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Wiesbs-kner Tachlck.

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Wöchentlich 12 Ausgaben. ^ Gegründet 1852.

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Nr. 46«.

MVntag 2. Oktober 1911.

59. Jahrgang.

Kbend-Ausgabe.

1. Matt.

Der MaffenMNZ um Tripolis.

Die Lage.

La Italien nach wie vor eine »äußerst strenge De- peschenzensur ausübt, hat man über das, was seit der Kriegserklärung vorgegangen ist, noch keine rechte Klar­heit. Vor allem fehlen über die Operationen vor Tripolis, worüber die Italiener m berichten hätten, zuverlässige Angaben. Man weiß also bis heute, Mon- tagmittag, nicht, ob die Italiener dort wirklich schon Truppen gelandet haben oder nicht. Wohl aber liegt aus Konstantinopel die aufs peinlichste überraschende Meldung vor, daß die Italiener, allen ihren früheren Versicherungein daß sie es n u r auf Tripolis abgesehen hätten, zum Trotz, in A l b a n i e n eingebrochen sind. Prevesa, die südlichste Küstenstadt von Epirus, die schon im griechisch-türkischen Kriege 1837 von der griechischeil Flotte ohne Erfolg beschossen wurde, ist, ebenso wie ein airderer albanischer Küstenort, bombardiert und von den Italienern besetzt worden. Damit hätten die Tür­kei nun auch auf dem europäischen Festlande sich ihrer Haut zu wehren, und die Lage der Türkei, die kaum die albanischen Wirren beendet hat, wäre geradezu verzweifelt, weirir nicht schon in den erstell Tagen nach dem Kriegsausbruch allüberall ein starker S t im­mun gs u m s ch w u n g zu ihren Gunsten wahrzu- nehmen wäre. Dieser Umschwung macht sich sogar, und vielleicht am stärksten, in England geltend, wo man die Aufrollung der ägyptischen Frage scheut und befürchtet, daß die mohammedanische Bewegung aus die englische Besitzungen übergreifen könnte, und rricht minder in Frankreich, wo man die bisher nicht geringen und wirtschaftlich recht einträglichen Sym­pathien in der Türkei zu verlieren fürchtet. Kaum minder stark ' aber ist der Wechsel in der öffentlichen Meinung Österreich-Ungarns, wo man es an­fangs mit sichtlicher Befriedigung begrüßte, daß Italien durch die Tripolisaktiou von Albanien abgelenkt wurde, während man es jetzt mit ernster Sorge verzeichnet, daß der erste Schuß des tripolitanischen Krieges in Europa gefalleir ist. Das Seegefecht bei Prevesa, sowie die inzwischen dort, wie scholl mitgeteilt, nach vorhergegangenein Bombardement vorgeuom- mene Landuna italienischer Truppen, worüber unten d'e neuesten Meldungen berichten: dies ganze Vor­gehen in A l b a n i e n steht eben iit schroffe m Widerspruch zu der feierlichen Erkläruirg Italiens, daß es den Krieg nur in Afrika führen wolle, und die Gefahr ist dadurch nahe gerückt, daß durch das Übergreifen des Tripolisbrandes auf Albanien und Epirus der gefürchtete allgemeine Ba l k a n b r a n L entfesselt werden könnte.

Wird es möglich sein, diesen Brand zu lokali­sieren, auf seinen Herd in Afrika und auf die beiden Duellanten Italien und die Türket zu beschränken, oder ist gar noch eine Aussicht auf Löschung des Brandes vorhanden? Die Türkei hat sich mit einem neuen

