Verlag Langgasie 21
„Tagblatt-Haus".
Kchalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgen! bi! 8 Uhr abends.
Wöchentlich 12 Ausgaben.
Bttugs-Preis für beide Ausgaben: 70 Pfg. monatlich, M. 2.— vierteljährlich durch den B-rlag Langgaffe 21, ohne Bringerlohn, M, S.— vierteljährlich durch -Ile deutschen Postanstalten, ausschließlich Bestellgeld, — Bezugs. Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in Wiesbaden die Zweigstelle Bismarckring 29, sowie die 112 Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dortigen 32 Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatt-Träger,
«nzeigen-Annahme: Für di-Abend-Ausgabe bi! 12 Uhr mittags; für die Worgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.
Gegründet 1852.
Fernsprecher-Rufr
„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53. Aon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abend!, außer Sonntags,
Anzciaen-Preis für die Zeile: 13 Psg. für lolale Anzeigen im,,Arbeitsmarkt" und „Kleiner Anzeiger«
in einyeitlichcr Satzform; 2ÜPsg. in davon abweichender! SatzauSsuhrung, sow.e für alle übrigen lolalm Anzeigen; 30 Psg. für alle auswärtigen Anzeigen; 1 Wk, für lokale Rekwmen; 2 Wk, Mr ^sMtrttge Reklamen, Ganze, halbe, drittel und viertel Serien, burchlausend, nach besonderer Berechnung,
Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Jtotmu.
Für die Aufnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
9tv. 471.
Sonntag, 8. Oktober Wil,
59. Jahrgang.
Morgen. Ausgabe.
1. Mkatt.
Die Politik der Woche.
Ob der am 17. d. M. zufammentvetends Reichs- tag bereits mit dem fertigen Marokkoabkommen überrascht werden wird — ob diese Überraschung eine angenehme oder unangenehme sein wird, das ist eine zweite Frage — steht noch dahin, denn die offiziösen Voraussagungen über den demnächstigen, den baldigen, den bevorstehenden uild den beinahe perfekten Abschluß der deutsch-französischen Verhandlungen sind schon so oft durch die Tatsachen widerlegt worden, daß man allgemach mißtrauisch geworden ist. Zwar wird versichert, daß die beiden Regierungen wenigstens über Punkt 1, die Marokko garantien, so gut wie ins reine gekommen seien,, aber doch nur „so gut wie", und an das Marokkoabkommen/ welches noch dazu der Gutheißung durch die anderen Algecirasmächte bedarf, schließen sich jetzt noch die Verhandlungen über die Kongokompensationen, die nach den bisherigen Erfahrungen zu urteilen, ebenfalls noch manche Schwierigkeiten mit sich bringen dürsten. Diese werden aber auch dadurch schwerlich erleichtert werden, daß jetzt, sehr verspätet, die englischen Staatsmänner, bte früher — man erinnere sich nur an die. Reden von Lloyd George und an. die Cartwright-Fntrige — die Ariegsdrommete bliesen, in die Frieden s> posaune stoßen.
Man merkt die Absicht und man wird, da inan diese Laktik schon hinreichend kennt, kaum noch verstimmt, aber man zieht eben die richtigen Schlußfolgerungen daraus. Tie so verspätet erwachte Friedensliebe John Bults Hot ihre guten Gründe, denn durch den ganz unerwartet erfolgten Ausbruch des K r i e g e §- z w i s ch e n Italien und der Türkei oder richtiger gesagt, des Krieges Italiens gegen die Türkei, ist man ,an der Themse von ernsten Besorgnissen vor einem Übergreifen der mohammedanischen Bewegung aus die britischen Besitzungen erfüllt, wovon ja auch einzelne beunruhigende Vorzeichen schon aus Indien und Ägypten gemeldet wurden. Unter dieseir Umständen haben die englischen Staatsmänner allerdings ein ebenso lebhaftes Interesse an der befriedigenden Beilegung des Marokkokonfliktes, Lessen Fortdauer die Weltlage noch weiter verschlimmern müßte, wie an der Lokalisierung des Balkanbrandes, da dessen Löschung fürs erste noch nicht gelingen dürfte.
