er schweigend bis zu Ende angehört hatte, fragte Chao: „Wird kein weiteres Dekret folgen?" „Nein", entgegnet- Ts'en. „Sicherlich doch noch!" meinte Chao. Darauf bemerkte seine Gattin: „Es ist keine Hoffnung mehr, laß uns gemeinsam sterben!" Sie bchändigte ihm darauf Gift, von dem er ein wenig nahm, aber bis 3 Uhr nachmittags schien es gar keine Wirkung zu haben, denn er erschien noch kräftig und besprach weitläufig mit seiner Familie die Vorkehrungen für sein Begräbnis. Der Eindruck, dm sein Tod aus seine greise Mutter und ihre Gesundheit machen würde, beschäftigte ihn sehr. Den ganzen Tag über war fein Zimmer gedrängt voll von Freunden und Kollegen. Der Gouverneur hatte sie zunächst fernzuhalten gesucht, aber schließlich nachge- geben. so daß die Zahl der Anwesenden sehr groß war. Chao sagte zu ihnen gewandt: „In diese Lage bin ich lediglich durch Kang Yi's Schuld geraten." Als der Gouverneur merkte, daß seine Stimme noch klar und fest war und daß keine Zeichen des nabenden Todes. vorhanden waren, befahl er einem Diener, ihn etwas Opium schlucken zu lassen. Als um 5 Uhr das Opium offenbar noch nicht gewirkt hatte, wurde dem Diener befohlen, ihm eine reichliche Dosts Arsenik zu geben, worauf er zu Boden frei und dort, ächzend und sich die Brust schlagend, liegen blieb. Später klagte er Mer heftige Schmerzen und bat, daß man
ihm die Brust reibe, aber feine Natur war so stark und sein Wille so zähe, daß es selbst um 11 Uhr noch klar war, daß seine Lebenskraft noch rächt gebrochen fei. Der Gouverneur war in großer Unruhe und Sorge, wohlbewußt, daß der Alte Buddha einen stichhaltigen Grund dieser langen Verzögerung der Ausführung ihres Befehls verlangen werde. „Ich hatte seinen Tod um 5 Uhr zu melden", sagte er, „der Mann will nicht sterben; was ist zu machen?" Tie Diener schlugen vor, man solle einige Stücke dicken Papieres znsammenballen, sie in starken Spiritus tauchen und mit ihnen die Luftröhre schließen; so würde er schnell ersticken. Ts'en billigte den Vorschlag und nachdem fünf Papierpfropfen eingeführt waren, trat der Tod ein. Hierauf beging seine Gattin, bitterlich weinend, Selbstmord. Bis zum Ende wollte Chao nicht glauben, daß die Kaiserin seinen Tod zulassen würde, und es ist daher wahrscheinlich, daß er eine unzureichende Dosis Opium nahm, um Zeit für einen Aufschub p gewinnen.
Der Tod des Prinzen Chuang.
Prinz Chuang begab sich mit seiner Konkubine und seinem Sohne nach Tu Chou im südlichen Shanfl, um dort die Entscheidung der Kaiserinwitwe über sein Schicksal abzuwarten. Er bewohnte ein amtliches Lustschloß. Als der Kaiserliche Kommissar, Ko Pao-Hua, dorthin das Dekret brachte, das ihm befahl, sich zu entleiben, war es noch früh am Morgen. Trotzdem wurden bei seiner Ankunft, gemäß der Etikette, zu seiner Begrüßung Schwärmer abgebrannt. Der Lärm ärgerte den Prinzen Chuang sehr und er fragte heftig die Dienerschaft, was solcher Lärm zu solcher Stunde heißen solle. „Ein Kaiserlicher Kommissar ist eingetrosfen", entgegneten sie. „Ist er meinetwegen gekommen?" fragte der Prinz. „Nein, er ist m:r auf der Durchreise", war die Antwort. Als der Kaiserliche Kommissar eingetreten war, begann der Prinz ihn lebhaft über den Hof auszufragcn, woraus Ko kurz und knapp antwortete. Nach einer kurzen Unterhaltung besichtigte Ko die Örtlichkeit. Im hinteren Teile fand er einen alten Tempel, in dem er einen leeren Raum als Szene für den Selbstmord des Prinzen aus--