eindrucksvollen Appell, den wir unten wiedergeben, au die Mächte getvendet, und, wie berichtet wird, soll unter den Kabinetten Neigung zu dem Versuch einer freundschaftlichen Vermittlung bestehen, die allerdings jetzt, unmittelbar nach dem Ausbruch des Krieges, kaum Aussicht auf Erfolg bietet, aber vielleicht in einem etwas vorgerückteren Stadium der militärischen Opera­tionen die Möglichkeit für einen Vergleich schafft, der den Italienern unter sornreller Airerkennung der Ober­hoheit des Sultans die Vormachtstellung in Tripolis sichert. Ob und wann sich diese Hoffnungen erfüllen werden, steht freilich dahin, zrrnächst aber sind die Be­mühungen der Mächte, während die Löschung des Brandes erst in zweiter Reihe kommt, aus dessen Lokali­sierung gerrchtet, und einen Erfolg dieser Bestrebungen darf man um so eher erhoffen, als^ hier die Interessen aller Großmächte, sa zum Schluß sogar die der beiden kriegführenden übereinstimmen. Denn, weirn gemeldet worden ist, daß die Türkei, um sich für den Verlust von Tripolis schadlos zu halten, die Kreta­srage ausrollen und Griechenland in den Krieg hiu- einziehen wolle, so wäre das eine Verzweiflungs­taktik, die für das Osmanenreich leicht den Anfang vom Ende bedeuten könnte. Man wird aber hoffen, daß die guten Ratschläge und Mahnungen von seiten der deutschen Negierung am, Goldenen Horn nicht un- gehört verhallen.

*

Unsere Stellung int Krieg.

L. Berlin, 30. September.

Eine politische Persönlichkeit sagte Ihrem Korre­spondenten: Wir möchten den türkischen Minister oder Diplomaten oder Publizisten sehen, der auch nur. ver­suchen ,könnte, nachzuweisen, daß Deutschland in der Lage gewesen wäre, das Unglück dieses Krieges zu v § r h i n d e r n. Diesen Krieg und die Methode, mit der er heraufbeschworen wurde, beklagt g a n z E u r o p a, aber wer uns Deutsche mit der Verantwortlichkeit dafür belasten will, irrt sich völlig in der Adresse, und wir bezweifeln nicht, daß kein urteilsfähiger türkischer Poli­tiker diesen Irrtum ernstlich hegen kann oder vertreten will. So unser Gewährsmann. In der Tat steht es so, daß wir Deutschen in allen Parteien die ernsteste Verpflichtung haben, jedes irgendwo auftauchende Ge­rede, das uns, und zwar meistens mit hämischer Spott- lust in das ausgebrochene Unheil h r n e i n z i e h e n möchte, als vollkommen grundlos abzuweisen. Wir haben kein Protektorat über die Türkei, was man sich in Konstantinopel ja auch sehr verbitten würde; wir haben kein Bündnis mit der Türkei, aber man weiß am Goldenen Horn, daß wir es in der s e l st I o s e st e n Weise gut mit diesem. Staatswesen meinen, daß wir alles, was in unseren Kräften steht, stets getan haben und stets tun werden, daß jedoch bestimmte Grenzen da sind, deren Überschreitung nicht einmal verlangt wird, geschweige denn, daß sie von uns überschritten werden, können. Die Verurteilung der italienischen Brutalität, der Abscheu vor diesem Rechtsbruch oh ne gleiche u. das Mitgefühl mit dem Schicksal der Pforte, das alles ist Gemeingut der gesitte­ten Welt, und man braucht sich dabei mit stärkerem Aufwand von verdammenden Worten schoir darum nicht