Damit wird es aber in der Tat _ noch gute Wege haben, denn so lebhaft und begreiflich auch der Frie-
denswunsch der Pforte ist, so hat doch Italien keinen Zweifel daran gelassen, daß es vor einem entscheidenden Erfolg seiner Waffen für irgendwelche Vermittlungsversuche nicht zu haben sei. Unter einem solchen Erfolg wird mau aber füglich nicht nur die Besetzung von Tripolis, sondern dessen militärische Beherrschung verstehen müssen, und somit wird man fürs erste noch weiter die Kanonen ihre in diesem Falle recht einseitige Sprache reden hören. Tenn ein ernstlicher Widerstand ist bisher von der völlig unvorbereiteten und durch innere Wirren zerrütteten: Pforte überhaupt nicht geleistet worden. War es doch kennzeichnend, daß der Ausbruch des Krieges mit einer Kabinettskrisis am Goldenen Horn zusammenfiel, deren Lösung dem Großwesir Said-Pascha jetzt endlich, und zwar nur mit Mühe und Not, gelungen ist und die möglicherweise aufs neue ausbricht, wenn jetzt das türkische Parlament wieder zusammen- tritt, um zu der folgenschweren Frage: „Nachgeben oder Krieg bis aufs Messer?" Stellung zu nehmen.
Tie Herbstsession des ö ft e r r e i ch ischen R e i ch s r a t s hat soeben mit einem Knalleffekt begonnen, wie er sogar in den an manchen Lärm gewöhnten Räumen dieses Volkshäuses noch nickt verzeichnet worden war. Hatten sich schon vor Beginn der Sitzung des Abgeordneteichauses infolge . der _ tschechischen Demonstrationen, bei denen die holde Weiblichkeit die Führung übernommen hatte, stürmische Szenen abgespielt, so wurde man lebhaft an die Meldungen vom Tripolisschauplatz erinnert, als der _ dalmatinische Sozialist seine Kanonade gegen die Ministerbank er- öffnete, wobei er mit seinem Revolver erfreulicherweise nicht mehr Unheil anrichtete als die türkischen Kanonen auf den Forts von Tripolis. Aber Scherz beiseite. Die Kugeln, die dem Justizminister ‘ v. Hochenburger galten, bedeuten, eine ernste Mahnung, wohin die skrupel- und maßlose Agitation der Sozialisten zum Schluß führen nmß — nicht nur in Österreich!
Daß aus einer Saat von Drachenzähnen keine ge- deihlime Ernte ersprießen kann, zeigt sich in der jüngsten europäischeil Republik, wo trotz aller krampfhaften Dementis der Lisiaboner Offiziösen die monarchistische Bewegung wieder an allen Ecken und Enden lo-ge- orochen ist. Daß den Meldungen über den neuesten Monarchisten put sch ein sehr ernsthafter Kern zugrunde liegen muß, geht schon daraus hervor, daß die portugiesische Regierung die Voruahine zahlreicher Verhaftungen zugibt, und daß die spanische Regierung umfassende Maßnahmen zum Schutz der Grenzen getroffen Hot. , Immerhin bleibt dem neuen Regime in Portugal, welches unterdessen die Anerkennung fast aller Mächte und setzt sogar die des Zarenreiches gefunden hat. ein Trost in Tränen: der
Mann, für den die portugiesischen Royalisten Kopf und Kragen wagen, für den sie in den Städten wie auf dem Lande die Werbetrommel rühren, für den sie von Paris wie von London aus agitieren und sogar im fernen Brasilien Gelder sammeln, dieser Mann ist Manuel, eben nur Manuel!
Deutsches Deich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Der Prinzreg ent von Bayern ist ccm Donnerstag von Hintersee bei Berchtesgaden aus auf 'den Jagdstand gefahren worden wo er die Freude hatte, zwei vorbeigetricbene Hirsche zu schießen. Dar, der von Altersleiden heimgesuchte Regent noch, zur ^zagd fahrt, sobald es ihm einigermaßen erträglich ist, ist jedenfalls ein Zeichen der erstaunlichen Lehensenergie dieses Einundneunzig- jährigen.
* Keine Herbsttagung des Landtags. Wie nunmehr verlautet, wird das preußische Staatsministerinm von einer Herbsttagung des Landtags absehen und dre nächste Tagung wie bisher im Januar anberaumen. Der preußische Etat, der zum ersten Male bereits am 1. Dezember im Finanzministerium druckfertig vorliegen soll, hätte für eine Herbsttagung auch nicht, in Frage kommen können. Es besteht jetzt die Absicht, ihn Anfang Januar den Landtagsabgeordneten zu ihrer Orientierung zu übersenden.
