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Verlag Langgaffe 21

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Nr. 473.

Dienstag, 1«. Oktober 1911.

59. Jahrgang.

Morgen - Kusgabe.

1. Matt. _

KkkKriMchi g)ci Mrlkgsmcht?

Tn der von der italienischen Regierung erlassenen, jetzt auch im „Deutschen Reichsanzeiger'^ verofsMUchten Erklärung über die Blockade der Küste von ^.rrpoU- tanien und Cyrenaika wird Bezug genommen ans me Pariser Deklaration vom 16. April 1856 ltnö auf die Londoner Erklärung vom 26. Februar 19ück. Tarln liegt einmal ein völkerrechtliches Kuriosum, des weite­ren aber auch in gewissem Sinne ein.völkerrechtlicher Fortschritt, denn besagte Londoner Erklärung steht Ms- ber nur auf dem Papier, und sie hat noch keme uiter- nationalrechtliche Bedeutung erlangt. Tie. Leetnegs- rechtskonferenz, welche vom 4. Dezember 1908 bis put 26. Februar 1909 in London tagte, hat eine ganze Än-

öahl nennenswerter Beschlüsse gefaßt, die zum Terl ^sne Kodifizierullg, zum Teil aber auch eine Werter- wldunq des Seekriegsrechts bedeuten. Feile Beschlüsse wurden sogar sämtlich einstimmig angenomnren in­dessen wie schon jener verkaterte Student sagte: Was

Nützt mir der Mops, wenn er nicht gerollt ist! Die Be­schlüsse der Londoner Konferenz sind bisher von den Mächten noch nicht ratifiziert worden, haben also zur­zeit noch leine völkerrechtliche, sondern nur eine völker­moralische Bedeutung, da sie lediglich den Willen der auf jeder Konferenz vertretenen Mächte zum Ausdruck bringen.

Wenn die italienische Regierung trotzdem auz me Londoner Erklärung Bezug nimmt und ihr so den Stempel der Rechtskraft aufzudrücken befliffen ist,, so hat das seine guten Gründe. Je weniger Italiens Vorgehen gegen die Türkei im ganzen mit den Grund­sätzen des Völkerrechts in Einklang zu bringen ist, um so mehr muß notwendigerweise das Bestreben hervor- treten, sich wenigstens im einzelnen an die Völkerrecht- Ischen zu heilten, ^uzu kommt, oqb

das entgegen' der ausdrücklichen Zusage, den Krieg ans Afrika Äl'beschrnÄen, erfolgte Hinnbertragen der nnlr- tärtschen Operationen auf das Mittelländische und das Rote Meer bei den neutralen Machten, insbeson­dere in Österreich-Ungarn, böses Blut gemacht und bet den Seehandel treibenden Nationen ernste Beforgnisie hervoraerufen hat. Denn wenn sich auch . der Krieg zwischen Italien und der Türkei bisher enngerinaßen nach dein Muster jenes Duellanten abgespielt hat, der seinen: Gegner mitleilen liefe, daß er erst ffeater uaa,. kommen könne und daß jener unterdes en ruhig am fangen solle, so hat sich doch schon s-tzt ?ezelgt daß selbst dieser durchaus einseitig L;,

heblichen Belästigungen für dre^chrffahrt verbunden ist, Belästigungen, welche -durch die Beschlüsse der ^oin doner Konferenz zwar lischt gehindert,^ aber doM wesen - sich gemildert werden könten, wenn sie eben ratifiziert wären, während die neutralen Machte Mpzeit Iedi^utz auf den guten Willen Italiens angewrefew si d Was die Türkei betrifft, so hat Italien bre en g ten Willen ledenfalls nicht gezeigt, denn nach den von ier

Feuilleton.

«n-hdruck «erbolenO

verNner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindenberg.

M T U 11 7,nNn> — S»arfe Krüik. — Sas wird werden? — La belU ita • ~, arä _ __ Unter lallen in Berlin. — Im R-rden cr Ikm-dillprozetz.