auszuhalten, weil, wie einer unserer Dichter es so hübsch gesagt hat, das Moralische sich immer von selbst ver­steht. Aber gerade deshalb gilt es, den Blick vorwärts und nicht rückwärts zu richten. Konnten wir den Krieg nicht verhindern, so konnten andere Mächte es auch nicht tun. und die Bedenken, die nachträglich, wo es zu spät ist, gerade in Paris und London laut werden (wo doch die ersten Antriebe zun: Vorgehen Italiens zu suchen sind), können zeigen, daß etwaige deutsche Fehler und Unterlassungen ihr Gegenstück auch anderswo finden. Man wird das, was den Italienern erlaubt wurde, in den westlichen Hauptstädten später vielleicht noch mehr zu bedauern haben, als wir es bedauern müssen. Be­trachtet man die Verhältnisse unter Ausschaltung jeder G e m ü t s r e g u n g, gleichsam als Gegen­stand eines politisch-wissenschaftlichen Experiments, so wird man sagen dürfen, daß die Türkei durch die Am­putation einer Provinz, die sie mit ihren ungenügenden Machtmitteln nicht ernstlich halten kann, durchaus nicht tödlich verwundet zu werden braucht, daß aber (Wir wiesen daraus in der Sonntag-Ausgabe schon hin. Die ,Red.), wenn Tripolis eben nicht zu halten war, der Übergang dieses Gebiets in italienische Hände dem Übergang in englische oder französische vorgezogen werden muß. blicht etwa, weil wir den Italienern so­viel Gutes und Liebes zu gönnen hätten, sondern weil es vom deutschen Interessenstandpunkte aus nur nütz­lich sein kann, wenn Franzosen und Engländern an der nordafrikanischen Küste ein Gegengewicht geschaffen wird. Um uns Verlegenheiten zu bereiten, haben England und Frankreich, man sieht es deutlich, den Italienern gerade jetzt den Weg nach Tripolis frei ge geben, aber dies wäre nicht die erste große Aktion, die hinterher von ihren Unternehmern bereut werden muß. Man merkt es sa schon heute sehr deut­lich, wie unangenehm in London und Paris das kecke Draufgängertum Italiens empfunden wird. Es könn­ten genug Verivicklüngen kommen, wenn die Italiener nach der Eroberung des Küstengebiets die Wiederher­stellung von Tripolis in seinen ursprünglichen Grenzen beanspruchten, wenn sie also soweit in das Innere Vor­dringen wollen und werden, wie Tripolitanien sich nach der türkischen Anschauung eben erstreckt. Geschieht das, so stoßen sie.aber auf Gebiete, von denen die Fran­zosen im SB e ft e n, die Engländ er (von Ägypten her) im O st e u behaupten, sie seien bereits den be­treffenden Kolonialgebieten angegliedert. Wir müssen uns fragen: haben wir ein Interesse daran, die Mög­lichkeit von Reibungen zwischen Italien und den Westmächten dadurch zu verringern, daß wir uns jetzt zu Italien unfreundlich stellen? Es genügt, die Frage aufzuwerfen, sie enthalt ihre Vernein u u g in sich selbst. Diese Auffassung braucht uns aber nicht im geringsten an der Unterstützung der Pforte über­all dort zu hindern, wo wir diesem Reiche zu seinem eigenen und zu unserem Besten nützen können. Man wird in Konstantinopel zweifellos gerade jetzt und dem­nächst Gelegenheit bekommen, Vorteil von unserem Wohlwollen zu ziehen. Weil die Beziehungen zwischen Berlin und Konstantinopel gut sind und von der Pforte in ihrem eigensten Interesse weiter werden gepflegt werden, wird uns in erster Linie die Ausgabe er-

Femüeton»

Berliner Theater- und Ännstbriefe.

Von Felix Poppeuberg.

Max Dauthendey sSpielerei en einer Kaiserin" haben in Berlin recht enttäuscht. Die Herren Meinhard und Bernauer erSffneicn damit ihre neue Direk­tion im Theater in der Königgrätzer Straße, das vordem das Hebbel-Theater hieß. Sie wendeten viel an das Stück, dekorative Bühnenbilder in nialertschem Rahmen, inter­essante Regie (von Bernauer), die das Barbarische und Prunkende gut traf, außerdem trat Dilla Durieux ju«t erstenmal hier auf und zeigte wenn auch nicht ihre hohe darstellerische Künstlerschaft, so doch die der Rolle ange­messene brillierende Virtuosität des Machtweibes.

Trotzdem flauten nach anfänglichem Erfolg Interesse und Beifall ab. Das war berechtigt und lag an dem Stück. Als man auf dem Zettel die Einteilung in Bildern mit den Einzeltiteln im Geschmack des Kolportageromans las (der Schmuckkasten, das Taschentuch, die Witwenhaube, am Kaiserinnenbett), da 'konnten die, die Dauthendehs klingende, glühende Farbenlyrik und die raffinierte Artistik seiner an japanische Holzschnitte erinnernden östlichen Novellen liebten, der Meinung sein, es handele^ sich um spielende Überlegenheit, um ein ironisch ausgebautes Panoptikum der Weltgeschichte. Aber leider ist dies Panoptikum mit den automatisch bewegten Wachsfiguren des Zaren Peter, der Katharina und des Günstlings Menschikow, des Feldmürschalls, naiv ernsthaft gemeint. Ln lose aneinandergeieibten Menen rollt sich Katharinas

Karriere vom Dragonerweib zur Geliebten des Feld­marschalls und zur Zarin auf. Anekdotisch-genrehaft für große Kinder.

