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Verlag Langgafs« S1 M

Wöchentlich 12Ausgaben. „ Gegründet 1852. Ä-gj£;ri*

Wöchentlich 12 Ausgaben.

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Nr. 475.

Mittwoch, 11 . Oktober 1911.

58. Jahrgang.

Morgen - klusgabe.

1. Matt.

Vor der SchlußlagunZ des Reichstags.

Die öffentliche Aufmerksamkeit ist so sehr in Be­schlag genommen von den Vorgängen, die sich auf dem Gebiet der auswärtigen Politik bei uns und ander­wärts abspielen, die Blätter müssen ihre Spalten so ausgiebig mit Nachrichten und Betrachtungen füllen, die sich auf jene Vorgänge beziehen, daß unsere innere Politik beinahe Gefahr läuft, darüber , zu kurz zu kommen. Erst Marokko, jetzt Tripolis, von dem Marokko, zumal da die Verhandlungen der deutschen und französischen Diplomatie sich ihremEnde zuzuneigen scheinen und kaum noch bedrohliche Schwierigkeiten bieten dürften, stark in den Hintergrund gedrängt worden ist. Da blieb nicht allzu viel Zeit und Raum für anderes übrig. Und doch trennt uns nur noch eine ziemlich kurze Frist von der Wiedereröffnung des Reichstags, der, wenn es nach den Wünschen der Regierung gehen soll, noch eine gewaltige Menge an gesetzgeberischer Arbeit zu bewältigen hätte. Die Tages­ordnung für die erste, auf den 17. dieses Monats anbe­raumte Sitzung ist bereits bekannt gegeben; sie enthält — wie es bei den ersten Sitzungen nach längeren Pau­sen zu fein pflegt — nur Beratungsgegenstände von geringerer Bedeutung. Allein es ist anzunehmen, daß dann bald die Debatten größeren Stils einsetzen werden.

Die Öffentlichkeit dürfte besonders auf die Unter­haltung gespannt fein, die man im Reichstag über die Marokko-Angelegenheit führen wird. Ist der Handel perfekt, so wird die Regierung natür­lich nicht umhin können, in aller Ausführlichkeit Rede Und Antwort zu stehen, da ja dann die Rücksicht auf schwebende Verhandlungen fortfiele; aber auch, wenn der Handel bis dahin noch nicht perfekt fein sollte, würde eine möglichst baldige Aussprache über Marokko nicht zu vermeiden sein. Je offener die Leiter unserer auswärtigen Politik dabei zu Werke gehen würden, um so besser würden sie voraussichtlich ab- fchneiden. Unser Volk hat ein Recht darauf, die Ge­sichtspunkte, die für ihr Vorgehen maßgebend waren, und die Ziele, die sie sich von vornherein steck­ten, sowie die Wege, ans denen sich die Betätigung unserer Diplomatie bewegte, authentisch kennen zu lernen. Bei der Gelegenheit wird Wohl auch der Reichskanzler selbst wieder einmal in Aktion treten. Oder wird er etwa auch die parlamentarische Vertretung unserer auswärtigen Politik in der Marokko­frage Herr v. Kiderlen-Wächter überlassen, wie er das diplomatische Spiel, wenigstens nach dem Eindruck, den die Öffentlichkeit empfangen mußte, dem Staats­sekretär des Auswärtigen Amts überlassen hat? Ge­wiß, man hat gehört, daß der Kanzler mit dem Kaiser, daß er mit dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts

konferiert hat; aber als derjenige, der die Fäden der diplomatischen Unterhandlung in seinen Händen hielt, erschien doch Herr v. Kiderlen-Wächter, Herr v. Beth- mann-Hollweg blieb wieder, wie er es liebt, hinter einem Wolkenvorhang verborgen, der sich nur selten auf wenige Augenblicke hob. Es ist notwendig, daß man wieder mehr an die Existenz des Kanzlers erinnert wird.

