Wiesbadener Tsgblck
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Morgen - Ausgabe.
1. Matt._
Sozialpolitische Umschau.
— Mitte Oktober. —
Dt« politischen Wetterzeichen sichen auf Sturm. Die der Waffeugang zwischen Italien und der Türke: »uf Deutschland zurückwirken, wie weit der um Tripolis entfachte Brand auch andere Staaten ergreifen wird, läßt sich heute nicht sagen. Aber gutes wird er uns nicht bringen. Auch wenn die Türkei nicht die Fahne des Propheten entfaltet und den heiligen Krieg erklärt, werden wir die Störung des Friedens an unseren Handelsbeziehungen spüren. Kehrt sich^ die gesamte mohammedanische Welt nach der Entfachung des religiösen Fanatismus gegen die christliche, so bedeutet das für uns eine schwere Schädigung, denn unsere wirtschaftlichen Interessen sind im ganzen Orient grotz. So trägt arich die auswärtige Politik dazu bei, daß wrr dem kommenden Winter nicht mit sehr frohem Mute entgegensehen. Und wir haben dabei auch nicht den Trost,' daß unsere inneren Verhältnisse leidlich erträglich sind. In der nächsten Zeit wird der Reichstag zu einer kurzen Sitzung wieder zusammentreten und, er wird voraussichtlich sofort ein Bild der übIenStim- nt u n q bieten, die ssit langem das deutsche Volk m seiner Mehrheit beeinflutzt. Und Liese Stimmung wird nicht rosiger durch die Verteuerung der notwendigsten Lebensmittel, dre sur dre ärmeren Klassen nur schwer zu tragen ist. Die Unzn friedenheit mit diesen Verhältnissen wird dabei wesent lich gesteigert durch die Überzeugung, daß die von der Reichsregierung mit Unterstützung der Bundesregrerun- gen zähe festgehaltene einseitige Wirtschafts- und Handelspolitik einen erheblichen Teil der Schuld an der allgemeinen Teuerung trägt. Jedenfalls wird hierüber in nächster Zeit sowohl im Reichstag wie in einigen Landtagen ein ernstes Wort gesprochen werden. Es 'ist ganz unverständlich, wie die Reichsregierung unter dem harten Truck der gegenwärtigen Preise an einer so durchaus verfehlten Maßregel festhalten kann,
wie es die E i n f u h r s che i n e oh n e p; d e n t 1 1 a t s-
Nachweis sind. Tie Regierungen werden dre Fol- gen ihrer Politik zu tragen haben., Sie werden hoffentlich nicht erstaunen, wenn sich bei den nächsten Reroys- tagswahlen herausstellt, daß sie mit ihrer , unsozialen Politik wohl die Wünsche eines verhältnismäßig kleinen Kreises erfüllt, aber keineswegs vaterländische Politik
getrieben, sondern lediglich die Geschäfte des äußersten Radikalismus geführt haben. Bisher sind alle Forderungen nach ausreichenden Maßregeln zur Linderung der Teuerung auf Taubheit gestoßen. Oer Deutsche Städtetag kann verlangen, die einzelnen Groß- und Mittelstädte können beschließen, Handelskammern und zahllose andere Körperschaften können Wünsche aussprechen, der einzelne Staatsbürger kann, je nach seinem Temperament, fluchen oder , bitten: diese ganze Flut von Willenskundgebungen eines großen Volkes prallt ab an der überlegenen Regierungskunst unserer höheren Bureaukratie und ihrer politischen Hintermänner. Di e Saat wird aufgehen. „
Inzwischen helfen sich manche Städte durch Teuerungszulagen für "ihre Beamten. Aber überall lassen sich diese natürlich nicht durchführen, da die meisten Städte selbst unter schlechten Finanzen leiden und für außerordentliche Zuwendungen an die, Beamten wenig Stimmung besteht., Auf dem Arberts- markt werden die teuren Preise nach zwei Richtungen wirken. Was für Lebensmittel ausgegeben wird, läßt sich nicht für andere Anschaffungen, für Kleider, Möbel, Wohnung usw. verwenden. , Also wird ore Nachfrage zurückgehen und die Arbeitsgelegenheit vermindert. Gleichzeitig sind aber die Arbeiter gezwungen, für die Steigerung der Lebensmittel einen Ausgleich durch Lohnerhöhungen zu suchen. So werden wir Wohl spätestens im nächsten Frühjahr, wenn die Teuerung anhält, eine lange Reihe von Lohn kämpfen erleben, durch die unsere Wirtschaftslage natürlich nicht verbessert wird. Kommen 'dazu durch langwierige kriegerische Wirren verursachte Störungen unserer Ausfuhr nach dem Orient, so stehen wir vor schweren wrrt schaftlichen Verhältnisfeil.