-°B°rllner^L!!"- D-»nig--- - D°- s»-ue

Ja, es ist eitte abgetakelte Phrase, daß » ög" (rnenta als vom La "de d e i Europa darf

lchkeiten fpncht! Das alte gute, I „heben. Und ait nicht minderem Recht daraus ^ ^besungene, vielge- «s sonnig-romantische Land, das e Brille der

obte, von zahllosen Besuchern durch —g bic obige

Serhimmelung gesehene ^Lalra, 1 g rieben wird lbcrzeugung belgebracht. Mitten iM Jahrhunder-

iner anderen europäischen Macht -e s Wehrlose auf cn gehörendes Besitztum entrissen, Wandel und Wandel as unglaublichste vergewaltigt, wl H ^ das

ich das empfindlichste gestört wm ^ e ^ sorgfältig orientalische Pulverfaß S«legt,. das _ v Berührung be- mrch diplomatische Kunst vw j. d ^ , • r c italienische »ahrt worden, .«atu «■ ^Self!«» Ein-

ßiraterie hier nr allen Ke, „ verurteilt wird >rnck gemacht hat, daß sie aus nO tnl die Reste der -ud unseren verehrten und

Sympathien bringt, die Maw polr sch 1 . ^ man sich -a aebeat. Start sind dieselben me gewesen.

doirer Konferenz anerkannten Bestimmungen wird es als erwünscht bezeichnet, daß den Kauffahrteischiffen der kriegführenden Macht, wenn sie sich beim Ansbruch der Feindseligkeiten in einem feindlichen Hasen be­finden, gestattet wird, unverzüglich oder binnen einer ausreichenden Frist frei und mit einem Passagierschein versehen auszulausen.

Das gleiche gilt für ein Schiff, das seinen letzten Abfahrtshafen vor dem Beginn des Krieges verlassen hat. Diese Schiffe dürfen weder im Hafen, noch auf hoher See eingezogeii, sondern höchstens, unter der Ver­pflichtung der entschädigilngsiosen Zurückgabe nach dem Kriege, beschlagnahmt oder gegen Entschädigung und -Sicherung der Kosten zerstört werden, es sei denn, daß, es sich um solche Kauffahrteischiffe handelt, „deren Bau ersehen läßt, daß sie zur Umwandlung in Kriegsschiffe bestimmt sind". Diese letztere Einschränkung, d'e England gegen den Einspruch Deutschlands und Frank­reichs durchsetzte, macht freilich die ganze Bestimmung einigermaßen illusorisch.

Von unzweifelhaftem Wert sind dagegen die Fest- setzungen der Londoner Konferenz über d:e Erläute­rung der Konterbande, über Durchsuchung, Prisen und dergleichen mehr, nur daß sie bisher ebenso ans dem Papier steheii wie der auf den Antrag Deutschlands be­schlossene internationale Oberprisengerichtshof. Man darf io wohl hoffen, daß der Krieg zwischen Italien iind der Türkei nicht bis zum Weißbluten durchgeführt, sondern über kurz oder lang durch ein Nachgeben von türkischer, gelv-ürzt mit etwas Entgegenkommen von italienischer Seite, sein Ende finden wird. Aber die Erschwerungen und die Schädigungen, welche die See­schiffahrt schon in der kurzen Zeit dieses Pseudokrieges erfahren hat, sollten ein Ansporn für die internationale Diplomatie sein, endlich ans eine R a t i f i z i c r it n g der Londoner Beschlüsse zu dringen. Daß dies bisher nicht geschehen ist, liegt an der c n g 1 i f ch c n R c g i e* r u n g, welche die Londoner Konferenz berufen hatte, und der man, da Großbritannien die erste Seemacht ist, den Vortritt lassen will, Das britische Parlainent hat sich bereits nach heftigen Kämpfen für die Naval- Prize-Bill erklärt, und doch zögert die englische Regie­rung noch immer mit der offiziellen. Anerkennung der Londoner. Beschlüsse, dieselbe englische Regierung, wölLs mit so viel Begeisterung schwärmt für Schieds- gerickitsverträge, für den theoretischen Völkerfrieden und für die Abrüstung — des anderen!

Demtsches Kelch.

* Gegen den Landwirts ch afts minister v. Schorlemer

erläßt der Vorstand der Berliner Flrffchrrinmmg wegen des ministeriellen Run-derlafles über die Fl-ischt-uerung einen offenen Brief. Es wird darin auf die Mangel­haftigkeit -der Ermittelung der Kkemhandelsprcise hinge­wiesen, die die Behauptung von einer zu hohen Spannung zwischen den Schweine- und den Schweinefleischpreisen als ungerechtfertigt erscheinen lasse. Dl? Behauptung, daß die Feischer die Bevölkerung Wervorteilen, sei eine grund- loie Beschimpfung, die das ganze Gewerbe tief empöre, und sie aebc der Vermutung einen Schein von Berechtigung,

daß dieser Vorstoß gegen d'v Fleischer den Blick der Öffent­lichkeit von den Wirkungen der agrarischen Politik der Regierung, der Hauplursache der hohen Vieh- und Fleffch- preise, ablenken solle.