* Rcichsmaßnahmen wegen der Kartoffelnot. Die
„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Der
Bundesrat beschloß in seiner Sitzung am 6; Oktober: Auf Antrag kann widerruflich gestattet werden: 1. Daß die nach dem 1. September 1902 betriebsfähig hergerichteten I a n d w i r t s ch a f t l i ch e n Brennereien in der Zeit vom 1. Oktober 1911 bis einschließlich 15. Juni 19l2 auch Rohstoffe der in § 10 Absatz 2, Satz 1 des Branntweingesetzes bezeichneten Art, welche nicht von ben Eigentümern oder Besitzern der Brennereien selbst gewonnen sind, verarbeiten, ohne die Eigenschaft als lcmdwirtschaftlichlf Brennerei einzubüßen. 2. Daß Brennereien ohne H e f eer z e u g u n g in der Zeit vom 1. Oktober 1911 bis einschließlich 15. Juni 1912 ausnahmsweise Getreide an Stelle der van ihnen sonst verwendeten Rohstoffe verarbeiten, ohne aus diesem Grund den in § 33 unter Absatz 2, § 39 des Branntweingesetzes für den Fall des Übergangs zur Getreideverarbeitung vorgesehenen Nachteil zu erleiden. Tie unter Ziffer 2 vorgesehene Vergünstigung erstreckte sich hiernach in gleicher Weise auf die landwirtschaftlichen und gewerblichen Kartoffelbrennereien. Der Bundesrat beschloß in derselben Sitzung ferner, 1. daß der Durchschnittsbrand der Brennereien für das Betriebsjahr 1911/12 von 86 aus 94 Hnndertteile des allgemeinen Durchschnittsbrandes erweitert wird, 2. daß die zur Bestimmung der Bet*
WaLbruck «erboten.)
Die Taufe der Villa.
lach dem Französischen von M. Zamacols von Adolf Kock.
Endlich haben die Poticheaus glücklich einen Traum lerwirklicht, den sie vierunddreißig Jahre lang gehegt tnd gepflegt hatten: Sie haben sich eine Villa bauen
Dafür, d-aß die Poticheaus, kluge und vorsichtige Rentiers, sich zu diesem Akt toller Verschwendung ver- tanden, mußte sich natürlich vorher ein Wunder nt hrer Börse vollzogen Haben.
Dieses Wunder war die plötzliche, phantastische, un- Thoffte Hausse des Rio-Pepito, der seit eineni Viertel- ahrhundert vierzig Centimes statt fünfhundert Franken — Ausgabepreis—- an der Börse wertete, unan- \ 6 itßJf) Ttrcvr ft)6t f c * *
Dieser Rio-Pepito war das Hochzeitsgeschenk einer llten Cousine, Zephyrine, für Frau Poticheaus gewesen. Fünfzig Anteile zu tausend Franken, ^.ags daran; varen die fünfzig Scheine noch da, waren aber nicht nebr wert als zwanzig Franken, und man hätte sich ast zu Tode geärgert, gemeinsam mit der alten Cousine
Zephyrine. , .' . .
Plötzlich, dreißig Jahre waren verstrichen, kam der llio-Pevito'wieder ins Steigen. Man wollte Wunder- mre Zinnobergänge entdeckt haben. Als der Rw- yepito auf neunzehnhundert Franken stand, legten die Poticheaus am Morgen einen Kranz auf das Grab ksephyrinens nieder und verkauften am Nachmittag $)ir6 SCnteile.
Sie sähen sick also mit einem Schlage im Besitze einer flüsiiaen Summe bon fünsundneunzigtausend Franken, die sie durch eigenste Kraft errungen hatten, und sie entschieden sich, sie zur Erbauunq eines Landhauses zu verwenden. .
<Re- erwarben ein beträchtliches und kahles Stück Land bei Trockenbüttel und wandten sich in der Hoffnung, besser auf ihre Rechnung zu kommen, an einen Architekten und einen Unternehmer unter ihren Freunden, mit den resp. Namen Lerne und Blayot.
Nach Ablauf eines Jahres, war das Haus erbaut, die Kostenanschläge erheblich überschritten, und die Poticheaus mit ihren beiden^Freunden in wildem Prozeß.