Merkwürdig ist dabei, daß die Ursachen der Teuerung noch keineswegs einwandfrei untersucht sind. Die einseitige Wirtschafts- und Handelspolitik , trägt wohl,, wie wir oben sagten, einen erheblichen Teil, aber keineswegs die volle Schuld: auch die Dürre des letzten Sommers trägt sie nicht. Sehr notwendig wäre es, denn doch einmal zu untersuchen, inwieweit der Z w i s ch e tt» Handel die Preise unangemessen verteuert, was ihm durch seine allgemeine und gute Organisation „heute in einem viel größeren Umfange als früher möglich ist. Man muß dabei bedenken, daß die freie Konkurrenz, die ehemals als Preisregulator wirkte, durch die straffe Organisation von Produzenten und Händlern sehr erheblich ausgeschaltet ist. Die Folge ist, daß immer mehr Menschen zu dem genossenschaftlichen Bezug ihrer Bedarfsartikel übergehen, also in die Konsumvereine eintreten. Aber selbst, wenn der Zwischenhandel einen
Teil der Schuld an den hohen Lebensmittelpreisen^trägt, so darf man doch nicht vergessen, daß lationen am besten gedeihen unter der hohen Schutzzollsystems, wie es m Deutschland besteht und seit Jahren auch in den Vereinigten Staaten dre Warenpreise erheblich verteuert hat. Die Nutzanwendung liegt nahe. , „ .
Bei dem immer schwieriger werdenden Kamps UM eine erträgliche Lebenshaltung kann es nicht überraschen, wenn die Arbeiter Nückdeckung auch in der Einführung einer allgemeinen Arbeitslosenver- icherung suchen. Ein Problem voller SckwrerE ketten. Auch der dritte Deutsche Stadtetag, der sich kürzlich mit ihnen beschäftigte, „aus starker mensch- lischer Teilnahme für die Nöte der unverschuldet Ar- beitslosen", hat es seiner Lösung nicht werter entgegen- geführt. Die Versammlung der deutschen -staddever,-. treter war der Ansicht, daß die Bekämpfung der Folgen der Arbeitsnot im wesentlichen eine Aufgabe des Reiches, nicht aber der einzelnen Gemeinden sei. Aber auch das Reich will sich an diesem Problem nicht die Zähne ausbeißen, ebensowenig dre Emzelstaaten. Der Städtetag hat ziemlich energisch die Verantwortung für die Behandlung der Frage von den Städteverwaltungen abgeschoben. Die Sache ist wichtig genug, urn hier die betreffende Erklärung der , beiden Referenten Oberbürgermeister Wallraf-Cöln und Oberbürgermeister A d i ck e s - Frankfurt a. M. mrtzu- teilen: „Die Überweisung der Bearbeitung der Fragen der Arbeitslosenversicherung an die Gememdeverwa^ tungen ist nur eine V e r l e g e n h e r t s a u s k u n s t, um die eigentlich verantwortlichen Stellen — Regierungen wie Parlamente — von der Verantwortlichkeit zu befreien. Alle Gemeindeverwaltungen, auch drejenl-- gen. welche aus freiem Entschluß bisher Versicherungs-- einrichtungen irgendwelcher Art für Arbeitslose ge- schaffen haben, sowie alle wahren Freunde rationeller und wirksamer Versicherung sollten gegen diese versuchte Verschiebung der Verantwortlichkeit Verwahrung einlegen und voii den Regierungen fordern, daß von ihnen unverzüglich die erforderlichen Untersuchungen eingeleitet werden, um sowohl das Verstcherungsoe- dürfnis als die Mittel zu seiner Befriedigung für die einzelnen Gewerbe- und Arbeiterklassen zu ermitteln und festzustellen. Soweit die Stadtverivaltungen hierbei, insbesondere bei Untersuchung der Verhältnisse der. Gelegenheitsarbeiter, hilfreiche leisten können^
werden sie gerne dazu bereit sein." Gleichwohl soll man nicht vergessen, daß auch Gemeinden gegenüber der unverschuldeten Arbeitslosigkeit soziale Verpflicht - tungen haderst wie diese ja auch von vielen Städtepobi-
Feuilleton.
