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«-ÄÄ». Wöchentlich 12 Ausgaben. gXjg. Gegründet 1852. «IWÄttSfÄ

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„Tagblatt-HauS'

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Nr. 472.

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Für die Ausnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.

Montag, 8. Oktober I8II.

28. Jahrgang.

Kbend -Ausgabe.

_ 1. Matt._

Unser Verhältnis zur Türkei.

Es ist Zeit, ernstlich daran zu erinnern, daß das Pfortenreich kein deutscher Vasallenstaat ist. Wenn Man die hämischen Glossen des Auslandes über unsere Beziehungen zur Türkei liest, aber auch wenn man be- obachtet, was alles in den deutschen Blättern von un­serer Regierung zugunsten der Türkei gefordert wird und was alles unserer Regierung als eine Unsumme von unverzeihlichen Fehlern in der Vergangenheit vor- geworsen wird, dann möchte man wirklich meinen, das Verhältnis zwischen beiden Staaten sei so eng, daß es beinahe einen staatsrechtlichen Charakter trage. So ehrenvoll diese Vorstellung für unser Machtgefühl sein Mag, so entschieden müssen wir den zugrunde liegenden Irrtum abweisen. Die Türkei ist durchaus Herrin ihrer Entschließungen, und sie trägt die alleinige, von uns nicht zu übernehmende Verantwortung für ihre Politik. Sie hat sich an uns in ihrem eigenen wohl­verstandenen Interesse angeschlossen, und auch wir trei­ben nichts als deutsche Jnteressenpolitik, wenn wir der Pforte unseren Rat und unsere Unterstützung dort ge­währen, wo es ohne Opfer und ohne Preisgabe von realen Werten geschehen kann. Man muß doch nicht glauben, daß die Nachlässigkeit, mit der die Pforten- regierung die Dinge in Tripolis bis zuletzt gehen ließ, wie sie wollten, in Berlin beschönigt werden könnte, oder daß sich unsere Regierung dazu verpflichtet fühlen müßte, diese groben Unterlassungen irgendwie zu decken. Wir können die Türkei nicht stärker machen, als sie ist, wir können ja gute Dienste leisten, wenn sie ange­griffen wird, doch aber nur bis zu einer genau vorge- schriebenen Grenze. Wir vermögen uns auch nicht vorzustellen, daß ernsthafte türkische Politiker wirklich der Meinung sind, wir hätten Österreich-Ungarn an der Einverleibung Bosniens und der Herzegowina verhindern können oder wir hätten Italien befehlen können, die Türkei bei Vermeidung einer deutschen Kriegserklärung gefälligst in Ruhe zu lassen. Da­gegen sollte man uns in Konstantinopel dafür dankbar sein (und ist es vermutlich auch), daß wir dem Reiche in der schwierigen bosnischen Frage so zur Seite ge­standen haben, wie wir es als Verbündete des Donau­reichs eher und besser als andere Mächte konnten. Ob dieselbe Erkenntlichkeit jetzt auch zu erwarten rst, wenn Freiherr v. Marschall die äußersten Anstrengungen macht, um, allerdings im Verein mit den Botschaftern der übrigen Mächte, für eine Lokalisierung des Krieges zu sorgen, das freilich ist noch a b z u w a r t e n. Tenn inzwischen hat sich am Goldenen Horn ein 'System- Wechsel vollzogen, und man weiß nicht, ob es nicht noch größere Umschwünge geben wird. Tie Sprache jedenfalls, die der alte Kiamil-Pascha gegenüber den englischen Zeitungskorrespondenten ut Kon- stantinopel führt (er empfing sie in corpore), läßt tn

Feuilleton.

«Nachdruck «ertöten)

Berliner Theater- und Kunstbriefe.

Von Felix Poppenberg.

