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Nr. 488.
Samstage 7 . Oktober 1911.
59. Jahrgang.
Morgen - klusgabe.
1. M'crtt.
Hau—.I g ggg l L L-l l lip il ....
Vor dem MaroKKosrieden.
Ter alte Erfahrungssatz, daß das Bessere der Feind des Guten ist, gilt für die Politik in dem Sinne, datz die größere Sensation die kleinere erdrückt. Seit dem Ausbruch des italienisch-türkischen Krieges ist es auf dem Schauplatz der Marokkoverhandlungen auffallend still geworden, und sogar in Deutschland wie in Frankreich ist das Interesse an der Marokko- Kongofrage, die so lange Zeit die gesamte Kulturwelt in Atem gehalten hat, zurückgedrängt worden durch die sSorge, daß der in Tripolis entzündete Balkanbrand stch früher oder später zu einem W e I t b r a n d erweitern könnte, wenn nicht die insbesondere von deutscher Seite eingeleiteten Bemühungen, die Grundlage für eine Verständigung zu schaffen, in absehbarer Zeit zum Erfolg führen.
Aber es ist dies nicht der einzige Zusammenhang zwischen der Marokkofrage und dem Tripoliskonflikt. Von französischer Seite wird behauptet, datz die deutschen Unterhändler seit dem Ausbruch des italienisch-türkischen Krieges eine g r ö her e Zähigkeit an den Tag legen, indem sie die jetzt günstiger gewordene weltpolitische Lage ausnutzsn. Tie Tatsache, daß die diplomatische Situation sich für Deutschland vorteilhafter gestaltet hat, ist nicht zu leugnen, denn die Regierung Großbritanniens ist zurzeit viel zu sehr durch die Sorge vor einer Aufrolluyg der orientalischen Frage in Anspruch genommen, als daß sie ihr Gewerbe, den Franzosen bei den Verhandlungen mit Deutschland den Rücken zu steifen, fortsetzen könnte, um so mehr, da es auf der Hand liegt, daß ein Scheitern der deutsch-fran- tzösischen Auseinandersetzung in Verbindung mit dem italienisch-türkischen Kriege leicht einen M e l t b r a n d entzünden könnte, dessen Folgen unabsehbar wären. Eben deshalb sind auch die englischen Staats- männer zurzeit in einen förmlichen Wettbewerb der Friedensbeteuerungen eingetreten, und der Minister des Innern, C h u r ch i l l, der erste Lord der Admiralität Mac Ken na und der frühere Botschafter in Berlin Frank L a s c e I l e s über trumpfen sich gegenseitig in den Versicherungen, wie aufrichtig sie einen ehrlichen Frieden zwischen Deutschland und Frankreich wünschen. Das Wort, welches Schiller in der Jungfrau von Orleans den englischen Heerführer Lionel auf die französische Königin-Mutter Jsabeau sagen läßt, trifft wohl für diese angeblichen
Friedenswünsche zu, welche die englischen Staatsmänner in bezug auf Frankreich und Deutschland hegen: Glück zu dem Frieden, den die Furie stiftet!
Indessen die deutsch-französischen Verhandlungen stehen allem Anschein nach vor dem Abschluß, freilich nicht wegen, sondern trotz der englischen Politik. In der letzten Unterredung zwischen dein Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter und dem Botschafter Cam- boii, über welche die Offiziösen bisher merkwürdigerweise nichts mitgeteilt haben, ist, wie Imt hören, über die eigentlichen Marokkofragen insoweit ein Einver- nehrnen erzielt worden, daß es sich jetzt in der Tat nur noch unr einige mehr formelle uiid redaktionelle Trffe- venzen zwischeii dem deutschen und denr französischen Standpunkt handelt, von denen man hofft, daß sie ihre Begleichung durch eine Annahme des jetzigen Ent- Wurfes seitens der französischen Regierung finden werden, nicht etwa weil die deutsche Regierung auf dm veränderte weltpolitische Lage trumpft, sondern weil sie den Franzosen soweit en tg e gen gekom men ist, daß ihr „zu tun fast nichts mehr übrig bleibt". Freilich wird sich an diesen einen Teil der Verhandlungen dann erst der zweite anschließen, der die Kongo- kompensationen betrifft, und die Unterzeichnung des eigentlichen Marokkovertrages kann erst erfolgen, nachdem eine Verständigung über Teil 2 herbeigeführt ist. Ta aber über die Begrenzung der Kompensationsobjekte wenigstens in den großen Linien ein Einvernehmen zwischen den Unterhändlern besteht, so darf man die endgültige Marokkoeinigung, soweit sie die beiden Regierungen betrifft, doch Wohl noch vor dein arn 17. d. M. erfolgenden Zusammentritt des Reichstags erwarten, dem das Abkommen dann alsbald zur Beglaubigung vorgeleqt werden soll, wobei der Volksvertretung freilich, weil es sich hier nur um Annahme oder Ablehnung im ganzen handeln kann, keine Wohl bleibt, da sie die Regierung schlechterdings nicht desavouieren kann.