Im Wattenmeer.
Von Hugo Wisliceny.
Aus kurzem, unruhigem Schlafe schnelle ich von meinem Lager in die Höhe. Rabenschwarze Nacht rrngs um mich. Aber ein Krachen und Dröhnen dringt an mem Ohr, und ich fühle, daß mein Lager hin- und herschwankt. Sofort kam
Mir die Eriinnerung. . . . . .
Ich befinde mich in der Kajüte emes Danchfers, der m dttsem Sommer die Fahrt von Bremen nach den Rordsee- inseln eröffnet hat.
Ein prächtiger Tag war es, an dom ich den „Delphin in Bremerhaven bestieg. Schon recht rah Wch hatten sich die Fahrgäste, deren Ziel meist dre ostfrlSstsche ^nsel Wangeroog war, an Bord des Tantpfers in Bremen emge- stmden, am Kai beim Kaiserhasen zu Bremerhaven kamen ihrer noch mehrere hinzu, und eilends und, frohgemut dampfte „Delphin" nordwärts, der See, dem frischen Nord-
Die^Fahrt in der immer breiter werdenden Mündung der Weser war köstlich. Immer gen Norden, zwischen roten und schwarzen Bojen, Heultonnen, Baken ^ Äderen Seezeichen im Fahrwasser des ausstromenden Wescrsluffes, dessen Wasser sich hier bereits innig olit dem^der Nordsee verbindet. Friedlich und ohne Harm lagen dem Langlutzen-Sand gegenüber die Wesersorts Briukemahof da. Wie ein großes, tiefes Meer erschien die Waffersläche bereits, die bÄebt war von zahlreichen Fahrzeugen, qualmenden HaNdelsdampfern und den vielgestaltigen, in der Anordnung von Mast und Segel so verschiedenen Seglern, von denen nur der Fachmann zu sagen weiß, ob es ein Ewer, Kutter, schooner, eine Brigg, eine Tjalk, ein Logger oder dergleichen ist Sie alle tummeln sich im Winde auf der weiten Wasserfläche, anscheinend nach Herzenslust, und doch müssen sie Peinlich daraus Bedacht nehmen, 'daß sie im Fahrwasser bleiben, denn nm „wenige Schritt vom Wege", und Ü^ sitzm auf emor Sandbank, einer Untiefe fest. Freilich, die Flut bedeckt all diese Untiefen; erst bei Ebbe, zur Zeit desNiedrigwassers, treten viele der „Sande" offen zutage, für die Schiffahrt einen Schrecken bildend.
Die Orientierung ist hier, besonders zur Nachtzeit, nicht leicht. Aber da helfen ja Ate zahllosen Lichter dem Schiffer. Die Lichter von den Louchttomisn, Feuerfchissen und Leuchttürmen. Zwischen Wesevmündung und Jade- Einfahrt schiebt sich ein mächttger Sand, genannt der Hohe Weg mit dem schönen Leuchtturm gleichen Namens (dabei ein Feuerschiff), nach Norden; seinen Ausläufer, die „alte Mellum", bezeichnet die „Alte Mellum-Bake". Eine der Schiffahrt gefährliche Untiefe ist die Robben-PIate, die sich inselarttg mitten im Fahrwasser niedergelassen hat, und östlich engen das Fahrwasser ein der Eversaud und „Meyers Legde", von denen drei Leuchttürme ihre warnenden Lichtstrahlen ins nächtliche Reich dieses großen Wassers senden.