Das Lustspiel „Hundstage" von Kokfiz Holm, das im Theater in der Königgrätzer Straße einen Heiter­keitserfolg fand, zeigt wenig Einfall rn ferner Handlungs- führung. Eine Frau erobert ihren Mann vom Seitenweg zurück dadurch, daß sie ihn freiläßt, und eme reiche Partie schafft sich den Mitgiftjäger damit vom Hals, daß sie sich als enterbt ausgibt. Dieser an sich /echt abgeleierte Mechanismus wird hier mit ungelenk ichwerzalligen Mitteln in Gang gebracht. Er ^ldet für H0lm nur den Vorwand, um allerlei Ausschnitte über das Thema Münche­ner Boheme in der Sommerfrische mit Aiistausch-Liebe aus dem Lande zusammenzureihen. Er will rmt^n drei/Sucht- strpaaren kompliziert durch die lustige 7 der geschiedenen Frau des Malweibchens, das zwar d a s Malen nicht notig hat, dafür aber die Maler nicht entbehren kann, ein eroti­sches Gesellschaftsspiel aufführen. Das Ware ein -hema für die frivole Grazie und die geistreiche Hand Hermann Bahrs.

Holm aber hat beim Durcheinanderschieben seiner Figuren etwas täppisch Znpackendes. er «rangiert stall siner heileren, gaukelnden Gavotte, m der die Paare sich changieren und schließlich nach verschlungenen Touren wieder zueinander finden, einen ungeschlachtt hanebüchenen Rüpeltanz mit Jndianergehenl. Seine Komik hat das Lärmende der Bierbank, und er spekuliert oft auf //es un­saubere Genre des Lachens, das der Berliner ^argon derb,

dieser Hinsicht mancherlei erwartest. .Kiamil-Pascha er­klärten. a. — wir teilten das schon mit —: „Russen und Franzosen haben mich beschuldigt, ein England­freund zu sein; ich bin es, ich mache kein Geheimnis daraus. Ich spreche Englisch lieber als eine andere Sprache und ich bin vor allem, für eine herzlichere Kon­solidierung der britisch-türkischen Sympathien. Je mehr wir einander verstehen, desto besser für den Frie­den auf dem Balkan, desto besser für den Frieden in der ganzen islamitischen Welt." Und dann fügte der türki­sche Staatsmann hinzu, daß das jungtürkische Komitee in Saloniki jetzt vor der ganzen Nation diskrediert sei. Liest man das, so möchte man vermuten, daß Frei­herr v. Marschall umsonst bemüht sein wird, vorläufig wenigstens, uns die Stellung zu sichern, die wir, dank seiner Klugheit, bisher in Konstantinopel eingenom­men hatten. Das würde gewiß bedauerlich sein, der moralische wie der politische Verlust wäre für uns gleich groß: trotzdem aber müssen wir die Tinge mit der Ge­lassenheit betrachten, die sich von der sentimentalen Auf­fassung fernzuhalten hat, als sei das Pfortenreich unser Schutzbefohlener und als träfen uns die Schläge, die dem Bestände der Türkei zugefügt werden. Es ist keine Schande, zu sagen, daß wir nicht die Macht dazu be» sitzen, die Pforte vor Kriegen und Niederlagen zu behüten. Sie ist uns keine verbündete Macht, sie möchte es zweifellos gern sein, und eine bessere Lebensversicherung könnte sie sich nicht wünschen, aber sie ist es nun eben nicht. Daraus folgt, daß wir die Würde und die Bürde der türkischen Sorgen nur im Rahmen der eigenen Interessen zu tragen haben. Auch das ist nicht wenig, jedoch bleiben dabei die Grenzlinien zwischen nüchterner Nützlichkeit und Bundesverhältnis unverwischt, und sie müssen es bleiben.

Diese, wenn man tvill, Rechenschaftslegung ändert ja nichts an den gegenwärtigen Zuständen, aber die notwendige Aufklärung über den Sachverhalt hat Wohl ihr Gutes. Türkische Niederlagen müssen nicht unter allen Umständen deutsche Niederlagen sein.

8

Deutsche Offiziere auf dem Kriegsschauplatz.

bä. Berlin, 7. Oktober. Zwei deutsche Offiziere wer­den die Expedition der Italiener nach Tripolis im amt­licher Eigmtschast begleiten. Es sind' dies unser MÄitär- attachs in Rom, Kapitän z. S. Fuchs, und Major v. Kleist vom Großen Generalstab.

Der Dank des türkischen Botschafters.

Die Kaiserliche Ottomanische Botschaft in Berlin er­sucht die „Franks. Ztg." um die Veröffentlichung folgender Notiz: „Die türkische Botschaft spricht für die ihr aus allen Teilen Deutschlands zugehenden zahlreichen Sympathie­kundgebungen ihren besten Dank aus und erklärt zugleich, die Anerbieten zum freiwilligen Eintritt in türkische Armce- und Viarinödienste dankend äblehnen zu müssen."