Dauthendey will aber seine bunte russische Atrappe auch mit psychologischem Inhalt füllen, und der Stoff dazu ist das aus- und abschwankende Verhältnis zwischen Katha­rina und Menschikow.. Raubtierhaft aus Liöbe und Hatz gemischt sollte das wirken, aesühlsclementar, als Urleiden- schaft. Aber was herauskam, war nur grell angestrichener Schwulst, der sich in direkter Mitteilung an das Publikum wendet. Z. B. als Menschikow einmal wieder einen zieren Anbeter 'der Zarin in blutgieriger Eifersucht ermordet, er erdrosselt das französische Püppchen mit dem Taschen­tuch, das der junge Fant so stolz als neueste Errungen­schaft aus Paris mitgebracht in das Barbarenreich, da läßt Dauthendey Katharina ihre Genugtuung über dies Eifersuchts- und Liebessymptom in den Rampenworten aussprechen: Die Liebe verzeiht dir, Menschikow, den Mord, auch wenn es kein Gott tut.

überhaupt charakterisiert sich dieser Scheinwerfer- urch Äusruserstil unbewußt selbst in einem anderen Wort: man muß laut schreien, damit die Tauben es hören. Eine ein­zige Stelle hat es mir aus diesem grober! Tableau ange­tan. Ich meine damit nicht die pompöse Goldbettstelle, in der die Zarin am Schluß weniger in Schönheit, als in Langeweile stirbt ein tödlicher Schluß auch für die Zu­schauer, sondern das reizende I>on mot, das ein kokett- frivoles Zöschen über jene ungewohnte französische Taschen­tuchmode sich leistet. Sie meint, die Benutzung hätte etwas Unanständiges, wenn ein Mann seine Nase so in Batist und Spitze stecke, gerade wie in ein Frauenhemd. . .

Und dazu muß man allerdings sagen: Pfui, wie nett.

Königliche SchausMe.

Samstag, den 30. September:Colberg". Histo« risches Schauspiel in 5 Akten von Paul Heys e.

Zu Ehren des 100. Geburtstages der Kaiserin Augusta hatte das Königliche Theater Paul Heyses historisches SchauspielColberg" ans den Spielplan gesetzt. Der be­liebte Dichter hat sich dramatisch wellig hervorgetan und nurHans Lange" undColberg" haben sich gehalten und werden jetzt noch zuweilen an besseren Bühnen gegeben. Colberg" eignet sich vorzüglich für patriotische Gelegen­heiten. Kanonendonner und Kriegs geschrei, Soldaten und bewaffnete Bürger, das alles gibt Gelegenheit zu sesseln- dcn malerischen Bildern, und die Jugend, die an dem Abend im Hause dominierte, folgte mit heißen Wangen und leuchtenden Augen den Vorgängen aus der Bühne. Die Darstellung bewegte sich in gewohnten Bahnen, im ganzen gut, wenn auch nicht immer völlig abgerundet: das Tempo war zuweilen ausdringlich langsam. Allen voran stand Herr Zoll in, der seine Rolle fest anpackte und einen der­ben Ncttelbcck darstcllte, aus hartem Holze geschnitzt. Ter Maske fehlten allerdings einige Striche, die den markigen Kopf charakteristischer hätten hervortreten lassen, und das Organ schien stellenweise zu rauh und heiser. Herr Lcfsler war ein hohciisvoller Gneisenau, doch nicht ohne menschliches Rühren, und Herr Tauber wurde von den vielen Backsischchen bei jeder Szene mit frohem Kichern be­grüßt, wenn er eilig und unbeholfen als Invalide über die Bühn« stelzte. Und wer die Lacher auf seiner Seite hat, der hat brkc.imÄich gewonnenes Spiel! Herr Weinig als junger Himimclstürmer traf meist den richtigen Torr; nur zum Schluß hatte sich der Künstler etwas reichlich blusig