* Einen Aufruf an die deutschen Frauen, betreffend

Beteiligung an der Aktion gegen die Leb e n s m ittei­te u e r u n g erließt sie Liberale Frauenpartei. Darin heißt es: Die Dürre dieses Sommers hat die deutsche Landwirtschaft schwer getroffen, und die Folgen dieser Notlage iverren sich in einem außerordentlichen Mangel unentbchrlicher Nahrnngsmiitel in jeder Stadt fühlbar ^ machen. In solcher Zeit.gilt es, daß die Frauen ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllen und energisch Mitarbeiten an der Linderung der Not. Als Wittel zur Einschränkung der Teuerung empfehlen wir: eine Eingabe an den Reichs­tag aj upr Aufhebung der Zölle auf Futterg,erste und Mais während der Zeit der Notstaüdstarife, b).um Herab­setzung der Zölle auf. Gemüse unid Fleisch während der­selben Zeit, e) um Zulassung von gefrorenem Fleisch aus Argentinien. Wir sehen in diesen Maßnahmen keine Schädigung der deutschen Landwirtschaft. Im Gegenteil: Der Mangel an Futter und eine enorme Höhe der Fleisch- Preise müßte zu unrationellsm Mschlachten und damit zum Ruin unseres Viehstandes führen.

* Ein Block der Linken wird im tunstigen oldenburgi- schen Landtag die Mehrheit haben. Wie erwartet werden konnte, haben die Sozialisten -beschlossen, in den Nachwahlen überall sür.die Fortschrittler einzutreten. Damit sind weitere sieben Mandats den Fortschrittlern sicher. Im Fürstentum Lübeck . haben Fortschrittler und Sozialisten ebenfalls ein gemeinsames Vorgehen in der Nachwahl be­schlossen. Man sieht, die Grotzblockidee marschiert auch in RorÄdeutischlaüd.

* Der Vorfall in der Charlottenburger Lmsenkirche.

Wie bekannt, hatten Pfarrer Kraatz und der GemeiNde- kirchenrat in Eharlottenburg gegen die beiden in Betracht kommenden Offiziere Strafanzeige wegen Störung des Gottesdienstes be'm zuständigen Militärgericht erstattet. Dieses hat nunmehr die Einleitung eines Strafverfahrens gegen die beiden Offiziere mit der Begründung -ab ge­lehnt, den Offizieren müsse zugestanden werden, daß sie .zum mindesten subjektiv in der Ansprache des Pfarrers Kraatz eine Gefährdung der Disziplin der ihnen anver­trauten Mannschaften erblicken und sich infolgedessen zu ihrem Vorgehen berechtigt halten konnten.

V Ii C ßur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes HMmmdt' $ Vfc:8 'Gesetzes vom 7. Juni 1009 speziell für das Ausverkaufswesen: Durch die höhere Verwaltungsbehörde

kann -nach Anhörung der zuständigen goketzltchen - Gewerbe- uifc HandekSvevtretimge« für die A-nründigung bestimmter Archen von Ansberkäufan emgeü-rldnot w-ttdan, daß zuvor der der von ihr zu bezeichnenden Stelle Anze-rge über den Grund des Ausverkaufes und den Zeitpunkt seines Beginnes zu erstatten ist. Unter Bezug­nahme hierauf und auf 8 9. Abs. 2, des R-eichsge-ffehes «Yen den unlauteren Wettbewerb und, dre .ministeriellen- AuS» führun-gsa-!n>oe-isu,na-on halben -nun- viele Reg!ieru-Ng!svrasid-ont-en inhaltlich irbe.veinstinPnand anseordnet, daß „alle. Wavenver- . '• ■' • ' “* " AulIverTcmpds oder

bei der zuständigen Stelle anqsze-igt werden -muffen. Solche Verordnungen sind, so hat sich jetzt d-a-s Kammevgevrcht in einer für Gewevbstr-eibende sehr wichtigen Enffchoidung -aus­gesprochen, rechts»n>g r-lt rg. da sie inhaltlich über das R-eichsgesetz hinaus-gehen-. Weil das Gesetz nur von „be­stimmten Arton" von Ausverkäufen ßpvi-cht, können Anord- nun.gcn nicht erlaffc-n wevden, die sich auf alle Ausverkäufe