Airs It-Merr.

Eine Rede Giolittis.

In einer Rede, die Giolitti unter einmütigem Beifall der Versammlung in Turin hielt, sagte er, der Friede und

aber treffend das'„dreckige" Lachen nennt. Grell und ge­räuschvoll ist demgemäß auch die Zeichnung der Figuren geraten.

Die Bohtzmetypen des Malers und des Dichters muß­ten selbstverständlich in allen ihren „Hemmungslosigkeiten" und nach döm bürgerlichen Maßstab sozialer „Unterwertig­keiten" ohne billige Schönfärberei gezeigt werden. Doch humorhast mußten sie gespiegelt werden. Mandenke an den verlumpten und so bezaubernden Dnbedat in Shaws „Arzt am 'Scheidewege". Holm macht, vielleicht ohne daß er es merkt, seine Leute zu teils lächerlichen, teils ganz fatalen Subjekten. Sein Lyriker, der ein großes leichtsinniges Kind voll Selbstbeschwindelung sein soll, wird unter seinen Hän­den ein Idiot. Und foer Maler und Kunstschriftsteller, der renommistische Erotiker und Blagueur, gebärdet sich bei Hoknr als plumper Tollpaffch, dümmlingshast und sein Witz ist roh. Otto Gebührs Frische und Laune half dieser Figur, die hart an der Abgeschmacktheitsgrenze steht, mit natürlichem Charme zur Erträglichkeit.

Residenz-Theater.

Samstag, den 7. Oktober: „Sommerspuk". Ein fröhliches Spiel in 4 Akten von Kurt K ü ch l e r.

Wirklich ein fröhliches Spiel, dieser „Sommerspuk". Nicht tief zu Herzen gehend, keine psychologischen Probleme auflösend. Aber das will das Stück auch gar nicht. Es stellt sich lediglich die Aufgabe, die Zuhörer für ein paar Stunden zu amüsieren, und diese Ausgabe wird voll und ganz erfüllt. Der Autor hat wohl bei der Abfassung seines Werkes ein wenig nach „Traumulus" geschielt und sich „Alt- Heidelberg" gründlich eingeprägt. Und dann mit Eigenem, mit Humor und Geschick entstand der „Sommerspük", ein milieuecktes Studeutenstück. Studenten find nun einmal

das Einvernehmen mit den Mächten seien gewiß große Wohltaten für Italien. Italien könne aber seine Inter­essen und seine nationale Würde nicht aus opfern. Das Ministerium sei sich seiner Verantwortlichkeit bewußt. Es stehe aber dem gegenwärtigen Kamps mit Entschlossenheit gegenüber, da es zu ihm durch die Feindseligkeit uttd die Herausforderung der Türkei gezwungen gewesen sei. Jede Verzögerung hätte die Ehre des Landes und seine politische und wirtschaftliche Stellung in Frage gestellt. Endlose Ovationen folgten dieser Stelle der Rede. In bezug auf die innere Politik erklärte Giolitti, daß er die Vorlagen Wer das allgemeine Wahlrecht und das Lebensversicherungsmonopol im Einvernehmen mit der äußersten Linken ausrechterhalte.

hd. Rom, 8. Oktober. In diplomatischen und politi­schen Kreisen wird es als sehr auffallend bemerkt, daß Giolitti' im Lause seiner Rede der Beziehungen Jialiens zu den beiden anderen Dreibundmächten keinerlei Er­wähnung getan hat.

Das Expeditionskorps.