Jetzt erst sind die Poticheaus glücklich im Besitz ihrer Villa, die man ihnen auf Anfang April versprochen hatte. Seit dem 31. März war kein Tag bergan- gen, wo sie nicht irach Trockenbüttel hinausgepilgert wären, um den Eifer der Arbeiter anzustacheln und sich mit dem Unternehmer herninzustrerten. Sre hatten sich sogar in der Hoffnung trotz alledem im Juni einzieheir zu können, verpflichtet, den Aufzug für die Ziegel herzurichten. Nichts geschah. Schließlich war das Gebäude fertig, im Spätsommer, noch feucht, und trotz der starken Hitze mußte sie, als sie einzogen, Koksöfen aufstellen um den Gips und den Mörtel zu trocknen.
Mer die Poticheaus haben all ihren Ärger vergesseii, so sehr ist ihre Villa, auf der auf natiolialer Fahnenstange die nationale Flagge weht, die Villa nach ihrem Herzen Das Haus ist oben auf einen kleinen sandigen, unbequemen Hügel gepfropft, der auf allen Seiten der Sonne ausgesetzt ist. In dem höckerigen Boden sind einige Mühlsteine einzömentiert, die eine Wassergrotte darstellen, sobald man sich nun für die Herbeileitung des leider weit entlegenen Wassers entschlossen hat! Hier und da sind einige Besenstiele eingepflanzt, die nach der Versicherung des Gartenkünstlers in zehn Jahren bereits sich zu sehr hübschen Bäumen entwickeln, vorausgesetzt, daß die Winter während dieser Zeit nickt zu kalt, noch die Sommer zu warm seien. _
Das Haus ist vornehm ausqestattet: vorzüglich in Zink imitierteÄloen sind in denGußvasen eingevslanzt worden, die die beiden Pfeiler des Haupttores krönen. Gut geschmiert, hätte der Wetterhahn schon den festen Willen, Norden anzuzeigen, ohne zu kreischen, wenn nickt >der un
achtsame Dachdecker das 97, was den Norden bezeichnet, ausgerechiiet nach Nordwesten gesetzt hätte, woraus logischerwejse ein Irrtum für die Richtung aller Kardinalpunkte resultiert: vier Hennen und ein Hahn
pickten in nutzlosen Bemühungen den noch viel zu reinlichen Boden des schattenlosen Hofes auf; alles ist fertig.
*
Poticheaus sind diesen Morgen endgültig eingezogen. Dieser Einzug in die Villa, die seit vierunddreißig Jahren heiß erselinte, bedeutet, wie leicht zu denken, ein gehöriges Ereignis für die ganze Familie. Daher ist Ernst Poticheau, Sohn des Ehepaares Poticheau, der mit Ehe und zwei Töchtern gesegnet ist, zum Frühstück nach Trockenbüttel eingeladen worden, desgleichen die alte Tante Rosa, hochgeschätzt und verehrt, viel weniger ihres etwas säuerlichen Charakters als des angenehmen Sümmchens ihres Vermögens halber, das dem zugeschlagen wird, der in liebevollster Heuchelei die andern aussticht.
Dieses Frühstück ist nicht allein ein feierlicher Ein- weihungsschmaus, es ist zugleich der Prolog einer Zeremonie von allerhöchster Wichtigkeit: Der Taufe
der Villa!
Welchen Namen soll die teure kleine Hütte empfangen? Herr und Frau Poticheau haben daraus gedrungen^ ihre Nächsten und Lieben zu befragen — der reichen Tante wegen nämlich.
Der Champagnerpfropfen knallt, verfrühte Witz! werden gerissen, lautes Gelächter erfüllt den Raum. Papa Poticheau erklärt, etwas erregt, die Sitzung für begonnen. Wer. hat passende Namen vorzuschlagen? Tie kleinen Poticheaus, zwei kleine alberne Gänschen, haben zuerst das Wort: „Villa Jasmin", sagt die eine.
„Villa Lilie", schlägt die zweite vor und errötet.
Man macht den zwei kleinen albernen Gänschen begreiflich, daß auf eine Meile in der Runde keine Spur von Jasmin öder Lilien vorhanden fei, und daß tn Anbetracht der dürftigen Vegetation des Ortes jede botanische Anspielung in Wegfall käme.