der Unzuverlässigkeit dieses Alliierten stets bewußt war und offen davon sprach, daß er im -Ernstfälle versagen würde Hinzu kommt noch, daß, wie nian sich aus höfischem Parkett erzählt, ein sehr hoher italienischer Herr durchaus nickt von freundlichen Gefühlen für einen sehr hohen deut­schen Herrn erfüllt sei und daß -er Grund im Gegensatz der beiden Persönlichkeiten, die die Natur recht verschieden­artig auch was äußeres Auftreten und Stchgeben anbe- lanqt, bedacht, liegen soll. Auch Männer können nämlich eitel sein und in dieser ihrer Eitelkeit empfindlich verletzt

£)tc Jröli'tifcfye Itn^ufKcbctrljctt tritt uncrVD'ftiic-

ten, Bora eben läßt man selbstverständlich keinen der hier ansässigen Italiener entgelten. Letztere, die in Berlin ihr dauerndes öder vorübergehendes Heim gesunden, zahlen nach Tausenden und bilden im Norden Berlins eine eigene, sehr stattliche italienische Kolonie. An einer gan­zen Reihe italienischer Wirtschaften von . echtestem Gepräge fehlt's nicht, und lchhast geht's dort in den Abendstunden zu in denen sich die schwarzhaarigen Gesellen zusammen- fittden zum Chianti und Mnsoateller, zu: Polema und Makkaroni. Die Gesellschaft ist stets eine bunt zusammen- gewürselte. Hier lehnt sich ein pfiffig und drollig aus- schauender kleiner Lockenkc-pf, deni der irgendwo ausgesuchte Zigarrenstummel schon recht zu munden scheint, an einen weißbärtigen Mann an, den die Narbe auf der linken Backe gut kleidet und der wohl so manchesmal unter den Fahnen Garibaldis gÄLmPft haben mag; dort hat ein junger, ver­wegen ausschmender Bursche d-en Arm um den Hals seines schlanken, bildhübschen, jungen Weibes gelegt, während sein Nachbar eifrig zu der wohlgenährten „Padrona", die aus einem niedrigen Sckemel ihm zur Seite sitzt, spricht und

bestrebt scheint, sie von irgend einer falschen Ansicht zu be­kehren, vielleicht von der, daß er am Ersten des nächsten Monats ebenso wenig Geld haben wird wie zum Anfang dieses, .und daß -sie ihm nur weiter kreditieren möge. An der Ecke des einen Tisches ist soeben eine kleine Meinungs- verschiedLnheit ausgebrochen und die Unterhaltung ist eine erregte gewor^den, es hört sich an, als ob jeden Augenblick die Messer die Entscheidung bringen sollen. So schlimm ist's aber nicht, und dem zutbeleibten, muskulösen „Padrone" gelingt es rasch, die Hitzköpfe zu beruhigen. Unterdessen kommt das Wirtstöchterchen, „k bella Eosina", still und bescheiden ihrer Pflicht nach uüd versorgt die Durstigen immer von neuem mit dem irdischen Nektar, Wer und was sind aber die Söhne Italiens und- wie kommen sie nach dem äußersten Nordende der deutschen Kaiserstadt? — O, sie sind euch nicht fremd, ihr kennt sie recht gut und habt sie oft genug schon gesehen, mitten im betäubenden Trubel der Leipziger und Friedrichstraße, wenn sie, belagert von einem Schwarm Neugieriger, die Kastanien rösten und für wenige Pfennig verkaufen, ihr habt sie gesehen vor den Türen und auf den Höfen, wenn sie unermüdlich ihrer Drehorgel die TroubadourMrie oder das Stabat rnater entlockten, und mitten im Menschen­gewühl tauchen sie vor euch auf, ein großes Brett an einem um den Hals gehängten Strick aus der Brust tragend oder auf dem Kopf balanciereUd, und ihre aus dem Brett be- findlichen Gipsfiguren euch mit falsch lautenden und -hart ausgesprochenen Worten anpreisend: „Kausfett, kanff-ett,

schöne Gipswarren, sehrr billigg —" — Und gewiß habt ihr schon oft, Wohl selten ohne ein Gefühl des aufrichtigen Mitleids, die -kleinen, aus ihren dunklen Augen so traurig und verloren, dre-inschauenden Knaben bemerkt, wie sie von