Die Debatten über unsere auswärtige Politik wer­den aber nur eine, wenn auch sehr bedeutsame Episode in den der inneren Politik gewidmeten Beratungen des Reichstags bilden. Auch bei den zu erwartenden Er­örterungen über die L e b en s m i t t el t e u e r u n g und über die zu deren Milderung zu ergreifenden Maßnahmen wird der Reichskanzler sich nicht gut der Verpflichtung entziehen können, in Person seine Auf­fassungen darzulegen. Es handelt sich da um ein so brennendes Thema, um eine Sache von solcher Trag­weite für das ganze Volk, daß er, der die verfassungs­mäßige Verantwortlichkeit für die gesamte Reichspolitik in sich vereinigt, selbst für die Regierungspolitik ein- treten muß. Liesen Erörterungen über Marokko und über die Teuerung, denen sich vielleicht noch andere über aktuelle Fragen zugesellen dürften, werden die ohnehin so knapp bemessene Zeit, die dem Reichstag noch zur Verfügung steht, nicht. unbeträchtlich kürzen. Hält man sich gegenwärtig, daß in den zwei Monaten außer einer Fülle anderen Stoffs noch zwei fo wert­schichtige gesetzgeberische Ausgaben wie das Privat­beamtenversicherungsgesetz und die Strasprozeßreform zur Lösung gebracht wer­den sollen, so wird man sich sagen müssen, daß damit dem Reichstag Unmögliches zugemutet wird. Auch die Regierung sollte sich das von vornherein sagen und nicht erst den Versuch machen wollen, von den Volks­vertretern mehr zu verlangen, als sie leisten können. Es könnte nur S ch I e u d e r a r b e i t dabei heraus­kommen, wenn der Reichstag wirklich die beiden großen Gesetze noch .durchberaten sollte: und das wäre doch im höchsten Maße bedauerlich. Also nicht Privatbeamten­versicherung und strasprozeßreform wird es heißen können, sondern bestenfalls Privatbeamtenversicherung oder Strasprozeßreform. Die Privatbeamtenversiche­rung soll erst überhaupt noch vom Reichstag in Angriff genommen werden; bei der Strafprozeßreform hat man bereits mit der zweiten Lesung begonnen. Aber wenn die Entscheidung zwischen den beiden Gegenständen fallen soll, so wird sich bei näherer Prüfung aller Um­stände die Wagschale zugunsten der Privat­beamt e n v e r s i ch e r u n g senken, auf deren Zu-, standekommen die Regierung vermutlich auch den größe­ren Wert legen wird. Gerade wer auf die Anfänge der zweiten Lesung der Strafprozeßreform zurückblickt, wird zu der Überzeugung gelangen, daß die Fortsetzung der Beratung sich über eine noch gar nicht abzusehende Dauer erstrecken würde; über die wichtigsten Problems herrschen noch gegensätzliche An­schauungen und Bestrebungen, so daß harte Kämpfe nicht ausbleiben könnten. Für die weitere Klärung

dieser Streitfragen könnte es nur von Vorteil sein, wenn man auf die Strasprozeßreform jetzt verzichtete; jedenfalls ist es besser, daß später etwas Ordentliches und Zufriedenstellendes geschaffen wird, als daß man jetzt in der Eile Unfertiges und Unbefriedigendes zu­rechtflickt.

Indessen, es mag einigermaßen zwecklos sein, über; den Verlauf des letzten Tagungsabschnittes dieses Reichstags im voraus Betrachtungen anzustellen; wer weiß, ob die Dinge nicht eine andere Entwickelung nehmen werden, als man annehmen zu sollen glaubt. Man darf nicht vergessen, daß die Verhandlungen sich abrollen werden unter dem Schatten, den das große Er­eignis der bevorstehenden Neuwahlen voraus­wirft. _

Politische Kberstcht.

ArM-derrtfche Machenschaften in der Türket.