Wie weit die pessimistische oder optimistische Auffassung in bezug auf den Marokkoyandel recht hat, wird sich genauer erst dann beurteilen lassen, wenn man die Art der Garantien für die „offene Tür" in Marokko und den Umfang sowie die Lage der Kompensations- objekte genauer kennt. Eines aber wird man. wenn wir uns nicht in Selbsttäuschungen wiegen wollen, schon heilte feststellen müssen, daß die offiziösen Er g ü s s e, wo'nach diese Marökkoeinigung die Gruildlage zu einem dauernden freundschaftlichen Einvernehmen mit Frankreich bilden wird, nicht eiiimal ein schöner Wahn, sondern vielmehr eine gefährliche
I l l ir s i o n ist, da sie die A u f m e r k s a in feit des deutschen Volkes einzuschläfern geeignet ist. Der Marokkohandel ist, wie der Ministerpräsident Caillemix
Feuilleton.
(Nachdruck verboten.)
Durchs „Mainzer Lecken".
Wanderfkizzc von Walther Schulte vom Brühl.
(Schluß.)
Im Jahre 1631 ging Gustav Adolf von Schweden in der Nähe Erfeldens über den Rhein, wovon noch ein einfaches Denkmal, die Schwedensünle, Kunde gibt. Sem Übergang nach dem Kühkopf gestaltete sich gewiß nicht )o einfach wie der meinige, der mit einer Fähre sehr glatt bewirkt wurde. Durch die Trockenheit war auch der MU rheinsvieael tief gesunken. Weite Schlammfekder, nach oben stark eingetrocknet und in Platten auseinanderge- bovsten, zogen sich von seinem Wasser nach dem schilp und weidenbeftandeneil Ufer hin. Eine reizvolle UferstachlaUd- schast tat sich aüf. Im Vordergrund die von kleinen verankerten Kähnen und Seglern belebte Wasserfläche, darüber das sandige und lehmige, von buschigen, stlbergranen Weiden besetzte Ufer, über das sich zum Teil eine srpch- grüne, leuchtende Grasnarbe nach dem Wasser hinunterzog. Und in der bläulichen Ferne über hohen Pappeln des weltlichen Odenwalds höchste Erhebung, der Melibckus. Uber große Schilfbüschel, aus den schlammigen ^Nd gelegt, stieg ich in einen festgelegten Kahn, um von der Ruderoank aus das einfache, reizvolle Motiv in Farben festzuhalten. Inzwischen hatte niein Hund einige Fasanen anfgestobert, die nun mit Geschrei und Flügelranschen vor der Wald- liflere abstrichen. Nach dieser Heldentat wollte nur der Hund im Kahne Gesellschaft leisten, aber statt über die Schilsbündel zu laufen, tapste er über den trügerischen Schlamm. Plötzlich hörte ich ein jammervolles Winseln und Gepatsche: fast bis zum Halse war das zappelnde Tier schon in dem grauen Schlick versunken, und er wäre offenbar umgelommen, wenn ich mich nicht schnell aus demKahn gebeugt, ihn am „Grieps" gekriegt und aus dem Morast Herausgezogen hätte. ,
Er sah schrecklich ans. Unbesonnen, wie er ist, schüttelte er sich gewaltig und bespritzte mich samt Skizzenbuch und
zutreffend betont hat, nur ein Geschäft. Daß wir es aber bei diesem Geschäft nicht mit einem -Geichafts- freund, sondern mit einen: Geschäfts feind . zu tun haben, dafür hat schon die englische Politik gesorgt — vergleiche Cartwright! -— und wird dies aller Voraussicht nach auch in Zukunft tun, solange nicht cm völliger Wandel in den Anschauungen nacht so- wohl der englischen Staatsmänner als vielmehr der englischen Nation erfolgt.