Der „Secolo" meldet, daß die Abreise des ersten Teils des tripoli taktischen ExpeditionAorps unmittelbar bevor- stohe. Die erste Division unter dem General Pecori ist jetzt nach Tripolis bestimmt worden für die anliegenden Garnisonen. — In Neapel ist der Kommandant des Expe­ditionskorps, General Caneva, inzwischen eingetroffen. In seiner Begleiiung befanden sich die Generale Gastal- delo, Rainaldi, Gazzola. Gigli-Servi, der Generalstabs­major Rosst und andere höhere Offiziere. Der General- . stabsches, Generalleutnant Pollio, hat zusammen mit dem Konteradmiral Finzi im Hasen von Neapel die Vorbe- reitungsarbeiten für die Expedition aus den Schiffen inspiziert.

hd. Rom, 7. Oktober. Unter großen Kundgebungen der Begeisterung erfolgte heute nacht der Abmarsch des - 82. Infanterie-Regiments. Tausende füllten die Straßen zum Bahnhof. Der Wagcnverkehr war unterbunden. Sämtliche Fenster waren erleuchtet. Von den Balkonen überschüttete man die Soldaten mit Blumen. Die Marsch- reihen wurden durch Menschenmassen unterbrochen, die. patriotische Lieder singend und Hochrufe ausbringend', im Schritt mitmarschicrten.

Italienische Preßsiimmcn gegen die Verbündeten.

hd. Mailand, 7. Oktober. Der „Corriere della Sera" wendet sich 'gegen die Auffassung der Auslandspresse, als wäre jetzt schon der Augenblick für den Friedensschluß ein­getreten. DaS Mailänder Blatt protestiert gegen die in den letzten Tagen in den deuffchen Zeitungen gegen Italien gerichteten heftigen Artikel und meint, hierdurch setze Deutschland die günstige Wirkung aufs Spiel, den sein wahrhaft herrlicher Akt, den Schutz der Italiener zu über­nehmen, ausgeübt habe. Die maßgebenden deutschen Zei­tungen täten gut daran, sich nicht mit idem Vorgehen der verbündeten Regierungen in Widerspruch zu bringen. In einem Augenblick, in welchem sich der Nutzen des Drei­bundes (Jawohl: nämlich in höchst einseitiger und die Verbündeten schwer schädigender Form für JtalienI D. Red.) erproben solle, sei gerade die öffentliche Meinung der beiden Verbündeten gegen Italien eingenommen. Was Wunder, wenn in Italien die Meinung verbreitet sei, das

nicht von der Liebe zu trennen, und daß ihre Herzen leicht entzündbar sind, ist bekannt. So kann es auch kein Mensch dem jungen Studenten Walter Ditt verdenken» daß er sich Hals über Kops in die hübsche Elvira Lotti, eine VarietL- Dame, die sich als Studentin ausgibt, verliebt. Der Schwin­del wird gar bald entdeckt und „Dittchen" erwacht aus seinem Rausch — jedoch ohne Kater. Dieser Sommerspuk wird in seinem Loben unvergeßlich bleiben. Der erste Mt ist etwas lang, der Schluß flaut etwas ab. Aber das Ganze ist so liebenswürdig und amüsant, daß man es sich widerstandlos gefallen läßt. Hauptsächlich, wenn gespielt wurde, wie am Samstagabend. Herr Bartak als junger Student stand im Vordergrund des Interesses. Jugendlich, leidenschaft­lich und glaubhaft gab er den WMer Ditt. Eine auß er- gewähnlich gute Leistung des beliebten Künstlers. Ihm zur Seite stand Agnes Hammer, die als Elvira Lotti ihren ganzen Charme wirken ließ. Die kleineren Rollen waren fast durchweg gut besetzt. Herr Bertram als altes Semester war voll derben Humors. Seiner armen Nase, jedoch die er durch die vier Atte hindurch in einem schwarzen Futteral gefangen hielt, hätte ich, der Abwechslung halber, im Lause des Abends doch eine Befreiung gewünscht. Lobend zu erwähnen wären noch die Herren Rücker und Tairtz, beide voll feiner Charakteristik, sowie die Herren Hager, Winter, Miltner-Schönau und Münch. Nikolaus Bauer gab sich alle Mühe, den leider erkrankten Theo Dachauer zu ersetzen und wurde mit der ihm zuev- teilten Rolle ziemlich gut fertig. Rofel van Born schuf ein kleines Kabinettstück in der alten Zimmervermieieriin, sowie auch Angelika Auer als alternde heiratslustige Pvo- fessorentochter, vorzüglich charakterisierte. Die Damm M ö d- linger, Schenk, Agie und Gruczkun leisteten ihr Bestes. Ausstattung und Regie ließen nichts zu wünschen übrig. Der Beifall dos ausv erkauften Hauses war daher stürmisch und anhaltend. D. v , rj$ t "