Aus Konstantinopel wird uns geschrieben: Ein ge­wisser Kreis von Europäern, der sich aus Engländern und Franzosen zusammensetzt, hat seit jeher ein großes Interesse daran, die Bevölkerung der Türkei im anti­deutschen Sinne zu bearbeiten.. So haben diese Leute jetzt den Ausbruch des Krieges dazu benutzt, um Machenschaften recht naiven Charakters in die Welt zu setzen. Seit kurzer Zeit findet man hier und da auf den Straßen von Konstantinopel, in den Cafä-Häusern oder im Besitz von Soldaten kleine Bildchen, die recht geeignet sind, bei dem unmündigen Teil der Bevölke­rung und den Soldaten feindliche Stimmungen gegen Deutschland zu erregen. Das verbreitetste Bildchen ist dreiteilig und zeigt auf dem ersten Bilde, wie sich ein Italiener und ein Deutscher eng umschlungen haben; auf dem zweiten Teil des Bildes droht ein englischer Soldat einem italienischen mit der Faust und cuff dem dritten Teile gehen ein englischer und türkischer Soldat Arm in Arm spazieren. Man sieht, was mit diesen Bildern bezweckt ist, wenn auch als Text nur die Worte darüber stehen: „Die Freunde der Türkei". Die ganze Darstellung hat einen recht kindlichen Charakter, zeugt aber von der Gesinnung, die in der Türkei verbreitet werden soll. Die betreffenden anti-deutschen Kreise, zu denen Türken übrigens nicht gehören sollen, halten jetzt den Augenblick anscheinend für gekommen, wo sie die Türken den Deutschen entfremden können. Eine Wirkung können sie damit bei den Türken, besonders aber bei den türkischen Soldaten, nicht erzielen; denn es ist ganz eigenartig, wie sein politisch geschult diese jungen tapferen Leute sind. Die Jungtürken haben in der Zeit, als Abd ul Hamid noch sein grausames Regi­ment führte, dafür gesorgt, daß die Unteroffiziere und Mannschaften sowohl über ihre politischen Rechte als Men­schen wie über die politische Lage in großen Zügen auf­geklärt werden. Durch diese jahrelange Arbeit der jungtürkischen Offiziere haben auch die gewöhnlichen Mannschaften eine derartige politische Reife erlangt, daß billige Schlagworts bei ihnen überhaupt eine Wir­

FeMieLsN.

(RnSdruck »erböte».)

Eine Hochzeit in Kairo.

Ans dem Russischen von O. Gabrieli.

Eine der Straßen, die nach dem immer bÄebten Bahn- hosplatze führen, ist von einem Lichtmeer übergossen. Von weitem steht es wie Feuersbrunst aus. Das Volk strömt herbei in unzähligen Scharen.

In der Nähe gleicht es einem Jahrmarkt. Rote und buntbemalte Laternen, Fahnen, Musik, Gedränge und Ge­schrei ...

Es ist weder das eine noch das andere. Es ist eme Hockzeit. Ramadan-Pascha, eine in Kairo sehr angesehene Persönlichkeit, Direktor des Eisenbahn-Departements, feiert die Hochzeit seines Sohnes.

Die Straße, aus der sein schönes, großes Haus steht, ist an dem Abend für den Verkehr gesperrt. Von ihrem äußersten Ende bis dicht zu dem riesigen Zelt, welches vor dem Hause ausgebaut ist, stehen unzählige Tische mit aller­hand Etzwaren, mit denen das arme Volk bewirtet wird; Fackeln und Freudenfener brennen, auf langen Stangen wehen Fahnen aus grellen, bunten Stoffen mit den ver- schlungenen Initialen des Brautpaares.

Die Braut ist die Tochter eines reichen Bei in Kairo und bringt ihrem Mann 200 000 in bar, eine Straußenfarm, Maulbeerbaum-Plantagen und 100 Dromedare mit, auf denen Touristen um die Pyramiden fahren.

Bei dem malerisch drapierten Eingang in das Zelt werden wir von zwei jungen Leuten, mit Bändchen als Abzeichen, bemerkt. Sie bitten uns einzutreten. Mein Reiscmanteil und das ebenso prosaische Kostüm meines Be­

gleiters stören die gastfreundlichen Araber nicht im ge­ringsten. Sie überreden uns sehr eindringlich und mit auf­richtiger Herrlichkeit.