Me MW MMedung Mumm.
„Die Nationalliberalen vor den: Wahlkampf", so überschreibt dar Führer der Nationalli-beralen, Reichstagsabgeordneter E. Bassermann, einen Aussatz, den er rm „Hamb. Corr." veröffentlicht.
Dieser Aussatz beansprucht gerade im gegenwärtigen Augenblick das allgemeinste Interesse, weil Bassermann alle großen Fragen unserer Politik darin kurz streift. Es ist bemerkenswert, -daß der Führer der Nationalliberalen zunächst die Notwendigkeit eines Zusammengehens der Volkspartei und der Nationalliberalen betont und die Besserung unserer politischen Lage allgc- mein aus einer Stärkung !d e s Li' keralisnru hofft. Das Wesentlichste des Aussatzes sei hier kurz wreder- gogeben: So wenig unter den inneren Gsgensätzl'.chkelten die Stoßkraft der Sozialdemokraten und der Ultramontanen leidetz ebensowenig werden die Rationalliberalen den Gegnern den Gefallen tun, über die Frage, ob das Wahlbündnis mit der Fortschrittspartei eine Notwendigkeit ist oder nicht, auseinaNderziusallen. Heute, wo der Liberalismus ddm Ansturm von radikaler und reaktionärer Seite ansgesetzt ist. folgt die Parteileitung einem Gebote der Selb st er Haltung, wenn sie, wo nicht, wre dies in einzelnen Provinzen der Fall ist, historische Entwicklungen -dem entgegenftehen, die taktische Verbindung mit dem Freisinn empfiehlt. Die Regierung hofft, daß das sterbende Parlament noch eine Reihe wichtiger Gesetze verabschieden wird. Eine Höchst sonderbare Lage. Ich glaube, die Regierung wird, wie schon so manches Mal, sich auch hier irren und Enttäuschungen erleben. Manches Gesetz wird unerledigt bleiben und den neuen Reichstag beschäftigen, was an sich ja auch kein Unglück ist. Es wäre wohl gut, nun bald ein Ende zu machen und das Volk entscheiden zu laflen. Oder glaubt man durch ein TelephonverteuernNgsgesetz oder durch eine Strasprozeh- orduungsreform, ftic die Rechte der Angeklagten ein- schränkt, der Sozialdemokratie Abbruch zu tun? Eine sonderbare politische Logik, die sich aus der Fülle der Ge- setzesparagraphen ftaatserhalteNdc Wirkung verspricht! Wenn erst bei der Strasprozeßordnung der Kamps darüber entbrennt, ob der Umfang der Beweisaufnahme in das Ermessen des Richters gestellt werden soll, oder ob cs das gute Reckt des Angeklagten bleiben muß, daß alle seine
Rucksack derartig, daß meine Vorderansicht wie gvange- sprenkelt aussah. Es War furchtbar. Ich wunderte mich ordentlich, daß mich beim WeiterwaNdern der mir begeg- mttbe Förster vom Kühkopf noch ästimierte und sich teilnehmend erkundigte, ob ich einer von den „Senckenbergia- nern" sei, die bei naturwissenschaftlichen Exkursionen diese GeaeNd öfter zu durchstreifen pflegen. Ob die Herren des berühmten Frankfurter Instituts auch wohl so dreckig anssehen? Freilich, der Rheinschlick, der sich bei den jährlichen Überschwemmungen hier absetzt, ist ein wenig sauberes Sediment, aber — fruchtbar. Die mächtigen Bäume des Waldes aus dieser Insel reden davon. Zumal die himmelstürmende Esche scheint sich hier sehr wohl zu fühlen. Die Werden aber sind erst recht in ihrem Element und bilden geradezu undurchdringliche Dickichte, klüglich angelegt, um die Gewalt der Finten zu brechen und sie zu hindern, das LaNd zu zerreißen. Sie sind fast zu deutschem Mangrovc- gwüsch geworden; selbst eine Art Stelzenwurzeln haben sie betrieben Wenigstens wuchsen, wie ich hier zum erstenmal" bemerkte, bis zu Schenkelhohe ans den Weidcnstämmen Wurzeln heraus, die sich in den Boden senkten. Ein Beweis! wie lange die Niederungen der Jn,ol oft unter