Zwischen all diesen Hindernissen hat der überseeische Bevkchr sich eine sichere Straße errichtet, und munter fährt auch unser „Delphin" volldanchf voraus, ein Weser-Feuerschiff nach dom anderen zurücklaffend, dem Kurs auf den „Roten Saud" und dessen prächtigen, berühmten Leuchtturm. Flaqqengruß wird getauscht mit einem stolzen Kriegsschiff, einem Linienschiff neueren Typs, das., von Wilhelmshaven kommend, mit dom Kurs auf Helgoland den unseres klomm Passaaierdampfers kreuzt. Bald ist im Osten der kolossale graue Leib des Schlachifchisses, mächtige Rauchwolken zu- rücklassend, verschwunden. ^ x „ ,,
c* n dieser Höhe, rechts voraus den Rotasano-Leucht- turm^ hatten wir das offene Meer gewonnen; man merkte es «ch an der Haltung unseres 400 -Tonnen--Fahrzeuaes. Die ersten Spritzer gingen über Bord, tief tauchte der Bug des Schiffes in die Flut, die schäumend sich zerteilte, vom Nordwinde .gepeitscht. Und das Fahrzeug begann sich zu heben und zu senken. Da, eine Drehung nach Westen, beim Feuerschiff des Minfener Sandes, und die brandenden Wogen schlugen steuerbord,, das Schiff von der Sette
fassend. .,
Wir steuerten direkt auf die Insel Wangeroog zu. die ja bereits in Sicht war, und es galt, die Einfahrt zwischen Insel und Küste zu gewinnen, die sogenannte blaue Baste. Der Kapitän gab von der Kommandobrücke den Befehl zum Peilen, und sogleich traten zwei Leute mit laugen Stangen backbord und steuerbord cm die Reeling des Vorderschiffes, wo sie die Peilstangen ins Wasser versenkten und wieder herauszogen und dabei meldeten, ob sie auf Grund stießen. Noch war 'das Fahrwasser grundlos, aber bald meldete der Wann steuerbord 15 Fuß Wassortiefe, und von di-ssem
Augenblicke ab wurden es weniger. Die Maschine arbeitete nur noch mit halber Kraft, das Fahrzeug kam nur langsam vorwärts, und .aller Augen hingen gespannt an den Dop? gangen im Vorderschiffe und lugten nach der Kommandobrücke, die Entschließungen des Kapitäns erwartend. 12 Fuß Biese tvurden gsmeldet, 13 Fuß, 11 Fuß, 10, 9, 7 Fuß, schließlich gar nur 5 Fuß. Der Augenblick war kritisch; dev Dampfer hatte fast gar keine Fahrt mchr. Wird er sestsihen? Wir hatten bereits Ebbe, und Vorsicht war geboten. Doch bald nahni die Diese des Waffers wieder zu, bis das Fahr« Wasser für die Peilstangen wieder grundlos war, und. wir waren in die „bl«e Balje", in der sich offenbar im letzten Winter eine neue Sandba.nk gebildet und quer vor die Einfahrt gelegt hatte, gelangt, und bald damus landete „Del-, phin" den größten Teil feiner Passagiere an der Landungs- brücke vor Wangeroog. Nur wenige blieben an Bord.
Es war 5 Uhr nachmittags, und der Dampfer sollte programmäßig gleich weiterfahren. Aber nichts von dem geschah. Der Kapitän erklärte, nicht woiterfahren zu können, da er bei dem noch immer weiter ablausondeu Wasser zum zweiten Male sicher nicht Wer die neue Untiefe in der blauen Balje kommen würde. Unter diesen Umständen wollte er erst beim nächsten Hochwasser — nachts 3 Uhr — die Fahrt nach Wilhelmshaven fortsetzen. Die wenigen noch, an Bord befindlichen Passagiere hatten also das Vergnügen, es sich an Bord bequem zu rnachen und mit dem voÄiebzu- nehmcu, was ihnen eine Nacht an Bord des Dampfers im Wattenmeere bieten würde. Der Dampfer veMeß alsbald die Anlegebrücke und suchte mit Hilfe eines kleinen Beibootes der kaiserlichen Marine die tiefere FahrrtMe auf, wo er liegen blieb.
Eine Nacht an Bord eines Dampfers im Wattonmeerek Konnte es etwas Reizvolleves geben? Verpflegung gab es ans dem „Delphin", und für die nächtliche Ruhe standen die Polstcrbänke in den Kajüten zur Verfügung, zudern erhielt jeder Fahrgast Keilkissen und wollene Decke.
Der Abend kam; ein schöner, klarer, doch kühler Abend. Langsam senkte sich der Feuerball zum Horizont. Ode und leer lag das weite, gänzlich unbewohnte südliche Ufer der JnsÄ Wangeroog vor uns, Sand, nichts als Sand^, der immer mehr von der Ebbe entblößt wurde. Munter plätscherten die Wellen cm die Schiffswand, und die Schiffsmaschine, die ja unter Feuer bleiben mußte, schlug gleichmäßig' Takte . zu dieser eigenartigen Musik, So lag das Fahrzeug M