Wir erwidern unsicher, daß wir nicht eingeladm seien und die Gastgeber uns nicht kennen.

„Oh, das hat nichts zu sagen", erwidert der eine, „das jauchzende Herz Ramadan-Paschas ist für jedermann offen, und die Flammen seiner Freude brennen für alle -gleich." Und der andere fügt in überzeugendem Ton hinzu: „Es ist ja der einzige Sohn."

Wir treten also ein, und es scheint, als wären wir plötzlich in ein Meer von Licht, Farben, Wohlgerüchen und Tönen gefallen.

Die Augen werden von dem grellen Licht geblendet, die Füße stolpern über die vielen Teppiche, man wird schwind­lig von dem starken, süßlichen Geruch.

Hunderte von Lampen und Kronen brennen. Die mit Teppichen dicht behängten Wände sind mit Guirlanden und Blumenkränzen, mit brennenden Monogrammen des Braut­paares, mit Nationalfahnen geschmückt. Purpur, weiße Halbmonde, silberne Sterne . . . Das Zelt ist so lang, d>aß man kaum unterscheiden kann, was am anderen Ende geschieht.

An den Wänden sitzen aus Stühlen und den aus über­einander gelegten Teppichen gemachten Sophas die Gäste. Nur Männer. Die einen in Turbanen und langen, seidenen Gewändern, die anderen in den neuesten Smokings. Am äußersten Ende steht ein unscheinbares Männchen im schwarzen Gehrock, neben ihm ein unansehnlicher junger Mann im Frack. Sie begrüßen die herankommendrn Gäste, schütteln ihnen die Hände, küssen sie. Das ist Ramadan- Pascha selbst und sein Sohn, der Bräutigam. Letzterer sieht müde nnd gelangweilt aus. Nach orientalischer Sitte dauern die Hochzeitsfeierlichkeiten acht Tage. Heute ist das letzte und größte Fest. Heute wird er zum erstenmal mit

seiner jungen Frau allein gelassen. Aber er scheint sich' nicht viel davon zu versprechen. Er langweilt sich.

In der Mitte des ZeAes befindet sich ein Podium mit hohem Geländer, ganz mit Teppichen und Guirlanden be­hängt. Dort ist eine Kapelle, bestehend aus zehn Musikern, untergebracht. Die in grell rote und gelbe, eng anliegende Gewänder gekleideten Diener huschen mit großen Tabletten-, die sie aus den Köpfen tragen, vorbei. Sie bieten Er­frischunge:: an. Riesige schneeweiße, rubinrote, goldschim­mernde, wie -aus Bernstein geschliffene Karaffen, große Kristallsch-alen mit glitzernden Eisblöcken. Es ist heiß und stickig im Zelt.

Plötzlich schieben sich ein Paar Neger durch die Menge, mit großen, unförmigen, merkwürdigen Gegenständen auf dem Rücken. Es sind lederne Säcke, mit Nilwaffer gefüllt» dem süßesten und schmackhaftesten Getränk der Welt.

Neben dem Podium taucht eine imposante Figur aus im breiten, dunklen Gewand des Morgenlä-nders, in weißem Turban und einem Stock in der Hand. Ein bleicher, schwarz­äugiger, bildschöner Araber.

St — St — Scht... Nach langen Bemühungen gelingt es ihm, den Lärm zu dämpfen. Dann beginnt er mit tiefer, tönender Stimme;

„Ihr -alle, die ihr hergckommen seid, um die große Freude des Ramadan-Pascha zu teilen, höret und ver­nehmet das, was euch der Sänger von Freude und Glück verkünden wird. Von Allah ist ihm die Gabe verliehen worden, Perlen der Tränen und Diamanten des Lachens den trockensten Augen und kältesten Herzen zu entreißen. So höret denn und vernehmet I"

Die Menge stant sich um das Podium. Leise klingen die Zymbeln, es singt die Wolynka, und eine weiche, ange­nehme Tenorstimme beginnt ein Lied, das auf den drei typischen arabischen Tönen aufgebaui ist und in langen Tremolos und zitternd ersterbenden Lauten ausMngt. Es