^"^Eine ^Rast im einsamen Forsthanse Kühkopf und der Genuß eines frischgepreßten süßen Apfelmostes entschädigte mich für die Mühsal der Wanderung und den SchÄ über das Schlammbad des HuNdes. Es sitzt sich aeradozn wundervoll ans der hohen Terrasse des malerische Jägerhauses, bei deffen Ban der Darmstädter jSttl wohl fruchtbringend mitgewirkt hat, wie sich denn überhaupt das anregende Beispiel der hessischen Landeshauptstadt in bauMnstlerischen Dingen Vielfach bis in die kleinsten Dörfer verfolgen läßt. Eine wohltätige,. nervenstärkende Ruhe in diesem stillen Winkel, den die Bäume umrauschen, ein Idyll, das einem in der Erinnerung bleibt im rastlosen Treiben des Alltags. Und dann der grün- dämmerige Pfad beim Weitermarsch. Im Wakdesschoß eine Kastanienallee, aus einem der Schutzdämme gepflanzt. Fern.' beim Ansgang dieses Laubtunnels blendendes Licht. Dort'glänzt auch wieder der ruhige Spiegel des Altrheins. Ein-- Fähre führt hinüber, aber der Fährmann ist davon
gegaNgen, wohl um einen Schoppen zu stechen, und ein paar kecke DorsbNben sind schnell bei der Hand, denr bestellten Meister ins Handwerk zu pfuschen uNd mich stakend und rudernd uNd nicht ohne Beschwer über das Wasser zu bringen. Hoffentlich haben sie sich über den verdienten Nickel geeinigt und nicht eine Bälgerei darum angesangen. Es findet sich in Stockftadt, das sich hier an den Fluß gelagert hat, ja auch Gelegenheit, ihn passend in Süßigkeit umzn- sctzen. Sogar ein Automat paßt ans Raub, immerhin schon ein Zeichen dörflicher Kultur. Aber, obgleich ich als ein untrainierter Wanderer meine Tagesleistung reichlich abgemacht hatte und längst schnierzlich entdeckte, daß bei einem WaNderschuh der Raum für die Zehen nicht weit und bequem genug sein kann, mochte ich meinen Erdenleib dock) nicht wieder einem dörflichen Gasthos anvertrauen. Mein Sehnen nach einem guten Hotelbett und einem „mit Schikanen" bereiteten Abendbrot trieb mich noch zwei Stunden weiter, über Biebesheim hinaus nach Gerns-- heinr. Ich hätte ab Stockstadt (Linie Mannheim-Frankfurt) mit der Bahn fahren können, aber heroisch widerstand ich dieser Versuchung, um mein Programm nicht zu durchbrechen, uNd hoffte auf köstlichen Lohn in dem hessischen Rheinstädtchen. Wo ein Hasen und zahlreiche Fabrikschlote von Handel und Industrie reden, muß doch gute Unterkunft zu finden sein, und hoffnnngssroh fragte ich mich nach dem besten Gasthof durch. Nun, Speise und Trank ließ dann auch nichts zu wünschen übrig, aber mit dem Komfort war's schlecht bestellt. Deffen Wurde ich mir Kar, als ich, mit einer Kerze bewaffnet, ein Steiltreppchen hin- ansgeleitöt wurde und mein Antlitz vom Straßenstaube in einer Waschschüssel reinigen durfte, die für ein Puppengesicht geschossen schien. Nachmals hatte ich aber in der engen und niedrigen, übrigens recht gemütlichen Gaststube das Vergnügen, etliche Honorarioren versammelt zu sehen. Auch Honoratioren kannegießern und können über die Fragen der Politik und Kultur die naivsten Ansichten entwickeln. Aber trinken können sie meistens. Diese Beobachtung konnte ich machen, auch die, daß einer der Braven — Schmisse verrieten ihn als ehemäligcn Akademiker bereits merklich zu viel getrunken hatte. Er machte mir ernstliche Vorhaltungen darüber, daß ich kein Bier trinke,
